Die Wahrheit im Aquarium

von Willibald Spatz

München, 24. Februar 2018. Das Stück der Stunde. Aber war Henrik Ibsens "Der Volksfeind" seit 1883, dem Jahr, in dem er uraufgeführt wurde, eigentlich irgendwann einmal nicht das Stück der Stunde? Und wahrscheinlich wird man auch nach weiteren 135 Jahren immer noch davon sprechen.

Wieso das so ist, kann man gut an Mateja Koležniks Residenztheater-Inszenierung sehen. Der Text wurde so weit gekürzt, dass er bequem in 90 Minuten gespielt werden kann und dennoch kein Aspekt des Originals verloren geht. Auf eventuell sich aufdrängende Modernisierungen oder Modifizierungen verzichtet die slowenische Regisseurin komplett.

Ausgestellt

Ein Glaskasten dreht sich ununterbrochen auf Raimund Orfeo Voigts Bühne. Keiner der Handelnden kann ihn verlassen. In der Mitte gibt es einen grauen Kasten, in dem kann man verschwinden. Es ist alles elendig eng, keiner kann dem anderen ausweichen. Die Stimmen jedoch werden von Mikroports verstärkt, so dass man auch im Abseits von den anderen gehört wird. Vor den Mitmenschen gibt hier kein Entkommen. Alle sind Grau in Grau gekleidet, zivilisiert, angemessen, das uniforme Tuch verleiht ein Mindestmaß an Würde und verbirgt die Mördergrube, die jeder einzelne im Herzen trägt.

Volksfeind 560 MatthiasHorn uThomas Schmauser als Volksfeind Tomas Stockmann in Erwartung der kompakten Majorität 
© Matthias Horn

Dermaßen gnadenlos ausgestellt entdeckt man auch die Vielzahl an Positionen und Themen, die das Stück enthält und die es so zeitlos aktuell macht. Trotz der fast banalen Klarheit, mit der er sein Drama aufbaut, ergreift Ibsen niemals plump nur für eine Seite Partei. Die Fatalität der Ereignisse spiegelt sich in einer einzigen Person, dem Doktor Tomas Stockmann. Der findet heraus, dass das Wasser seiner Heimatstadt verseucht ist, besonders ungut, weil der Ort vom Bade- und Kurbetrieb lebt. Die Entdeckung könnte seine Mitbewohner der Existenzgrundlage berauben.

Thomas Schmauser spielt den Doktor und dies allein ist schon den Besuch wert, ihm bei seiner Verwandlung vom euphorischen Naivling zum wahrheitsbesessenen Hiob zuzuschauen. Gierig entreißt er seiner Tochter den Brief, den sie am Morgen entgegengenommen hat. Dabei schmeißt er ihre Unterlagen runter. Das Rascheln von Papier wird genau wie die Stimmen von den Mikrofonen verstärkt und wirkt mindestens so erregend wie die Worte: das Labor bestätigt Stockmanns Vermutungen, das Wasser ist vergiftet.

Und die im Zentrum sieht man nicht

Der Doktor, überzeugt, das Beste für alle zu bewirken, kann sich gar nicht vorstellen, dass irgendjemand nicht seine Meinung teilt. Erst als er merkt, dass er Gegenwind bekommt, wird er nervöser, manchmal bekommt er einen Wutausbruch, schnell fängt er sich wieder. Den Höhepunkt des Stücks bildet Stockmanns flammenden Rede vor versammelter Bürgerschaft. Die Mehrheit hat die Macht, aber sie hat nicht das Recht, denn die Mehrheit sind die Dummen. In der für diesen Zweck idealen Bühnenanordnung, kann man einen Großteil der Redenden bei der Versammlung nur hören. Diese wird im grauen Kasten in der Mitte abgehalten. Zu sehen sind nur Zuschauer, die keinen Platz im Saal gefunden haben und einzelne, die nach draußen müssen, um nach den Ungeheuerlichkeiten, die sie eben erfahren haben, Luft zu schnappen. Wenigstens die ist noch sauber.

Volksfeind 560a MatthiasHorn uMännergesellschaft im Münchner "Volksfeind"  © Matthias Horn Nur einmal, am Ende, zu seinen Schlussworten dreht Thomas Schmauser sich frontal zum Publikum, ansonsten ist er nur im Profil und von hinten zu sehen, ein unfassbarer Mensch. Aber auch bei den anderen Schauspielern lässt sich diese inszenatorische Präzision beobachten. Jede Handbewegung, jeder Schritt auf dem engen Raum ist bewusst gesetzt und hat eine Bedeutung.

Süßigkeiten im Wahrheitsrausch

Stockmanns ärgster Widersacher ist sein Bruder Peter, der Bürgermeister. Bei Thomas Huber ist er keineswegs ein geldgieriger Businessmensch. Hinter der alerten Fassade treiben ihn eine fundamentale Sorge um die Familie und der Gram darüber um, keine politische und menschliche Konzilianz zeigen zu dürfen. Stockmanns Frau Katrine (Katharina Pichler) steht voll zu ihrem Mann, sie reicht ihm in einer Tasse Süßigkeiten, aus denen sie gemeinsam mit der erwachsenen Tochter Petra (Lilith Häßle) naschen. Im entscheidenden Augenblick schiebt sie aber die zwei kleinen Buben ins Sichtfeld des Vaters, damit der im Wahrheitsrausch nicht vergisst, wem er eigentlich verpflichtet ist.

Mateja Koležniks Formel ist einfach: Sie setzt voll auf die Kraft des Stücks, sie verlässt sich auf die Schauspieler. Und natürlich geht das großartig auf. Die Überlagerung der Verantwortlichkeiten, sich selbst, seiner Familie, der Gesellschaft, der Wahrheit gegenüber führt zu einem unlösbaren Konflikt. Unlösbar im 19. und 21. und eben auch im 22. und 23. Jahrhundert. Stockmann hat ja Recht, aber er hat halt auch keine Chance.

 

Ein Volksfeind
von Henrik Ibsen
Deutsch von Angelika Gundlach
Regie: Mateja Koležnik, Bühne: Raimund Orfeo Voigt, Kostüme: Alan Hranitelj, Musik: Michael Gumpinger, Choreographie: Magdalena Reiter, Licht: Gerrit Jurda, Mitarbeit Sprachregie: Andreas Sippel, Dramaturgie: Götz Leineweber.
Mit: Thomas Schmauser, Katharina Pichler, Lilith Häßle, Thomas Huber, Paul Wolff-Plottegg, Till Firit, Thomas Lettow, Bijan Zamani, Thomas Gräßle.
Dauer: 1 Stunde 30 Minuten, keine Pause

www.residenztheater.de

 

Kritikenrundschau

Mateja Koležnik besitze eine 'gnadenlose Unabdingbarkeit'. "Nun hat sie Ibsens 'Ein Volksfeind" inszeniert und es gelingt ihr dabei das Kunststück, in eineinhalb Stunden alle Facetten des Stücks zu erzählen, und zwar so konzentriert, dass aus der Geschichte eine allgemeingültige Parabel über Gesellschaft und Politik entsteht, mit allen Paradoxien, die Ibsen in seiner Titelfigur vereint", schreibt Egbert Tholl von der Süddeutschen Zeitung (25.2.2018). "Thomas Schmauser zeichnet mit faszinierender Präzision das Porträt eines Menschen, der sich verrennt."

In Mateja Kolezniks Regie bleibe der "Volksfeind" "ein Lehrstück ohne billige Lehre", schreibt Robert Braunmüller in der Abendzeitung (26.2.2018). "Die komödiantischen Elemente werden ein wenig zurückgedrängt. Sonst lässt die Slowenin Ibsens noch immer sehr starken Text mätzchenfrei und streng für sich sprechen." Titeldarsteller Thomas Schmauser sei dabei "unter lauter gefassten Menschen" ein "Emotionalclown". Die anderen Schauspieler agierten "ein wenig wie Marionetten, was aber kaum stört", so Braunmüller, "weil es eine böse Lust ist, der lehrbuchmäßigen Mechanik dieses Politthrillers zu folgen, in dem niemand zu 100 Prozent recht behält und alles seine zwei Seiten hat."

 

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