Vom Terror der Demokratie 

von Tomo Mirko Pavlovic

Stuttgart, 21. Juni 2008. Wie schade, dass dieser Anfang bald ein Ende hat. Dieses groteske erste Wuselbild: ein Guckkasten der Enge, Hitze, Atemlosigkeit. Der aufgeklappte Schiffscontainer beherbergt vielleicht dreißig Kreaturen, die zwischen Stockbetten und textilem Müll ihr Leben fristen. Es ist ein Termitenbau des leisen Schreckens. Auf fünfundzwanzig Quadratmetern erledigt der duldsame Mensch seine Katzenwäsche. Er kratzt sich, er wühlt und scheint sich in seiner verschwitzten Unfreiheit blind zurechtzufinden.

Anders als die anderen im Parkett, die vor der deutschen Erstaufführung von Manderlay noch ihre Plätze suchen. Die den Container und seine Lebensware noch kaum wahrnehmen, und Bekannten zuwinkend, Lesebrillen justierend, das Programm fallen lassend, nach Deo und Sommer riechen. Volker Lösch liebt bekanntlich diese Zerrspiegel: wenn das hässliche Theater vor der aufgehübschten Parkettwirklichkeit steht und ihm Grimassen schneidet.

Theatraler Fight-Club im schwäbischen Wohlstandsjetzt
Aber dem Stuttgarter Hausregisseur fehlen zuweilen die passenden Texte für dieses groteske Vexierspiel. Nicht so bei "Manderlay" von Lars von Trier. Das grotesk-dialektische Märchen um eine verhätschelte Gangstertochter namens Grace, die ein Zufall zur Sklavenbefreierin macht, bis die Sklaven ihre Freiheit wieder satt haben, scheint wie erdacht für den theatralen Fight-Club der Marke Lösch.

Die Übersetzung in das globalisierte Hier und schwäbische Wohlstandsjetzt wirkt unprätentiös wie selten zuvor. Die Dramaturgie gibt ordentlich Gas, reduziert das ausufernde Filmskript auf eine kompakte Aussage, verzichtet auf die Erzählerstimme und allerlei Psychologismen. Licht aus, Licht an. Und schon quietschen die Reifen, mitten hinein in eine Auspeitschung.

Alltag im Ausbeutungsstaat unter der sterbenden, pelzbehangenen Plantagenchefin Mam (Heidemarie Rohweder), die allerdings keine Baumwolle zupfen sondern bei Lösch Billigjeans ohne Tarif nähen lässt. Der dicken S-Klasse mit Stuttgarter Kennzeichen entschwebt die ephemere Dorothea Arnold, die ihre Grace mit einer herrlich gefährlichen Beseeltheit verziert.

Sie erkennt das Leid im Containerwahnsinn und erzwingt mit Papis Schützenhilfe nach Mams Tod das vorläufige Ende der Kettenherrschaft der tumben Globalisierungsverlierer im White-Trash-Look. Traditionell üben diesen Part Stuttgarter Bürger aus. Diesmal sind es siebenundzwanzig, allesamt ausgestattet mit einem Migrationshintergrund. Ansonsten eine üble beamtische Wortverklumpung, doch hier wohl auch so etwas wie ein inspirierender Begriff.

Laien als Hintergrund, Humanistin als Henkerin
Denn dass die Laien nicht zu sehr in den Vordergrund drängen und die Erzählung höchstens assoziativ verstärken, ist ein Argument für das Gelingen der Inszenierung. Da ist etwa jener eindrückliche Augenblick, als Grace von den inzwischen zwangsbeglückten Jungdemokraten eine Lektion zum Thema Mehrheitsabstimmung erhält – und zur Henkerin gewählt wird. Das erste Opfer des demokratischen Terrors ist eine Frau, die eine Brotkrume gestohlen hat. Sie winselt, auf Kroatisch und Deutsch: um Gnade. Um Liebe. Auf einem Hügel aus Jeans liegend, zugedeckt, Wärme suchend. Das Licht ist milchig, suspekt.

Hinten die Masse, das stumme Volk. Vorne der Einzelne, das Flüstern des Ausgestoßenen, der zweisprachige Ahasver. Doch Grace, die lächerliche Humanistin, vollstreckt die Todesstrafe mit einem gutmenschelnden Säuseln, drückt ab. Das zarte Mädchen geht politisch korrekt über Leichen für ihre, für unsere Freiheit. Und alle schauen zu.

Das rührt an, von platter Rührseligkeit aber keine Spur. Volker Lösch und seine Dramaturgin Beate Seidel vertrauen dem zynischen Realismus eines Lars von Trier, der seine perfide Dynamik aus den Mittlerfiguren entwickelt. Ein gut aufgelegter Sebastian Nakajew schlüpft in die ausgebeulte Trainingsjoppe des scheinbar stolzesten Sklaven Timothy. Ein Muskelberg, ein Weibermagnet, ein klassenbewusstes Faultier.

Akkordschweiß in der Luft
Der herbe Wilde imponiert Neo-Rousseauisten mit schlechtem Gewissen, die jedem partiell intelligenten Lumpenproletarier stets das Beste auf seinem Weg aus der Vorstadtgosse wünschen. Schließlich entpuppt sich Timothy als das, was er immer war: eine dumpfe Kopuliermaschine, ein Tier in der Revolte, das es Grace tüchtig besorgt. Und da wäre noch Wilhelm. Der Mustersklave. Ein schüchtern-ekliger Troll, der Grace zur Hand geht. Sebastian Kowski gibt ihn als närrischen Tölpel, jeden Verdacht ausmerzend, er habe etwas mit dem Unterdrückungsapparat zu tun.

Tatsächlich war es aber der sanfte Riese, der sich und seinesgleichen freiwillig in das Joch zwang: "Als Sklaven haben sie Essen und ein Dach überm Kopf bekommen . . . und wenn ihnen etwas fehlte, konnten sie jammern und sich über ihre Herren beschweren", sagt der Chefideolge zu Grace und taucht tänzelnd ein in ein faszinierendes, pinkgrell leuchtendes Schlussgemälde (Bühne: Carola Reuther), das wiederum ein Zerrspiegelung des Eingangsbildes ist.

Alle Sklaven befinden sich wieder im Container. Überall Nähmaschinen. Der Akkordschweiß liegt in der Luft. Die Uniformierten lachen und wirken glücklich wie die Schirmmützen beim Discounter, weil sie denken, dass sie Arbeiter sind. Aber sie sind nur noch Lohnsklaven. Ihre Herrin ist jetzt Grace.

 

Manderlay (DEA)
von Lars von Trier, Deutsch von Maja Zade
Fassung von Volker Lösch und Beate Seidel
Regie: Volker Lösch, Bühne und Kostüme: Carola Reuther.
Mit: Dorothea Arnold, Thomasa C. Zell, Jonas Fürstenau, Dino Scandariato, Heidemarie Rohweder, Thomas Eisen, Sebastian Kowski, Sebastian Nakajew, Zvonimir Ankovic, Katharina Ortmayr und Mandy Rudski. Sowie Hakan Asasi, Lale Asasi, Okan Asasi, Muhtesem Aydogan, Rushar Aydogan, Yunus Emre Aydogan, Natasa Bojik, Margarethe Danok, Fatma Gülcan Genc, Mohammad Golemohammad, Beata Kaiser, Pedram Khosravi, Anastasia Kousidou, Therese Lösch, Sangsuree Meemongkol, Veronica Paola Palma-Hoffmann, Maria Lucia Prestandrea, Abena Emelia Reisig, Amandla Reisig, Maria Elena Riehm, Juan Rojaz-Vasquez, Sabine Rojaz-Vasquez, Boonthariga Rügner, Georg Sebestyen, Marika Strauss, Mariangela Toso und Dimitra Tsaroucha als Arbeiter.

www.staatstheater.stuttgart.de

Mehr lesen? Zum Beispiel wie es anderen Lars-von-Trier-Stoffen auf deutschen Bühnen erging? Dann lesen Sie hier, wie Sebastian Baumgarten mit von Triers Kinofilm Europa in verfuhr, hier, wie Christiane J. Schneider in Mannheim Der Boss vom Ganzen inszenierte. Über andere Arbeiten von Volker Lösch berichteten wir hier, seine Stuttgarter Medea zum Beispiel. Oder hier, wo es zur Nachtkritik seines Dresdener Woyzeck geht, den Lösch als Neonazi interpretierte.

Kritikenrundschau

Christine Dössel feiert in der Süddeutschen Zeitung (23.6.2008) die Übersetzung der Handlung aus Lars von Triers im Jahr 1933 verorteter "minimalistisch-modellhaften Studioszenerie" des Films in "unsere globalisierte Welt der Sweatshops und Billiglohnkräfte" als sehr überzeugend gelungen und politisch höchst perfide und klug gedacht. Auch die "eindrucksvoll gelenkten" Bilder, die Volker Lösch für seine Bühnenbearbeitung des Stoffs gefunden hat, beeindrucken die Kritikerin sehr – allen voran das "Wahnsinns-Bild" des Anfangs. Aber auch der Arbeitssklaven-Chor aus Migranten und Asylanten aus "aller Herren Länder" bekommt viel Kritikerinnenapplaus. Selten sei Löschs oft sehr plakatives Chor- und Massentheater so unaufdringlich und überzeugend dahergekommen.

Eine ebenso "sinnlichen wie gedankenreichen Theaterabend", der seine Vorlage bitter, spielfreudig und bildstark adaptieren würde, annonciert Nicole Golombek in den Stuttgarter Nachrichten (23.6.2008), wo sie sich auch von Strenge und Ruhe dieser Spielfassung beeindruckt zeigt. Volker Lösch und seine Dramaturgin Beate Seidel machten Lars von Triers abstraktes Experiment transparent, zeigten, was passiere, wenn sich jemand mit allzu schlichten Vorstellungen von Freiheit und Demokratie hochmütig einbilde, unsere Gesellschaftsform sei die einzig richtige, und diese Vorstellung dann mit Gewalt umsetzen würde. In diesem Zusammenhang begrüßt sie "Assoziationen an politische Situationen in Deutschland nach 1945 und 1989 und im Irak 2008", die der Abend provoziert. Auch Referenzen auf spezielle Stuttgarter Vorkommensweisen des Kapitalismus' erfreuen und überzeugen sie sehr.

Dietholf Zerweck zeigt sich in der
Esslinger Zeitung (23.6.2008) ebenfalls höchst angetan von den "eindrucksvollen Szenen", in die Volker Lösch Lars von Triers "zynisch-pessimistisches Gesellschaftsbild" gepackt hat. Besonders der Chor der Migranten begeistert ihn sehr. Grandios bewege und individualisiere Lösch diese multinationale Schar aus Stuttgarter Frauen, Männern und Kindern – von bosnischer bis ghanaischer, von thailändischer bis deutscher Herkunft. Aber auch die Figuren des Stücks findet er hervorragend besetzt und gespielt. Auch Zerweck hebt speziell das "optisch starke Ausgangsbild" der Aufführung hervor.

Auch Roland Müller in der Stuttgarter Zeitung (23.6.2008) hat der Sturm des "Kunstkraftkerls" Volker Lösch und sein "drastisches" und eindrucksvoll choreografiertes Agitprop-Theater zum Teil sehr begeistert. Allerdings trägt Müller auch einen gewichtigen Einwand gegen Löschs Zugriff vor, der für ihn in dem Augenblick problematisch wird, als Grace ihr Demokratieerziehungsprogramm beginnt. Denn hier scheint ihm die Regie "nicht nur die träumerische Utopie", sondern auch die real existierende Demokratie ad absurdum führen zu wollen. Der ironische Ingrimm, mit der Müller Lösch hier vorgehen sieht, irritiert ihn umso mehr, "als die für Demokratie eben nur schwer zu gewinnenden Arbeitssklaven im Schauspielhaus, wie bei Lösch üblich, von Bürgern mit sogenanntem Migrationshintergund gespielt werden. Sind Polen und Peruaner, die miese Jobs erledigen müssen, also zu blöd und zu feig für die Freiheit?"

Noch kritischer argumentiert Martin Halter in der Frankfurter Allgemeinen Zeitung (23.6.2008), für den das Provokationspotenzial von Volker Löschs Volkstheater bereits ausgereizt ist. Lars von Triers "asketische Bildsprache" findet Halter in Stuttgart "mächtig aufgedonnert und mit schlichten Mitteln zugespitzt". "Höhepunkt und Sinnbild" einer Inszenierung, die immer Vollgas gebe, bis "die Reifen quietschen" ist für den Kritiker der Mercedes, mit dem Grace am Anfang "auf die leere Bühne schlittert". Auch der vielstimmige MigrantInnen-Chor, der bei Lösch den Nachweis der These des Abends zu erbringe hätten, "dass eine kommode Sklaverei humaner und herzerwärmender als die Fröste von Freiheit und Demokratie" ist, überzeugt den Kritiker nur mäßig, der angesichts von "pinkfarbenem Licht und süßliche Geigenmusik", in die er getaucht ist, außerdem Kitschalarm gibt. Zwar erweist Halter dem "linken" Staatsschauspiel Stuttgart seine Respekt für Selbstironie und Mut, "kaum ein Argument der Initiative soziale Marktwirtschaft", vor seiner "lustvollen Ausspielung" gegen "bewaffnete Weltverbesserer" zu bewahren. Herausgekommen ist für ihn trotzdem nur "eine mit Holzhammer und Brechtstange ziselierte Satire".

"Lösch verkündet keine Wahrheiten. Vielmehr bezieht er die Position des späten Bert Brecht", schreibt Nikolaus Merck in der Frankfurter Rundschau (25.6.2008), "der wollte, dass die Zuschauer aus dem falschen Verhalten etwa der Mutter Courage...lernen sollten. Theater als Anstalt des lustvollen Erkennens." So halte es auch Volker Lösch, wenn er, wie jetzt in Stuttgart wieder, die Geschichten des Filmregisseurs Lars von Trier für sein Theater hernimmt. Der Abend ziehe als "bewegter Bilderbogen mit fetziger Musik unterlegt" vorüber. "Natürlich betreibt Volker Lösch ein Theater des Schmetterns." Wo er inszeniert, werde die Stimme gerne laut, und die schwitzenden Körper werfen malerische Fettfalten. Lautstärke verhindert die Zwischentöne, "aber Zwischentöne alleine machen auch noch keine Wahrheit." So liefere der Abend klare Erkenntnisse: "Die Unterdrückten in ihre Unterdrückung vernarrt, die Revolutionärin als Tyrannin, die soziale Marktwirtschaft als Deckmäntelchen einer Wolfsgesellschaft? Ist das grobschlächtig? Mag sein. Aber ist es deshalb schon falsch?"

 
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