Easy-Listening-Exzess

von Christian Rakow

Berlin, 17. Februar 2018. Wenn Schauspieler mit kumpeligen Mundwinkeln das Wort "Göttingen" glucksen, also so richtig "Ggg-öttingen", und das Publikum wie auf Kommando kichert, dann befindet man sich in der Regel in einer etwas größeren Stadt gleich um die Ecke. Hannover zum Beispiel. Oder auch Frankfurt, wo der neue BE-Intendant Oliver Reese zuletzt wirksam war. Es sind Städte, in denen man sich immer ein wenig vergewissern muss, dass man mit solchen Käffern nichts zu tun hat, oder dass man denen irgendwie entkommen ist. In Berlin war das Kaffverkichern bisher eher unüblich. Da kicherte man, wenn schon, über die Welt im Großen und Ganzen.

Panikherz3 560 Julian Roeder uSteh'n ja so auf Disco: Carina Zichner, Laurence Rupp, Nico Holonics, Bettina Hoppe © Julian Roeder

Zu Benjamin von Stuckrad-Barre passt es eigentlich auch nicht. Der hebt nach seiner Jugend in Göttingen bald nach Hamburg, Köln, Berlin, Zürich, Los Angeles ab, über den Musikjournalismus mitten rein ins Showbusiness. Er steigt zur Gallionsfigur der deutschen Popliteratur auf und stürzt in die branchenüblichen Exzesse: Ecstasy, Essstörungen, Kokain, Alkohol, Entzug, wieder Kokain, wieder Klink. Davon handelt sein autobiographischer Roman "Panikherz". Und wenn darin das Kaff eine Rolle spielt, dann nicht zum Verlachen, sondern als imaginärer Ankerplatz. Aus Göttingen nimmt er seine Liebe zu den Liedern Udo Lindenbergs mit, die er verrät, nur um irgendwann pathetisch zu Kreuze zu kriechen. Wobei Lindenberg für ein größeres Anlehnungsbedürfnis steht, das Stuckrad-Barre in dem Buch an diversen geistigen Vätern, von Harald Schmidt bis Bret Easton Ellis, ausagiert.

Anbiedernd brav verschlagert

Klaro, man könnte Fünfe gerade sein lassen und sagen, hey komm, die Rechnung von Oliver Reese, der an diesem Abend Regie führt, geht auf: "Suche Karten"-Schilder gibt es ja nun auch nicht bei jeder Premiere; ein Fernsehteam des ZDF geisterte durch die Flure des Berliner Ensembles; ein Lokalblatt ließ sich vorab berichten, Stuckrad-Barre habe eine Probe besucht und sei "gerührt" gewesen (bei der Premiere war er dann allerdings nicht zu sehen, mindestens nicht beim Schlussapplaus). Das Premierenpublikum erklatschte sich eine Zugabe ("Plan B" von Udo). Und überhaupt ist es schön, dass zwei Jahre, nachdem das Erfolgsmusical "Hinterm Horizont" abgesetzt wurde, wieder ein Udo-Lindenberg-Abend im Hauptstadt-Repertoire steht.

Panikherz2 560 Julian Roeder uRandständige: Nico Holonics, Carina Zichner, Laurence Rupp, Bettina Hoppe © Julian Roeder

Aber müssen diese Lieder so anbiedernd brav verschlagert werden? Muss "Don’t Look Back in Anger" von Oasis klingen, als habe sich die derbe Easy-Listening-Locke Mike Flowers an den Schiffbauerdamm verirrt? Muss der souverän distanzierende Stuckrad-Barre-Erzählerton mit einer angeschafften Aufgeregtheit vorgetragen werden, wie sie Passanten "auf dem Bürgersteig" aufbieten, wenn ein Fahrradfahrer sie womöglich leicht touchiert hat?

Von den Rändern des Kontrollierbaren

Nico Holonics, Bettina Hoppe, Laurence Rupp und Carina Zichner reichen sich die Ich-Prosa von "Panikherz" herum, auf teppichbedeckten Stufen, die von einer Bar zur Rampe runter führen (Bühne: Hansjörg Hartung). Die Bar ist dem Portal des Berliner Ensembles nachempfunden. Botschaft: Hö, hö, wir Theaterleute kennen uns aus, mit Exzess und so; wir streuen uns sogar einen prallen Sack Pulver über den Kopf, wenn der Kokainkonsum so richtig knallen soll.

An großen Erzählungen von psychischer Zerrüttung und Selbstaufgabe mangelt es im Theater ja durchaus nicht. In Wien hat Jan Bosse mit Joachim Meyerhoff dem manisch-depressiven Krankheitsbild aus Thomas Melles Die Welt im Rücken ein Meisterwerk der Bühnenkunst abgewonnen. Eine Erzählung von den Rändern des Kontrollierbaren, die der eigentliche Ort der Kunst sind. Eine vergleichbare Erkundung blieb Stuckrads intensiven Drogen-Bekenntnissen verwehrt. Er wird auf die nächste Premiere von "Panikherz" im Thalia Theater Hamburg bei Regisseur Christopher Rüping hoffen müssen. "Plan B" kommt nicht in die Tüte, meint Udo. Aber er muss ja nicht in allem Recht behalten.

 

Panikherz
nach Benjamin von Stuckrad-Barre
Fassung von Oliver Reese
Regie: Oliver Reese, Bühne: Hansjörg Hartung, Kostüme: Elina Schnizler, Musik: Jörg Gollasch, Licht: Ulrich Eh, Dramaturgie: Valerie Göhring, Live-Musik: Lukas Fröhlich, Peer Neumann, Gerhard Schmitt, Tilo Weber, Manuel Zacek.
Mit: Nico Holonics, Bettina Hoppe, Laurence Rupp, Carina Zichner.
Dauer: 2 Stunden 15 Minuten, keine Pause

www.berliner-ensemble.de

 

Kritikenrundschau

Der Text sei ist ein Feuerwerk der pointierten Beobachtungen, lustig und scharfzüngig. "Er ist gleichzeitig ein hyperaktiver Selbst-Bespiegelungs-Exzess", so Nadine Kreuzahler vom RBB (18.1.2018). "Untermalt wird das auf der Bühne passend vom jazzigen, nervösen Soundtrack von Jörg Gollasch, live gespielt von einer sechsköpfigen Band." Die Schauspieler spielten sich die Seele aus dem Leib. Das sei intensiv, aber manchmal auch zu überzogen.

Desto mieser es den Helden gehe, umso mehr fänden Inhalt und Form zueinander, umso mehr fänden die Schauspieler in ihren Rhythmus, so Juliane Liebert von der Süddeutschen Zeitung (18.2.2018). Oliver Reese habe den Text ernstgenommen. "Körperliche Präsenz, Konkretheit bei Künstlichkeit der Situation. Das gelingt den Schauspielern an diesem Abend." Sie erreichten "emotionale Wucht".

Eine "besorgniserregende Veranstaltung" voller "liebevoll verpackter Verzweiflungsdrops" hat Dirk Pilz für die Berliner Zeitung (online 18.2.2018) gesehen. Die Inszenierung sei "dabei nicht nur plump anbiedernd, sie sucht Profit aus einem Elendsbericht zu schlagen, indem sie das Elend wegspielt, verdeckt und jeden gesellschaftlichen Bezug verzwergt."

"Der Ton stimmt einfach nicht", beklagt Christine Wahl im Tagesspiegel (19.2.2018). Alles erscheine irgendwie merkwürdig behauptet, angeschafft. Dass Reese Stuckrad-Barres Ich-Erzähler-Figur auf vier Schauspieler verteile, erweise sich auch nicht wirklich als hilfreich. "Da versucht jede und jeder, eine andere Facette zu bedienen. Und keine davon vermag zu fesseln, weil alle vielmehr exzessbemüht wirken als tatsächlich exzessiv."

"So berührend und kraftvoll das Schauspieler-Quartett in diese Biografie eintaucht, so einseitig bleibt der Abend doch im wahrsten Sinne auf den Drogen hängen", heißt es im Inforadio (18.2.2018). Reese lasse kiloweise weißes Pulver auf die Bühne schütten und die nächste Reha starten. Naheliegender gehe es kaum. "Das ist auf zwei Stunden nur deshalb unterhaltsam, weil die Musiker und Schauspieler immer wieder unkaputtbare Udo-Songs anspielen." Stuckrad-Barre allerdings werde zu sehr auf die talentierte Koks-Nase reduziert, für die ihn das Show-Bizz lang schon gehalten habe.

"Selbstzerstörerisch, laut, selbstverliebt und doch tief melancholisch – die Geschichte eines Lebens im Exzess, im Flow aus Drogen, Erfolgen und düsteren Abstürzen", erlebte Kevin Hanschke von der Welt (19.2.2018). "Reese schafft es, den typischen Ton von Stuckrad-Barre auf die Bühne zu bringen – mit der Popkultur als Resonanzfläche –, sie zu feiern und gleichzeitig zu dekonstruieren." Seine Idee der Vierteilung des Protagonisten sei genial. Sie ermögliche eine explosive Darstellung des Selbstbildes auf der Suche nach Identität und Liebe.

"Reese vermischt geschickt die Grenzen von Raum und Zeit. Stuckrad-Barre lässt er von vier Schauspielern verkörpern: zwei Männern und zwei Frauen, die für verschiedene Entwicklungsstufen in seinem Leben stehen." Die zerrüttete Persönlichkeit der Hauptfigur werde so plastisch sichtbar, schreibt Isabel Metzger auf Spiegel Online (18.2.2018).

Reese lasse "alles aus, was über die rein private Biografie hinausweist, also: alles, was den nicht drogenabhängigen Zuschauer zur Selbstdiagnose verleitete", so Barbara Behrendt in der taz (22.2.2018). "Übrig bleiben: viele Pointen, unzählige Geschichten über Koks-Highs, Brechattacken, Klinikaufenthalte." Stuckrad-Barre sei hier die talentierte, durchgeknallte, egomane Koksnase, für die ihn das Showbiz immer schon gehalten hat. "Und wir sind die Voyeure in einer leicht konsumierbaren Musical-Inszenierung. Schon schlimm, das mit den Drogen."

"Vordergründig ist, was das Berliner Ensemble da zeigt, mitreißend, witzig, schockierend und verrückt. Beim genaueren Hinschauen ist die Inszenierung aber auch ein leiser und intimer Blick hinter die Kulissen, in den Kopf eines der Welt Abhandengekommenen, in dem rast- und haltlos der Irrsinn tobt – eine Lesart, die sich im Roman hinter cooler Selbstironie versteckt", schreibt Hannah Schmidt in der Zeit (22.2.2028). "Das Stück lebt von dem Ineinandergreifen des intensiven, impulsiven, teils improvisierten Spiels der Darsteller und der klug komponierten und arrangierten Musik, gespielt von einer fantastischen Band."

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