Klammheimliche Erlösungsphantasien

von Jens Fischer

23. Februar 2018. Endlich mal wieder kein endloses TV-Serien-Streamen, kein öffentlich-rechtlicher Rosamunde-Pilcher-Kitsch und auch nicht das ewig gleiche Talkshow-Geschwätz. Zeit für einen Abend im Oldenburgischen Staatstheater! Und dann ist die Bühne gerahmt wie ein TV-Bildschirm. Bühnenkunst wird auf Privatfernsehmüll gehetzt. Das kann ja heiter werden. Ist das ein Versprechen penibler Kopierkünstler oder eine Drohung amüsierter Banalitäten-Fans? Auf jeden Fall ist's Reenactment.

Jede Geste, jedes Wort, jeden kummervollen und glückstrunkenen Gefühlsausbruch, wie sie in einer von Regisseurin Luise Voigt ausgewählten Folge der RTL-II-Doku-Soap "Zuhause im Glück" zu sehen sind, sollen die Zuschauer 1:1 auf der Bühne erleben. Eine kulturferne Familie am Ende ihrer Kräfte bekommt in dieser – aus rechtlichen Gründen "Dokusoap. Episode 451" betitelten – Uraufführung den Alltag und die Pflege des heimischen Wohnumfelds nicht mehr auf die Reihe.

Simsalabim im Tausch fürs Heulen, Schreien, Stammeln

Mit Handwerkern und moderierendem Architektenduo reist ein TV-Team an, gibt sich angeekelt bis erschüttert und macht im Schweiße seiner Malocherehre Simsalabim. Was eben noch Wohnruine war, ist plötzlich ein Traumhaus. Nicht misszuverstehen als Wohltat barmherziger Samariter. Sondern ein Geschäft. Als Gegenleistung müssen die vom Leben Gebeutelten ihr Schicksal in die Kamera heulen, schreien, stammeln – und sich schließlich mit demütigen Worten für alles bedanken. So der Deal.

 Dokusoap.Episode 451 560 StephanWalzl uHampeln für ihr Glück: Rajko Geith (im Vordergrund) und das Schauspielensemble © Stephan Walzl

Im artifiziellen Bühnensetting in Oldenburg werden in klassischen Handwerkerposen und mit zweidimensionalen Papprequisiten wie Bohrer und Säge, aber auch echten Tapetenrollen und Stromkabeln die anstehenden Renovierungsarbeiten in Spotlight-Szenen angedeutet. So tun als ob, abstrahiert und doch Baurealismus-willig. Also los geht es: Wände bekleben, bekacheln oder streichen, Elektrik erneuern, Estrich verlegen, Fenster auswechseln, Trockenbauplatten und Putz nachbestellen. Dazu halt Baustellen-Gerede. Und das Zur-Schau-Stellen der Problemfamilie.

Die Inszenierung kommt ästhetisch reizvoll daher. Die betont "authentischen" Emotionen stellen Luise Voigt und ihr Co-Bühnenbildner Stephan Bischoff in einem abstrahierten Raum aus: Raster-Scan-Linien auf dem Boden und knallfarbenes Licht vermitteln den Eindruck einer Fernsehshow mit Möglichkeit zur Nachbearbeitung am Computer. Ein Lichtviereck fokussiert und beleuchtet in der Totalen des dunklen Theaterraumes die Bildausschnitte. Da die Szenen im TV-Tempo blitzschnell geschnitten sind, müssen die Darsteller ebenso blitzschnell ihre Rollen wechseln, was auf trippelig aparte Art choreografiert ist.

Dokusoap 3 560 StephanWalzl uIn diesem Rahmen: der Schatten einer Familie © Stephan Walzl

Handwerklich alles tiptop. Nur was soll das alles? Luise Voigt versucht geheime Botschaften und Strukturelemente der Soap bloßzulegen. Gibt es neue Erkenntnisse zu einem voreilig verlachten Amüsierformat?

These I: Die Soap als klassisches Drama

Emotionalisierung, dramatische Zuspitzung, inszenierte Widersprüche, betont dilettantische und damit Authentizität suggerierende Filmsprache: Das alles habe mit Theater zu tun, also der Illusion von Wirklichkeit, und folge dem Prinzip klassischer Dramen, lässt Voigt mit dem Vortrag eines Erzählers zum Barocktheater behaupten. Zudem ist zu vernehmen, auch Tragödiendichter arbeiteten wie Soap-Autoren: nähmen Namen realer Personen und führten sie in eine virtuelle Realität. Entscheidend sei eben nicht, ob es so wie gezeigt auch gewesen ist, sondern ob die Darstellung als Möglichkeit glaubhaft wirkt. Ob Soaps auch nur annähernd so glaubhaft wirken wie etwa Shakespeares "Julius Cäsar", belegt dieser Abend allerdings nicht.

These II: Angewandtes Szenisches Schreiben

Voigts zweite These ist: Soap-Macher wenden das an, was Studierende des Szenischen Schreibens lernen. Zu erleben ist nicht abgefilmte, sondern mal aufgehübschte, mal schäbig zugerichtete, immer simulierte Realität. So verdeutlicht sie etwa die schematische Konstruktion einer Szenenfolge, indem diese auf der Bühne erst als reine Textrezitation, dann nur pantomimisch vorgestellt wird, um schließlich Ton- und Bildebene zusammenzuführen. Die Heiligsprechung des Soap-Librettos zum Reclam-Bändchen – das suggeriert auch das Programmheft im Layout der kleinen gelben Klassiker-Ausgaben.

These III: Dokusoap gleich Mirakelerzählung

Seitenweise Anmerkungen in diesem Heft verweisen auf Voigts dritte These. Manisch werden Formulierungen religiös gedeutet. Sagt die Mutter beispielsweise, "es is en Neuanfang, wir bekommen a neues Zuhause hingestellt", heißt es in der Fußnote: "Neuanfang (auch Wiedergeburt, Reinkarnation etc.) typ. narratol. Motiv in Mirakelerzählungen oder Erlösungslehren; dem Leidenden wird nach langer Phase der Demütigung/Krankheit/Entbehrung etc. ohne sein aktives Zutun von übergeordneter Stelle metaphys. Ursprungs (z. B. Gott) spontane Verbesserung seiner Situation (oder Erlösung) zuteil."

Zuschauen als eine Art Gottesdienst?

Die Problemfamilie heißt hier Müller und besteht aus flennender Mutter, krebskrankem Vater, herzkrankem Jungen und fünf weiteren Kindern. Aus ihrem versifften, schimmligen, nur mit Öfen spärlich heizbarem Haus wurde wohl irgendwie Gott um Hilfe angefleht – aber RTL II kommt und erledigt den Job. Im Prolog hatte Voigt bereits die TV-Show "I believe in miracles" zitiert, deren Moderatorin in den 60er/70er Jahren für den Heiligen Geist warb – ihre Oldenburger Stellvertreterin betreut nun die Müller-Kinder missionarisch.

Letztlich aber sind nur reichlich dünne Argumente dafür zu erleben, Doku-Soaps seien klammheimliche Erlösungs- und Erweckungsgeschichten. Oder soll das Wahrnehmen der Soap als soziale Heilanstalt und christliches Bildermärchen gebrandmarkt werden? Ist das Zuschauen eine Art Gottesdienst? Zum Finale des Abends wird jedenfalls aus dem Jubelstaunen über die plötzlich behagliche Wohnung in eine Prediger-Show überblendet, das Publikum klatscht wie in der Gospelkirche mit – und der Priester preist die Soap als Gottes Geschenk für die menschliche Reinigung. Das ist immerhin mal ein Gag an diesem viel zu langen, viel zu lange mit Nachahmung beschäftigten Abend.

 

Dokusoap. Episode 451
ein Projekt von Luise Voigt (Uraufführung)
Regie & Raum: Luise Voigt, Video & Raum: Stefan Bischoff, Musik: Björn SC Deigner, Kostüme: Clara Kaiser, Dramaturgie: Jonas Hennicke.
Mit: Nientje C. Schwabe, Katharina Shakina, Rajko Geith, Fabian Kulp, Alexander Prince Osei, Johannes Schumacher, Lea Gerstenkorn, Lukas Winterberger.
Dauer: 1 Stunde 40 Minuten, keine Pause

www.staatstheater.de

Kritikenrundschau

Die Groteske und Parodie erschöpfe sich recht bald. "Warum? Weil im Grunde offene Türen eingerannt werden. (…) Heutzutage das Falsche im Privatfernsehen entlarven zu wollen, ist naiv", schreibt Reinhard Tschapke in der Nordwest-Zeitung (25.2.2018). So richtig witzig sei die Oldenburger Inszenierung auch nicht. "Eine Überhöhung oder Verbindung zu klassischen Tragödien oder einem Mirakelspiel, wie von der Regisseurin Luise Voigt gewünscht, wirkt zudem aufgesetzt." Einzig die Schauspieler seien zu loben. Dem TV-Flachsinn hingegen lasse sich kein Theatertiefsinn abgewinnen.

"Das Stück überspitzt etwas, was sich eigentlich nicht überspitzen lässt – einzig und alleine dadurch, dass es uns die Idee der Dokusoap nochmals geballt und zum Greifen nah vorführt", so Marcus Behrens von Radio Bremen (24.2.2018). Der Abend habe Längen, sei aber auch amüsant. "Wer wirklich etwas über die Kraft der Seife erfahren will, der sollte sich auf jeden Fall dieses Stück in Oldenburg anschauen."

Regisseurin Luise Voigt schaffe es, "mit Hilfe des glänzend aufgelegten achtköpfigen Ensembles aus der Dokusoap eine Suche nach den Gottheiten dieser Tage vorzulegen", berichtet Mareike Bannasch für die Kreiszeitung (26.2.2018). Über die "Reklame"-Heftchen fürs Programm schreibt die Kritikerin: Auch "wenn der Eindruck bleibt, dass Luise Voigt ihren Zuschauern offenbar nur ein begrenztes Reflexionsvermögen zuschreibt, verdeutlichen die Heftchen eben auch eine Verschiebung der Wege, Kultur zu rezipieren. Las man früher noch die Klassiker auf dünnen Seiten, verbringt der Konsument seine Zeit heute lieber damit, sich am Elend anderer zu ergötzen."

 

 

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