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Ganz normal wie alle hier

von Reingart Sauppe

Kaiserslautern, 3. März 2018. Nur neun Kilometer Luftlinie liegen zwischen dem Pfalztheater Kaiserslautern und dem Krieg. 9 km trennen das westpfälzische Motortown (die Adam Opel AG produziert hier Dieselmotoren) vom Nato-Luftwaffenhauptquartier mit der Ramstein Air Base. Gleich nebenan werden im größten amerikanischen Lazarett außerhalb der USA verwundete Soldaten aus Afghanistan behandelt. Das amerikanische Militärgelände ist gesichertes Gelände und vom beschaulichen Pfälzerwald und der deutschen Zivilbevölkerung komplett abgeschirmt. Vom Krieg weiß man im benachbarten Kaiserslautern, Spitzname K-Town, genauso wenig wie in Dagenham, dem britischen Motortown, in das Danny vom Irak-Einsatz heimkehrt. In der Westpfalz ist Simon Stephens Kriegsheimkehrerdrama genau am richtigen Platz, denkt man ...

Der britische Soldat Danny ist physisch zwar unversehrt, aber bekommt die Erinnerungen nicht aus dem Kopf: Wie eine Mauer oder wie der Zaun in Ramstein steht der Krieg zwischen ihm und den Daheimgebliebenen. "Ich komm nach Hause und das ist ein völlig fremdes Land", sagt Danny, so wie Wolfgang Borcherts Beckmann, der 1947 "draußen vor der Tür" stand.

Motortown1 560 Joerg Heiek x"Motortown" in K-Town: Ein ganzes Waffenarsenal im Kofferraum - Harry Schäfer und Daniel Mutlu © Jörg Heiek

Der Degenham-Kosmos von Dannys früherer Clique ist in der Inszenierung der jungen Kaiserslauterer Regisseurin Yvonne Kespohl ein echter matt-schwarz lackierter Ford Mustang mit aufgemalten feuerroten Flammen auf der Schnauze, eine Karre, mit der präpotente Dorfdjangos in Trainingshosen und Rennfahrertrikot wie Paul und Tom den Helden spielen. Am Anfang steht das Auto in eine graue Stoffplane gehüllt wie eine Verheißung auf der glänzend schwarzen Bühne: Sozusagen als inkarnierter Vorstadttraum von Männlichkeit und Abenteurertum.

Zurückhaltung statt Zeitbombe

Doch Danny hat ganz andere Träume. Er träumt von Marley (Maike Elena Schmidt), einer gelangweilten blonden Vorstadtzicke, die ihn – vorhersehbar – nicht mehr sehen will und rüde zurückweist. Die Kränkungen, die Danny erst im Krieg und jetzt zuhause erlebt, machen ihn zur tickenden Zeitbombe. Der Zuschauer ahnt davon nichts.

Denn Daniel Mutlu spielt den vom Krieg Gezeichneten so zurückgenommen und distanziert, dass man ihm die inneren Kämpfe, die brennenden Kränkungen, die schrecklichen Erinnerungen an Folter und Misshandlungen kaum glaubt – so beherrscht, rational und abgeklärt wie dieser sympathische junge Mann mit Zöpfchen und Vollbart daherkommt. Er nimmt's, wie's kommt: Ob es die Marmelade zum Frühstück ist oder die Zurückweisung von seiner Marley: Danny schaut auf den Boden, zeigt kaum Emotion. Zu eindimensional inszeniert die Regisseurin Yvonne Kespohl die Entfremdung ihrer Hauptfigur von dieser klischeehaft gezeichneten Welt der Schwadroneure und Möchtegern-Helden.

Jugendstück mit ID-Potential

Als Zuschauer entfremdet man sich leider gleich mit und betrachtet später ebenso distanziert wie erstaunt, mit welcher Selbstverständlichkeit etwa Dannys Kumpel Tom und Paul ein ganzes Waffenarsenal im Kofferraum des Ford Mustangs horten, sie mit scharfer Munition präparieren und dem Ex-Soldaten ohne mit der Wimper zu zucken in die Hand drücken. Als Danny Paul bittet, ihm den Ford Mustang und seine Freundin Jade für einen Ausflug auszuleihen, stutzt der nur kurz und fragt: Brauchst du Munition? Kespohl hält sich an Simon Stephens Textbuch, aber erzählt dem Zuschauer kaum, was zwischen den Zeilen steht.

Motortown3 560 Joerg Heiek xAngy young folks? Oliver Burkia, Nadine Kiesewalter, Daniel Mutlu  © Jörg Heiek

Die rumlabernden "angry young men" erinnern vor allem an allzu harmlose Maulhelden aus Pfälzer Dörfern. Die junge Kaiserslauterer Regisseurin setzt auf Wiedererkennung, macht aus dem vielschichtigen Drama ein Jugendstück mit hohem Identifikationspotential. Schaut her, so normal sieht es bei uns auch aus. So normal wie Danny, dem man selbst, als er die arme Jade quält und mordet, die existenzielle Erschütterung nicht anmerkt. Es ist, als ob die unsichtbare Mauer nicht nur den Kriegsheimkehrer von den Daheimgebliebenen trennt, sondern als ob auch das Theater nur aus der abstrakten Perspektive der Ahnungslosen vom Krieg erzählen kann. So kommt der Abend nur in seltenen Momenten über das Lehrstückhafte hinaus. Etwa in den Begegnungen zwischen Danny und seinem leicht autistischen, menschlich unverstellten Bruder Lee, den Luca Zahn sensibel und glaubwürdig spielt.

Als Danny den Bruder, seinen einzig treuen Verbündete im verpfuschten Leben, zum Schluss mit aller Gewalt an sich drückt und küsst, spürt der Zuschauer für einen kurzen Moment die abgrundtiefe Verzweiflung dieser Figur, dem die Gefühle abhanden gekommen sind. Wie zwei Gezeichnete, die sich in einem Leben, in dem sie beider draußen vor der Tür stehen, fest aneinanderklammern. Hier hätte der Abend beginnen können....

 

Motortown
von Simon Stephens
Deutsch von Barbara Christ
Regie: Yvonne Kespohl, Bühne und Kostüme: Mariam Haas und Lydia Huller, Dramaturgie: Melanie Pollmann.
Mit: Luca Zahn, Daniel Mutlu, Maike Elena Schmidt, Harry Schäfer, Oliver Burkia, Nadine Kiesewalter, Stefan Kiefer, Hannelore Bähr.
Dauer: 1 Stunde 30 Minuten, keine Pause

www.pfalztheater.de

 

Kritikenrundschau

Yvonne Kespohl erzähle "die Geschichte flüssig in eineinhalb Stunden". Die Bühne-auf-Bühne-Einrichtung bringe Unmittelbarkeit, schreibt Fabian Lovisa in der Rheinpfalz (5.3.2018). Schauspielerisch liefere Luca Zahn "die Glanzleistung des Abends".