Schweben im Zwischenraum

von Thomas Rothschild

5. April 2018. In dieser überarbeiteten, an der FU Berlin eingereichten Dissertation der japanischen Theaterwissenschaftlerin Mariko Harigai geht es "um das Spannungsverhältnis zwischen Stimmen im Theater, ihren Hörräumen, ihren repräsentierten, bezeugten, imaginierten oder auch halluzinierten Entstehungsorten und um den theatralen Versammlungsort, an den Stimmen uns als Hörende rufen".

Dabei erlaubt die Kenntnis der Autorin von zwei sehr andersartigen (Theater-)Kulturen, dass sie bei der Auswahl der exemplarischen Regisseure den üblichen europäischen Horizont überschreiten konnte. Zu den Nachteilen gehört, dass sich Mariko Harigai widerstandslos "die Grundlagen der wissenschaftlichen Sprache" beibringen ließ. Es scheint zu den unausrottbaren Dogmen deutscher Professoren (im Gegensatz etwa zu englischsprachigen) zu zählen, dass Dissertationen über die unverzichtbare Fachterminologie hinaus umso wissenschaftlicher seien, je weniger sie für den interessierten Laien zugänglich sind. Die Erreichung eines akademischen Titels, nicht einer Leserin oder eines Lesers, erscheint als das eigentliche Ziel schweißtreibender Anstrengungen.

Die "ortlose Stimme"

Am Beispiel zweier Inszenierungen des japanischen Theatermachers Masataka Matsuda, und unter ausschweifender Hinzuziehung von soziologischer und philosophischer Literatur unterschiedlicher Provenienz, definiert die Autorin die "ortlose Stimme" als eine "besondere Örtlichkeit der Stimme, die nicht-örtlich oder atopisch genannt werden kann, während sie zugleich ganz bestimmte Orte – den Entstehungsort der Stimme und den theatralen Versammlungsort – erzeugt". Sie unterscheidet zwischen drei Formen dessen, was sie "Stimmgeste" nennt.

Cover Ortlose Stimmen Mit Berufung auf Jenny Schrödl nennt Harigai Imagination, Körperlichkeit und Affektivität als Dimensionen der ästhetischen Erfahrung von Stimmen. Bei der Ausführung entstehen allerdings Unschärfen, wenn die Autorin zwischen den konkreten Beispielen und Verallgemeinerungen schwankt und meist eher das postdramatische und performative, dann aber wiederum das mimetische Theater im Auge hat.

Für Jossi Wielers Inszenierung von Elfriede Jelineks "Wolken. Heim." (1993) konstatiert Harigai, dass die Stimmen "einen Hörraum [bilden], der die Heimat der Sprechenden/Singenden widerspiegelt". "Obwohl die Stimmen psychologisiert und individualisiert werden, formen sie schließlich die einheitliche Stimmfigur einer 'wolkigen' bzw. anonymen 'Wir'-Gemeinschaft." Die Anführungszeichen signalisieren eine Verlegenheit der Autorin. Das Attribut "wolkig", das sich offenkundig dem Titel von Jelineks Stück verdankt, ist selbst "wolkig" – was immer das, auf "Gemeinschaft" angewandt, bedeuten mag. In Masataka Matsudas Odysseus-Parodie "Autodafé" (UA 2006) entdeckt Harigai danach "Sirenenstimmen", deren Anziehungskraft und Eros der Regisseur "nicht als solche akustisch und körperlich vernehmen" lasse, sondern "nur durch die körperlichen Gesten, Bewegungen und Haltungen" anzeige.

Maschinelle Wiederholung

Robert Wilsons New Yorker und Hamburger Inszenierung von Heiner Müllers "Hamletmaschine" aus dem Jahr 1986, deren Analyse dadurch erschwert wird, dass die Autorin sie nur als Videoaufzeichnung gesehen hat (es handelt sich übrigens nicht, wie angegeben, um die Uraufführung der "Hamletmaschine": die fand sieben Jahre zuvor in Frankreich statt), dient als Beispiel dafür, wie sich die "schreienden Stimmen" "der Lokalisierung bzw. der Setzung ihres Ortes entziehen, indem sie in einem Zwischenraum schweben und unendliche Maskierungen treiben". In diesem Kapitel benennt Harigai auch den funktionalen Unterschied eines Verfahrens, das man sowohl bei Jossi Wieler als auch bei Robert Wilson antrifft: des Echos oder der Wiederholung. "Wielers Schauspielerinnen zeigen auf der Bühne deutlich ihre bewusste Aushöhlung des Wiederholten – hier der phallogozentrischen Lust. […] Wilson dagegen verpflanzt Stimmen, Gesten und Mienen in die Körper der Darsteller, damit diese sie nach einer genauen Choreographie und Partitur maschinell wiederholen."

Den Fallstudien von Matsuda, Wieler und Wilson stellt Harigai die Trilogie "Sad Face/Happy Face" (2004-2008) der Needcompany von Jan Lauwers gegenüber, an der sie sich nicht real existierende Orte zu diskutieren vornimmt, "die durch die Stimminszenierung im Theater erst erzeugt werden". Hier aber verliert sie ihr eigentliches Thema vor lauter Nacherzählung und Exkursen fast aus dem Blick. Sie findet in einer Pointe über den letzten Teil der Trilogie zu ihm zurück: "'Das Hirschhaus‘ als atopischer Versammlungsort wird durch nichts anderes als den Refrain der Stimmgeste, die eine äonische Gegenwart wiederholt, zeitlich wie auch räumlich zusammengehalten."

Ortlose Stimmen
von Mariko Harigai
Theaterinszenierungen von Masataka Matsuda, Robert Wilson, Jossi Wieler und Jan Lauwers.
Bielefeld transcript 2018, 297 Seiten, 39,99 Euro

 

 
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