Guten Morgen, Österreich!

von Andrea Heinz

Wien, 22. März 2018. Es gab mal eine Zeit, da ging man auf die Barrikaden. Heute gibt es eine Debatte.

Es kommt vor, dass in Uni-Seminaren (oder privaten Runden) mehrere Stunden über einen bunten Themen-Mix aus Neue Rechte, Trigger-Warnungen und Sprech-Verbote in den USA, Politische Korrektheit und Intersektionalität gesprochen wird – ohne einen einzigen neuen Gedanken, eine einzige konkrete Handlungsmöglichkeit.

Es ist wie ein Sport: Wer hat die aktuellsten Bücher gelesen, wer die originellsten Argumente? Und während drinnen, in Seminarräumen, Redaktionen, auf Podien und Theaterbühnen, diskutiert wird, übernehmen draußen besagte Rechte die Macht.

Die türkis-blaue Regierung in Wien dreht das Rad zurück, teilweise existenziell bedrohlich wird es für Alleinerzieher*innen, sozial Schwache, Künstler*innen und Vereine, die ein links-emanzipatorisches Programm verfolgen.

Tiroler Tradition statt queere Kunst

Das Wiener Magazin an.schläge, das seit 35 Jahren dezidiert feministischen Journalismus bietet und über Frauenrechte, aber auch Themen wie Armut oder Sozialabbau berichtet, will – derzeit über ein Crowdfunding – auf jeden Fall unabhängig von Bundesförderungen werden. Es könnte überlebenswichtig sein.

Kaiserschmarrn 560Rechte Kulturpolitik im Namen des Kaiserschmarrns © Xocolatl/Wikipedia (2017)

In Oberösterreich, wo schon länger eine schwarz-blaue Landesregierung an der Macht ist, fürchten zahlreiche Kulturschaffende Förderungskürzungen, die Initiative "Kulturland retten!" hat über 17.000 Unterschriften gesammelt. Kleine, freie Tanz- und Theaterprojekte sollten gar nicht mehr gefördert werden, zumindest hier besteht Hoffnung auf Abmilderung. Auf ein Einspringen des Bundes hofft indes niemand mehr – eher steht zu befürchten, dass er seine Förderentscheidungen an jene des Landes knüpft.

Sprich: Die Kürzungen könnten sich im schlimmsten Fall verdoppeln. Da der neue ÖVP-Kulturminister sechs Monate nach der Wahl noch immer keine Kulturausschusssitzung im Parlament einberufen hat, ist die Unsicherheit groß. Zumindest ließ der Tiroler FPÖ-Chef bereits klar erkennen, was bei den Freiheitlichen für förderungswürdig erachtet wird – und was nicht: "Queere und feministische Kunst braucht aus meiner Sicht keine öffentlichen Gelder. Die Tradition und das gelebte Heimatbewusstsein in Tirol wollen wir hingegen fördern, weil es kulturstiftend ist und man damit die Masse erreicht."

Wo war nochmal der Gegner?

Man möchte in diesen Tagen manchmal schreien vor Wut. Darüber, dass die Rechten das Tempo vorgeben und die anderen nur noch reagieren. Wir anderen! Wir Akademiker*innen, Künstler*innen, Journalist*innen, die wir uns eingerichtet haben in einer habituellen Kritik, die eigentlich eine Kapitulation ist. Die Linke scheint sich so sicher zu sein, allein schon aus moralischen Gründen Mehrheit, Macht und Diskurshoheit zu haben, dass sie gar nicht merkt, wie gefährlich die Lage ist.

Da wird auf der Gegenkundgebung zur Angelobung der ÖVP-FPÖ-Regierung in Wien lauthals die Solidarität besungen. Und dann werden Polizisten beschimpft, statt dass man sich an die neue Regierung wendet. Polizisten wohlgemerkt, die sich völlig korrekt verhalten haben. Eine ältere Dame fotografierte einem jungen Polizisten frontal und mit maximal 10 Zentimeter Abstand ins Gesicht. Ohne zu fragen natürlich. Die Würde des Menschen darf man eh antasten, man braucht nur im Recht zu sein. Eigentlich ist es kein Wunder, dass eine solche Linke Schwierigkeiten hat, sich solidarisch zu organisieren, wenn sie nicht einmal in der Lage zu sein scheint, klar zu erkennen, wo der Gegner ist.

Es war einmal das Rote Wien

Auf erschreckende Weise erinnert all das an Alles Walzer, alles brennt, eine Stückentwicklung von Christine Eder für das Wiener Volkstheater, die dort 2016 uraufgeführt wurde. Zu erfahren war darin von den wirklich erstaunlichen Errungenschaften des "Roten Wien", bevor erst der Bürgerkrieg, dann der Austrofaschismus und dann Hitler kam.

Zwischen 1918 und 1934 hatte in Wien die Sozialdemokratische Partei die absolute Mehrheit und nutze diese für ihre reformistischen Projekte. Eine Luxussteuer finanzierte den sozialen Wohnbau und die Sozial-, Bildungs- und Gesundheitspolitik: Förderung der Berufstätigkeit von Müttern, Einführung der Gesamtschule, Bildungschancen für alle, damit auch alle zur demokratischen Mitbestimmung befähigt sind.

AllesWalzer1 560 Lupi Spuma uTheatraler Kampfgeist inspiriert vom "Roten Wien": Szenenbild aus "Alles Walzer, alles brennt" am
Volkstheater © Lupi Spuma

Je länger man sich mit dem Programm des "Roten Wien" beschäftigt, desto mehr möchte man heulen. Weil es möglich war, weil man damit Wahlen gewinnen konnte, weil man das Leben für sehr viele zum Besseren verändern konnte. Und weil all das spätestens nach dem sogenannten Anschluss 1938 in sein schlimmstes Gegenteil verkehrt wurde.

In Eders Inszenierung gibt es eine Szene, die im Bürgerkrieg spielt. Es wird da viel und verzweifelt diskutiert: Soll man sich der Vaterländischen Front entgegenstellen oder soll man lieber verhandeln, Generalstreik ja oder nein? Am Ende ist es zu spät, die Vaterländische Front diskutiert nicht, die schießt einfach. Mitten hinein in die Gemeindebauten. Man hat eben nicht ewig Zeit zu diskutieren.

Ein eigenes Programm muss her!

Und auch heute steht einiges auf dem Spiel. Eine Gesellschaft, die so viele Rechte und Sicherheiten hat, hat viel zu verlieren. Niemand braucht zu glauben, dass es eh "nur" um ein paar Förderungskürzungen geht.

Vielleicht ist die Lösung so simpel und unglamourös, dass es nicht einmal für einen neuen Diskurs reicht: Nicht so viel reden! Machen! Und zwar nicht in einer diskursüberlasteten Form von Links-Totalitarismus. Es sollte um die Sache gehen, um ein eigenes Programm, und wenn dabei jemand vergisst zu gendern, oder ein Schnitzel vom Hofer (dem österreichischen Aldi) isst, in Gottes Namen! Wichtiger ist doch, dass das Ganze mit Freude passiert, Begeisterung und gerne auch mit Stolz.

Fragen fürs Theater als Gesellschaftsort

Und was die Theater betrifft: Von den Wiener Theatern, die mit ihrem gesellschaftspolitischen Engagement (gegen Rechts, für Demokratie, Zivilcourage, Frauen...) gerne Spielpläne, Podiumsdiskussionen und Werbung bestreiten, war auf den Demos gegen die neue Bundesregierung nicht viel zu hören oder zu sehen. Die Mitarbeiter*innen verabredeten sich privat – und wer jemals an einem Theater gearbeitet hat, weiß, wie schwer es ist, überhaupt die Zeit zu finden, um demonstrieren zu gehen.

Natürlich gibt es Zwänge und Notwendigkeiten, und niemand soll sagen, das, was auf der Bühne passiert, wäre nicht wichtig – "Alles Walzer, alles brennt" ist nur ein Beispiel für Inszenierungen, die wichtige Denkanstöße geben.

Aber wo, wenn nicht am Theater, muss man sich die utopische Frage stellen: Sollte eine Institution, die sich, vom Staat gefördert, für die Gesellschaft engagiert, nicht auch für Arbeitsbedingungen sorgen, die es den Mitarbeiter*innen erlauben, sich ganz real und körperlich einzusetzen? Und zwar nicht nur auf der Bühne.

Eine Burschenschaft als Vorreiterin im Kampf gegen burschenschaftliche Verhältnisse

Es braucht Banden, Bündnisse, echte Solidarität. Das können die Rechten nämlich momentan im Zweifel besser: sich zusammentun, auch wenn ihre Meinungen und Ansichten in vielem divergieren.

Demaskiert werden die Machen- und Seilschaften rechter Burschenschaften schon seit geraumer Zeit von der Wiener Burschenschaft Hysteria. Die Hysteria pervertiert und persifliert die rechten und identitären Umtriebe gnadenlos und schafft es, gleichzeitig genuin linke, emanzipatorische Anliegen zu verfechten. Nachdem Aktivisten der "Identitären Bewegung Österreich" im April 2016 medienwirksam eine Aufführung von "Schutzbefohlene performen Jelineks 'Schutzbefohlene'" im Wiener Audimax gestört hatten (sie wurden dafür übrigens zwar angeklagt, aber sämtlich freigesprochen), agierte die Hysteria bei der folgenden Vorstellung als Saalschutz.

Die Hysteria argumentiert vielleicht nicht immer stringent, aber das macht gar nichts. Eine solidarische, geschlossene Gruppe, die ihre Überzeugungen und ihren Zusammenhalt feiert und verteidigt – das könnte für den Anfang einmal Vorbild genug sein.

 

heinz kleinAndrea Heinz, geboren 1985 in Bad Reichenhall, studierte Literaturwissenschaft, Philosophie, Kunstgeschichte und Schwedisch in Passau und Wien. Veröffentlichungen u.a. in Der Standard, Die Zeit, An.schläge. Das feministische Magazin und Theater der Zeit. Sie ist Doktorandin am Institut für Germanistik in Wien und Kritikerin von nachtkritik.de.

 

 
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