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In your face

von Georg Kasch

8. Februar 2018. Seit Kurzem gibt es in den Kammerspielen des Berliner Deutschen Theaters einen denkwürdigen Abend: "Jeder Idiot hat eine Oma, nur ich nicht", mit dem Filmemacher und Aktivist Rosa von Praunheim seinen 75. Geburtstag feiert. "Analverkehr", singt Božidar Kocevski da mit vergnügt kieksender Stimme, "ein Hoch auf den Analverkehr". Zuvor ist er schon mit deutlicher Beule in der Glitzerleggings auf die Bühne gekommen, also: eigentlich im quietschrosafarbenen Kleid, aber die Kostüme fallen an diesem Abend so zahlreich wie die Pointen. Die Beule stammt von einem Dildo, den Kocevski sich mit dem Schlachtruf "Alles für die Kunst" in den Rachen schiebt, um sich dann tränenreich als hetero zu outen. Die Tränen sind so künstlich und erfunden wie vieles an diesem Spektakel, eine schräge Lied-Revue voll Glitzer-Punk und Anarcho-Pop, eher ungewöhnlich im DT-Programm.

kolumne 2p kaschAbende mit explizit queerer Thematik sind an Stadttheatern ja längst keine Ausnahme mehr. Karlsruhe zeigt Maienschlager, Small Town Boy und "Fucking Amal" (das auch in Potsdam und Freiburg läuft), Münster Tom auf dem Lande, die Berliner Kinder- und Jugendtheater "Das Ende von Eddy" (Parkaue, läuft im Hamburger Thalia Theater als szenische Lesung) und "Nasser #7Leben" (Grips). Warum wird queeres Leben gerade so intensiv verhandelt auf den Bühnen? Vielleicht, weil LGBTIQ*-Belange nicht nur von der Selbstvergewisserung einer Minderheit handeln, sondern die Grundlagen der Offenen Gesellschaft betreffen, von ihrer Notwendigkeit und Verletzlichkeit erzählen. Weil die einst dominante konservativ-bürgerliche Kulturordnung weiter zerfällt, Platz macht für kleinere Gruppen, die ein Recht darauf haben, gehört zu werden – und das auch einfordern. Weil Theatermacher*innen zunehmend von sich erzählen. Und natürlich, weil hinter queeren Geschichten am Ende Menschengeschichten stecken, von Liebe, Sehnsucht, Mitgefühl erzählen, von Ablehnung, Hass, Selbstfindung.

Allen vors Schienbein gehauen

Oder auch: von Selbstbehauptung. Das Berliner Gorki Theater hat queeres Theater neu erfunden und definiert – queer im weitesten Sinne sind hier viele Abende, ihre Themen und Ästhetiken, auch die Atmosphäre am Haus. Falk Richters Small Town Boy revolutionierte dabei, wie queere Themen auf der Bühne präsentiert werden: Er macht einen Abend aus einer schwulen Binnenperspektive, erklärt nichts, vermittelt nicht, knallt diese Geschichte einem Publikum der Mehrheitsgesellschaft vor den Latz, inklusive wütender Anklage. Oder Yael Ronens Roma Armee, dessen queere Charaktere ebenfalls nach vorne motzen und feiern, statt sich zu rechtfertigen.

Praunheim macht es ähnlich – und zitiert dabei nicht Richter, sondern sich selbst. In seinen Filmen hat er dieses "in your face" schon immer verwirklicht. 1971 erschien sein Film "Nicht der Homosexuelle ist pervers, sondern die Situation, in der er lebt". Damit hieb er in seiner auch heute noch verstörenden Ästhetik – knallbunte Szenen mit schlechten Schauspielern, von einem agitatorischen Voiceover verfremdet – allen vors Schienbein. Den Heteros, die er über Toilettensex und Park-Cruising informierte, nur zwei Jahre nach Lockerung des Paragrafen 175 (bis 1969 wanderte man für gleichgeschlechtlichen Sex in den Knast). Und den Schwulen, denen er verklemmte Spießigkeit, Oberflächlichkeit und Feigheit vorwarf. Als (selbstkritische) Reaktion gründeten sich gleich mehrere Organisationen, begann die deutsche Schwulenbewegung der 70er.

Schwule Nazis

In your face war auch sein Zwangsouting von Hape Kerkeling und Alfred Biolek 1991. Damals, auf dem Höhepunkt der deutschen AIDS-Hysterie, wollte er positive Rollenbilder etablieren. Ist ihm gelungen, übrigens: Als ich 1993 im mecklenburgischen Nirgendwo in der Bravo meines großen Bruders das Kerkeling-Interview unter der merkwürdigen Überschrift "Ja, ich bin schwul, aber nicht nur!" las, war das ziemlich ermutigend.

JederIdiot 560 ArnoDeclair uBožidar Kocevski in "Jeder Idiot hat eine Oma, nur ich nicht" von Rosa von Praunheim am DT Berlin
© Arno Declair

Jetzt hat der Godfather der Schwulenbewegung, der queere Ästhetiken prägte, als es den Begriff noch gar nicht gab, wieder zur Bühne gefunden – dort, wo er an der Schule (auf Latein!) mal begonnen hatte. Dass sein in your face heute niemanden mehr verstört, sondern amüsiert, auch berührt, zeigt, welchen Kulturwandel dieses Land seit Praunheims ersten Filmen durchgemacht hat. Natürlich ist dieser lange Weg nicht unumkehrbar: Die AfD hetzt trotz Lesben und Schwulen in den eigenen Reihen gegen Ehe für alle und "Gender-Wahnsinn" (aber über solche Widersprüche hat Praunheim 2005 in "Männer, Helden, schwule Nazis" schon alles gesagt), die Gewalt gegen queere Menschen nimmt zu (oder aber die Zahl derer, die das der Polizei melden). Dennoch ist Praunheims späte, lustvolle Eroberung des Deutschen Theaters, dieses Tempels der bürgerlichen Bühnenkultur, ein Stellvertretersieg: vom Schmuddelkind zum Altmeister. Danke und herzlichen Glückwunsch!