Menschenopfer im Plastikbeutel

von Elisabeth Maier

Konstanz, 23. März 2018. Übergroß schwebt der Kopf des Propheten Johannes in schwarzweißen Videoprojektionen über der Szenerie. Aufgerissen sind seine Augen, leer der Blick des Asketen, der die Menschen um sich in seinen religiösen Wahn reißt. In Vera Nemirovas Inszenierung der "Salome" von Einar Schleef nach Oscar Wilde spielt ihn der Schauspieler André Rohde, und er wandelt auf einem schmalen Grat. Seine harten Züge sind starr wie die einer christlichen Ikone. Ein Zerrbild fanatischen Glaubens wie der leidenden Posen ist dieser Mann, den der Schauspieler als bekifften Jesus-Rocker über die Bühne schlurfen lässt.

Netz aus Fantasie und Fanatismen

Salome, Ziehtochter des wolllüstigen und ungerechten Königs Herodes, fordert seinen Kopf. Den wirft ihr der schwarz gewandete Henker in einem durchsichtigen Plastikbeutel in den Schoß. So siegt sie also, die Liebe, die auch hier eine alles verschlingende ist. Mit zitternden Lippen sitzt Sylvana Schneider vor dem Objekt ihrer Begierde. Wie auf einem Cello spielt sie mit dem Körper des Mannes, der im Leben jede Erotik negierte. "Ich küsse Dich. Lebendig wolltest Du nicht. Jetzt küsse ich Dich. Ich beiße mich in Dein Fleisch, es klebt zwischen den Zähnen." Die brennende Leidenschaft Salomes erstickt die Schauspielerin in aufgesetzter Distanz. Gequält klingt der monotone Fluss ihrer Stimme. Was die burschikose Frau mit dem an den Seiten geschorenem Haar ihrer Figur da abverlangt, ist grandios.

 SalomeKonstanz1 560 Ilja Mess uStreicheln, beißen, köpfen: André Rohde und Sylvana Schneider in Vera Nemirovas "Salome"
© Ilja Mess

Mit so grausamen wie erotisch aufgeladenen Bildern lädt die bulgarische Regisseurin Nemirova, die seit 1982 in Deutschland lebt und arbeitet, Einar Schleefs rhythmischen, schroffen und zugleich hoch politischen Text auf. In dem Stoff aus dem Evangelium spürt Schleef, in seinen Texten auch ein Meister der extremen Mechanismen, durchaus religiösen Fanatismen nach. Auch Oscar Wilde, der im England des 19. Jahrhunderts seine Homosexualität nicht frei leben durfte, schrieb in "Salome" gegen das Diktat viktorianischer Prüderie an. Diese Komponente kehrt Schleefs Fassung radikal heraus.

Kalte Klänge im düsteren Guckkasten

Musiktheater-Spezialistin Nemirova übersetzt die Sprachkunst in ein sinnliches Theater der Grausamkeiten. Dabei darf sie auf ein Ensemble bauen, das sich vor seelischen Abgründen der Figuren nicht scheut. Klug demontiert Jörg Dathe seinen König Herodes. Der Herrscher wird zum kleinen, sexsüchtigen Mann, der am liebsten mit Mädchen ins Bett steigt. Seine Frau Herodias nutzt diese Schwächen gnadenlos aus. Das zelebriert Bettina Riebesel mit ihrer eindringlichen Stimme, die kalt und gefühllos klirrt. Karikierend legt Axel Julius Fündeling seine Rolle als Henker an. Allerdings wirken die lustigen Momente, auf die Nemirova auch setzt, dadurch schon ziemlich hölzern.

SalomeKonstanz2 560 Ilja Mess uGitter schützen Herodes' Hof, ausgesperrt bleibt der Chor aus Greisen © Ilja Mess

In Klaus Werner Noacks blutroter Guckkastenbühne ist Salome eingesperrt. Um den Hof des dekadenten Königs Herodes scharen sich schwarz gekleidete Greise, sie sind halb Mann und halb Frau. Ein Chor der Vergänglichkeit, der leise greint. Unheimlich bohren sich die Stimmen in Jörg Waleschs traumatische Bühnenmusik hinein. Mit einem Streichquartett gelingt dem musikalischen Leiter des Abends eine berauschende Komposition, die Salomes Zerrissenheit in kalte Klänge kleidet.

Komplex gedacht

Die Faszination von Nemirovas Regiestil liegt in der ästhetischen Komplexität. Nicht allein Musik peitscht die Dramaturgie voran. Kostüme, Bühne und Lichtdesign kommen gelungen zusammen und entfalten ihre Wirkung, suggerieren eine dekadente wie grausame Welt. Salome erscheint darin nicht vordergründig als Täterin. Sie darf verletztes Kind sein, und sie ist das Opfer, das Herodes am Ende bringt. Das ist ganz im Sinne des männlich geprägten Christentums, das seit Jahrhunderten auf die Opferrolle der Frau baut. "Da will eine Frau auch ins dramatische Zentrum vorstoßen und wird abgemurkst", schreibt Schleef am Anfang seiner Stückfassung. Salome ist daher für ihn eine “Sauerei”. Feministische Diskurse denkt Nemirova in ihrer Lesart nicht unbedingt weiter, und doch ist ihre "Salome" ein Plädoyer für die weibliche Perspektive. Denn es ist Salome, der sie den aktiven Part zuweist, und obwohl weder die Mutter noch der König ihr die Freiheit geben wollen, bricht sie mit starkem Körpertheater aus, klettert buchstäblich die Wände hoch, erfüllt sich ihre erotischen Träume. Und lässt die reine Opferrolle hinter sich.

Salome
von Einar Schleef nach Oscar Wilde
Regie: Vera Nemirova, Bühne und Kostüme: Klaus Werner Noack, Regiemitarbeit und musikalisches Konzept: Sonja Nemirova, Dramaturgie: Laura Ellersdorfer, Musikalische Leitung: Jörg Walesch.
Mit: Jörg Dathe, Bettina Riebesel, Sylvana Schneider, Sebastian Haase, Axel Julius Fündeling, Julian Jäckel, André Rohde und den Musikern Christiane Kegelmann-Brooke, Matthias Brooke, Rahel Brooke, Berenice Guerrero Ogando, Jörg Walesch. Chor: Yvonne Flaig, Waltraud Graulich, Boris Griener, Dorothea Jüttner, Friedrich Klatt, Erhard Krämer, Lutz Rauschnik, Klaus Schiemann, Cornelia Schlemmer, Stefan Wallraven.
Dauer: 2 Stunden 30 Minuten, eine Pause

www.theaterkonstanz.de

 

Kritikenrundschau

Elisabeth Schwind berichtet im Südkurier (26.3.2018) von dem Abend als einer überaus beeindruckenden, aber nicht ganz leicht konsumierbaren Erfahrung. "Als Opern-Regisseurin hat sich Vera Nemirova bereits einen Namen gemacht. Mit 'der Konstanzer Salome' hat sie gezeigt, dass sie auch Sprechtheater kann." Es gelinge ihr eine Form der Aktualisierung, die sich nirgends unangenehm in den Vordergrund dränge.

Nemirova schaffe starke Bilder, schreibt Christel Voith in der Schwäbischen Zeitung (29.3.2018). "Die Figuren sind Gefangene, grausam und bedauernswert. Faszinierend die stolze, verbitterte Herodias der Bettina Riebesel, der larmoyante Herodes des Jörg Dathe." Stimmlich angeschlagen, aber in ihrer ganzen Körpersprache und Mimik umso stärker sei Sylvana Scheiders Salome. "Nicht Rache, nicht das Geheiß der Mutter lässt sie den Kopf des Propheten fordern, sondern bedingungslose Liebe."

 
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