Ein neuer Kuchen

14. März 2018. In der Süddeutschen Zeitung (online 13.3.2018, 18:58 Uhr) schreibt Christine Dössel über das Treffen der Theatermacherinnen in Bonn, Burning Issues.

Wendepunkt

Es sei nicht wirklich das "erste" Frauentreffen dieser Art, habe Nicola Bramkamp bei ihrer Begrüßung gleich unumwunden zugestanden. Aber nach #MeToo und dem Offenen Brief der Mitarbeiterinnen des Burgtheaters zum Machtmissbrauch von Intendanten habe es gegolten, die Welle zu surfen.

Bramkamp und Lisa Jopt, die Initiatorinnen, hätten gespürt, "dass wir an einem Wendepunkt der Frauenbewegung stehen". Viele der "jahrzehntelang diskutierten Forderungen" wie die "nach gleicher Bezahlung von Männern und Frauen, Vereinbarkeit von Familie und Beruf oder nach mehr Frauen in Führungspositionen" seien inzwischen "gesellschaftlicher Konsens". Nur im Theater gebe es kaum Fortschritte. Die "Analysephase" sei vorbei.

Gender Pay Gap

Zum Stichwort "Ungleiche Bezahlung" habe Bramkamp berichtet, als sie vor fünf Jahren als Schauspielchefin in Bonn angetreten sei, seien Frauen "grundsätzlich schlechter bezahlt" worden als Männer. "Fast 1000 Euro Unterschied bei einer 40-jährigen Schauspielerin im Vergleich zu einem gleichaltrigen Mann." Um das zu ändern, habe Bramkamp eine Stelle abbauen müssen. Denn mehr Geld gab es nicht. "Extrem" sei das "Gehaltsgefälle zwischen Bühnenbildnern (meist männlich) und Kostümbildnern (meist weiblich)". Deutschland sei "europäisches Schlusslicht bei der gleichen Bezahlung von Männern und Frauen im Kulturbereich".

Quote

Angelika Zacek und France Damian vom Verein Pro Quote Bühne hätten eine 50-Prozent-Quote in allen Bereichen gefordert. "Transparenz bezüglich der Mittel, Männergagen für alle, paritätische Besetzung von Kommissionen". Die Regisseurin Anna Bergmann werde, wenn sie im Herbst ihr Amt als Schauspieldirektorin in Karlsruhe antritt, "ausschließlich mit weiblichen Regiekräften arbeiten".

Bramkamp hatte in ihrer Eröffnungsrede berichtet, so Dössel, dass sie in einem Vorstellungsgespräch gefragt worden sei, "ob sie noch ein zweites Kind wolle". Weil der Job, für den sie sich beworben habe "mit Kind und Schwangerschaft nicht zu wuppen" sei. "Der Intendant, der sie das fragte - und sie nicht nahm -, war selber mehrfacher Vater."

Für "einen Betreuungszuschuss für Frauen mit Familie" habe Yvonne Büdenhölzer, die Leiterin des Berliner Theatertreffens plädiert.

Unter den Regisseurinnen, so Büdenhölzer, gäbe es "mehr Handwerkerinnen" als "Künstlerinnen mit markanten Handschriften", Männer seien die größeren "Behaupter", Frauen sehr viel kritischer mit sich selbst. Aber letztlich sei die geringe Zahl der Regisseurinnen ein strukturelles Problem.

#MeToo

Auffallend sei gewesen, so Dössel, wie wenig von sexuellen Übergriffen und derlei die Rede gewesen sei. Schauspielerinnen berichteten, dass die Debatten das System noch nicht so verändert hätten, dass man offen reden könne. Schon gar nicht würden Namen genannt. Die Gefahr, als "hysterisch, zickig und systemschädigend" hingestellt zu werden, sei eminent. Die Machtfülle von Intendanten sei nach wie vor gewaltig und die Schauspieler stünden "jederzeit auf der Abschussliste", es gebe "keinen ausreichenden Schutz".

Immerhin gebe es mittlerweile eine "verschärfte Wahrnehmung", eine "andere Gesprächskultur".

(jnm)

 

 
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