Die vereinigte Fußgängerzone

von Esther Slevogt

7. März 2018. Die Geschichte der sogenannten deutschen Einheit ist auch so eine Geschichte aus dem bürgerlichen Heldenleben. Zumindest, wenn man sie (und ihren aktuellen Zustand) ganz sternheimsch liest: als Folge von Verdrängung und Kleingeist, die das Personal der Sternheim-Stücke stets so deformieren, dass man über sie lachen würde, wenn sie und ihre Geschichten nicht so zum Weinen wären.

Schöner-Wohnen-Träume der Oligarchen

Und wie sonst soll man fast dreißig Jahre nach der Wende den herrschenden Umgang mit der DDR-Geschichte hierzulande deuten? Wenn beispielsweise die Stadt Potsdam in ein historisches Disneyland verwandelt wird, frei nach dem Joachim-Meyerhoff-Motto "Wann wird es endlich wieder so, wie es nie war?" – Freilich ist dieser so federleicht formulierte Satz (der auch der Titel eines autobiografischen Romans ist) viel zu schade für den eher traurigen Vorgang, dass sich eine Handvoll westdeutscher Oligarchen der Stadt und ihrer Geschichte bemächtigt hat. Und für deren Schöner-Wohnen-im-alten-Preußen-Traum trotz nachhaltiger Proteste noch immer wertvolle Architektur der DDR-Moderne abgerissen wird, aktuell die Fachhochschule am Alten Markt, die immerhin auf einem Entwurf von Mies van der Rohe beruht.

kolumne 2p slevogtDafür gab es im neuerbauten Museum Barberini gegenüber (dessen Vorgängerbau schon der Alte Fritz hier dereinst als lieblose Kopie eines römischen Originals hinklotzen ließ, und dem 1945 ein Bombenangriff den Garaus machte), im vergangenen Herbst/Winter eine Ausstellung, die unter der Überschrift Hinter der Maske Kunst aus der DDR präsentierte. Da waren Werke sogenannter DDR-(Staats)kunst ausgestellt, die angeblich "Hinter der Maske" entstanden waren, selbst wenn es sich um offen ausgetragene Auseinandersetzungen mit der DDR (und aus der Position einer grundsätzlichen Loyalität mit dem Staat heraus) von Künstlern wie Bernhard Heisig handelte. Die Bildunterschriften waren mit ihren übergestülpten Interpretationen und Lesarten der Werke zum Teil so hanebüchen und ideologisch vergiftet, dass es auch einer Westsozialisierten wie mir erst die Schames-, aber bald auch die Zornesröte ins Gesicht trieb. Denn die DDR-Geschichte ist auch ein Teil meiner Geschichte, mit der ich gerne wiedervereinigt worden wäre. Stattdessen wurde die beschränkte westdeutsche Sicht einfach dem ganzen Land übergestülpt.

Quadratisch, praktisch, geschichtslos

Ein sprechender Ausdruck dafür ist auch die spreeseitige Fassade des Humboldtforums, als das das einstige Stadtschloss aktuell wieder aufgebaut wird: wie sie da so tot Richtung Alexanderplatz glotzt. Der spreeseitige Teil des Schlosses war einst der älteste und verwunschenste des Vorgängerbaus. Quasi der Nukleus, aus dem heraus sich der Restbau in Jahrhunderten entwickelt hat. Jetzt sieht das hier nach Bauen aus der Retorte aus, wie überall in Berlin: quadratisch, praktisch, geschichtslos. An den Palast der Republik, der hier auch einmal stand, und dessen Entstehungsgeschichte auch Teil der Geschichte dieses Landes ist, erinnert rein gar nichts mehr. Die monumentalen Gemälde, die zu seiner Kunstausstattung gehörten, dem von keinem geringeren als Fritz Cremer kuratierten Zyklus "Dürfen Kommunisten träumen?" waren übrigens auch in der Potsdamer DDR-Kunst-aus-dem-Giftschrank-Ausstellung zu sehen. Statt in der Nationalgalerie lagern diese hochkarätigen Werke von Künstlern wie Werner Tübke, Willi Sitte, Wolfgang Mattheuer, Bernhard Heisig oder Walter Womacka übrigens sonst in den Magazinen des Deutschen Historischen Museums. (Hauptwerke Womackas, drei großformatige Wandbilder im einstigen DDR-Außenministerium gegenüber des Schlossplatzes, wurden beim Abriss des Gebäudes einfach mitzerstört).

Ostpakete

Als Westkind im geteilten Deutschland aufgewachsen, stellte ich mir die deutsch-deutschen Angelegenheiten immer etwas wie Erich Kästners Geschichte vom "Doppelten Lottchen" vor. Später dachte ich, dass Deutschland in eine Ostzone und eine Fußgängerzone geteilt worden ist. Auch die erste westdeutsche Fußgängerzone wurde schließlich an einem 9. November eröffnet, am 9. 11. 1953 in Kassel. Ja. Dabei wurde das DDR-Bild meiner Kindheit wesentlich auch von der Tatsache geprägt, dass die beste Freundin meiner Mutter kurz vor dem Bau der Mauer in die DDR gegangen und dort Regisseurin geworden war. Bei ihren Besuchen im Westen (wo ihre Mutter und ihre Schwestern noch immer lebten) begegnete dem Kind, das ich damals war, eine freie und unangepasste Frau, die mir ganz andere Horizonte aufriss. Auch die westdeutsche Beschaulichkeit meiner Familie wurde zur Weihnachtszeit lange durch Ostpakete aufgemischt, in denen sich Schallplatten und Bücher befanden, einmal auch "Die Geschichte der Bolschewiki. Kurzer Lehrgang". "Zur Weiterführung der Diskussion – als Stärkung gedacht", hatte die Freundin meiner Mutter als Widmung hineingeschrieben, in das Buch ebenso wie in ihr beengtes westdeutsches Leben als Ehefrau eines Mannes, der im Gegensatz zu ihr Karriere gemacht hatte. Was natürlich auch nur eine Seite der Medaille ist. Und trotzdem ist die reformierende und durchlüftende Wirkung der DDR (bzw. der emanzipatorischen Ideen, die sie neben dem SED-Mief ebenfalls prägten) auf die BRD in weiten Teilen unerkannt. Da muss man gar nicht erst den im brandenburgischen Luckenwalde geborenen und aufgewachsenen Rudi Dutschke bemühen, der in der DDR nicht studieren durfte und deswegen nach Westberlin an die Freie Universität gegangen ist.

 

Esther Slevogt ist Redakteurin und Mitgründerin von nachtkritik.de und außerdem Miterfinderin und Kuratorin der Konferenz Theater & Netz. In ihrer Kolumne Aus dem bürgerlichen Heldenleben untersucht sie: Was ist eigentlich mit der bürgerlichen Öffentlichkeit und ihren Repräsentationspraktiken passiert?

 

Zuletzt fragte Esther Slevogt in ihrer Kolumne, ob Kunst wirklich frei ist oder nicht doch Zwecken dient.

 

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