Weg mit der Zeit

von Harald Raab

Mannheim, 19. April 2018. Wenn ein ausgestopftes Huhn auf Rollen über die Bühne gezogen, eine alte Frau von einem Schauspieler gemimt wird, der seine Perücke verliert und uns seinen Glatzkopf zeigt; wenn sich Männer im Suff in den Armen liegen und wie Wilhelm-Busch-Karikaturen grotesk herum hopsen und irgendwann einer sich einen Wassereimer über den Kopf stülpt, dann ist das: eine Komödie!

Auch wenn es sich um Anton Tschechows "Onkel Wanja" handelt: Gaudi muss sein. Regisseur Sebastian Schug muss da wohl etwas missverstanden haben. Nur weil der Stoff ursprünglich als Komödie konzipiert war und als solche seinerzeit auch gründlich durchgefallen ist, muss man nicht den großen Spaßhammer hervorholen und mit ihm alle psychologische Feinarbeit an den unglücklichen Charakteren kaputt klopfen. Und wenn schon Komödie, dann bitte eine sensible Tragikomödie, Schweben statt Poltern.

Action!

Aber nein. Schon die vollgestopfte Bühne, ein Einblick in den Requisitenfundus des Hauses (Christian Kiel), suggeriert, dass man nicht so recht wusste, welchen Kurs man der Produktion geben sollte: Ein Flügel, auf dem etwas Beethoven und ein russischer Choral intoniert werden (Johannes Winde), ein Samowar, ein Kühlschrank und eine Art Kamin, aus dem es immer mal qualmt, ein Salonstuhl, ein Glitzervorhang, ein großer gelber Pfeil, der in zwei Richtungen zeigt und nur einmal aufblinkt, und ein Monstrum von einer schwarz verkleideten Stufenempore. Letztere nur zu dem Zweck, dass sich Onkel Wanja einmal wie ein Feldherr auf ihr postieren darf und damit sich der vermeintlich angeschossene Schwager, Professor Serebrjakow, kopfüber hinunterstürzen kann. Zweifellos eine akrobatische Meisterleistung.

onkelwanja 560a ChristianKleiner uJacques Malan, Hannah von Peinen © Christian Kleiner

Ja, "Onkel Wanja" ist beinahe schon zu Tode gespielt worden. So ziemlich über jeden Regie-Leisten hat man dieses Tschechow-Stück geschlagen: existentialistisch, realistisch, tiefenpsychologisch und surrealistisch. Es funktioniert immer – wenn man es nur konsequent durchzuhalten weiß. In Mannheim fehlt es aber an Mut, Langeweile und existentielles Scheitern im ewigen Hamsterrad des Gleichen einer ziemlich verkorksten Familie auf einem Landgut gegenwärtig werden zu lassen. Action ist angesagt, statt quälende Leere sinnlich wahrnehmbar zu machen. In 105 Minuten musste alles abgewickelt sein. Nur nicht das Publikum die verrinnende Zeit spüren lassen. Sie ist ja Folterkammer, in der man mit der Unfähigkeit aufs Rad geflochten ist, sein Leben aktiv zu gestalten und vielleicht ändern zu können. In der Leistungsgesellschaft unserer Tage samt IT-Terror ist das ein genauso aktuelles Thema wie im Russland des ausgehenden 19. Jahrhunderts in den Salons rund um den blubbernden Samowar, am Vorabend der großen Revolution.

Männliches Knallchargentum meets weiblichen Eskapismus

Es wäre ungerecht zu verschweigen, dass die Mannheimer Inszenierung stellenweise auch den feinnervigen Tschechow-Ton getroffen hat. Doch wer die handelnden Personen zuerst als Witzfiguren einführt, muss sich nicht wundern, dass der Zuschauer nicht auf Knopfdruck umschalten kann und ihnen plötzlich die Tragik ihrer Existenz abnimmt. David Müller macht den Arzt Astrow gnadenlos zu einem Spaßvogel, einem schnoddrigen Althippie mit aufgeklebtem Schnurrbart und schlaksigen Pinocchio-Bewegungen. Man kann beim besten Willen nicht nachvollziehen, warum auf so einen Fuzzi die Frauen reihenweise abfahren sollten. Als er der jungen Professorengattin Elena seine Liebe und den Bankrott seiner privaten und beruflichen Existenz vermitteln will, berührt einen die Szene nicht sehr.

onkelwanja 560 ChristianKleiner uGruppenbild mit Huhn: Matthias Thömmes, Carmen Witt, Hannah von Peinen, David Müller,
Thomas Meinhardt, Jacques Malan, Julius Forster © Christian Kleiner

Auch der Titelfigur Wanja kann Stargast Thomas Meinhardt keine Entwicklung geben. Er bleibt der smarte Typ im Freizeitlook, als der er seinen ersten Auftritt hat, auch wenn er sich bei der Revolverattacke auf den Professor etwas echauffiert. Immerhin: Seine Sprechkultur tut der Aufführung gut. Als Gelehrter und Familientyrann Serebrjakow darf Jacques Malan im Lehnstuhl Shakespeare rezitieren und den eingebildeten Kranken spielen. Den beiden Frauen Sonja (Carmen Witt) und Elena (Hannah von Peinen) bleibt weitgehend erspart, ins Komödienklischee getaucht zu werden. Naturalistisch können sie ihre Rollen als Leidende in einer Männergesellschaft stilisieren, Lebensbeichte und Vorwürfe inklusive. An Stelle eines richtigen Lebens Illusionen und Hoffnungen. Da kann man wenigstens nicht enttäuscht werden.

Alles in allem gelingt es Regisseur Schug in dieser Arbeit nicht, das Theater zu einem Ort zu machen, an dem die Gesellschaft über sich selbst verhandelt. Auch der Unterhaltungswert des Abends ist nur mäßiger Natur.

Onkel Wanja – Szenen aus dem Landleben
von Anton Tschechow
Deutsch von Angela Schanelec
Regie: Sebastian Schug, Bühne: Christian Kiehl, Kostüme: Nico Zielke, Musik: Johannes Winde, Licht: Wolfgang Schüle, Dramaturgie: Caroline Losch.
Mit: Jacques Malan, Hannah von Peinen, Carmen Witt, Thomas Meinhardt, David Müller, Julius Forster, Matthias Thömmes.
Dauer: 1 Stunde 45 Minuten, keine Pause

www.nationaltheater-mannheim.de

 

Kritikenrundschau

Die Inszenierung "banalisiert den Autor und verspottet seine Figuren", schreibt Monika Frank in der Rhein-Neckar-Zeitung (21.4.2018). Dagegen arbeite Thomas Meinhardt in der Titelrolle: "schäumend vor Wut auf den Schwager Serebrjakow, von dem er sich betrogen fühlt, verzweifelt über die verpasste Chance, die Träume zu realisieren, statt Frondienste für ein Genie zu leisten, das sich als Blender entpuppt hat, und rührend in seinen unbeholfenen Liebesbekundungen für Elena". Auch Carmen Witt in der Rolle der Sonja zeige "eine überragende Leistung: Das in Elenas Schatten stehende, hoffnungslos in Astrow verliebte tapfere Mauerblümchen wird bei ihr zur einzig wahren Tschechow-Heldin der Aufführung", so Frank, und: "ein Lichtblick im Abseits auch Julius Forsters verarmter Kostgänger Telegin."

Sebastian Schug beweise, indem er kürze, eine "äußerst glückliche Hand" für Tschechows "Unglücksreigen", schreibt Ralf-Carl Langhals im Mannheimer Morgen (23.4.2018). "Kein Putin, nirgends, doch überall desolate Zustände, die schlecht verheilte emotionale Wunden aufplatzen lassen", so Langhals. "Auch wenn zwischendurch kesse Komik fröhliche Urständ feiert, versanden Melancholie und Augenzwinkern nie im Albernheitsnebel." "Umständlich" sei "an diesem beziehungsreichen Tschechow-Abend allenfalls das krude Non-Bühnenbild".

"Kein großes Drama, sondern eine leichte Komödie“ mache Sebastian Schug in seiner vierten Inszenierung fürs Mannheimer Schauspiel aus Tschechows "Onkel Wanja". "Die Figuren nimmt er nicht wichtiger als sie es verdienen", schreibt Dietrich Wappler in Die Rheinpfalz (21.4.2018), "schaut ihnen amüsiert zu, wie sie den Stillstand ihres Daseins wortreich zelebrieren, ihren Träumen nachhängen und im Scheitern ihre Erfüllung finden". An eine aus der Zeit gefallene Landkommune fühlt sich der Kritiker erinnert und muss an die Glücksdefiniton des Philosophen Slavoj Zizek denken: Tschechows Figuren "behaupten zwar ständig, ganz furchtbar unglücklich zu sein, tatsächlich fühlen sie sich im Zustand unerfüllter Glückserwartung aber pudelwohl".

 

 
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