Das Schaukeln der Sänften

von Esther Slevogt

Berlin, 22. Februar 2018. Die Preußen sollen missioniert werden und Anne Tismer trägt als Comtesse de Weinsbach das missionarische Anliegen folgendermaßen vor: "Wenn wir den Preußen etwas zu kosten geben, was sie noch nie probiert haben, etwas dessen Geschmack sie hoffnungslos betört, könnten wir sie für unsere Sache gewinnen. Wir können nur versuchen, ihre Sinne zu wecken." Das weckt natürlich allerfreudigste Erwartungen.

Inmitten idealisierter Landschaft

Ebenso wie die ewigen Interviews von Chris Dercon, in denen er uns zurückgebliebenen Berlinern endlich mal Internationalität und echte Kunst verspricht. Leider kommen aber die Liebeskünste der Freund*innen der Libertinage an diesem Abend in der Volksbühne kaum über die Missionarsstellung hinaus. Über lustloses Auf-und-Ab-Gewippe in Sänften und schwül-gespreiztes Geschwafel. Ähnliches muss man leider auch von den Intendantenkünsten des Herrn Dercon sagen.

Liberte2 560 Roman Ynan uWie für ein Fête Galante des Rokoko: die Kostüme stammen von Rosa Tharrat, das Bühnenbild von Sebastian Vogler, der auch das Set von Albert Serras Film über das Sterben des Sonnenkönigs gestaltet hat © Román Yñan

Dabei gibt der Ort des Geschehens zunächst durchaus Anlass zur Hoffnung: eine Rokokolandschaft im Breitwandformat mit herrlichen Baumsilhouetten, einem kleinen See, Hügeln und üppigstem Grün, wie sie dereinst auch die einschlägigen Meister des Genres Antoine Watteau, Jean Honoré Fragonard oder François Boucher als idealisierte Orte für ihre Fêtes galantes erdachten. Ein paar kunstvoll gestaltete Sänften stehen ebenfalls herum, denen immer wieder von Rosa Tharrats kunstvoll eingekleidetes Personal entsteigt. Der Bühnenbildner ist Sebastian Vogler, der unter anderem auch schon das Set des meisterhaften Films des katalanischen Filmregisseurs Albert Serra über das Sterben des Sonnenkönigs Ludwig XIV. entwarf.

Lustloses Auf-und-Ab-Gewippe

Aber leider kann Albert Serra, der auch der Urheber dieses Abends in der Volksbühne ist, überhaupt nichts mit dem Raum anfangen. Nichts mit den Schauspieler*innen. Und mit dem Theater erst recht nichts. Dauernd werden unbeholfen Sänften mit unbeholfenen Akteur*innen auf die Bühne getragen und wieder fort. Wackere Volksbühnentechniker müssen hier nun die Sänftenträger mimen. Es wird nie richtig hell, man sieht wenig und kann auch nur mit Mühen dem Gewisper der mikroportverstärkten Stimmen folgen.

Liberte4 560 Roman Ynan uGefährliche Liebschaften? "Liberté" © Román Yñan

Deren Texte sind aber so banal, von so spießigen Erotismen durchsetzt, Choderlos de Laclos für Arme sozusagen, dass man bald eh aufhört, sich dafür zu interessieren. Über Einzelheiten möchten wir hier höflich den Mantel des Schweigens breiten. Auch über die Art, wie hier die Schauspieler*innen verbraten werden. Die große Ingrid Caven zum Beispiel, die als spektakulär schwarzgewandte verbannte Maîtresse Ludwigs XV. durchaus eine Sensation hätte sein können. Wenn der Regisseur für mehr Interesse gezeigt hätte, als nur ihren Namen ins Programmheft zu schreiben. Würdelos ist es auch, wie hier der einstige Weltstar Helmut Berger nur noch als Attrappe seiner selbst in einer Sänfte sitzt und am Ende zum Sterben auf die Bühne geschleift wird. Sein Text wurde zuvor als Konserve vom Band eingespielt.

Tugendterror aller Tage

Zwischendurch ahnt man: Der Abend ist als Statement gegen den Tugendterror unserer Tage gedacht. Soll die Behauptung formulieren, dass Rokoko und Ancien Régime, die alsbald von der Revolution weggefegt wurden, das Kreativ- und Innovationspotenzial, mit dem sie der Modernisierung Europas den Weg bereiteten, gerade aus der Libertinage, der sogenannten Verkommenheit schöpften. Was aber eben auch schon von der tugendterroristischen Perspektive aus gedacht ist, die dem ganzen unbedarften wie unreflektierten Abend mit seinen klemmigen Vorstellungen von Dekadenz nämlich in Wahrheit zu Grunde liegt.

Um einer Hommage an die Libertinage zu szenischem Leben und gar einer gewissen Intelligenz zu verhelfen, bräuchte es etwas mehr als Abgeschmacktes von lüsternen Äbtissinen, unbeholfenen erotischen Verschwörungen oder importierten breithüftigen Polynesierinnen zu raunen. Bräuchte es mehr, als Namen wie den des legendären Ökonomen und Revolutioniers der europäischen Handels- und Zahlungsverkehrs John Law zu droppen, der sein kapitalistisches Kreativpotenzial zu nicht unerheblichem Maße aus seiner Spielsucht schöpfte. Bräuchte es überhaupt ein Interesse für das Medium, für den Stoff, für das Publikum, für irgendetwas. Liberté? Lieber Tee.

 

Liberté
von Albert Serra, Übersetzung: Maurici Farré, Kirsten Brandt
Regie: Albert Serra, Bühne: Sebastian Vogler, Kostüme: Rosa Tharrats, Licht: Johannes Zotz, Musik: Marc Verdaguer, Dramaturgie: Guilio Bursi, Alan Twitchell.
Mit: Hemut Berger, Stefano Cassetti, Ingrid Caven, Johanna Dumet, Ann Göbel, Leonie Jenning, Catalin Jugravu, Günther Möbius, Jeanette Spassova, Anne Tismer, Laurean Wagner.
Dauer: 2 Stunden 40 Minuten, keine Pause

www.volksbuehne.berlin.de

 

Kritikenrundschau

"Dieser Abend würde an keiner Bühne im deutschsprachigen Raum – ganz gleich, ob in kleineren oder größeren Städten – den Mindestansprüchen an einen gelungen Theaterabend genügen", sagt André Mumot im Deutschlandfunk Kultur Fazit (22.2.2018). "Man möchte nicht lachen über diesen Abend, nicht hämisch sein, nicht wütend, man möchte ihn gar nicht betrachten, am liebsten nicht über ihn sprechen", so Mumot weiter: "Denn er scheitert nicht in einem anarchischen oder renitenten Sinn, er provoziert nicht, er ist nicht schwierig oder unangenehm, keine Herausforderung und schon gar keine Überforderung. Ihm gelingt keinerlei geistige, emotionale oder sonstige Verdichtung, treibt einem in seinem künstlerischen Unvermögen lediglich die Schamesröte ins Gesicht."

"Die meiste Zeit dieser grandios seltsamen Zweieinhalbstunden-Aufführung über (…) passiert so gut wie nichts. Wie in Serras Filmen herrscht auch auf der Bühne eine Gespensterstimmung, geht es auch hier um die mitunter quälende Erfahrung von Zeit, um die Choreographie der Körper, um die Sezierung von Bewegungs- und Sprechakten", schreibt Wolfgang Höbel auf Spiegel online (23.2.2018). Vielleicht sei Serras Séance "allzu kurzschlüssig in ihrem Vertrauen darauf, dass die Erzähltechniken der Kinoarbeiten sich so leicht ins Medium Theater übertragen lassen", so Höbel. "Aber ganz sicher ist 'Liberté', diese zutiefst merkwürdige, bei aller kapriziösen Geschwätzigkeit immer wieder komische Inszenierung eine Attraktion, die sich anzugucken und über die es sich zu streiten lohnt."

"Es ist zum Heulen: Da ist ein unerschrockener Filmemacher, der sich aufmacht, die Welt durch die Schablonen der Geschichte und diese Schablonen durch ihre pure Materialität hindurch neu zu sehen, indem er sie radikal sinnentschlackt, doch auf der Bühne funktioniert nichts davon", schreibt Doris Meierhenrich in der Berliner Zeitung (24.2.2018). "Serra hat sich nicht nur an seinem Stoff heillos verhoben, sondern auch an der anarchischeren Realität des Theaters."

"Wer ein Fetischist von Sänften ist, erlebt einen großartigen Abend", schreibt Rüdiger Schaper im Tagesspiegel (24.2.2018). "Aber gefährlich ist das hier in keinem Augenblick, nur langweilig. Die Sänften besänftigen jeden Anflug von Furor oder Lust." Manchmal habe man "den Eindruck, hier werde eine Castorf-Inszenierung parodiert, wobei die Akteure Beruhigungsmittel genommen haben müssen". "Liberté" erinnere "an die schlechtesten Castorf-Jahre, die es ja auch an der Volksbühne gab", so Schaper: "Damals regierte der Überdruss, heute ist es bloße Apathie."

"Hier geht Theater in einem künstlichen Feuchtgebiet samt echtem Wasserbecken baden – und ersäuft an seiner verstiegenen Ambition", schreibt Daniele Muscionico in der Neuen Zürcher Zeitung (24.2.2018). "Die Leistung von Serra" sei "von einer unsinnlich kalten, sterilen Intellektualität und Konzeptverliebtheit, dass die Arroganz dahinter erschreckend ist". "Was ist nur los an der Volksbühne, diesem Erbe aus vergangener Zeit, das als Symptom und Krankheit einer verpassten Berliner Kulturpolitik dastehen muss?" Klar sei immerhin eines: "So kann es nicht weitergehen."

Serras Inszenierung setze ihre Mittel mit provokanter Schüchternheit ein, schreibt Dominik Kamalzadeh in Der Standard (24.2.2018). "Vorsicht verträgt sich schlecht mit Lust, heißt es einmal im Stück. Im schummrigen Dahinglimmen des Abends zeugt schon die Rede von der Lust davon, dass keine mehr aufzukommen vermag." Abgesehen von technischen Unebenheiten habe Serra für diese "Abenddämmerung eines fortschrittlichen Zeitalters" allerdings einen stimmig aus der Zeit gefallenen Rahmen gefunden. "Im Theaterraum ist seine Ästhetik des Zurückschraubens eine Irritation."

Der "glücklose" Volksbühnen-Intendant Chris Dercon klage ja oft genug, er sei ein Opfer linker Ideologen, denen es an Weltläufigkeit mangle, schreibt Peter Laudenbach in der Süddeutschen Zeitung (24.2.2018). "Jetzt schlägt er zurück: mit französischer Libertinage gegen deutsche Puritaner." Aber leider sei die Libertinage an diesem Abend "eine reichlich freudlose Angelegenheit", so Laudenbach: "Es wird vor allem sehr viel herumgestanden und ziellos auf und ab gegangen. Der hölzerne Text mit seinen rührenden Versuchen, nach Verruchtheit und Tiefsinn zu klingen (...), wird unter strikter Vermeidung von Spannung, Rhythmus und Spielfreude in einem leisen, monotonen Singsang abgesondert."

Eine "pausenlose Quälerei" hat Michael Laages erlebt und gibt im Deutschlandfunk (23.2.2018) zu Protokoll: "Es treffen sich auf einer weiten Lichtung in Morgengrauen und Abenddämmerung eine Menge Leute, deren einziges seriöses Ziel die Verbreitung haltloser Lüste zu sein scheint; aber es passiert praktisch nichts. (…) Der Rest ist Sänfte." Totes Theater sei das. "Wann wird hier endlich die Notbremse gezogen?"

Das vielversprechende Projekt sei "Mist geworden", berichtet Katrin Bettina Müller in der taz (26.2.2018). Der Text wirke "wie ein Aufguss der Vokabeln der Libertinage, als hätte man Sätze von Marquis de Sade zerschnitten, geschüttelt und neu verteilt. Glaubhaft mit den Sprechenden verbunden hat sich das nicht, so gerne man Ingrid Caven, Anne Tismer, Jeanette Spassova das auch abgekauft hätte. Und so brachte das Stück auch nichts von dem Aufbegehren, der zerstörerischen Potenz der Lust zurück, von der die historischen Quellen zeugen, aus denen das Drama schöpfen wollte."

"Der Bühnenbildner Sebastian Vogler hat in der Berliner Volksbühne eine naturalistische, aufwendige Szenerie eingerichtet, die spontan sinnlich erfreut. Aber nicht lange, dann wirkt sie bloß trostlos und banal, denn der katalanische Filmregisseur und Theaternovize Albert Serra weiß nichts mit ihr anzufangen", schreibt Irene Bazinger in der FAZ (27.2.2018). "Besonderes Kennzeichen dieses zweieinhalbstündigen Abends: Es wird viel geredet und nichts gesagt – und noch weniger gespielt."

Die "schrulligste Aufführung dieser Berliner Spielzeit" hat  Kevin Hanschke in der Welt (2.3.2018) ausgemacht. "Ein Chaos mit Sänften und Säuseln", dazu "Sätze, von denen man blutige Ohren bekommt", gesprochen von verloren wirkenden Schauspielern. "Vielleicht sollte man schon mal eine Sänfte bestellen für den Intendanten."

 

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