Selbstprüfung eines privilegierten Ortes

7. April 2018. Inhaltlich sei die #MeToo-Debatte nichts Neues schreibt die Dramatikerin Darja Stocker auf Zeit Online. Schon vor 20 Jahren hätten "Angehörige der Gruppe 'Kritische Kulturpraktikerinnen'" gefragt, wie es sein könne, "dass ein hochsubventionierter Raum wie das Theater eine 'Parallelwelt von und für mehrfachprivilegierte Menschen bleibt'".

Aufstand der Hollywood-Göttinnen

Anstoß für die aktuelle Debatte sei der Aufschrei in der Filmbranche gewesen, so Stocker: "Es brauchte einen Aufstand der Hollywood-Göttinnen, um über Missbrauch und Machtstrukturen zu sprechen. Jener Frauen, die uns seit der Kindheit als Vorbilder begleiten, Vorbilder darin, was es heißt, schön und sexy, am sexiesten zu sein. Vorbilder auch darin, (qua Skript) möglichst wenig Redeanteil in einer Diskussion für sich zu beanspruchen, um vom Helden auserwählt zu werden. Auserwählt, weil geheimnisvoll und umsorgend genug, ihn auf seinem Abenteuer zu begleiten, das da ist: Held zu sein, Fantasien zu haben, diese in Realität umzusetzen."

Bröckeln im maroden Gebäude

Da nun sogar Hollywood, aus Sicht des Theaters die "Maschine des Mainstreams", über Machtmissbrauch diskutierte, sei der Theaterbetrieb "gezwungen" gewesen, "nachzuziehen", denn: "Theaterschaffende hatten immer den Anspruch, politische Kunst zu machen", so Stocker. Seit #MeToo verändere sich die Theaterwelt: "Es war, als hätte jemand kräftig die Tür zugeknallt, so stark, dass der Holzrahmen einen Riss bekam und das marode Gemäuer zu bröckeln begann."

Gesellschaftlicher Realität hinterherhinkend

Nun sei also das Theater "ein weißer, privilegierter Ort, der sich Gedanken macht". Reformbedarf bestünde: "Statistiken über den deutschsprachigen Kulturbetrieb verraten: Das Theater hinkt der gesellschaftlichen Realität hinterher." Von Diversität sozialer und weiterer Herkünfte könne keine Rede sein.

Weibliche Selbstzweifel? Interpretierbarer Befund

Bezug nehmen auf die Bonner Konferenz der Theatermacherinnen befragt Darja Stocker die Ansicht – in Bonn von Theatertreffen-Leiterin Yvonne Büdenhölzer geäußert –, dass "Frauen viel stärker selbstzweifelnd sind beziehungsweise sich infrage stellen, und Männer bessere Behaupter sind".

Ob weibliche Theaterschaffende Selbstzweifel äußerten, "um einer Erwartung zu entsprechen" und "Frauen, die sich unsicher zeigen, allzu lange hierfür belohnt wurden"? Der Bericht lasse sich auch anders deuten, so Stocker: Als Beleg dafür, dass "das Theater Personen, die ihre eigene Arbeit zur Diskussion stellen, weniger ernst nimmt. Und dass Regisseurinnen, als Vertreterinnen einer Minderheit, mehr Fragen an ihre Arbeit stellen als ihre männlichen Kollegen".

Einleitung zu Transformation

Falls dem so sei, könne man diese Frage "als Einleitung zu einer Transformation am Theater verstehen, das sich nach Blackfacing und #MeToo aus eigenem Entschluss verletzlich und wissbegierig gibt, da es sich ganz offensichtlich mit vielen Fragen noch nicht auseinandergesetzt hat". Und wo könne man "besser über Machtdynamiken in Beziehungen und Freundschaften sprechen, über Bedingungen des Begehrens, als auf der Bühne?"

Bewusstsein einer neuen Normalität

Auch wenn viele Fragen offen sind: Geändert habe sich – "durch #MeToo, aber auch durch eine neue Generation von Theaterschaffenden" –, "dass persönliche Grenzüberschreitungen, die vorher nicht entschuldigt werden mussten, nun in der öffentlichen Wahrnehmung geächtet werden", so Stocker. Das Bewusstsein für eine andere Normalität sei gewachsen. Trotz sich fortsetzender struktureller Benachteiligung biete das einen "Handlungsspielraum" und sei "ein Schritt nach vorn für jene, die sich nach einer Transformation der Rollenbilder sehnen".

(Zeit Online / eph)

 

Zum Hintergrund: Im August 2017 schrieb Darja Stocker in einer Serie über Sexismus an Hochschulen auf dem Merkur-Blog über ihre Studienzeit an der Berliner UdK. Zwei Monate vor der #MeToo-Bewegung stieß sie damit eine Sexismus-Debatte im Theaterbetrieb an. Geführt wurde diese Debatte auch auf nachtkritik.de: Eine von Stockers Kommilitoninnen, die Autorin Anne Rabe, und ihr damaliger Professor Oliver Bukowski veröffentlichten Entgegnungen ("So war es nicht"), worauf Darja Stocker in einem weiteren Merkur-Beitrag antwortete.

 
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