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Alles hat zwei Seiten

von Matthias Schmidt

Dresden, 24. Februar 2018. "Das ist doch kein Ende", sagt Betty Freudenberg als Shen Te, und der Saal lacht. Um sofort wieder zu verstummen, als sie regelrecht fleht, "sucht euch selbst den Schluss, es muss ein guter da sein, muss, muss, muss!" Zwei Stunden lang hat sie versucht, der gute Mensch zu sein. Zwei Stunden lang musste sie einsehen, dass sie sich damit selbst schadet und sich nur retten kann, in dem sie sich immer mal wieder in ihren deutlich weniger guten Vetter Shui Ta verwandelt. Ein echtes Dilemma, und so, wie Betty Freudenberg es am Ende ins Publikum zurückspielt, dürfte wohl jeder etwas zum Nachdenken für den eisigen Heimweg mitbekommen haben. Es muss, muss, muss!

Gute und Gutmenschen

Aber wie? Es ist ja seit Brecht nicht eben leichter geworden mit den guten Menschen, erst recht nicht, seit der Begriff des Gutmenschen als Unwort des Jahres 2015 aus dem sich eigentlich selbstregulierenden Sprachgebrauch herausoperiert und zum Inbegriff einer zerrissenen Gesellschaft gemacht wurde. Wir schaffen das. Oder schaffen wir uns ab? Was gut ist, weiß jeder. Sollte man annehmen. Und schlecht sein will eh keiner, oder? Wenn es nur so einfach wäre. Alles hat zwei Seiten. Shen Te gegen Shui Ta, und die da oben, bei Brecht sind es die Götter, sind derweil mit sich selbst ganz gut beschäftigt.

der gute mensch1 560 Sebastian Hoppe uDie Metallplatten-Bühne, eine schiefe Bahn, die man erklimmt und wieder herunterrutscht
© Sebastian Hoppe

Damit könnte man auf der Bühne arbeiten, gerade jetzt, gerade in Dresden. Nora Schlocker tut nichts dergleichen und gut daran. Sie lässt das Thema im Text, wo es ziemlich gut aufgehoben ist. Sie lässt es den Schauspielern für ihre Rollen, die zerrissen genug sind. Jedes "Zurück-ins-Leben-Übersetzen“ könnte die Parabel zerstören. Vor allem, wenn man eine Schauspielerin wie Betty Freudenberg hat.

Sie beherrscht die Szene von Anfang an. Mit jeder Faser, möchte man sagen. Sie ist überzeugend im Leiden an ihrem Leben als Prostituierte, und ebenso schlagend ist ihre Naivität gegenüber denen, die sie ausnutzen, als sie zu Geld gekommen ist. Sie ist pathologisch hilfsbereit und dabei viel zerbrechlicher als es den Anschein hat.

Kerlecool mit Frauenpower

Kaum aber fällt man darauf rein und lässt den eigenen Helfergenen Raum, hilft sie sich selbst. Wie sie sich im Männerkörper des Vetters probiert, erst schüchtern, bald aber schon kleine Kraftmeiereien übend, die Schultern leger nach vorne, mit den Händen die Hosentaschen weit ausbeulend, kerlecool mit Frauenpower – das alleine wäre schon den Abend wert.

der gute mensch3 560 Sebastian Hoppe uMatthias Reichwald als Yang Sun und Betty Freudenberg als Shen Te / Shui Ta in "Der gute
Mensch" © Sebastian Hoppe

Einen Abend, der ohne viel technisches Chichi auskommt. Na gut, ein bisschen Nebel, ab und an. Sonst herrschen Ruhe und Konzentration. Der Kammerchor Pesterwitz füllt kraftvoll aus dem zweiten Rang mit Dessaus Musik den Saal und gibt zudem verschiedene Geräusche. Regen zum Beispiel – leichtes Klatschen. Verblüffend. So etwas kann nur das Theater. Ein weiterer Vorteil der in Dresden gespielten Fassung mit der Musik von Paul Dessau ist, dass zwischen den Songs keine Musik ist. Keine künstliche "Atmo", kein Soundtrack. Sondern eben Ruhe. Diese Schauspielruhe, die so leicht gestelzte Langeweile werden kann und stattdessen einfach Spannung bleibt.

In Hochspannung

Einfach? Natürlich nicht. Sie halten diese Spannung: Sven Hönig in diversen Rollen, Matthias Reichwald als verzweifelter und (deshalb?) zugleich fieser Flieger Yang Sun, der junge Anton Petzold als Wasserverkäufer. Die Männer, die Frauen. Was für ein Ensemble!

Die Bühne von Jessica Rockstroh ist noch so etwas, das einfach wirkt: eine leere, polierte Metallplattform. Hinten angehoben, wird sie zur schiefen Bahn, die erklommen werden will. Wer oben ist, kann hinten runterfallen. Oder zurückrutschen nach vorne. Oben und unten. Aufstieg und Fall. Alles hat zwei Seiten. Mehr muss nicht. Für den Schluss, den Brecht ihm abverlangt, hat sich das Publikum zu euphorischem Applaus entschieden.

Der gute Mensch von Sezuan
von Bertolt Brecht, Version von 1943, mit Musik von Paul Dessau
Regie: Nora Schlocker, Bühne: Jessica Rockstroh, Kostüme: Caroline Rössler Harper, Komposition und Arrangement: Benedict Schiefer, Chorleitung: Anne Horenburg, Musikalische Einstudierung: Thomas Mahn, Dramaturgie: Julia Weinreich.
Mit: Betty Freudenberg. Matthias Reichwald, Anton Petzold / Thien Phuoc Nguyen, Gina Calinoiu, Deleila Piasko, Moritz Dürr, Hannelore Koch, Malte Homfeldt, Karina Plachetka, Sven Hönig, Eva Lotta Wuttke,/ Darya Zaretskaya, Hansruedi Humm. Und dem Kammerchor Pesterwitz.
Länge: 2 Stunden, keine Pause

www.staatsschauspiel-dresden.de

 

Kritikenrundschau

Die Inszenierung zeige: "Brechts Parabel braucht keinen Fingerzeig auf die Gegenwart", schreibt Gabriele Fleischer in der Freien Presse (26.2.2018). Sie funktioniere auch so "und vor allem mit einem hervorragenden Ensemble, wie es in Dresden auf der Bühne steht. Allen voran Betty Freudenberg, die als Prostituierte und spätere Tabakwarenhändlerin Shen Te genauso überzeugt wie in der Hosenrolle als Shiu Ta."

Die Inszenierung bleibe ganz bei sich und scheue Aktualität. "Das Spiel könnte exzessiver, in den Brüchen scharfkantiger sein", schreibt Sebastian Thiele in der Sächsischen Zeitung (26.2.2018). "Eine wohlkomponierte Ästhetik war der Regie wohl wichtiger. Aber das Publikum reagiert begeistert", so Thiele: "Der 120-jährige Bürgerschreck Brecht hätte sich sicher über ein unverdaulicheres Geschenk gefreut."

Schlocker offeriere das Stück in einer sehr ästhetischen, präzisen, einfallsreichen, dabei sehr emotionalen, aber wenig anlytischen oder gar lehrhaften Inszenierung, schreibt Thomas Petzold in den Dresdner Neuesten Nachrichten (18.2.2018). Das Spiel von Betty Freudenberg sei zu 'organisch' einer natürlichen Notdurft gehorchend (sic!), um Schmerz und Schärfe der durch das Gebot 'gut sein und trotzdem leben' provozierten Persönlichkeitsspaltung erlebbar zu machen.