Im Spiegelsaal

von Tim Schomacker

Osnabrück, 18. Februar 2018. Dieses verdammte Gegenläufige. Sollte doch eigentlich so schwer nicht sein. Für Literatur. Die kann ja mit schlauen Verdrehungen, geschickten Verschiebungen manch Klärendes anstellen. Ganz gleich, ob schlussendlich Film, Bühne oder Buch dabei rauskommt. Flüchtlinge, zum Beispiel. Aber irgendwie … Neulich sah ich, wie die sonst so tolle Maria Simon sich im Spielfilm "Aufbruch ins Ungewisse" abmühte mit ihrem programmatisch gegen die Fluchtrichtung gebürsteten Asylbegehren. Vor einigen Jahren Janne Tellers Buch "Krieg – Stell Dir vor, er wär hier". Ist er aber nicht. Hat auch nicht funktioniert. Warum eigentlich nicht? Sollte sie doch eigentlich schaffen, diese Literatur. Manche sagen, dafür wär sie da. Auch. Zumindest.

Europa und Afrika tauschen die Rollen

Wenn Dominique Schnizer den Medea-Stoff hernimmt, geht es auch um eine solche Gegenläufigkeit. Zur Erinnerung: "Medea", das ist im Kern die Erzählung einer Liebe zwischen den Kulturen. Der Grieche Jason hat das Goldene Vlies mitsamt der Königstochter Medea aus Kolchis entführt, aus dem Land der "Barbaren", wie die Griechen es nennen. Sie heiraten und fliehen an den Hofe Kreons nach Korinth. Dort verblasst Jasons Leidenschaft schnell, auch weil er mit Kreons Tochter Kreusa die Aussicht auf dauerhaftes Asyl findet. Medea wird zur Ausgestoßenen, die sich an Jason rächt, indem sie ihre gemeinsamen Kinder hinstreckt.

Medea zum Quadrat heißt es bei Schnitzer: "Medea2", eine Ko-Produktion mit dem Teatro Avenido. Mithin Pioniere der Kulturarbeit in Maputo, Mosambik. Die Figuren werden auf der kleinen Osnabrücker Bühne zweisprachig gedoppelt. Portugiesisch-deutsch. Je ein Ensemblemitglied aus Osnabrück und Maputo teilen sich eine Rolle. Medea, ebenso wie Jason, der machtbewusste aber irgendwie auch armselige Argonaut. Ebenso wie die machtbewusste aber nicht ganz so armselige andere Frau in Jasons Nähe: Kreusa. To the other woman I’m the other woman, the other woman is his wife. Kreusa wird jeweils wuchtig interpretiert von Cornelia Kempers und Dalila Figueiredo. Schließlich repräsentieren die beiden nicht nur die gesellschaftlich besser positionierte, weil einheimische andere Frau, sondern die gewalttätige Missgunst, die dem Anderen an sich entgegengebracht wird. Europa und Afrika – was immer das jeweils en detail sein mag – tauschen hier ständig die Rollen. Besser gesagt: sind jeweils in beiden Rollen vorhanden – als Eigenes und als Fremdes.

medea2b 560 Uwe Lewandowski uSuche nach Verständigung. Vorne: Maria Goldmann, Jorge Maria Vaz © Uwe Lewandowski

Eingerichtet auf einer querseits durch ein halbes Dutzend Fenster gespiegelten Bühne erzählt Schnizer die Geschichte als schlankes Doppel-Trio. Was zu Beginn seine Entsprechung findet in drei Stühlen für Jason, Medea und Kreusa vor und dreien für das nämliche Personal hinter der Glasfront. Bald wird der durchsichtige, je nach Beleuchtung die Körperbewegungen hüben auf die Körperbewegungen drüben projizierende Raumtrenner teilweise abgeräumt. Durchlässig. So dass die Konstellationen mehr werden. Oder es könnten. Leider kletten die Figuren-Paare über weite Strecken des kurzen Abends sehr aneinander. Das Stück zweisprachig zu spielen, das reduzierte Personal zu doppeln, sollte eigentlich Funken schlagen. Sei es mit Blick auf das Verhältnis Kolchis – Korinth, sei es mit Blick auf das Verhältnis Mann – Frau. Sei es mit Blick auf das Verhältnis antiker Stoff – Gegenwart. Tut es aber nicht wirklich. Funken schlagen.

Die Fremde, die Wilde

Zu selten ergeben sich Situationen, die heraustreten aus der Grundkonstellation dieser deutsch-mosambikanischen Ko-Produktion. Oder heraustreten könnten. Wenn Yolanda Dina Fumos und Maria Goldmanns Medeas sich darüber klarwerden, wie gestrandet sie sind in dieser scheinbar zivilisierten Stadt, die partout keinen Platz haben will für sie. "Ich bin Medea, die Fremde, die Wilde", heben sie dann an, wechseln zwischenzeitlich die Sprachen. Ohne damit wesentlich mehr anzufangen als eben das. Ein wechselseitiges Ranrücken an den je anderen Zungenschlag, eine sich-behutsam-Verbessern gemeinschaftlich, hätte es hier sein können. Aber der Moment ist schon wieder weg.

medea2c 560 Uwe Lewandowski uDie beiden Kreusas und Jasons: Cornelia Kempers, Dalila Josela Figueiredo, Jan Andreesen, Jorge Maria Vaz © Uwe Lewandowski

Oder, andere Szene, als die Jasons den Medeas weiszumachen versuchen, die Rolle als Geheimgeliebte ohne repräsentative Aufgaben wäre doch auch prima, und die schlaksigen Knappzweimeter von Jan Andreesens Jason fast in sich zusammenklappen bei "Jetzt bist Du verletzt, ich weiß", während der Simultan-Argonaut von Jorge Maria Vaz eher stoisch dasselbe sagt. Und beide im vielleicht lohnenden Schritt zu verschiedenen Männerphantasien aber einhalten. Oder wenn die Kreusas von Dalila Josela Figueiredo und Cornelia Kempers mal kleingestisch, dann wieder mit abwehrend verschränkten Armen eigentlich hochpolitisch Verletzendes murmeln und andeuten. Ohne dass diese interessante Verquickung von amourös-ehestrategischer Angelegenheit einerseits und verdruckst-offen nationalistischer Geste andererseits szenisch eingehender betrachtet würde.

Souveränität steht im Weg

Paradoxerweise ist es eben die über die antike Bande gespielte Gegenläufigkeit europäisch-afrikanischer Verhältnismäßigkeiten, die, weil sie szenisch so souverän abgezirkelt daherkommt, der eingehenden Betrachtung stellvertretender europäisch-afrikanischer Verhältnismäßigkeiten im Weg steht. Die Doppelung bringt Eigenes und Fremdes nicht nachhaltig in Schwingung, kommt so kaum weiter als die eingangs genannten Umkehrungsversuche. Und ein bisschen weiter könnte es angesichts gegenwärtiger Geschlechterverhältnisse und Weltlagen gern gehen.

 

Medea² – Dois Mundos, uma Narração (UA)
nach Euripides, Franz Grillparzer und Jean Anouilh und mit Texten von Paulina Chizane
Ko-Produktion mit dem Teatro Avenida, Maputo
Regie: Dominique Schnizer, Bühne, Kostüme: Christin Treunert, Projektleitung Mosambik, Kostüme: Maria Manuela de Lobão Soeiro, Musik: Ernst Bechert, Celso Durão, Dramaturgie: Jens Peters.
Mit: Jan Andreesen, Dalila Josela Figueiredo, Yolanda Dina Fumo, Maria Goldmann, Cornelia Kempers, Jorge Maria Vaz.
Dauer: 1 Stunde, keine Pause

www.theater-osnabrueck.de

 

Kritikenrundschau

Eine Stunde nur dauere diese "Medea²", und diese Zeit vergehe schnell. "Zu schnell, um wirklich vollauf zu ergründen, was diese fremde Frau, Exotin und scheinbare Bedrohung heute zu sagen hat", schreibt Harff-Peter Schönherr in der taz Nord (20.2.2018). Aber es reiche, um zu zeigen: "Schwindet die Liebe, die Nähe, die Offenheit, droht der Hass". Das Geschehen um die zauberkundige Königstochter bleibe zwar wiederzuerkennen. "Aber es gibt Unterschiede. Medeas blutiger Weg zur Selbstbestimmung etwa. Bei Euripides tötet sie Kreon, Kreusa und ihre eigenen Kinder. Bei Schnizer stirbt die Rivalin Kreusa – und auch Jason ist tot." Regisseur Schnizer ziele auf ein Doppelpsychogramm: das eines marginalisierten Individuums und das eines intoleranten Kollektivs. Das ist halb deutsch ist, halb mosambikanisch. Bei der statischen Spielweise werde selten miteinander agiert, die Schauspieler stehen viel, und das oft stumm. "Was Schnizer mit dieser sehr intellektuellen Versuchsanordnung sagen will, ist leicht zu verstehen. Einfühlen aber kann der Betrachter sich dagegen nur selten."

Mit berührender Intensität spielen Yolanda Dina Fumo und Maria Goldmann die afrikanische und die europäische Medea, schreibt Christine Adam in der Neuen Osnabrücker Zeitung (19.2.2019). "Beeindruckt, wie die sechs Schauspieler unbeirrt in ihrer Rolle und ihrem Sprechduktus bleiben, während parallel oder zeitlich knapp versetzt in der anderen Sprache gespielt wird." Das wackle an keiner Stelle und mache mit heiligem Ernst die Geburt des Hasses glaubhaft, mit der sich die verlassene, um ihr Leben betrogene Medea rächt.

 

 
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