Es kann doch nicht immer so bleiben

von Hartmut Krug

Essen, 20. Februar 2018. Die Stadtautobahn A 40 spaltet Essen in zwei Teile, in den reichen Süden und den armen Norden. Was die Inszenierung abbildet, indem sie den Zuschauerraum zwischen Norden und Süden durch eine Mauer teilt. Im schmalen und engen Raum des Norden drängelt sich anfangs eine Hälfte des Publikums, die andere hat es im mit den Theatersesseln bestückten Süden bequemer.

Unten in Essen-Nord

Im Norden muss man stehen oder sich auf den harten Boden setzen, während ein Chor von Jugendlichen mitten zwischen den Zuschauern seine Räumarbeit mit Mineralwasserflaschen und Dosen im Supermarkt eines Konzerns verrichtet. Ausweichen kann das Publikum den Darstellern kaum, wenn diese ihre soziale Situation mit einfachsten Mitteln verdeutlichen. Man kommt sich nah, was nicht immer angenehm, aber durchaus von sinnlicher Eindringlichkeit ist. Denn die Jugendlichen sprechen teils chorisch authentische Erfahrungs- und Haltungstexte, sie erzählen vom Scheitern bei der Berufsausbildung oder von ihrem Ausstieg aus der Schule und von erster Kriminalität. Dazwischen kämpft eine alleinerziehende Verkäuferin mit einem ausbeuterischen Vorgesetzten und ein Streetworker erzählt von seinen Bemühungen.

PrinzBettelknabeundDASKAPITAL1 560 Martin Kaufhold uErfahrungen und Haltungen in Sack und Tüten © Martin Kaufhold

Was im Süden passiert, wird auf zwei kleinen Bildschirmen für den Norden gezeigt. Im Süden, im von der Mauer abgetrenntem anderen Teil des Theaters, stehen die bequemen Theatersessel für ein totales Kontrastprogramm, das eine Erzählerin, mal live, mal auf dem Bildschirm, kommentiert und präsentiert. Hier geht es um den 39 Milliarden schweren Konzern dial, der dem "reichsten Mann Essens" gehört, und um Jugendliche, deren Zukunft vom Wohlstand vorbestimmt ist. Sie erzählen von Privatschulen und Urlaubsreisen in alle Ecken der Welt, aber auch davon, wie der Konzernchef Kinder abrichtet.

Von der Entwicklungsfähigkeit des Menschen

Dann wird ein Kind geboren und erbt, weil der reichste Mann Essens stirbt, die Milliarden des Konzerns. Wenn die Vermögensverwalterin die rechtlichen Zusammenhänge des Erbens erklärt und die Erziehungsmaximen der Reichen verdeutlicht, wird deren Absurdität schlagend deutlich. Wenn dann aber die Jugendlichen auf die Leitern klettern und nicht nur ihre Kleidung tauschen, frei nach Mark Twains Märchen "Der Prinz und der Bettelknabe", sondern auch ihre Erfahrungen, erzählt die Inszenierung von der Entwicklungsfähigkeit von Menschen. Die jugendlichen Reichen erweisen sich als sozial gesonnen und werden das Geld, das sie geerbt haben, gesellschaftlich sinnvoll verwenden.

PrinzBettelknabeundDASKAPITAL3 560 Martin Kaufhold uBei Reich-ens in Essen zu Tisch sieht's aus wie beim Struwwelpeter  © Martin Kaufhold

Twains Märchenfiguren entwickeln sich bei Lösch durch die sozialen Schilderungen und authentischen Texte der jungen Darsteller ihrer selbst ganz selbstverständlich zu Vermittlern der sozialen Situation Essens. Beeindruckend, wie sich die jungen Laiendarsteller aus zwei sozialen Gruppen, die sich mehrfach besucht und dabei unterschiedliche Erfahrungen ausgetauscht haben, hier zu einem gemeinsamen eigenen Stil von spielerischer Souveränität zusammenfinden.

Raum für Energie, Hoffnung und Wünsche

Ohnehin besitzt die Inszenierung durch die Vielfalt der darstellerischen Mittel eine beeindruckende Kraft und Offenheit. Die Zuschauer werden nie zu Voyeuren sozialen Elends, weil sich die Aufführung nicht darauf festlegt, eine Misere szenisch auszubreiten. Nein, auch wenn sie gelegentlich etwas zu plakativ wirkt, gibt die Aufführung viel Raum für Energien, Hoffnungen und Wünsche und rückt damit dem Publikum energisch auf den Leib.

Am Schluss versammeln sich alle, Zuschauer wie Spieler aus Norden wie Süden, auf der Bühne. Eine märchenhafte Lösung gibt es nicht, aber eine Fülle von Ideen, Wünschen und Vorschlägen, in denen bei Reich und Arm eine erstaunliche Kraft und soziale Fanatasie zum Vorschein kommt.

 

Der Prinz, der Bettelknabe und das Kapital
Das Märchen von der sozialen Gerechtigkeit von Christine Lang und Volker Lösch frei nach Mark Twain
Uraufführung
Inszenierung: Volker Lösch, Bühne und Kostüme: Carola Reuther, Dramaturgie: Christine Lang, Künstlerische Mitarbeit (Jugendliche): Sarah Mehlfeld, Videografie: Daniel Frerix, Ton: Mark Rabe, Video: Markus Hesse, Licht: Darius Engineer.
Mit: Henriette Hölzel, Lisan Lantin, Floriane Kleinpaß, Jan Pröhl, Thomas Büchel, Anke Stedingk.
Jugendliche Darsteller: Philipp Noack, Diyar Al Mohammad, Laura-Jane Angerer, Maurice Birkner, Selina Eyilmez, Maya Frühling, Ayca Kekec, Noah Njie, Mohammad Reza Zakeri Niasar, Henriette Hölzel, Jasmine Evans, Lars Kopineck, Ylva Kopineck, Julia-Mareen Korte, Jurij Kowol, Jo Liesenhoff, Lilli Moser, Cort Wedemeier.
Dauer: 2 Stunden 30 Minuten, eine Pause

www.theater-essen.de/schauspiel

 

Kritikenrundschau

Jeweils acht Jugendliche aus Nord- und Südstadt erzählen als Chor von ihrem Alltag, schreibt Ralf Stiftel im Westfälischen Anzeiger (22.2.2018). Das sei ein Thesen- und Vortragstheater, das die Zuschauer mit Zahlen, Daten, Details flutet, "dass ihnen Hören und Sehen vergeht". Zumal noch eine Schulleiterin aus dem Norden fragt, wohin das alles führen solle. "Lösch lässt alles lieber zweimal erklären." Nach der Pause geben sich Lösch und sein engagiertes Ensemble ganz dem Idealismus hin, "die Jugend entdeckt den Gutmenschen in sich. Die Prinzen aus dem Norden werfen das Geld unters Volk, die Bettelknaben aus dem Süden rebellieren gegen die Ausbeutermethoden im Discounter". Fazit: "So sympathisch das utopische Denken ist: Diese Debatten sind auf Parteitagen unterhaltsamer als im Theater. Zu schade, dass so ein spannendes Spielkonzept gedanklich so schlicht gefüllt wird."

"Der Zuschauerraum ist zweigeteilt durch eine graue Wand: Das Stadttheater wird bei Lösch – mal wieder – zum Theater der Stadt", so Stephan Hermsen in der NRZ (22.2.2018). Die geografische Trennung in Arm und Reich ist in Essen geografisch so sauber ausdifferenziert wie sonst kaum: "Nördlich oder südlich der A40 zu leben, ist hier eine Schicksalsfrage – so wird es bei Lösch zugespitzt." Bisweilen werde klamottig inszeniert, "weil Lösch sich für das Geschehen auf der Bühne weit wenig interessiert". Immerhin bringt er die Verhältnisse für einen Abend in Bewegung: "Zum Finale vereint sich das Publikum von beiden Seiten der Mauer auf der Bühne. Und alle Akteure dürfen ihre Utopien vortragen."

Wie die Jugendlichen im Agitprop-Stil ihre politischen Wunschträume erzählen, "ist grundnaiv und Aufklärung mit dem Holzhammer, keine Frage", schreibt Cornelia Fiedler in der Süddeutschen Zeitung (23.2.2018). Allerdings bewiesen sie auch "einen Mut zur Utopie, der gestandenen Politikern abhanden gekommen ist".

Fabian May sagte in Scala auf WDR 5, was Lösch mit Twain aufführe, sei eigentlich die Geschichte der spielenden Jugendlichen selbst, am Ende ließen sie die Erzählerin der Twain-Geschichte stehen und erklärten, sie seien jetzt selbst die Erzähler.  Das Stück zeugen vom "ehrichen Glauben", dass "mehr soziale Gerechtigkeit nötig" sei. Man sollte als Zuschauer allerdings wissen, was einen bei Lösch erwartet und man müsse "das auch mögen". Klar sei jedenfalls, man werde, besonders im "Theaterraum für Arme" als Zuschauer nicht in Ruhe gelassen, man müsse ständig ausweichen, dabei eine Menge Text mitbekommen. wie üblich ziele Volker Lösch auf das "Zuviel". Die Forderungen seien zwar die bekannten, aber von "der inhaltlichen Schwarzbrothaftigkeit abgesehen", sei der Abend "theatral ein Erlebnis".

 

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