Die blinde Seherin

von Christian Rakow

Zürich, 8. März 2018. Donald Trump also. Der Twitterkanonier, der Pussy-Grabber, der Schuldenmacher, der Baulöwe, der Entertainment-Clown, der alle-wissen-schon-Bescheid-Larry, jedenfalls das stabilste Genie unter der Abendsonne der Vernunft. Trump also. Da dachte man nun nicht, dass es zu dem auch noch ein Theaterstück braucht.

Wo Trump ja schon selbst alles und jedes in Schmieren-Komödie verwandelt, in einen Karneval des Nebensinns, in unverfrorene Dumpfbackigkeit, die immer noch am besten taugt, um handfeste politische Interessen zu kaschieren. Und nun Elfriede Jelinek. Die bürgt mit ihrer Aufschrei-Kunst, mit ihrer Wort-Tümmelei, mit ihrem Faible für Accessoires und Assoziationen nun auch nicht gerade für das Maß an diskursiver Abkühlung, das in Sachen Trump Not tut.

Reise in die Finsternis

Dann aber kam der Oktober und mit ihm die Uraufführung von Am Königsweg durch Falk Richter in Hamburg. Und der erwartet wortungetümliche Text von Jelinek wurde beballert, man kann es nicht anders sagen: mit exzessiven Video-Collagen, mit Glanzsolos, mit Burleske, mit Improvisationen, mit wütenden und leisen Reflexionen. Und mit einem Mal begann sich der Text zu weiten. Und man meinte, nicht mehr nur Trump darin zu finden, sondern den ganzen Kosmos, dem er, den der Text nur "der König" nennt, als Phänomen entstammt: dem Kultus des Sündenbocks, dem Herrschaftsanspruch des Patriarchats, dem Königsdenken bis hinab zu Ödipus, zu Abraham und Isaak, zu Gott. Eine Reise in die Finsternis des autoritären Denkens. Das alles steckt bei Jelinek schon drin, aber man muss es auch bergen.

AmKoenigsweg1 560 TanjaDorendorf TTFotografie uD'accord ist der Chor. Bühne: Barbara Ehnes, Kostüme: Annabelle Witt
© Tanja Dorendorf / T+T Fotografie

Jetzt steht die Schweizer Erstaufführung im Pfauen des Zürcher Schauspielhauses durch Stefan Pucher an. Und man kann es vorwegnehmen: Die Unternehmung fällt eine ganze Ecke kleinformatiger aus. Nicht nur, weil der Abend mit rund zwei Stunden Spieldauer etwa halb so lang ist. Er hält sich in einem vergleichsweise engen Raster der Textdarbietung und fokussiert stärker auf Trump als auf die mythische Begleitmusik.

Sechs tolle Sprecherinnen hat Pucher versammelt: Sandra Gerling, Henrike Johanna Jörissen, Isabelle Menke, Elisa Plüss, Miriam Maertens und Julia Kreusch. Sie starten in Gutbürgermädchenkleidern, mit porzellanweißen Gesichtern und Jelinek-Zopffrisuren (nicht zuletzt, weil die Autorin sich und ihr Schreiben in dieser Anti-Trumpiade ausgiebig selbst bespiegelt). Sie finden sich zum Chor (traumwandlerisch präzise einstudiert von Christine Gross) und treten für kleine Soli auseinander. Kostümbildnerin Annabelle Witt steckt die sechs in wechselnde Prachtroben oder auch Ku-Klux-Klan-Kapuzen, lässt sie mit Grand-Guignol-Puppen hantieren und mit – von Jelinek gewünschten – Muppet-Köpfen. Mitunter sind die Mundwinkel wie bei Batmans Joker grauselig verlängert. Biss will trotzdem nicht aufkommen.

Kalauerseligkeit

Eher schon eine behagliche Heiterkeit, wenn die Frauen mit angeklebten Bärten die Erzählungen von Abraham und Isaak im Video meistern. Momenthaft verdichten sich Szenen, wenn Julia Kreusch aus einer Galerie voll Melania-Trump-Bilder mit Bacon-haft deformierten Mündern und Augen zur Selbstbeschreibung der Dichterin Jelinek überleitet: "Obwohl mein Lebensfaden immer kürzer wird, bin schon froh, wenn ihn keiner abschneidet, jedenfalls nicht, bevor er vernäht ist, es soll ja keiner auftrennen, was ich an Worten aneinandergefügt habe." Aber das existenzielle Timbre, das diesem Text der alternden Poetin bei aller Kalauerseligkeit innewohnt, verfliegt schnell.

AmKoenigsweg3 560 TanjaDorendorf TTFotografie uSie sorgen für den Soundtrack des Abends: Réka Csiszér und Becky Lee Walters
© Tanja Dorendorf / T+T Fotografie

Guten Drive steuern vor allem die Live-Musikerinnen Becky Lee Walters und Réka Csiszér bei, mit ihrem drängenden Elektro-Indie, der irgendwo zwischen dem frühen Vince Clark und The Long Blondes surft. Die Videos von Chris Kondek, die durch die Polit-Puppenstube wehen, verpflichten sich der Bildlichkeit des Trump-Amerikas: Baustellen, Schießereien, Jung-Nazis, dazu Ansichten der Klimakatastrophe. Sie flackern über eine riesige Pupille, die die Bühne von Barbara Ehnes dominiert. Es ist die Pupille der blinden Seherin, als die sich Jelinek im Text anspricht. Alles gut gedacht, solide gemacht. Und lau. Einmal sagt Isabelle Menke: "Ich pudle mich als diese geheimnisvolle Retterin auf, die Menschen krank macht, um sie anschließend zu heilen, was ich aber verweigern würde." Man versteht es als Credo der Dichterin Jelinek, ein Kokettieren mit der Katharsis als letztem Ziel ihrer Diskursschwallkunst. Allein, so richtig krank haben sie uns heute nicht gemacht. Und also auch so richtig nicht geheilt. Noch es verweigert.

 

Am Königsweg
von Elfriede Jelinek
Schweizer Erstaufführung
Regie: Stefan Pucher, Bühne: Barbara Ehnes, Kostüme und Puppen: Annabelle Witt, Musikalische Leitung: Christopher Uhe, Video: Chris Kondek, Licht: Frank Bittermann, Chorleitung: Christine Gross, Puppentraining: Dorothee Metz, Dramaturgie: Andreas Karlaganis, Regieassistenz: Marco Milling, Bühnenbildassistenz: Sandra Antille, Kostümassistenz: Selina Tholl, Videoassistenz: Ruth Stofer, Dramaturgieassistenz: Benjamin Große, Regiehospitanz, Linda Etter, Mirjam Berger, Soufflage: János Stefan Buchwardt, Inspizienz: Michael Durrer.
Mit: Sandra Gerling, Henrike Johanna Jörissen, Isabelle Menke, Elisa Plüss, Miriam Maertens, Julia Kreusch sowie den Live-Musikerinnen: Becky Lee Walters und Réka Csiszér.
Dauer: 2 Stunden, keine Pause

www.schauspielhaus.ch

 

Kritikenrundschau

Um täglich Trump müsse man nicht bitten, aber wenn Jelinek ihn uns gibt, "lohnt es sich, noch einmal genau hinzuhören", so Alexandra Kedves im Tagesanzeiger (10.3.2018). "Jedenfalls dann, wenn der Regisseur Stefan Pucher ins Textgewucher von 'Am Königsweg' hineinkriecht und daraus eine zweistündige Lichtung freischlägt." In der wirke "das Dunkle unserer Zeit noch schwärzer und abgründiger". Das Theater leuchte heller. "Sechs starken Schauspielerinnen zwischen 29 und 54 Jahren, von denen keine der anderen die Schau stiehlt; und zwei starke Musikerinnen (...). Man traut sich kaum, es zu formulieren: Aber was unter der Ägide eines deutschen, weissen Mittfünfzigers am Weltfrauentag zur schweizerischen Erstaufführung kam, hat Frauenpower. Weiberwiehern." Pucher habe allerdings so viele sinnige Einfälle, "dass die Chose gegen Ende abfällt."

Die ist Jelineks vielleicht "pessimistischster, weil ihr persönlichster – und darum auch distanz- und kraftlosester Text", so Daniele Muscionico in der Neuen Zürcher Zeitung (10.3.2018). Die Trump-Abrechnung sei nicht das Stück, als das man es leichthin nehme, Pucher lasse den Spaß explodieren "und zeigt das eigentliche Drama – es ist die Ohnmacht der Autorin". Jelinek behandele Trump, "als eines der Phänomene, welchen seit je ihr Interesse gilt: Krieg, Körper und andere Katastrophen, die über Menschen hereinbrechen wie eine zweite, böse Natur". Die Macht, die Pucher ins Zentrum setze, trage das blutige Grinsen des "Joker" aus "Batman". Bis zu Momenten des Innehaltens sei "Königsweg", und "vor allem ist er recht beschwerlich, weil allzeit spassbereit".

Valeria Heintges schreibt in der Luzerner Zeitung (10.3.2018), es gehe Elfriede Jelinek weniger um den Menschen Donald Trump, dessen Namen nicht genannt werde, als "um die Bedingungen, das Phänomen, das ihn an diesen Platz gebracht hat" und um die Frage, "was in Zukunft aus dem Hass, der Gewalt wird, die er sät". Jelinek wünsche sich "Figuren aus der Muppet Show" und Pucher und die Seinen erfüllten den Wunsch und reicherten das Ganze an mit allerlei Zutaten an, darunter die Figur der Elfriede Jelinek selbst, die zudem verfünffacht werde, für einen Chor, der düsteren Prognosen. Das Frauenensemble zeige seine "hohe Sprech- und Spielkunst", der Abend werde zum "großen Zuschauerspaß", anspruchsvoll, aber "überaus mitreißend" und "bedenkenswert".

 

 

 

 

 
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