Mein Leben und Sterben im Vorspann

von Esther Slevogt

Berlin, 10. April 2018. Der Akt des Widerstands gegen den Schönheits- und Optimierungsterror, der auf Frauen lasten kann, ist ebenso simpel wie komisch: einfach ein Gebiss mit den schiefsten, größten, gelbesten und hässlichsten aller Zähne einsetzen und schon ist jeder Anflug von Schönheit fortgefegt und die sechs Frauen auf der Bühne sind in schrullige Monsterchen verwandelt. Mit solchen Zähnen lässt sich dann auch effektvoll von den Zumutungen palavern, denen Frauen im Leben (und im Theater) ausgesetzt sind. Bei Stadttheaterproben zum Beispiel, wenn sogenannte "Mützenregisseure", also Regisseure, die dauernd Mützen tragen, "damit das Gehirn nicht fortfliegt", ganze Ensembles mit ihrem sogenannten Genie terrorisieren und Frauen dabei auch schon mal an die Wäsche gehen, in Wahrheit aber Einfaltspinsel sind.

Gipfelstürmer

Zunächst sieht man bloß eine Landschaftstapete, die eine verschneite Hochgebirgslandschaft zeigt. Man lernt sie bald als Metapher für die Gipfel lesen, die zu erklimmen uns Menschlein in dieser neoliberalen Welt ununterbrochen zugemutet wird. Und wo wir natürlich nur scheitern können. Besonders wenn wir Frauen sind, dazu dick, nicht schön oder begabt genug.

umschuelerinnen 1 560 c martina neu1 presseWenig zu lachen im Männerbetrieb: das Frauen-Ensemble in der Regie von Vanessa Stern.
© Dorothea Tuch

Winterlich verpackt in skioutfitähnliche Monturen und dabei wie Tiere maskiert, hatten die sechs Frauen kriechend die Bühne geentert: jede mit Instrument, besagten Gebissen und erkennbar als Variation der Bremer Stadtmusikanten angelegt. Motto: Etwas Besseres als den Tod finden wir überall. Irgendwann schrammeln sie müde Frank Sinatras Selbstverwirklichungs-Hymne "My way". Dabei wird an diesem Abend in Wahrheit ein großes und komisches Klagelied angestimmt, dass eben NICHTS erreicht wurde von diesen Frauen Ende Dreißig, die uns als Bilanz nun mit ihren Loserinnenprofilen als Schauspielerinnen konfrontieren.

Dolle Schauspielkunst am Rande der Vergewaltigung

Für ihren kurzweiligen Abend über das Drama der Durchschnittlichkeit hat die Grazer Schauspielerin und Regisseurin Vanessa Stern Expertinnen des Künstlerinnenalltags um sich versammelt (darunter auch sich selbst), deren reale Künstlerbiografien sich im Verlauf des Abends ins Surreale verschieben. Trotzdem ergibt der Abend ein tendenziell eher erschütterndes und in aktuelle Frauen-Theatergleichberechtigungsdebatten passendes Bild über die prekären Bedingungen des Schauspielerinnenlebens.

Vanessa Stern selbst gibt böse bis trocken-humorige Einblicke in Stadttheateralltag, und das entmündigte Schauspieler*innenleben dort. Anna Blomeier erzählt, wie sie in populären Fernsehproduktionen immer nur Nebenrollen oder Mordopfer spielt, die bereits nach dem Vorspann aus dem Film verschwinden. Im Charlotte-Link-Thriller "Die letzte Spur“ zum Beispiel. Die Medienkünstlerin Lioudmila Voropai berichtet, dass sie eine Stelle als wissenschaftliche Mitarbeiterin in einer Uni annehmen musste, um ihren Lebensunterhalt zu sichern. Jetzt droht die Künstlersozialkasse mit dem Entzug der Versicherung. Deswegen macht sie jetzt bei Sterns Projekt mit, wie sie sagt: weil das eine KSK-pflichtige Tätigkeit ist. Marie-Therese Frontheim schraubt sich einmal in die aberwitzige Erzählung von einem "Räuber"-Szenenstudium in der Schauspielschule herein. Sie spielte Amalia und der Darsteller des Franz steigerte sein Spiel in ihre vom Lehrer als dolle Schauspielkunst hochgelobte reale Fast-Vergewaltigung. Und so geht eins ins andere. Kleine Choreografien wechseln mit entfremdungszusammenhangsgesteuerten Wortkaskaden ab.

umschuelerinnen 2 560 c martina neu presseKein Schnee von gestern: Das Ensemble um Vanessa Stern schreibt sich in die aktuelle Geschlechter-Gerechtigkeitsdebatte des Theaters ein. © Dorothea Tuch

Dann wieder werden die Gebisse eingesetzt und ein Selbsthilfeseminar gemimt in dem skihüttenhaften Ambiente, das der Landschaftstapete vorgebaut ist. Das Publikum gluckst natürlich. Besonders wenn Valerie Oberhof mit Mut zur Hässlichkeit in den Ring steigt. Und weil man sich draußen warm anziehen muss, in der Gebirgswelt und auch so, steigen die sechs immer wieder in ihre Skimonturen und absolvieren kleine Kapriolen im imaginierten Schnee. Oder reenacten verzweifelt, wie einmal Stephanie Petrowitz, gescheiterte Umschulungsmaßnahmen

Trotz aller dokumentarischen Ambition erinnert der Abend dabei ein bisschen an die spleenige Poesie der Anordnungen, mit denen Philipp Quesne von den erdrückenden Überforderungen der Leistungsgesellschaft erzählt, punktet mit kroesingerhafter Enthüllungsdidaktik und polleschig-analytischem Humor. Das erreicht nicht die allerletzte Schärfe, macht aber eine Weile ziemlichen Spaß.

 

Die Umschülerinnen oder Die Komödie der unbegabten Kinder
von und mit Vanessa Stern, Anna Blomeier, Marie-Therese Fontheim, Valerie Oberhof, Stephanie Petrowitz, Lioudmilla Voropai.
Regie: Vanessa Stern, Dramaturgie: Dietmar Schmidt, Ausstattung und konzeptionelle Mitarbeit: Jelka Plate, Eike Böttcher.
Dauer: 2 Stunden, keine Pause

www.sophiensaele.com

 

Kritikenrundschau

Die meiste Zeit reihten die großartigen Schauspielerinnen einen Gag an den nächsten, so Nadine Kreuzahler vom Info Radio des RBB (11.4.2018). "Auch wenn das manchmal ins Alberne abdriftet: es macht Spaß, ihnen dabei zuzugucken." Vanessa Stern übe Kritik an muffigen Rollenkorsetts, an prekären Arbeitsweisen und Diskriminierungen, sie reflektiere das Theatermachen selbst und verpackt all das in locker aufeinander folgende Szenen, "sehr sehr lustig und ungeschminkt".

"Freiheit gewinnen" geschehe auf der Bühne in einer Art Selbsthilfegruppen-Setting. "In einem Halbkreis aus Stühlen sitzen die sechs, manchmal mit Tiergebissen, manchmal ohne, spielen dokumentarisch Coachinggespräche nach und erzählen zwischen allerlei Musik- und Slapstick-Einlagen Geschichten aus ihrem Leben", so Johanna Tirnthal im Deutschlandfunk (11.4.2018). Fazit: "Die absichtlich unbegabte und dadurch total entspannte Art der Umschülerinnen ist sehr erfrischend, denn es gelingt ihnen, das Gebiet der Selbstoptimierung, das sie kritisieren, mit viel Witz tatsächlich zu verlassen."

Ein bisschen kämpften die sechs Schauspielerinnen zuerst noch gegen den Sturm, bald aber säßen sie im Stuhlkreis eines Konferenzraums, und "halten Therapiestunde" ab, schreibt Doris Meierhenrich in der Berlliner Zeitung (12.4.2018). Denn was Frauen so alles "erdulden" müssten auf "ihrem Weg ins gelobte Land" und welche Konsequenz sie daraus ziehen sollten, fülle nichtn ur Zeitungsseiten auch Theaterabende wie etwa diese "gut gedachte, leider am Ende doch allzu drollige Vanessa-Stern-Schau". Trotz Eishölle komme dieser Abend "nicht richtig aus den Puschen". "Mehr Biss, statt Gebiss!"

 
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