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Eingekreist wie von Hunden

von Andreas Thamm

Würzburg, 7. April 2018. Es ist doch erstaunlich und ist sicher oft geschrieben worden: Wie verflucht gut dieses Theaterstück altert. Büchner schrieb den Woyzeck zwar 1836, doch er wird nie 200 Jahre alt sein. Er wirkt für immer so radikal modern und auf bestechende Weise elegant, weil er wie nebenbei mal eben alles verhandelt. Ach, Büchner, du seltener Geist, man möchte ihm so vieles zurufen.

Was heißt das für einen Regisseur, der den "Woyzeck" heute auf die Bühne bringt? Er muss sich nicht in Modernisierungen verrenken. Und Regisseur Martin Kindervater folgt diesem Prinzip, hat für das Würzburger Mainfrankentheater eine fast minimalistische, kompakte Fassung kreiert. Er lässt dabei den Woyzeck Woyzeck sein – ohne ganz große Überraschungen, aber eindringlich.

Pochender Herzschlag

Das Bühnenbild wird dominiert von einer abstrakten, schwarzen Skulptur, eine himmelragende Säule auf fünf Beinen wie Luftwurzeln. Zwei Stühle flankieren die Bühne links und rechts. Das wars erstmal. Die Schauspieler betreten das Spielfeld durch eine Luke unterm Zentrum der Skulptur. Das ist der Abgrund, der menschliche auch, in dem es im Stück ja geht.

Woyzeck 2 560 NikSchoelzel uBestaunt, begafft, eingekreist: Hannes Berg als Woyzeck © Nik Schölzel

Und da torkelt zunächst Franz Woyzeck selbst raus. Sie haben da einen im Würzburger Ensemble, Hannes Berg, groß, hager, drahtig wie ein Kleiderhaken. So muss ein Woyzeck aussehen. Sein Kostüm ist modern unauffällig, Pulli, Hose. Andres, der trottelige Freund dazu im grauen Anzug. Andres singt und Woyzeck: "Still! Es pocht was." Und damit setzt ein Herzschlag nachempfindendes Beat-Getrommel ein und die Ränder der Wände, links, rechts, hinten, leuchten schmal. Willkommen im Hirn des gegängelten schizophrenen Paranoikers der Weltliteratur. Mit Hilfe von Licht und Musik holen die Würzburger Vieles klug aus dem Inneren nach draußen.

Gejagter am Abgrund

Woyzeck steht ohnehin schon taumelnd in der Welt. Dann wird er auch noch herumgeschubst. Vom Hauptmann zunächst, Meinolf Steiner, den er rasiert. In Würzburg wachst Woyzeck dem Hauptmann die Beine, auf Knien, die Demütigung unterstreichend. Und da kommen, in diesem Dialog, die ersten dieser Sätze ums Eck, auf die man schon wartet wie auf alte Bekannte: "Er hat keine Tugend"; "Der Diskurs hat mich ganz angegriffen." Der eine, Hauptmann, spricht leer in großen Worten. Der andere weiß selber nicht, dass er eigentlich denken kann. Er soll es besser unterlassen.

Woyzeck 1 560 NikSchoelzel uEinsamkeitsfigur, Einsamkeitsarchitektur: Woyzeck im Bühnenbild einer Stele mit Beinen wie Luftwurzeln und einer Luke in den Abgrund © Nik Schölzel

Als vor-modern gilt das Stück unter anderem wegen des Antihelden als Protagonist. Im Alpha-Male Tambourmajor findet er sein Gegenstück. Auch das funktioniert vor allem über Körperlichkeit, denn Marie sieht das schon ganz richtig: Cedric von Borries hat wirklich eine "Brust wie ein Stier." Mit ihm verschwindet sie in der Luke. Die Todsünde! Der Konflikt bricht aus. Im Original ist es ein Tanz im Wirtshaus, heute wird die Bühne in rotes Licht getaucht, monotoner Techno ballert, die Schauspieler hampeln übertrieben. Das ist ein Bruch, der aus der Inszenierung fällt, auch weil Technogehampel zu naheliegend ist.

Besonders schön geht dagegen der Kontrast auf, als die Schauspieler im Chor den "Jäger aus der Kurpfalz" singen. Der steht im Original, postmodern war der Büchner ja auch. Und weil die Schauspieler singen können, wirkt das Volkslied direkt lieblich, während sie langsam und bedrohlich einen enger werden Kreis um den kauernden Woyzeck bilden, eine Schlinge, die sich zuzieht.

Kampf zwischen Geschlechtern

Der fragmentarische Charakter des Stücks verhindert nicht, dass der Steigerungsplot des Woyzeck allzu deutlich wird. Die dritte gängelnde Instanz neben Hauptmann und Tambourmajor ist bekanntlich der Doktor, diesmal: eine Doktorin, Maria Brendel. Spöttisch begutachtet sie ihren Patienten, ihr Versuchsobjekt: "Er hat an die Wand gepisst wie ein Hund! Da ist ihm halt die Natur gekommen, dem Woyzeck." Im Sinne der Geschlechtergerechtigkeit geht so eine der drei aktiven, mit dem Menschenobjekt umgehenden Rollen an eine Frau. Zwar tickt hier keine der Figuren im psychologischen Sinne richtig, der Gejagte bleibt aber der Titelheld: Immer um die Säulen rum. Ein Woyzeck muss auch viel rennen, klar.

Er selbst wird erst aktiv, als er den Mord begeht, zu dem er getrieben wird. Kurz davor sitzt Marie noch im Lichtkegel, nur der Oberkörper ragt aus der Luke. Sie betet. Und der Zuschauer weiß, dass es ihr letztes ist. Es ist ein leiser Mord. Woyzeck hat eine Plastikplane ausgebreitet. Er nähert sich ihr von hinten mit dem Messer, grelles Blut auf der nur halb bedeckten Brust Maries. Er wickelt sie ein. Warum ist sie nur so blass? Und dann noch einmal – ach, die Sprache! – einer dieser Sätze: "Der Mond ist wie ein blutig Eisen."

Woyzeck
von Georg Büchner
Regie: Martin Kindervater, Ausstattung: Sina Barbra Gentsch, Licht: Benedikt Kreutzmann, Musik: Adrian Sieber, Dramaturgie: Antonia Tretter.
Mit: Hannes Berg, Hannah Walther, Maria Brendel, Meinolf Steiner, Georg Zeies, Cedric von Borries, Helene Blechinger.
Dauer: 1 Stunde 30 Minuten, keine Pause

www.theaterwuerzburg.de/

 

Kritikenrundschau

"Ein intensives, forderndes und trotz seiner Hoffnungslosigkeit dennoch eigentümlich bannendes Erlebnis", beschreibt Mathias Wiedemann von der Main-Post (8.4.2018) den Abend. "Dieser 'Woyzeck' zeigt, dass in einer mitleidlosen Gesellschaft, wie sie hier dargestellt ist, eine getötete junge Frau im Grunde nur ein Kollateralschaden ist." Hannes Berg spiele den Woyzeck gar nicht so sehr als Opfer. "Sehnig, wendig, energiegeladen und ausdauernd irrlichtert er über die Bühne." Im Grunde sei er sich seiner totalen Perspektivlosigkeit durchaus bewusst. "Sein Defekt aber ist, dass er keine Filter hat, keine Schutzmechanismen, um die Abweichungen der Realität von seinen rudimentären moralischen Grundsätzen zu verarbeiten."

"Man sollte wohl ein gehöriges Maß Lust am Experimentellen mitbringen, um sich für den 'Woyzeck' am Mainfranken Theater Würzburg zu begeistern", warnt Michaela Schneider
Main-Echo (10.4.2018). Mancher Zuschauer scheine trotz guter schauspielerischer Leistungen nicht recht zu wissen, was er mit den knapp 90 Bühnenminuten anfangen solle. "Seelische Abgründe und psychotische Innenansichten, demütigende und menschenunwürdige Szenen, verwirrende Ereignisse und Dialogfetzen reihen sich aneinander wie in einem Alptraum, aus dem man verzweifelt zu erwachen versucht, doch immer wieder und immer tiefer hineingezogen wird in neue, düstere Momente."