Mit Tempo plattgewalzt

von Thomas Rothschild

Konstanz, 20. April 2018. Vor dem Theater traten einander die Kameraleute auf die Zehen. So viel Medienrummel sieht eine Theaterpremiere selten, jedenfalls in Konstanz. Der Zweck von Serdar Somuncus bewusst provokanter Setzung war erfüllt. Im Vorfeld der Premiere (an Adolf Hitlers Geburtstag) war angekündigt worden, Besucher der Inszenierung müssten sich beim Kauf einer Karte entscheiden, im Theater entweder einen sogenannten "Judenstern" oder eine Hakenkreuzbinde zu tragen. Am Premierenabend wurde dieses "Versprechen" nicht eingelöst – mit einer halben Stunde Verspätung zwar, aber unbehelligt durfte man den Saal betreten, ohne Davidstern, ohne Hakenkreuz.

War es Druck, war es späte Einsicht, was zum Sinneswandel geführt hat? An den Türen klebte noch der Hinweis, dass sich strafbar mache, wer das Theater mit einem Hakenkreuz verlasse. Das also blieb uns erspart, und die Fragen der Fernsehreporter gingen ins Leere.

Obszöne Mimikry als Marketing-Gag

Als Theaterkritiker habe ich zur Vorgeschichte der Inszenierung sowieso nichts hinzuzufügen. Würde ich es tun, wäre ich bereits in die Falle geraten. Dann hätte ich mich wider besseres Wissen an dem "Marketing-Gag" – so, ablehnend, selbst der Regisseur – beteiligt. Ein Urteil darüber würde ja bestätigen, dass es sich bei dem geplanten und nunmehr fallen gelassenen "Gag" um Theater handle.

Nicht als Kritiker also, aber als Bürger bekenne ich: Ich empfinde die aufgedrängte Mimikry, mit der sich Zuschauer als Juden oder Nazis der dreißiger Jahre kennzeichnen sollten, als obszön. Ich hätte mich geweigert, einen Davidstern anzustecken. Nicht nur, weil es für mündige Theaterzuschauer als Tugend gelten sollte, Anweisungen nicht brav zu gehorchen, sondern vor allem, weil ich keinen Davidstern benötige, um mir vorstellen zu können, was diese Aktion suggerieren wollte.

Das übliche Missverständnis des Mitmachtheaters

Meine Fantasie bedarf keiner Nachhilfe. Meine Großeltern haben reale Davidsterne getragen, ehe sie nach Auschwitz deportiert wurden. Das reicht für schlechte Träume. Und wenn sich meine Nachbarn im Theater im Jahr 2018 nicht vorstellen könnten, was es bedeutet hat und bedeutet, ausgegrenzt und bedroht zu werden, würde der Davidstern auch nichts nützen.

Das übliche Missverständnis des Mitmachtheaters. Wer sich einen Davidstern oder ein Hakenkreuz anheftet, macht noch lange nicht die Erfahrung eines Juden oder eines Nazis im Dritten Reich. So naiv ist kein Theaterbesucher, dass er das Spiel mit der Wirklichkeit verwechselte. Er weiß ganz genau, dass nach Schluss der Vorstellung nicht eine Verhaftung, sondern der Zwiebelrostbraten in der Kneipe an der Ecke auf ihn wartet.

Einfall mit mangelndem Einfühlungsvermögen

Nein, Christoph Nix und Serdar Somuncu sind keine Nazis. Ihr "Einfall" zeugt lediglich von politischer Dummheit oder von einem Mangel an Fantasie und Einfühlungsvermögen. Beides wäre keine gute Voraussetzung für Theaterarbeit. Zum Glück haben sie das noch rechtzeitig begriffen.

Mein Kampf 1839 560 Ilja Mess uHerzl und Hitler im Konstanzer "Kampf": Thomas Fritz Jung, Peter Posniak, Andreas Haase
© Ilja Mess

Die entscheidende Frage freilich lautet: Was transportiert die Inszenierung? Hier meldet sich nun wieder der Kritiker zu Wort.

Unbefangenheit ist nicht möglich

Es mag unfair sein, an die Uraufführung von "Mein Kampf" in der Regie des Autors 1987 am Wiener Akademietheater zu erinnern. Sie hat die Latte sehr hoch gelegt. George Tabori zeigte "die Juden" meist nicht, wie sie "sind", sondern wie sie gesehen werden, von ihren Feinden und von sich selbst. In Wien schlurfte der wunderbare Ignaz Kirchner als Schlomo Herzl neben Günter Einbrodt als Hitler und dem für den erkrankten Hugo Lindinger eingesprungenen Tabori selbst plattfüßig über die Dielen, die Schultern vorgeschoben, die Arme angewinkelt und die Handflächen beim Sprechen nach oben gekehrt, die Stirn in Falten gelegt und das Gesicht zur Grimasse verzerrt.

So kennt man "den Juden" aus der Karikatur. Es ist das antisemitische Klischee, das uns Tabori/Kirchner vorführten. Dieser Jude ist die leibhaftige Projektion. Was Taboris Erfindung, die verquere Liebe des Juden Schlomo Herzl zu Adolf Hitler in einem Obdachlosenasyl der Zwischenkriegszeit, ausdrückt, ist dies: dass sich die Juden über Hitler definieren, dass sie bis heute in einem fatalen Sinne von ihm abhängig sind. Unbefangenheit, ein Reden über Juden ohne das Bewusstsein von Auschwitz, erscheint unter diesen Umständen kaum möglich.

Von Davidsternen und Hakenkreuzen befallen

Die Unbefangenheit, die sich der Jude Tabori, wie vor ihm Ernst Lubitsch und Peter Zadek, leisten konnte, fehlt auch dem unter anderem als Kabarettist und Talkmaster auf n-tv bekannten Regisseur Serdar Somuncu, der 2017 auf Wahlplakaten der Satirepartei DIE PARTEI "der erste türkische Bundeskanzler Deutschlands" werden wollte. Thomas Fritz Jung darf als Schlomo Herzl keine Spur einer Karikatur aufweisen, und am Ende wird er in Konstanz zu jener Leidensfigur, die Tabori gerade vermeidet. Dazu passt Somuncus Einleitung, in der prügelnde Nazis mit Lederhosen und nackten Oberkörpern Pegida-Slogans brüllen. Zum Schluss fallen Davidsterne und Hakenkreuze aufs Publikum, und zwei Knaben rezitieren ein antisemitisches Credo.

Mein Kampf 2353 560 Ilja Mess uExtremismus allenthalben: Laura Lippman, Tomasz Robak, Thomas Fritz Jung, Vanessa Radman, Andreas Haase, Statisterie © Ilja Mess

Das mag ja noch angehen als Bedrohungsszenario. Warum aber muss der Koch Lobkowitz, der sich für Gott hält, eine Trump-Maske tragen und den Witz durch diese Doppelung aufheben? Warum muss Frau Tod aussehen wie Theresa May und vom Ku-Klux-Klan flankiert in ein Megaphon sprechen? Schlimmer noch: warum muss Peter Posniaks Hitler völlig funktionslos "Atemlos durch die Nacht" mit einem Gummipimmel als Mikrophon singen? Der Szenenapplaus legitimiert diesen Schwachsinn nicht.

"Mein Kampf" ist über weite Strecken ein Konversationsstück aus jüdischen Witzen. Die Komik ist die der "verkehrten Welt". Hitler ist nicht der dämonische Tyrann, sondern ein armes Würstchen, und der Jude Herzl kein Opfer, sondern Hitlers Lehrmeister. In Taboris Stück wird kein Knoten geschürzt, kein Geheimnis enthüllt, keine Erwartung aufgebaut und enttäuscht. Die fehlende dramaturgische Spannung wäre durch Sprechrhythmus und Timing zu kompensieren, stattdessen wird das Stück vom konstanten Tempo plattgewalzt. Dass "Mein Kampf" ins Repertoire eingegangen ist und sich bewährt hat, dürfte hier für kaum jemanden nachvollziehbar werden.

Immerhin hat uns das Theater vor den schlimmsten Peinlichkeiten noch im letzten Moment verschont. Dafür herzlichen Dank.

 

Mein Kampf
von George Tabori
Deutsch von Ursula Grützmacher-Tabori
Regie: Serdar Somuncu, Ausstattung: Damian Hitz, Dramaturgie: Daniel Grünauer, Daniel Morgenroth, Video: Sebastian Heiland.
Mit: Laura Lippmann, Vanessa Radman, Thomas Fritz Jung, Andreas Haase, Peter Posniak, Tomasz Robak, David Jordan, Edgar Albert, Peer Homann, Forian Latuska, Hamilkar Oueslati, Adrian Schwahn.
Dauer: 1 Stunde 30 Minuten, keine Pause

www.theaterkonstanz.de

 

Kritikenrundschau

Bernhard Doppler Bernhard Doppler schreibt für den Deutschlandfunk (Kultur heute, 21.4.2018): Somuncus Tabori-Inszenierung sei "politisch eine vollkommen eindeutige Stellungnahme gegen Neo-Nazitum, ja wohl sogar etwas pädagogischer als der tiefgründige tabulose jüdische Witz Taboris." Der Regisseur wolle "eine an neuer schriller Comedy angelehnte Sicht über Taboris Humor stülpen." Warum einige Figuren "aktuellen Politikern ähnlich sind", werde "nicht ganz klar"; der Schluss sei bei Somuncu "weit brutaler gefasst" als bei Tabori.

Das Stadttheater Konstanz habe "in den letzten Wochen Olympiagold in taktischem Zurückrudern" eingefahren, meint Anton Reiser von der Süddeutschen Zeitung (21.4.2018): "All die Rechtsgutachten und Pressemitteilungen, die Intendant Christoph Nix verschicken ließ, sie machten irgendwann den Eindruck eines Scherzes, der den Witzbolden selbst zu weit gegangen war." Die Regie nun lasse "keine erdenkliche Aktualisierung des Stoffs aus, stopft Taboris Schwank mit Anspielungen voll: Höcke, Kurz, May, Petry und Thatcher treten auf oder werden in Nebensätzen abgehandelt. Die an Abstraktionen ohnehin reiche Vorlage erhält Zitatebene um Zitatebene, bis jeder Rechtsaußen zumindest einmal zum Hitlergruß kam." Nicht die Politik sei "das Problem dieser Szenen, es sind die Holzhämmer und Gummidildos, mit denen die Regie mitunter heftig auf ihre Vorlage eindrischt." Dennoch: Dies sei eine "ebenso intelligente wie hoffnungslos überdrehte Inszenierung", die mit bitterer Pointe ende.

Die Inszenierung habe wenig von dem eingelöst, "was der Regisseur vorher so vollmundig angekündigt hatte", so Tobias Haberkorn von Zeit online (21.4.2018). Er füge Taboris Vorlage "leider nur nervöse Verweise auf die Gegenwart" hinzu, "die man in etwas weniger provokanter Form auch in der Heute-Show finden könnte." Das Problem sei, "dass hier alle Bezüge zur Gegenwart so dermaßen buchstäblich aufeinandergeklatscht werden, dass die psychologischen Nuancen, die es bei Tabori noch gab, von wüster Erregung geplättet werden." "Wenn man produktiv über Faschismusgefahr reden will, reicht es vielleicht doch nicht aus, verrohte, in allen europäischen Akzenten sprechende Figuren über die Bühne zu jagen, als ergäben sich daraus schon irgendwelche Rückschlüsse auf die Gegenwart. Ein paar gedankliche Nuancen hätten dem Stück gutgetan. So bleibt die Fundamentalkritik an der Inszenierung berechtigt": Man sollte nicht "einen spezifischen Stoff, ein bestimmtes Jubiläumsdatum und eine sehr sensible Symbolik mit allem anderen verwursten (…), was derzeit geschieht. (...) Klüger wird daraus niemand und politisch aktiver vermutlich auch nicht."

"Kein Skandal weit und breit", konstatiert nach der Premiere Daniele Muscionico von der Neuen Zürcher Zeitung (21.4.2018). Die Inszenierung Somuncus "erwies sich als eine in jeder Hinsicht umsichtige Neuschreibung des zeitgenössischen Theaterklassikers." Posniak als Hitler sei "ein Schauspielergrossereignis! Der einzige Skandal das Fernbleiben des Stadtobersten." Es sei den Theatermachern "nicht um hohle Provokation" gegangen, "das war Gutwilligen klar und jedem, der die Verantwortlichen und ihre Sensibilität für den Ort kennt." Überdies treffe Somuncu "Taboris Kern. Er lässt das Stück als Spiel im Spiel im heutigen Wien laufen, bezieht sanft das Publikum mit ein und heutige Potentaten und setzt lediglich einen einzigen, aber schmerzhaften Schnitt", indem er aus Schlomos Huhn "eine dunkelhäutige Babypuppe" mache. "Die Inszenierung ist ein Sieg der Kunst über die Interessenpolitik und ein Beispiel dafür, wie unser Denken die Welt erfindet."

Somuncu lasse "nichts aus, um seine Inszenierung ins Hier und Jetzt zu holen", meint Eberhart Wein von der Stuttgarter Zeitung. "Kein Klischee, dessen sich Antisemiten bedienen, wurde ausgelassen". Ein wenig entgleise diese Version von "Mein Kampf" am Ende "zu Somuncus Kampf mit Taboris Vorlage." Ob das Publikum, wie von der Regie erklärtermaßen intendiert, den "Hitler in sich" entdeckt, "bleibt bei all dem Blut fraglich". Gesehen hat der Kritiker allerdings auch "packende Schauspielerleistungen".

"Typisches Stadttheater", schreibt Hannelore Crolly in der Tageszeitung Die Welt (23.4.2018): "angestrengt grotesk, bemüht provokant, phasenweise schrill und überfrachtet". Doch geschehe nichts, dass die vorangegangene Aufregung gerechtfertigt hätte. Denn wer sollte schon so knickerig, ignorant und stupide sein, sich für elf gesparte Euro den vernichtenden Blicken der versammelten braven Bodensee-Bildugsbürger aussetzen? so die Kritikerin. Mit der Aktion habe sich der Reisseur "selbst ins Knie geschossen". Und das aus Sicht der Kritikerin nicht nur, weil in der Debatte seine Regie vollkommen untergangenen sei. Das die von ihm geweckten Erwartungen so verpufft seinen, lasse ihn zudem "unglaubwürdig und feige" erscheinen.

 

 
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