Keine Schwesternschaft

von Sophie Diesselhorst

Berlin, 16. Februar 2018. Schwer zu ertragen. Die Verachtung, mit der diese Tochter davon berichtet, wie ihre Mutter hinter ihrem Vater verschwand, als der ihr "die Schlüssel zur Erbwohnung übergab". "Ich erinnere mich, wie du geleuchtet hast, zwei Schritte hinter ihm stehend, dein Rücken: halb gekrümmt, dein Gesicht: verschwommen, als wärst du eine zufällige Passantin, die aus Versehen in den glücklichsten Moment der Familie geraten ist".

Aber ist das eigentlich Verachtung? Liebe und Hass liegen in dieser Beschreibung, die für ihre Schonungslosigkeit einen unbeherrschten Moment braucht. Und überhaupt sucht Sivan Ben Yishai, die 2017 zu den Autorentheatertagen des Deutschen Theaters eingeladen war und deren Monolog Die Geschichte vom Leben und Sterben des neuen Juppi Ja Jey Juden im November 2017 bei den Radikalen Jüdischen Kulturtagen im Studio Я des Berliner Maxim Gorki Theaters uraufgeführt wurde, auch in ihrem neuen Text "Papa liebt dich" nach unbeherrschten Momenten. Sie lässt eindeutig weibliche Erzählerinnenstimmen freidrehen auf der Suche nach ihrer Sprache, die sie immer wieder auf sich selbst zurückwirft, und dann kämpfen sie wieder dagegen an. Das ist die hochtourige Dynamik des Texts, der damit der #MeToo-Debatte eine Tiefe anbietet, die sie sehr gut gebrauchen kann.

papaliebtdich1 560 ute langkafel maifotoEinzelkämpferinnen oder Kollektiv? © Ute Langkafel / Maifoto

Denn auch wenn die fünf Schauspielerinnen, auf die Regisseurin Suna Gürler im Studio Я den Text verteilt, zwischendurch den Aufstand proben und rufen "Deine Zeit ist vorbei alter Mann, deine Zeit ist vorbei, und wir haben die Waffen", so bleibt ihr Aktivismus Zitat – wie übrigens diese Zeilen ein Zitat sind des (männlichen) Dramatikers Necati Öziri. Schuld an den Verhältnissen tragen wir alle; der Tochter fällt bei Schuld zuallererst die Mutter ein mit ihrem verschwommenen Gesicht, ihren verfaulten Zähnen und ihrer Aufopferung dafür, dass der Satz "Papa liebt dich" heilig bleibt. Eigentlich ist es Selbsthass, den die Tochter ihrer Mutter vorwirft, weil sie ihn teilt, und den sie selbst nur loswerden kann, indem sie ihn gegen die Mutter richtet und sich dann eben schuldig fühlt. Da ist er, der Geist der Verachtung. Da ist der wunde Punkt, an den Sivan Ben Yishais Stück wieder und wieder rührt, und jedes Mal wieder schmerzhaft.

Mit megagelangweiltem Blick

Suna Gürler, Schauspielerin und Theaterpädagogin am Maxim Gorki Theater, die in der vergangenen Spielzeit in "Stören" weibliche Einzelstimmen zu einem feministischen Kollektiv versammelte, täuscht hier nun zunächst eine coole Schlaglicht-Ästhetik an, wenn sich die fünf Spielerinnen zu vielversprechend knisternden Beats auf kargen Wartebänken im Wechsel von Neonlicht und Black zu einer Gruppe formieren, die mit megagelangweiltem Blick durchs Publikum durchguckt. Aber dann stürmen sie eben nicht zusammen nach vorne los, fokussieren uns und knallen uns neuen Common Sense vor den Latz. Sondern verharren in irritierender Unterspanntheit, was dazu passt, dass Sivan Ben Yishai sie als zufällige Gruppe im Zug zusammentreffen lässt. Wie weit sie von einer Solidargemeinschaft entfernt sind, zeigt sich vor allem in den "Werbepausen", in denen Stella Hilb auf der Suche nach dem kleinsten gemeinsamen Nenner sexistische Witze erzählt.

"Wie nennt man den Gynäkologen der alten Frauen? Archäologe". Die Lacher kommen ausschließlich von ihr selbst und aus dem Publikum. Für comic relief haben die anderen vier keine Zeit, denn sie konzentrieren sich auf ihre jeweilige Wut, um sie möglichst produktiv zu machen. Auch Vidina Popov, die mit Tanz-Lektionen Gruppenstimmung machen will, blitzt ab und muss sich als Alleinunterhalterin blamieren. Zu tief sind die Gräben zwischen den jenseits der Mutter-Tochter-Geschichte nur angedeuteten Einzelerfahrungen weiblichen Zurücksteckens, zu jung ihre Erforschung, als dass diese fünf von Ben Yishai mit ätzendem Unterton als "Queens" bezeichneten Frauen ungelogen eine Schwesternschaft gründen könnten.

Queens auf Selbsterforschungstour

So hat dann auch ihr den kurzen Abend rahmender gemeinsamer Traum etwas Unwirkliches: Sie fabulieren von muskulösen Riesenfrauen, die spindelige Männer auf den Gepäckträgern ihrer Fahrräder spazieren fahren – und drehen also altbekannte Rollenbilder einfach nur um. Nein, "Papa liebt dich" ist deshalb kein verbittertes Stück: Denn die eigentliche Sprengkraft des Texts, die die Inszenierung mit ihrem experimentellen Gestus aufgreift, liegt im Glauben an das fantastisch weite Feld, dass die ehrliche Selbsterforschung der "Queens" als zeitgenössische weibliche Figuren öffnen wird.

papaliebtdich2 560 ute langkafel maifotoEin zufälliges Zug-Zusammentreffen macht noch keine Solidargemeinschaft © Ute Langkafel / Maifoto

Echt macht sie zunächst ihre Verweigerung, sich – zeitgenössisch weiblich – an allen Fronten unter Druck setzen zu lassen – die in der #MeToo-Debatte eine unheilige Allianz mit aktivistischer Druckerzeugung eingehen kann. So schwärmt Vernesa Berbo, unbeeindruckt von den angeekelten Mienen der anderen, von einem ehemaligen Chef, der sich nach Arbeitsschluss daran aufgegeilt hat, ihr die Haare zu schneiden. Sie hat sich entschieden ihn und seinen Fetisch in guter Erinnerung zu behalten und wird sich das nicht nehmen lassen. Beim Witzeerzählen laufen die Pointen ins Leere, und die Mutter-Tochter-Beziehung endet mit einem abwehrenden "Schlaf jetzt, Mama". In ihrer Rohheit sind dieser Text sowie seine Umsetzung ein Versprechen, mit arhythmischen kleinen Explosionen wie ein privates Silvesterfeuerwerk.

 

Papa liebt dich
von Sivan Ben Yishai
Übersetzung: Maren Kames
Uraufführung
Regie: Suna Gürler, Ausstatterin: Moïra Gilliéron, Musik: Ari Robey-Lawrence, Dramaturgie: Mazlum Nergiz, Ton: Vicki Schmatolla, Licht: Fritz Stötzner, Regieassistenz: Ariana Battaglia.
Mit: Vernesa Berbo, Stella Hilb, Vidina Popov, Elena Schmidt, Linda Vaher.
Dauer: 1 Stunde 20 Minuten, keine Pause

www.gorki.de

 

Kritikenrundschau

Regisseurin Gürler bringe die "clever vervielfältigte junge weibliche Ich-Erzählerin des Textes bestens zur Geltung", findet Christine Wahl im Tagesspiegel (19.2.2018): "Mit oft komödiantisch schräger und pointierter, wo nötig aber auch angemessen stiller und im Übrigen durchgängig hyperchoreografischer Energie holen sie alle Facetten aus Sivan Ben Yishais Fünfundsiebzigminüter heraus."

Der Generationenkonflikt sei eine der Kraftquellen von Stück wie Inszenierung, so Tom Mustroph in der taz (19.2.2018). Eine weitere liege darin, dass kaum etwas eindeutig bleibt. Allerdings: "Wie gut wäre es gewesen, die Analyse der Töchterposition in der Wohlstandsgesellschaft in der Schärfe und Coolness, zu der das Ensemble im ersten Teil des Abends fähig war, ausgeführt zu sehen. Eine zumindest in diesem Aspekt verschenkte Gelegenheit an einem dennoch bemerkenswerten Abend."

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