Die öffentliche Frau und die Aufklärung

10. März 2018. In der Frankfurter Allgemeinen Zeitung schreibt der Heidelberger Romanist Gerhard Poppenberg (leider hinter der Pay Wall) über Theater, Affektpolitik und die Rolle der öffentlichen Frau. Wir geben ein paar Ausrisse von Poppenbergs Gedankengängen.

Von den Römern zu Rousseau

Die römische Antike, schreibt Poppenberg, habe Schauspielerinnen den Prostituierten gleichgestellt, bar jeglicher bürgerlicher Ehrenrechte. Eine Gleichsetzung die "topisch" sei für die nächsten zweitausend Jahre.
Theater sei für die Gesellschaft schädlich, habe es in der "Kirchenväterzeit" geheißen. Das sei in der frühen Neuzeit wieder aufgegriffen worden. Es gehe dabei um die "Moralität des Theaters", etwas das "den öffentlichen Raum und dessen sittliche Ordnung" betreffe.

Rousseau behaupte in direkter Nachfolge zu Tertullian Theater sei eine "Schule aller Schändlichkeiten". Besonders Frauen und Mädchen ahmten nach, was im Theater vorgemacht werde und das gefährde ihre "Sittlichkeit". "Es scheint, dass die sittliche Ordnung sehr viel mit den Frauen und deren Verhältnis zum Theater zu tun hat".

Die Schauspielerin und die Hure seien "Gestalten der öffentlichen Frau". Dass eine Frau im öffentlichen Raum als Hure gelte, habe Madonna reflektiert, indem sie es inszeniert habe.

Der schlechte Gebrauch der Leidenschaften

Beim Theater gehe es um in Gang gesetzte Gefühle. Es gehe um "den guten oder schlechten Gebrauch der Leidenschaften und der Lüste im öffentlichen Raum". Bei Aristoteles löse das Drama eine Entladung, eine Katharsis aus. Die Gegner des Theaters glaubten, "die Stücke regten die Leidenschaften überhaupt erst an". Entscheidend dabei: Theater stelle Gefühle im "öffentlichen Raum" dar. Sie gehörten aber zum Privatleben der Menschen. Indem sie Gefühle in die Öffentlichkeit trügen, machten Theater die Grenze von Privatem und Politischem durchlässig.

Rousseau habe die Darstellung der Leidenschaften im Theater kritisiert. Er habe auf "die dramatische Struktur des neuzeitlichen Theaters" gezielt, das die Liebesintrige als tragendes Moment der Handlung eingeführt habe. Die Liebe sei aber "das Reich der Frauen". So würden Frauen "zu Lehrern des Publikums". Was sich in der Öffentlichkeit schlicht nicht gehöre. So würde die Frau ja eine öffentliche Frau und also eine Hure.

Die öffentliche Frau

Alles nur olle Kamellen? Nicht unbedingt.

Gibt es überhaupt eine positive Rolle für die öffentliche Frau fragt Gerhard Poppenberg weiter. Und antwortet: Weil das "Modell der öffentlichen Person" bis heute der Mann sei, hätten sich Frauen, "wenn sie in die Sphäre der öffentlichen Macht vorgedrungen waren", weitgehend "entsexualisiert", von den englischen Königinnen bis zu Angela Merkel.

Für die Alten sei die "Sittlichkeit der Frau" keine Sache der "öffentlichen Erörterung" gewesen, deshalb musste die Frau verhüllt sein. "Unser öffentlicher Raum dagegen sei "emotionalisiert, sexualisiert und pornographisiert" worden. Der "Inbegriff unserer Kultur im Feld der Affektpolitik" sei die unverschleierte, "tendenziell nackte" Frau.

Die Vorstellung, dass ein Übergriff auf die öffentlichen Frau allenfalls ein "Kavaliersdelikt" sei, gehöre ins Feld des öffentlichen Bild der "infamis femina", der Frau ohne Ruf, der Prostituierten und der Schauspielerin, der öffentlichen Frau.

Was komisch ist

Die Debatte um die Sittlichkeit des Theaters handele "von einer Politik der Affekte". Das Theater setze "Gefühle in Szene" und setze sie so "frei", mache sie "öffentlich und politisch". Während im bürgerlichen Trauerspiel das "Unglück der verfolgten Unschuld zu Tränen" rühre, wendeten die Liebeskomödien des 18. Jahrhunderts die Katastrophe ins Komische. Und am Ende sei die entscheidende Frage, "ob es wirklich komisch ist, wenn eine Frau sich vor dem Übergriff eines Mannes zu bewahren versucht; genauer: was es für den Begriff des Komischen, den Geschmack des Publikums und dessen Gebrauch der Lüste bedeutet, wenn das komisch ist."

(FAZ / jnm)

 
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