Außen Revolution, innen Provokation

von Philipp Bovermann

München, 22. Februar 2018. Man will bloß nicht dieser eine Pechvogel sein, den es trifft, wenn der nackte Mann durch die Zuschauerreihen klettert. Dieser hier ist sogar ein Zitat, was die Sache zugleich lustiger und schrecklicher macht.

Tim Werths spielt den Performer aus dem Film "The Square". Dieser spielt dort wiederum einen Affen, der in einer kunstfeinen Gesellschaft auf die gedeckten Tische springt, von dort aus Leute angrunzt und sich auf die Brust trommelt. Schließlich, als keiner mehr sich zu rühren wagt, beginnt er einer Frau an den Haaren zu ziehen. Er lässt weder von ihr noch von seiner Rolle ab, sofern es denn eine war. Das Premierenpublikum im Residenztheater bei Ivica Buljans Inszenierung von Jean Genets "Der Balkon" versteht den Gag sofort und lacht erst herzlich, dann zunehmend nervöser.

Nackte Gewaltlust

Werths, in Unterhose, mit dumpfem Drohblick und vorgeschobenem Unterkiefer, sucht sich einen Mann mit Glatze aus. Zupft an ihm herum. Langt ihm ins Gesicht. Der Mann versucht ihn wegzuschieben, erfolglos. Doch dem Affen wird es offenbar schnell langweilig, er klettert zurück auf die Bühne. Dort steht eine große Wand aus Kühlschränken. Sie ist das ganze Bühnenbild (und als solches genauso fad, wie es klingt). Mit einem Pfiff lenkt nun der Polizeichef (Nils Strunk) die Aufmerksamkeit des Affen auf sich. Offenbar will er ihm die Stirn bieten. Die beiden nähern sich, beschnuppern sich – und fallen sich in die Arme. Die nackte Gewalt und der Vertreter der gesellschaftlichen Ordnung erkennen sich gegenseitig. "Arthur!", ruft der Polizeichef, und der Bann ist gebrochen.

DerBalkon1 560 Konrad Fersterer uBalla balla: Tim Werths (Der General), Nils Strunk (Der Polizeichef), Philip Dechamps (Der Richter),
Christian Erdt (Der Bischof), Juliane Köhler (Irma), Mathilde Bundschuh (Der Gesandte), Cynthia
Micas (Chantal) © Konrad Fersterer

Arthur ist der Scherge eines ganz besonderen Bordells: Hier darf jeder der sein, der er will. Aus braven Ehemännern werden so ein Richter (Philip Dechamps), ein Bischof (Christian Erdt) und ein General (Tim Werths). Aus einer Puffmutter (überragend: Juliane Köhler) wird eine Königin. So steht es im Stücktext von Jean Genet – es geht um Verkleidungen, Rollenspiele und gesellschaftliche Macht. Ivica Buljan fügt dem mit Szenen wie dem "The Square"-Zitat eine zeitgenössische Komponente hinzu. Nicht mehr Kleider anzulegen verleiht heute Macht, sondern sie abzulegen, sich natürlich, unverstellt, enthemmt zu zeigen. Wer die größte Sauerei anrichtet, gewinnt.

Der Störer als Revolutionär

Mit einer Sauerei haben die Münchner Buljan kennengelernt. Er hat bereits Pasolinis "Schweinestall" am Residenztheater inszeniert und dafür echte, grunzende Säue auf die Bühne des Marstall geschickt. Diesmal heißt die Sau Marko Mandić. Während die drei Kerle auf der Bühne noch sehr putzig ihre männlichen Allmachtsphantasien aufführen, indem sie richten, weihen, im Krieg fallen, mischt sich der Slowene im Perverso-Trenchcoat unters Publikum, als alter Mann verkleidet. Er befingert fremde Haare, berührt Knie. Schließlich steht er onanierend auf der Bühne und wird zur Strafe in einen Kühlschrank gesperrt.

Aber er kommt wieder. Diesmal als Revolutionär. Jenseits der Mauern des Bordells tobt nämlich ein Volksaufstand. Ganz schnell ist er – wie zu Anfang Werths, bloß ohne Unterhose – nackt und in den Zuschauerreihen. Als Partisan knutscht er dort mit einer käuflichen Illusionskünstlerin (Cynthia Micas) herum, die eine Besucherin in das Herumgefummel einzubeziehen versucht. Die Frau hat da wenig Lust drauf, wehrt ab – aber zum Glück bricht jetzt die Revolution los, und die Zuschauer marschieren, Mandić nach, raus in die Kälte.

Hakenkreuz aus Kühlschränken

Draußen rennt der nackte Partisan eifrig hin und her und singt die "Internationale" auf Slowenisch. Er versucht zum Mitsingen zu animieren, klettert sogar die Außenfassade des Marstall empor, aber es hilft alles nichts. Bis ein Münchner Publikum die "Internationale" anstimmt, müssen noch ganz andere Sachen passieren. Zum Schluss wird aus der Barrikade aus Kühlschränken auf der Bühne ein riesiges Hakenkreuz. Ist das noch Kraftmeier-Theater oder schon die Kritik daran?

Es zeigt sich eine Schwäche, die auch schon Buljans Pasolini-Inszenierung hatte: ein Mangel an Fokus. Auf schöne und lyrische Szenen folgt trocken Brot. Die Stimmung, die die Schauspieler immer wieder aufbauen, zerredet sich in den vielen philosophischen Klügeleien und Pirouetten des Stücks ("Spiegel bis in die Unendlichkeit... ich sage Unendlichkeit..."), von denen man ruhig mehr hätte streichen können. Eigentlich macht Buljan gar nicht so viel falsch. Er macht nur von allem zu viel – auf eine irgendwie penishafte Art und Weise.

Der Balkon
von Jean Genet
Regie: Ivica Buljan, Bühne: Aleksandar Denić, Kostüme: Ana Savić Gecan.
Mit: Christian Erdt, Philip Dechamps, Tim Werths, Nils Strunk, Marko Mandić, Juliane Köhler, Mathilde Bundschuh, Cynthia Micas.
Dauer: 3 Stunden 20 Minuten, eine Pause

www.residenztheater.de

 

Kritikenrundschau

Beim Lesen der 100 Seiten Genet-Stücktext brauche man Durchhaltevermögen, "beim Zuschauen auch, weil man auf Geheiß der Erben, respektive des Verlags, nichts streichen darf", informiert Egbert Tholl in der Süddeutschen Zeitung (24.2.2018). "Blanke Idiotie, denn Streichen täte Not. Bis zur Pause auch in der Inszenierung von Ivica Buljan im Marstall des Residenztheaters, so energiegeladen die auch ist". Der Abend explodiere in alle Richtungen, "ist mal fad, mal rau, alle Schauspieler machen zusammen hervorragend Musik (Dechamps!), Dunkelrock zu Genet-Texten, manche stolpern unbeholfen durch den Text, manche adeln ihn", so Tholl. "Letztlich dreieinhalb Stunden Punkrock."

"Juliane Köhler spielt die Puffmutter Irma und ist, um es vorsichtig auszudrücken, sensationell. Mit ihrem energiereichen Cocktail aus eleganter Lady mit Geschäftssinn, nuttiger Vulgarität und görenhafter Unverfrorenheit ist sie das Zentrum einer zerklüfteten Inszenierung" schreibt Mathias Hejny von der Münchner Abendzeitung (23.2.2018). Leider gehe dem spektakulären Theatercoup der Furor verloren. "Der zweite Teil wirkt schlecht organisiert, die Dialoggirlanden ziehen sich langwierig dahin und es gibt manche Gelegenheit, Genet bei Geschwätzigkeiten zu ertappen. Vom spielerischen Glitzern bleibt nach der Pause nur noch die Musik."

 

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