Ein Geschmack von Asche

von Sascha Westphal

Bochum, 24. März 2018. Es ist schon eine seltsame Schar, die sich langsam ihren Weg auf die Vorderbühne bahnt. Nicht nur der ältere Herr, der diese schon bald wieder ins Stocken geratene Prozession anführt, scheint ein wenig neben sich zu stehen. Auch die anderen verfallen immer wieder in einen fast tranceartigen Zustand, starren dann in Richtung Himmel. Sie wiederholen, oft chorisch, eine handvoll Floskeln und Fragen, die sie an eine junge Frau im weißen Hochzeitskleid richten. Es ist offensichtlich, dass sie mit den Antworten der Braut nicht zufrieden sind. Also bedrängen sie die von Kristina Peters' gespielte Justine immer von neuem. Dabei sind auch die Fragenden, Fordernden nicht sonderlich glücklich, auch wenn sie mechanisch verkünden, das sie sich auf das Leben freuen. Leben sie überhaupt noch?

Verhallte Hilferufe

Dieses stockende, sich in Wiederholungen selbst erschöpfende Vorspiel an der Rampe, ein geisterhaftes ballet mécanique für eine derangierte Hochzeitsgesellschaft, nimmt nicht nur die zentralen Konflikte und Situationen von Lars von Triers Untergangsphantasie "Melancholia" vorweg. Regisseurin Johanna Wehner etabliert zugleich auch die musikalische Struktur ihrer Inszenierung. Die Fragen und Aufrufe der Hochzeitsgäste wie die Beteuerungen der Braut entpuppen sich schon bald als Leitmotive dieser Filmadaption. Alle werfen sie ständig mit den gleichen Phrasen um sich. Michael, Justines Bräutigam, wird immer wieder ihre Schönheit preisen. Ihr Schwager John wird jedem erzählen, dass ihn diese Hochzeit ein Vermögen kostet. Und seine Frau, Justines Schwester Claire, wird sie fortwährend auffordern, endlich glücklich zu sein.

Melancholia 1 560 Thomas Aurin uKein Happily Ever After: Mark Oliver Bögel (Jack), Kristina Peters (Justine) © Thomas Aurin

Vorgeblich wollen alle nur das Beste für Justine. In Wahrheit erwarten sie allerdings, dass sie sich konform verhält, dass sie sich bruchlos in eine Gesellschaft einfügt, die alleine um Geld und Erfolg kreist und einen oberflächlichen Begriff von Glück verabsolutiert. Doch gerade das gelingt Justine nicht. Sie leidet unter Depressionen, will eigentlich nur in Ruhe mit ihrem Vater, ihrer Schwester oder ihrem Bräutigam sprechen. Die aber hören ihre Hilferufe nicht, lassen die Braut jedes Mal mit ihrer Verzweiflung alleine.

Die Welt ist schon untergegangen

Einer Verzweiflung, die Kristina Peters regelrecht zu umhüllen scheint. Jedes Mal, wenn ihre Bitten um ein Gespräch von Johanna Eiworths zu zwanghaftem Verhalten neigender Claire oder von Heiner Stadelmanns selbstverliebtem, alles weglächelndem Vater ignoriert werden, zerbricht etwas in ihr. Die Last, die sie mit sich herumschleppt, wird schwerer. Selbst Matthias Eberles schwärmerische Liebeserklärungen machen alles nur noch unerträglicher für sie. In Kristina Peters' Versuchen, Kontakt zu den Menschen herzustellen, die sie ununterbrochen beobachten und sie doch nicht sehen, offenbart sich auf simple und doch zutiefst schmerzhafte Weise die Isolation, die mit Justines Depressionen einhergeht. Die Welt und die Menschen sind zum Greifen nah, aber sie kommt nicht an sie heran.

Melancholia 3 560 Thomas Aurin uHochzeitsgesellschaft post mortem: Evelyn Cynk, Philipp Hohmann, Mark Oliver Bögel (Jack), Johanna Eiworth (Claire), Michael Kamp (John), Pirmin Sedlmeir (Tim), Miriam Michel, Anna Julia Amaral, Kübra Sekin © Thomas Aurin

Johanna Wehners Bearbeitung von "Melancholia" bleibt storytechnisch nah an ihrer Vorlage dran. Fast alle zentralen Szenen und Situationen des Films finden sich auch auf der Bühne wieder, allerdings haben sie meist eine ganz andere Wirkung. Wehner, deren Kasseler "Orestie" im vergangenen Jahr mit dem FAUST-Preis ausgezeichnet worden ist, bleibt von Triers Visionen treu und emanzipiert sich doch von ihnen. Im Film läuft alles auf die Kollision der Erde mit dem Planeten Melancholia hin. Die Apokalypse ist unausweichlich. Nur sie kann noch Erlösung bringen. In Wehners Bühnenversion ist die Welt dagegen schon untergegangen. Eine große, stark verbrannte (Erd)Kugel, die Volker Hintermeier auf der Drehbühne platziert hat, erinnert an den desolaten Zustand der Welt und ruft einem schon früh eine zentrale Szene aus von Triers Film in Erinnerung: Als Justine einen Bissen von einem ihrer Lieblingsgerichte nimmt, kann sie ihn nicht herunterschlucken. Sie spuckt ihn wieder aus und verkündet, dass er wie Asche schmeckt. In Johanna Wehners kaputtem Kosmos der Vereinzelten schmeckt alles nach Asche.

Eindringliche Choreographie gescheiterter Begegnungen

Die Menschen haben die Welt, metaphorisch gesprochen, in Schutt und Asche gelegt, als sie sich dafür entschieden, nur noch ihren persönlichen Interessen zu folgen. Das Bochumer Ensemble und die Performerinnen und Performer der freien Performance-Kompanie dorisdean erwecken nur noch den Anschein von Leben. Alle kreisen ausschließlich um sich selbst und scheitern an den Ansprüchen der anderen.

Die rhythmisierte Sprachpartitur, die sich größtenteils aus wiederholten Leerformeln zusammensetzt, korrespondiert dabei mit einer eindringlichen Choreographie gescheiterter Begegnungen. Entweder laufen sie aneinander vorbei oder prallen zusammen. Mehr noch als in von Triers Film, in dem die Welt letztlich an der Depression einer Frau zerschellt, erweist sich in Wehners Inszenierung die Hochzeitsgesellschaft, diese Versammlung von Lemuren, als Mikrokosmos einer Gesellschaft, in der die Apokalypse zum Dauerzustand geworden ist.

 

Melancholia
Uraufführung nach dem Film von Lars von Trier
Deutsch von Maja Zade
Regie: Johanna Wehner; Bühne: Volker Hintermeier; Kostüme: Ellen Hofmann; Musik: Joachim Schönecker; Licht: Bernd Felder; Dramaturgie: Annelie Mattheis.
Mit: Kristina Peters, Johanna Eiworth, Matthias Eberle, Michael Kamp, Pirmin Sedlmeir, Anke Zillich, Heiner Stadelmann, Mark Oliver Bögel, Statisterie (Levi Klein / Jurek Lemkühler / Luca Schemberg, Gaby Pake-Groll, Susanne Krusenbaum / Bianca Antonello, Tanja Ost / Anne Hörner), dorisdean (Anna Julia Amaral, Evelyn Cynk, Philipp Hohmann, Miriam Michel, Kübra Sekin / Christopher Bruckman, Deborah Krönung, Patrizia Kubanek, Wera Mahne).
Dauer: 2 Stunden, keine Pause

www.schauspielhausbochum.de
www.dorisdean.de

 

Kritikenrundschau

"Wehners Inszenierung zelebriert die Missmutigkeit. Ansätze von Gesellschaftskritik, wie bei den zynischen Auslassungen von Justines Chef, verpuffen im aschgrauen Bilderreigen", bemerkt Ralf Stiftel vom Westfälischen Anzeiger (25.3.2018). "Mit etwas Distanz zu Lars von Triers selbstreflexivem Pathos hätte man den Abend deutlich unterhaltsamer gestalten können." Unglücklicherweise aber suche Wehner nie die Meta-Ebene, sondern schwelge wie schon die Vorlage im Leidenskitsch. "Nach zwei pausenlosen Stunden ist der Weltuntergang eine Erlösung."

"Allein für die überwältigenden Standbilder und Lichtorgien, mit denen man auf der schönen Bochumer Bühne das Ende der Welt malt, lohnt diese Inszenierung", schreibt Max Florian Kühlem von den Ruhrnachrichten (25.3.2018). Johanna Wehner sei es mit Bühnenbildner Volker Hintermeier gelungen, den Stoff mit einer eigenen beeindruckenden Bild-Ästhetik zu erzählen.

Bisweilen schleppe sich die Aufführung merklich dahin. "Doch vor allem das hellwache Ensemble und ein beeindruckendes Bühnenbild heben das Drama zu einem nicht ganz runden, aber sehenswerten Theaterabend", so Sven Westernströer in der Westfälischen Rundschau (Online: 25.3.2018). "Ehrlich freuen mag man sich mit Schauspielerin Kristina Peters. (...) Fast scheint es, als lösche sie ihre Figur aus, als würde sie in dem riesigen Hochzeitskleid Stück für Stück verschwinden, bis nur noch eine Hülle übrig ist. Das ist erstklassig gespielt."

Dorothea Marcus schreibt auf der Website von Deutschlandfunk (online 26.3.2018): Johanna Wehner habe den Text der Filmvorlage "rhythmisiert und musikalisiert". Doch obwohl Kristina Peters sehr schön "mädchenhafte Aufrichtigkeit, abgründige Traurigkeit und zugleich die unbarmherzige Klarsicht der Depressiven" vereine und die Rhythmisierung der Bühnensprache "klug gedacht" sei – sie entferne die Figuren "meilenweit von der Empathie des Zuschauers". Der Abend werde "langatmig und gleichförmig", die Charaktere "flach und ununterscheidbar". "Der Versuch, der mächtigen Filmvorlage zu entkommen, ist in Bochum nachvollziehbar durchdacht worden – überzeugen kann er leider nicht."

"Plappernde Sprachlosigkeit, geschäftiger Stillstand": Die zweistündige Aufführung finde "keinen Rhythmus, keinen Drive, keine Dringlichkeit", schreibt Andreas Rossmann von der Frankfurter Allgemeinen Zeitung (28.3.2018). Mit der grandiosen, abgründigen Bildgewalt der Filmvorlage könne es das Theater nicht aufnehmen; das sei Johanna Wehner bewusst, weswegen sie es "behutsam angehen" lasse: "Mit zögernden Schritten, mit einer Choreographie der unsicheren Bewegungen und gestörten Kommunikation, mit einer Sprach-Partitur aus abgerissenen Dialogen und vielfach wiederholten Phrasen und Floskeln." Daraus  entwickelt sich für Rossmann nichts: "Die Wiederholungen ziehen sich in die Länge und laufen leer, die Leidensgeschichte wird bedeutungsvoll zelebriert, Gesellschaft gerät kaum in den Blick", bemerkt er. "Ein Drehbuch wird Szene für Szene nacherzählt, Theater, das sich gegenüber dem Kino zu behaupten sucht und dem es dabei ganz ähnlich ergeht wie Justine, als ihre Umarmung ins Leere greift."

Einen "extrem selbstbewussten Zugriff auf den Stoff" brauche, wer ein "Ausnahmekunstwerk" wie von Triers "Melancholia" adaptiere, schreibt Cornelia Fiedler in der Süddeutschen Zeitung (28.3.2018). Johanna Wehner habe diesen Zugriff: "Ihre starke, sprachmusikalische Uraufführung am Schauspiel Bochum macht seltsam lustvoll spürbar, welche Erleichterung so ein Weltende mit sich bringt." Filmzitate seien "zu kunstvoll rhythmisierten, oft quälend komischen Konversations-Loops kompiliert". Vom Individuum verschiebe Wehner den Schwerpunkt auf die Gesellschaft. Vor der "seltsamen Hochzeitsgesellschaft" gebe es für Justine kein Entrinnen: "Sie repräsentieren all jene, die das tiefe Leiden depressiver Menschen nicht anerkennen wollen – wohl aus Angst, dann die Oberflächlichkeit ihres eigenen Glücks zu bemerken", so Fiedler. Den Höhepunkt des Abends lieferten, trotz des starken Ensemblespiels, Bühne, Musik und Licht: "Zu tief dröhnenden Sphärenklängen von Joachim Schönecker senkt sich ein riesiger Lichtplanet aus hundert Scheinwerfern in die Bühnenmitte herab. Hitze und blendende Helligkeit füllen den Raum". Justines "wohlige Lust am Untergang" empfinde man in diesem Moment auch als Zuschauende*r.

Böse Dinge offenzulegen liege der Regisseurin Johanna Wehner, so Benjamin Trilling in der taz (5.4.2018). "Unüberwindbare Hürden, die individuelle Sehnsüchte durchkreuzen" ziehen sich wie ein roter Faden durch ihre Arbeiten. Die Hochzeitsgäste steckten in schäbigen Sakkos oder Glitzerkleidchen, Wehner lasse  sie chorisch jene Wortschleifen in die Leere rezitieren, die Kirsten Dunst im Film mit der existenziellen Aufmerksamkeit einer Depressiven hinterfrage. "Was ist die Norm? Um das zu hinterfragen, lässt Wehner auch Mitglieder von dorisdean auftreten." 

 

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