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Sturm, Drang und Pop

von Alexander Jürgs

Kassel, 17. März 2018. Nacheinander treten sie auf die Bühne, in Ballkleidern aus weißem Tüll, hinter ihnen eine Wand aus riesigen Luftballons. Lysander, Demetrius, Hermia und Helena. Sie treten ans Mikrofon, hauchen "Ich liebe dich" in den Zuschauerraum, stellen sich als Band auf, greifen zu Bass, Gitarre, Schlagzeug und stimmen die Schnulze von Chris Isaak an. Spielen den Song so, als wären sie die Band von Liz Phair, Kim Deal oder Kathleen Hanna. Laut, krachend, voller Kraft. "No, I don't want to fall in love, no, I don't want to fall in love with you."

Psychedelischer Trip

Und so stark, wie es anfängt, bleibt es auch. Alles ist Dringlichkeit in dieser Inszenierung, alles ist Sturm, Drang und Pop. Die Bilder sind stark, das Tempo ist hoch, es wird viel geflucht und mit Matsch geworfen. Wenn Puck, gespielt von Maria Munkert, die auch mal wie Gollum aus "Der Herr der Ringe" über die Bühne streift, den Zauberblumennektar verteilt, dann regnet es silbernes Konfetti. Wenn aus der Wand aus Luftballons eine zart wippende, orange angeleuchtete Luftballonhöhle wird, dann erscheint die Bühne plötzlich wie eine von Verner Panton erfundene Landschaft.

Ein Sommernachtstraum 1 560 N Klinger uEine Landschaft wie von Verner Panton: die Bühne von Daniel Riskamp. Vorn Eva Maria Keller
© N Klinger

Helena, erst kühle Göre, dann verunsichertes Nervenbündel, klaubt die Zigaretten aus dem Dekolletee, Oberon und Titania tragen schrille Op-Art-Klamotten, die Hochzeitsgesellschaft stolpert zu Elektrobeats über die Bühne. Immer wieder greifen die Darsteller zu den Instrumenten. Chris Isaaks "Wicked Game" zieht sich, mal punkig, mal indierockig, mal gesummt, als Motiv durch den Abend. Der "Sommernachtstraum", den Laura Linnenbaum, Jahrgang 1986, am Kasseler Staatstheater inszeniert, wirkt oft wie ein psychedelischer Trip.

Schlachtfeld der Begierde

Aber er ist auch schreiend komisch, nimmt die Gattungsbezeichnung Komödie überernst. Vor allem wenn Zimmermann Squenz und seine Truppe ihr Stück für die Hochzeit von Theseus und Hippolyta proben, schreckt die Inszenierung vor Kalauern und derbem Humor nicht zurück. Wie der übereifrige Teilnehmer einer Castingshow wirkt dabei der Weber Zettel, gespielt von Konstantin Marsch, der am liebsten jede einzelne Rolle selbst übernehmen will.

Überzeichnet wird aber auch der Streit, der zwischen Hermia und Helena ausbricht, nachdem Pucks Zauberstaub seine Wirkung entfalten konnte und die jungen Höflinge Demetrius und Lysander sich plötzlich nicht mehr nach Hermia, sondern nach Helena verzehren. In ihre Fluchrede fallen zwar auch die Shakespeareschen Schimpfwörter "Liebeselster", "Hochstaplerin" und "Püppchen", doch Linnenbaums Hermia kann noch viel deftiger. "Flachtitte", "Bulimieopfer", "Fickfehler" beschimpft sie ihre Freundin Helena. "Hau ab, du Missgeburt, hau ab, du fette Fotze." Wie Rahel Weiss diese Furie gibt, wie sie sich in die Wut hineinsteigert, wie sie flucht und auf den Boden stampft, das ist schwer beeindruckend. Überhaupt bleibt in dieser Inszenierung vom Liebesverwirrspiel des "Sommernachtstraums" wenig übrig. Die Begierde endet hier auf dem Schlachtfeld.

Ein Sommernachtstraum 2 560 N Klinger uKalter Matsch und heiße Küsse: Konstantin Marsch (Zettel), Eva-Maria Keller (Titania) © N Klinger

Dieser Mut zur Drastik, zur Hysterie macht Linnenbaums "Sommernachtstraum" so stark. Indem sie alles Schräge und Skurrile darin so intensiv auskostet, macht die Regisseurin deutlich, was für ein wunderbar-überdrehtes Stück dieser rauf und runter gespielte Klassiker noch immer ist. Mit ihrer auf den ersten Blick unklassischen Inszenierung des Stücks, vom britischen Nationaldichter ursprünglich für eine Adelshochzeit verfasst, dürfte Linnenbaum dessen Kern wohl deutlich näher kommen als jede bedacht "werktreue" Fassung.

"Ach, du Scheiße!"

Am Ende steht der Auftritt der Handwerkertruppe. Der Blasebalgflicker Flaut stolziert als Thisbe über die mittlerweile reichlich verwüstete Bühne, verrenkt sich ungelenk in seinem Bemühen, besonders "weiblich" zu erscheinen. Zettel verausgabt sich als ihr Geliebter Pyramus völlig. Als seine Figur stirbt, zieht er – "Ach, du Scheiße" brüllend – stoßweise ein rotes Band aus dem weißen Hemd. Grotesker und komischer kann ein Bühnentod kaum wirken. Gestorben liegen Pyramus und Thisbe nebeneinander, es ist ihr Romeo-und-Julia-Moment. Die Auflösung, die Schlussreden sind gestrichen. "Erklär mir die Liebe, erklär mir die Liebe", fleht Puck. Am anderen Ende der Bühne steht ein Kind mit silbernem Haar. Aus dem Traum kommt hier keiner mehr raus.

 

Ein Sommernachtstraum
von William Shakespeare 
Deutsch von Frank Günther
Inszenierung: Laura Linnenbaum, Bühne: Daniel Roskamp, Kostüme: Ulrike Obermüller, Musik: Christoph Iacono, Dramaturgie: Annabelle Leschke, Licht: Oskar Bosman
Mit: Bernd Hölscher, Eva-Maria Keller, Marius Bistritzky, Lukas Umlauft, Rahel Weiss, Pauline Kästner, Maria Munkert, Jürgen Wink, Konstantin Marsch, Matthias Fuchs, Uwe Steinbruch, Artur Spannagel
Dauer: Zweieinhalb Stunden, keine Pause

www.staatstheater-kassel.de

 

Kritikenrundschau

Maja Yüce schreibt in der Hessisch-Niedersächsischen Allgemeinen (online 19.3.2018): Laura Linnenbaums "Sommernachtstraum" zeige, wie aktuell das Stück gelesen werden könne. Sie gestatte sich "manchen schnellen kleinen Witz", setze "auf Klamauk", das "Abgleiten" in den "Kitsch" verhinderten jedoch das "feine Gespür" Linnenbaums und der Schauspieler für "die intensiven Momente, für zauberhafte Bilder und Metaphern" sowie die Auswahl der Musik. Die teils "brutal-schrille Sprache" katapultiere das "böse und wortgewaltige Spiel" ins "Jetzt". Doch gelingt es der Regie, "all das mit Shakespeare zur Einheit zu runden".