Propaganda mit Kunstanstrich

von Sophie Diesselhorst

17. April 2018. Heute mal ein Blick ins Kinder- und Jugendtheater, wo bekanntlich die Fundamente unseres kulturellen Verständnisses gebildet, in den höheren Altersgruppen auch verhandelt werden. Wo die politischen Verhältnisse gewissermaßen an der Grasnarbe zu packen sind.

Auftragsarbeit der besonderen Art

Und diese Verhältnisse sind ja mächtig in Bewegung: Die Demokratie ist in Gefahr! Die Verständigung zwischen Wähler*innen und ihren politischen Repräsentant*innen kriselt heftig, wo immer man hinschaut. Es verwundert daher erst einmal gar nicht, dass das österreichische Innenministerium im letzten Jahr (also unter der vorigen Koalition von SPÖ und ÖVP, in der die rechtsextreme FPÖ wenigstens in den Wiener Amtsstuben noch nicht mitbestimmte) auf die Idee kam, zur allgemeinen Verständnisbildung beizutagen. Also initiierte und finanzierte es im Rahmen eines neu eingerichteten "Migrationszentrums" ein Schultheaterstück, das sich mit dem österreichischen und europäischen Schlüssel-Thema Migration beschäftigt. Politische Bildung fürs Wahlvolk der Zukunft (in Österreich wird ja übrigens schon ab 16 gewählt)?

Von wegen. Denn was das Stück "Welt in Bewegung" "leistet", ist keineswegs ein Anstoß zum unabhängigen kritischen Denken – es ist plumpe Propaganda für die restriktive Asyl-Politik des damaligen österreichischen Innenministers Wolfgang Sobotka (ÖVP). Wenn hier irgendetwas gebildet und ermutigt wird, dann ein grob rassistisches Denken, das einer gesamtgesellschaftlichen Integration im Zeichen der Menschenrechte ganz bestimmt nicht dienlich ist.

WiB1 560 ScreenshotGuter Flüchtling, böser Flüchtling? © Screenshot aus einer Aufzeichnung von "Welt in Bewegung"

Als Pappkameraden stehen zwei Migranten nebeneinander, die es nach Österreich geschafft haben – einer von ihnen kommt aus Syrien und ist ein hochsympathischer, fließend deutsch sprechender, westeuropäisch gekleideter Künstler, den man glatt für einen gebürtigen Wiener halten könnte und der einen auch mit Kriegsgeschichten in Ruhe lässt. Der andere kommt aus "Afrika" – was man ihm auch sofort ansieht, denn er trägt kreischend bunte Klamotten, ist überaus ungebildet und naiv, von seiner Flucht übers Mittelmeer traumatisiert und gefährlich impulsiv, weshalb er zum Schluss auch in die Fänge eines Islamisten gerät – zum Glück schiebt Österreich ihn rechtzeitig ab, bevor noch Schlimmeres passiert!

Beschlagener Bub und braves Mädchen

Soviel zu den rassistischen Klischees, die das Stück ausbreitet (natürlich werden der "afrikanische" Flüchtling wie auch der Islamist in den Schul-Aufführungen, hier eine Aufzeichnung, von gebrochen deutsch sprechenden Laien-Schauspielern of colour gespielt!). Sexismen gibt's obendrauf in der Begegnung der beiden österreichischen Figuren. Beide sind Journalisten: Er, cooler Kriegsreporter, der die Welt gesehen hat, schleudert ihr, Typ naiver ahnungsloser "Gutmensch", so lange mutig "unpopuläre Forderungen" ins Gesicht ("Meine Meinung lasse ich mir nicht verbieten. Ich bin nun mal für eine Begrenzung der Zuwanderung. Wenn zuviele Menschen kommen, ist unsere Kultur in Gefahr. Unser Zusammenhalt, unser Wohlstand.") – bis sie es aufgibt dagegen zu argumentieren und sich stattdessen in ihn verliebt. Braves Mädchen. Brave Willkommenskultur. Es ist an der Zeit, zu kapitulieren.

WiB4 560 ScreenshotAuch die österreichischen Charaktere sind holzschnittartig – hier die beiden Journalisten
© Screenshot der Aufzeichnung auf addendum.org

Aus den Reaktionen der Schüler*innen auf das Stück ist zu entnehmen, dass das Projekt nach hinten losgeht. Beliebteste Figur, so wird berichtet, ist der Islamist, für den es von den Jugendlichen immer wieder Szenenapplaus gebe. Und was ist mit den Lehrer*innen? Die ja immerhin dafür zuständig sind, das Stück im Sinne der Obrigkeit mit ihren Schüler*innen nachzubesprechen? Nun, in Zeiten, in denen die rechtsextreme FPÖ Österreich mitregiert, ist es vielleicht nicht verwunderlich, dass über 70 Vorstellungen von "Welt in Bewegung" über die Bühnen österreichischer Schulaulen gegangen sind, bevor eine Wiener Lehrerin in einem Protestbrief darauf aufmerksam machte, dass in dem Stück "unter dem Schutzmantel der Satire" tatsächlich "fast jedes mir bekannte Vorurteil gegenüber Asylanten unreflektiert den Schülern als Faktum präsentiert, belächelt und sich lustig darüber gemacht" werde, womit Integrationsarbeit "auf einen Schlag um Jahre zurückgeworfen" sei.

Der Brief einer Lehrerin und seine Folgen

Natürlich schlug dieser kurz vor Ostern publik gewordene Brief mediale Wellen. Empörte Stimmen von Theaterleuten wurden eingeholt, eine Vorstellung im Weltmuseum (= ethnologischen Musem) Wien abgesagt. Aber die Empörung ist schnell verklungen. "Welt in Bewegung" wird weiter vor Schüler*innen gezeigt, die Message mit suggestivem pädagogischem Begleitmaterial untermauert. Ein weiteres Stück der gleichen Machart für Volks-/Grundschüler wird ebenfalls seit Herbst 2017 vor Schüler*innen gespielt. Das funktioniert dank der Macht derjenigen, die die Stücke lancierten – und dank einer aufgeheizt rassistischen Stimmung, in der die Botschaft von "Welt in Bewegung" inzwischen fast schon als gemäßigt erscheint.

Mit der Beauftragung einer privaten Wiener Theater-Agentur gibt sich das Projekt den Anstrich von Kunst mit unabhängigem Entstehungsprozess, ist aber eigentlich ein von oberster politischer Ebene bis ins Letzte kontrolliertes Auftragswerk: Die Idee sei geboren worden bei einem Treffen von Mitarbeiter*innen der Pädagogischen Hochschule Niederösterreich (PHNÖ) und einem Staatssekretär des Innenministeriums, hört man aus der PHNÖ. Die Agentur "Acting Power" wurde daraufhin beauftragt in Kooperation mit dem regierungsnahen Think Tank International Centre for Migration Policy Development (ICMPD), das als offizieller Auftraggeber von "Welt in Bewegung" in Erscheinung tritt, und der PHNÖ auf Basis eines von der österreichischen Regierung in Auftrag gegebenen "Migrationsberichts" ein Schultheaterstück für 10- bis 14-jährige Jugendliche zu entwickeln. Mit dem Bildungsministerium, das für solche Initiativen ja eigentlich zuständig wäre, habe man sich abgestimmt. Aber das letzte Wort habe sowohl bei Stück-Entwicklung als auch bei der Inszenierung stets das Innenministerium gehabt, und immer wieder feinjustiert.

Schwarze Pädagogik

Natürlich ist es nicht die Aufgabe von Staatssekretären, Kunst zu machen, aber um Kunst geht es hier ja sowieso nicht. Sondern um Pädagogik, die sich als schwarze Pädagogik entpuppt. Denn wenn "Welt in Bewegung" tatsächlich ein kritisches Denken bei den Schüler*innen ermöglichen sollte, müsste der Fokus auf der Entstehungsgeschichte des Stücks liegen – und der Geschichte staatlicher Propaganda.

Auf meine Anfrage, ob ich das Stück zu lesen bekäme, reagierte übrigens als einzige der beteiligten Institutionen die PHNÖ – die Agentur "Acting Power" hüllte sich in Schweigen, das "Migrationszentrum" im Innenministerium reagierte erst nach Tagen mit einer lakonischen Einladung zur nächsten Vorstellung von "Welt in Bewegung" an einer Wiener Schule. Aus der ehrenwert kommunikationswilligen PHNÖ kam viel guter Wille sowie die wiederholte Bekundung, mit dem Stück habe die "Komplexität der Situation" begreiflich gemacht werden sollen. Was aber, siehe oben, in größtmöglichem Kontrast zum Ergebnis steht.

Schadensbegrenzung

Ging es dem ehemaligen Innenminister Sobotka um Schadensbegrenzung? Wurde mit Aussicht auf eine Regierung mit FPÖ-Beteiligung schnell noch ein Stück in Auftrag gegeben, in dem wenigstens der Syrer in Österreich bleiben darf? Und der abgeschobene Wirtschaftsflüchtling aus dem Lande Afrika gleichsam die offizielle Abschaffung der Willkommenskultur bezeugt, als Zugeständnis an die längst gekippte Stimmung, von der ja nicht nur die FPÖ profitieren soll?

Welche strategischen Gedanken auch immer hinter der Entstehung "Welt in Bewegung" stecken, mit politischer Bildung in und für eine/r Demokratie hat das Projekt nichts zu tun. In einer Zeit, in der offen antidemokratische Parteien wie FPÖ, AfD, FN in europäischen Parlamenten sitzen, sind die Grundwerte einer demokratischen, offenen Gesellschaft keine Selbstverständlichkeit mehr. Sie müssen verteidigt, es muss neu für sie argumentiert werden, wenn sie Fortbestand haben sollen. Ja. Aber unter dem Deckmäntelchen dieser wichtigen Auseinandersetzung für die eigene Politik zu werben, tut ihr keinen Gefallen, höhlt sie im Gegenteil aus und legt die Vermutung nahe, dass Meinungs- und Kunstfreiheit für die zuständigen Politiker keinen eigenen Wert mehr darstellen, der Weg zum autoritären Staat in Österreich bereits beschritten ist.

Eine Beziehungs-Krise zwischen (zukünftigen) Wähler*innen und Repräsentant*innen kann unter solchen Umständen gar nicht aufgearbeitet, sondern nur verschärft werden. Kein Wunder, dass die Schüler*innen dem Islamisten applaudieren.

 

s.diesselhorst kleinSophie Diesselhorst, Jahrgang 1982, ist Redakteurin von nachtkritik.de Sie studierte Philosophie und Kulturjournalismus. Seit 2005 ist sie von Berlin aus als freie Autorin und Redakteurin für verschiedene Print- und Online-Medien tätig.

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