Auf keiner Seite des Flusses

von Sarah Heppekausen 

Düsseldorf, 19. Juni 2008. Der Vorhang öffnet sich nicht auf der Bühne, sondern vor den Publikumsreihen. Erst dann dürfen die Zuschauer Platz nehmen und sind schon längst Teil der Inszenierung, als Voyeure, denn sie sitzen auf der anderen Seite von Belly und Moth. Die beiden Teenager verbringen die meiste Zeit der deutschen Erstaufführung (in Originalsprache) von Sheila Callaghans "We are not these Hands" im Auto.

Der alte amerikanische Straßenkreuzer parkt mitten auf der weiten Bühnenfläche in der Alten Paketpost. Die zukünftige neue Produktionsstätte des Düsseldorfer Schauspielhauses ist eigentlich noch eine Baustelle, an diesem Wochenende aber dient sie als Spiel- und Handlungsraum des deutsch-amerikanischen Festivals Gimme Shelter. Ein charmanter Ort zwischen halbverputzten Wänden, zusammengetragenen Secondhand-Sesseln vor der Shelter-Bar und Dixie-Klos im Hof.

Wie Belly und Moth in das Auto kommen, ist nicht ganz klar. Diese motorisierten Aushängeschilder der kapitalistischen Gesellschaft gehören doch wohl eher auf die andere Seite des Flusses, von der die zwei Mädchen nur träumen können. Sie selbst hausen im Dreck, Geld für Kaffee, Zigaretten oder Bananen gibt es höchstens in ihren Träumen und die speisen sich aus den bunten Bildern im Internet.

Keine Drucker, keine Heizung, keine Spülung

Zwei Welten beschreibt die 35-jährige New Yorker Autorin Sheila Callaghan, die Trennung von Arm und Reich wäre wohl eine unzulängliche Definition ihrer subversiven Sozialstudie, auch wenn die meisten Ungleichheiten am Ende auf diesen banalen Unterschied hinauslaufen. Auf dieser Seite des Flusses gibt es keine Drucker, keine Heizung, die Leute spucken überall hin und den Toiletten fehlt die Spülung. Belly und Moth tragen zerrissene weite T-Shirts, abgeschnittene Hosen und keine Schuhe. Drüben muss es doch besser sein.

Wenn der amerikanische Regisseur Daniel Fish die beiden in diesem amerikanischen Straßenkreuzer ihre Träume erzählen lässt, vermengt er die Welten. Aber das Auto bewegt sich nicht. Und ein immobiles Fahrzeug entpuppt sich wohl eher als Gefängnis denn als Fortbewegungsmittel. Eigentlich ist das Auto auch gar kein Auto, es ist ein Internetcafé, ein Hotel, mal ein Innen, mal ein Außen. Und so entlarvt Fish die ideale Vision von der anderen Seite schnell als Luftschloss – zu schnell, auch wenn er den Schauspielern zu Callaghans humorvoller, manchmal sogar absurder Sprache eine weitere, teils bizarre Spielmöglichkeit anbietet.

Denn die Schauspieler werden im Inneren des Autos von einer Handkamera gefilmt, die Bilder im Großformat auf die Bühnenrückwand projiziert. Und wenn sich Suzy Jane Junt und Lisa Joyce als Belly und Moth ihre BHs mit Papier ausfüllen, ihre Kussmünder mit Schokolade als Lippenstiftersatz einschmieren und Blowjobs imitieren, wird die Nahaufnahme zu einem expressiven Gestaltungsmittel. Aber Auto und Kamera liefern zu viel eindeutige Interpretation. Die zwei Teenager erleben die einzige bunte Abwechslung vom trüben Alltag im Internet. Das sagt der Text. Die Kamera der Regie doppelt die Szenen und nimmt ihnen so ihre Wirkung.

Stierende Blicke auf einen schlanken Hals

Anders bei Leather, der dritten Figur in "We are not these Hands". Er kommt von der anderen Seite des Flusses, will für sein neues Buch empirische Studien betreiben und heißt eigentlich Philipp. Aber weil seine Ledertasche für Belly und Moth ein derartiger Fremdkörper in ihrer Welt ist, nennen sie ihn kurzerhand Leather.

Michael Rudko zeigt den erfolglosen Gelehrten mit Mutterkomplex als verunsicherten, stotternden, älteren Mann, der in der Beziehung zur kindlichen Moth seine Liebeswünsche erfüllt sieht. Hier machen Kamera und Auto Sinn. Rudkos Spiel verleihen sie eine Brüchigkeit, die der Figur neue Facetten abgewinnt. Sein stierender Blick auf Moths schlanken Hals wird in der Großaufnahme zu einem dieser Pornos, mit denen sich die Mädchen die Zeit vertreiben und die Leather so abstoßend findet.

Leather ist der Mann, der Belly und Moth auf die andere, die reiche Seite bringen soll. Kurz vor ihrem Ziel beginnen die Bagger und Presslufthammer ihre ohrenbetäubende Arbeit, um auch die Menschen diesseits des Flusses mit einer ordentlichen Wasserversorgung auszustatten. Der Regisseur spielt wie schon zu Beginn der Inszenierung den Song "Fake Empire" von The National ein. Es wird sich nichts ändern: Realität und Ideal passen eben nicht zusammen. Auf keiner Seite des Flusses.

 

We are not these Hands
von Sheila Callaghan (in Originalsprache)
Regie: Daniel Fish, Bühne: Frank-Tilmann Otto, Kostüme: Kati Kolb, Video: Kai Gussek.
Mit: Susy Jane Hunt, Lisa Joyce und Michael Rudko.

German Theater Abroad
www.duesseldorfer-schauspielhaus.de

 

 
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