logo_nachtkritik_klein.png
Drucken

Radikal sozial

21. Februar 2018. Mit Ulrich Khuon, dem Intendanten des Deutschen Theaters in Berlin und Präsidenten des Deutschen Bühnenvereins, spricht Dirk Peitz für Zeit Online (20.2.2018, online 16:20 Uhr) über Machtmissbrauch am Theater.

Machtmissbrauch und Fehlverhalten gegenüber Untergebenen gäbe es, sagt Khuon, nur in Einzelfällen. Dem Offenen Brief des Burgtheaters folgend, gehöre Matthias Hartmann offenbar zu diesen Einzelfällen. Stelle sich bloß die Frage, wieso dieser Brief erst jetzt abgeschickt worden sei. Ob das auf ein Klima der Angst hindeute, "das von einer Leitung erzeugt werden kann"?

Gefragt, wie er selbst sein Haus als Intendant führe, antwortet Khuon: "Auf Augenhöhe" und im Sinne des Mitbestimmungsgedanken. Zumindest versuche er es auf Augenhöhe zu führen, denn: "Natürlich sitzt der Intendant oder die Intendantin immer am längeren Hebel", was etwa Vertragsfragen anbelange.

Ziel: angstfrei arbeiten

Warum sich nicht alle von Repressionen Betroffenen meldeten, obwohl es an den Theatern die nötigen Strukturen gebe – Frauenvertreterinnen, Frauen- und Gleichstellungsbeauftragte, Antidiskriminierungsstellen und Ensemblesprecher –, ist auch für Khuon eine Frage: "Wir bewegen uns da in einer Dunkelzone, die ich selbst nicht richtig ausloten kann. Ich kann nicht zweifelsfrei sagen: Da ist nichts. … Die Lage ist offenkundig dramatischer, als sie uns zuvor erschien." Daher müssten sich die Theater kritisch selbst hinterfragen. Sie dürften sexistisches oder rassistisches Verhalten nicht mehr dulden. "Da gibt es Möglichkeiten der Selbstverpflichtung." Als Vorbild verweist Khuon auf den Code of Behaviour des Londoner Royal Court Theater.

Der Bühnenverein arbeite gerade an einer Evaluierung der Strukturen, "um die Situation an den Häusern zu verbessern", so Khuon. "Unser Ziel sollte sein, dass an allen deutschen Bühnen angstfrei gearbeitet wird." Im März 2018 treffe sich erstmals die Arbeitsgruppe, die nach den Weinstein-Enthüllungen gegründet worden sei. Sie werde sich über #MeToo austauschen und sich um Geschlechtergerechtigkeit kümmern, "um Gagengerechtigkeit, Familienfreundlichkeit und Transparenz etwa". Die für April 2018 geplante Erhöhung der Mindestgagen und den verstärkten Schutz von Künstlerinnen bei Schwangerschaft betrachtet Khuon als "richtungsweisenden Erfolg".

Allerdings könne der Bühnenverein, anders als Sportverbände oder die Kirchen, nicht "in einzelne Untergliederungen hinein wirken", er habe auch keine Aufsichtsfunktion oder Eingriffsmöglichkeiten, könne lediglich "mahnen". "Ich begreife ihn eher als einen Reflexionsraum, als Gemeinschaft derer, die Theater machen", erklärt Khuon die Rolle des Arbeitgeber- und Interessenverbandes. "Meine Hoffnung ist, dass man dort aus guten wie schlechten Beispielen lernt und sich gegenseitig zum Nachdenken anregt."

Das rechte Maß von Besessenheit und Schutz

Für die künstlerische Arbeit sei ein gewisses Maß an Besessenheit nötig, so Khuon. Dafür dürfe sie auch Grenzen überschreiten. "Aber, und das ist für's Theater sehr wichtig: Wenn jemand Angst erlebt, sich überfordert fühlt und darüber einfach hinweggegangen wird – dann muss diese Person geschützt werden." Dramaturgie und Intendanz seien Korrektive für die Regie. Das heißt: "Wir müssen zugleich die Möglichkeit der Grenzüberschreitung schützen wie den Menschen, der sagt, dass er da nicht mitmachen will."

Ob Besessenheit nicht für einen alten Mythos stehe, fragt Interviewer Dirk Peitz. Ulrich Khuon antwortet abwägend: "Man muss kein guter Mensch sein, um gute Kunst zu machen. Man muss dafür aber auch nicht notwendigerweise ein Scheißtyp sein." Es gebe Grenzen: "Nicht jede Destruktivität im Sinne der Kunst ist hinnehmbar." Ein Nein müsse eindeutig Nein bedeuten.

Stadt oder Land als Träger des Theaters müssten reagieren, falls ein Intendant seine für eine begrenzte Zeit verliehene Macht missbrauche. Manche Intendanten versuchten "erfahrungsgemäß jeden Eingriff damit abzuwehren, dass sie eine Zensur der Kunst dahinter wittern", so Khuon. "Dem gilt es zu widersprechen."

Könne die grundlegende Diskussion über die Strukturen und Arbeitsbedingungen an den Theatern zu einer neuen Selbstvergewisserung des Theaters führen?, fragt Dirk Peitz. "Ich will Theater nicht idealisieren", antwortet Khuon. "Aber der Grund, warum ich da bin, ist der Umstand, dass Theater ein radikal sozialer Ort ist. Wir hören aufeinander. Wir reden miteinander. Wir wollen und sollten aber auch miteinander kämpfen und streiten." Die derzeitige Situation, die eine Sehnsucht nach korrektem Umgehen miteinander zeige, dürfe nicht in defensivem Verhalten oder der Behauptung münden, man dürfen sich "gar nichts mehr trauen". Er persönlich halte die Furch davor für unbegründet, schließt Khuon.

(eph)