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Schief gerechnet

von Maximilian Pahl

Bern, 2. März 2018. Robert Walser, der Schriftsteller, fordert Paul Klee, den Maler, zu einem "Hoselupf" heraus. "Das haben Sie jetzt nötig", singt er im Bariton. Einstein und Lenin jauchzen. Klee sagt: "Was erlauben Sie sich!" Ein "Hoselupf" bezeichnet einen Wurf in der Schweizer Ringsportvariante, dem Nationalsport Schwingen. Die Kontrahenten versuchen einander dabei an ihren Zwillich-Hosen zu fassen und zu Boden zu kriegen. Der Sieger klopft dem Anderen die Sägespäne vom Rücken und am Turnier-Ende winkt ein Stier. Aber Walser gegen Klee, das ist eher so ein Spontan-Hoselupf unter Freunden, die eigentlich zum Musizieren verabredet waren. Lenin hat sich extra Zeit genommen und Einstein spielt schon Playback-Geige.

Das Größte zur Oktoberrevolution

Und jetzt kommt's: das alles spielt sich in einer Oper ab. Geschrieben von Doris Reckewell und komponiert von Torsten Rasch. Uraufgeführt von Gerd Heinz, mit dem Kammerorchester Camerata Bern im Graben, dem 24-köpfigen Vokalensemble ardent als Theaterchor auf der Bühne, vier Opernsolist*innen und einem guten Dutzend Kolleg*innen aus dem Schauspiel. Entsprechend groß auch die Töne der Ankündigung: "100 Jahre nach Ende des Ersten Weltkriegs und der Oktoberrevolution zeigt Konzert Theater Bern die erste spartenübergreifende Produktion auf der großen Bühne seit Max Frischs Blaubart".

DieFormel2 560 Philipp Zinniker uRevolutionäre auf Durchreise: Luka Dimic (Paul Klee), Gabriel Schneider (Albert Einstein), Irina Wrona (Lily Stumpf), David Berger (Lenin) und Milva Stark (Nadeshda Krupskaja) © Philipp Zinniker

Reckewell lässt Walser, Lenin, Einstein und Klee jeweils mit Partnerin im Jahr 1905 aufeinandertreffen, und zwar in Bern, wo sich alle tatsächlich einmal aufhielten, jedoch nicht gleichzeitig. In revolutionärer, künstlerischer oder wissenschaftlicher Hinsicht versuchen die Figuren, ihre Welt und das anbrechendes Zeitalter zu ergründen, bestenfalls auf eine Formel herunterzubrechen. Aber der ehrgeizige halbhistorische Querschnitt kürzt sich nur leider selbst bis aufs Klischeehafteste zusammen.

Wo hochwohllöblich zusammen musiziert wird

Denn es bleibt mit jeder Runde der Drehbühne ein Ringen: der Sparten gegeneinander und des Abends insgesamt mit dem Text. Denn gerade die gesungene Rolle des Robert Walser lässt dessen Sprache derart kümmerlich daherkommen. "Wenn so hochwohllöblich zusammen musiziert wird, braucht es einen aufmerksamen inspirierenden Zuhörer" und ähnliche Sätze sind in Arien gezwängt, was erst inmitten der normal sprechenden Spielpartner richtig beißend wirkt. Todd Boyce singt einen wunderbaren Bariton, doch kann niemand etwas dagegen ausrichten, dass die verschiedenen Tempi, Spielweisen und Humorverständnisse von Oper und Schauspiel auseinanderklaffen.

Zurück bleiben der Schmalspur-Chauvinist Einstein (Gabriel Schneider), ein zunehmend radikaler Lenin mit Notizbuch (David Berger), ein zunehmend idiotischer Walser und ein blasser Klee. Auch um Bern geht es nicht im engeren Sinne, sondern um fragwürdig konstruierte Parallelen und Brüche. Einstein rechnet mit Energie, Lenin mit der Trägheit der Arbeiterklasse, und Klee meint: "Kunst gibt nicht das Sichtbare wieder, sondern Kunst macht sichtbar." Da fuchtelt Todd Boyce schon auf dem Stuhl herum und zwitschert als Singvogel-Walser: "Es gibt keine Formel! Irgend – Nirgend".

DieFormel1 560 Philipp Zinniker uLenins Gattin: Milva Stark als Nadeshda Krupskaja und das Vokalensemble Ardent © Philipp Zinniker

Die Frauenfiguren wurden noch stärker fiktionalisiert und erhalten in drei Traumszenen jeweils eine Sopranistin als Spiegelfigur. Einsteins Gattin Mileva Marić (Mariananda Schempp und Marielle Murphy) etwa, eine der ersten bekannten Physikerinnen, hat Hiroshima-Visionen, woraufhin das Vokalensemble als zombiehafter Chor auftritt. Liliy Stumpf (Irina Wrona und Eleonora Vacchi) hingegen sieht Klee-Gemälde schon auf dem modernen Kunstmarkt verscherbelt, auch für die Auktionsszene steht der Chor bereit. Keine der Frauen kommt wirklich aus der Passivität heraus, zu dritt sitzen sie bei Tee und Kuchen und stöhnen mit zurückdatierter Geschlechterkomik über "die Männer".

Damit Newton, Gudrun Ensslin, Margaret Thatcher und Goethe nun auch noch auftreten können, werden vier Spieler*innen eingespannt, die weitgehend unbeschäftigt bleiben. Man leistet (sich) hier vieles, im Einzelnen ist das meiste, insbesondere die Camerata, auf höchstem Niveau, und doch liegt alles so schief. Als dann noch die Dramaturgie und die Klangmotive zu formelhafter Vorhersehbarkeit verkommen und der Schluss zur Schmonzette, bleibt nicht mehr viel zu grübeln an dieser Rechnung: ein Nullsummenspiel der Sparten.

 

Die Formel. Oder die Erfindung des 20. Jahrhunderts
von Doris Reckewell und Torsten Rasch (Komposition)
Regie: Gerd Heinz, Bühne und Kostüme: Lilot Hegi, Musikalische Leitung: Jonathan Stockhammer, Chorleitung: Patrick Secchiari, Studienleitung: Hans Christoph Bünger, Dramaturgie: Fadrina Arpagaus, Licht: Bernhard Bieri, Maske: Franziska Ambühl.
Mit: David Berger, Todd Boyce, Johanna Dähler, Luka Dimic, Evgenia Grekova, Jonathan Loosli, Marielle Murphy, Lilian Naef, Mariananda Schempp, Gabriel Schneider, Milva Stark, Eleonora Vacchi, Jürg Wisbach, Irina Wrona. Musik: Kammerorchester Camerata Bern, Vokalensemble Ardent.
Dauer: 2 Stunden 20 Minuten, eine Pause

www.konzerttheaterbern.ch

 

Kritikenrundschau

"Die Idee ist bestechend, ihre Umsetzung über weite Strecken gelungen. Einfache, prägnante Bilder auf der Drehbühne erlauben rasche Wechsel vom Bahnhof an die Uni, in Klees Soussol oder zu Einsteins an die Kramgasse", schreibt Peter König in Der Bund (5.3.2018). "Torsten Raschs Partitur – eher Schauspielmusik denn Oper – begleitet die Verwandlungen und die Traumszenen atmosphärisch dicht und stilsicher." Dennoch: Dieser 'Formel' gehe es wie der Weltformel: "Sie will alles aufs Mal – zulasten von Klarheit und Stringenz. Der Eindruck bleibt bei allen Vorzügen der Produktion diffus, weniger wäre mehr gewesen."

"In der Regie von Gerd Heinz verwandelt sich das Libretto in ein doppelbödiges und doppeldeutiges Pandämonium der Wahrnehmungsgeschichte. Mit der Botschaft, dass die Zukunft nicht aus dem Ungeist der abstrakten und herrschsüchtigen Weltformeln kommt, sondern aus dem Lebensgeist der Individuen", so Cornelie Ueding im Deutschlandfunk (4.3.2018). "Dieses 'Mysterienspiel' um Ideen, Erkenntnis, Realität und Verlogenheit des Systemdenkens ist ein Gesamtkunstwerk im besten Sinne, ohne jeglichen Beigeschmack von Pathos und Bedeutsamkeit."

Daniele Muscionico schreibt in der Neuen Zürcher Zeitung (online 6.3.2018, 5:30 Uhr): Bern, das einzige Vierspartenhaus der Schweiz, leiste sich ein "interdisziplinäres Zusammenspiel" von Sprech- und Musiktheater samt Kooperation mit der Camerata Bern und dem Vokalensemble Ardent. Die "künstlerische Erne" sei "erheblich", die Sängerinnen und Sänger "strahlend aufgelegt". Reckewell erinnere mit ihrem Text an die Frauen der großen Männer. Doch vor allem zitiere sie "aus dem grossen europäischen «Who is who» der Umstürzler in Kunst, Gesellschaft und Politik". Figur um Figur trete auf, verkünde "zwei, drei Slogans und Lebensbekenntnisse", und schon verdämmere sie wieder. "Die Formel" leide an "inhaltlichem Überdruck". Hätte der Komponist Torsten Rasch den Text nicht mit dem "erträglichen Mass an Dissonanz" orchestriert und Gerd Heinz nicht "sinnige Bilder" gefunden, wer weiß wo das hinausgegangen wäre.