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Marionetten statt Götter

von Martin Krumbholz

Essen, 21. April 2018. Programmheft-Interviews mit Regisseuren sind riskant. Manchmal verraten sie, was man hätte besser machen können und aus nicht unbedingt plausiblen Gründen unterlassen hat. Der Regisseur Jan Neumann führt also aus, man habe im Vorfeld des "Falls der Götter" die Villa Krupp besucht, viele Informationen gesammelt und überlegt, dokumentarisch zu arbeiten. Also die Parallelen aufzunehmen, die der italienische Filmemacher Luchino Visconti in seine Geschichte über die Verstrickungen der Gussstahl-Dynastie Krupp mit dem NS-Regime einarbeitet. Viscontis großartiger Film, der 1969 ins Kino kam, heißt letztlich "Die Verdammten" – "La caduta degli dei", "Der Fall der Götter" oder auch schlicht "Götterdämmerung", war des Regisseurs bevorzugter Titel, der aus kommerziellen Gründen kassiert wurde.

Fall der Goetter 1 560 Martin Kaufhold uEin Haufen Dekadenz-Zeichen: Stefan Migge und Ines Krug im Pelzmäntel-Berg © Martin Kaufhold

Wagner, Hitler, Kruppstahl, familiäre moralische Verwerfungen – das passt aus Sicht des italienischen Meisters perfekt zusammen. Hätte Thomas Mann das Skript geschrieben, wäre es womöglich noch runder geworden, aber immerhin spielt Helmut Berger mit, neben vielen anderen Stars, versteht sich. Großes Kino ist daraus geworden. Visconti hat erkannt, dass in den Diadochenkämpfen einer glorreichen Unternehmerfamilie Züge einer Shakespeare'schen Tragödie enthalten sein können, auch wenn die faktischen oder biografischen Parallelen vage bleiben und das Meiste frei erfunden ist. Ein alter Patriarch wird erschossen, die Jüngeren streiten um die Nachfolge und um die ihnen zuträgliche Nähe zur Diktatur, ein noch Jüngerer geht sexuellen Verirrungen nach – das hat es in der Form ja nicht gegeben. Aber die Realität, die Geschichte scheint durch. Darauf kam es an. Man wusste, wenn man den Film sah: Bloße Fantasie ist es nicht.

Drei Hakenkreuzfahnen vom Schnürboden: wumm!

Hätten Neumann und sein Team sich nun auf die Spuren der Geschichte begeben, denn immerhin spielen sie ihr Stück ja in Essen, dem wirklichen Schauplatz – man hätte wetten können, eine solche Übermalung der Kinostory mit Realitätssplittern wäre spannender ausgefallen als die biedere, fast naive Nacherzählung des Stoffs, die sie tatsächlich bieten. Auch wenn viele Zuschauer den Film nicht kennen mögen: Das Theater kann im direkten Vergleich nur verlieren. Denn die Stärke des Films liegt ja nicht so sehr in den manchmal kruden Vereinfachungen und Zuspitzungen der Story und der Dialoge, sondern eben in den Bildern, in der Suggestion der Großaufnahmen, der Emotionen. Das Theater hat all das nicht. Es hinkt hinterher, und je länger so ein Abend dauert (fast so lang wie der Film – oder noch länger?), desto mehr fällt es auf.

Fall der Goetter 4 560 Martin Kaufhold uDas Feuer des Anfangs in Cary Gaylers grauem Bühnenbild erlischt rasch © Martin Kaufhold

Schon das Bühnenbild von Cary Gayler – eine Reihe rostfarbener großer Quader – stellt keine Einladung dar. Je nachdem, wie das Licht fällt, wirkt das Rostfarbene auch bloß grau. Am Anfang – die erste Szene spielt in der Nacht des Reichstagsbrands – wird ein Feuerwerk abgebrannt, das zugleich an das Lodern und Zischen der Hochöfen gemahnt; es bleibt der optische Höhepunkt des Abends. Kurz vor Schluss fallen acht oder zehn riesige Hakenkreuzfahnen vom Schnürboden herab. Wumm. Da ist aber die Gleichschaltung schon längst passiert – die Story spannt einen Bogen vom Februar 1933 bis zum sogenannten Röhmputsch, der in Wahrheit ein brutales Exekutionskommando war, das den unliebsamen SA-Mann beseitigte –, das optische Ausrufezeichen wirkt irgendwie überflüssig. Wie so viele Erfindungen an diesem Abend provisorisch, manchmal fast dilettantisch erscheinen.

Charge und Gebrüll

Ein Erzähler (Jens Winterstein, der zuvor den Patriarchen Joachim von Essenbeck gab) muss die Fäden der Handlung notdürftig zusammenbinden. Diese wird dann schlecht und recht abgespult, wie man sie aus dem Kino kennt. Manchmal wird ganz schön wild chargiert (Jan Pröhl als SA-Mann Konstantin). Oder es wird unmotiviert aus dem Stand gebrüllt (Floriane Kleinpaß als Nichte Elisabeth, unmittelbar nach der Pause). Stefan Diekmann (Hauptsturmführer von Aschenbach) gibt den mephistophelischen Zyniker. Jan Neumann, der doch selbst Schauspieler ist, zeigt herzlich wenig Sinn für die Bedürfnisse von Schauspielern, die schließlich nicht nur Marionetten in einem unübersichtlichen Handlungsgeflecht sein wollen – und dürfen.

Dieser Essener Abend ist keine Götterdämmerung, so schön das gewesen wäre, sondern szenisches Stückwerk. Eigentlich ein ziemliches Fiasko.

 

Der Fall der Götter
nach dem Film "Die Verdammten" von Luchino Visconti, für die Bühne übersetzt und bearbeitet von Hans Peter Litscher
Regie: Jan Neumann, Bühne: Cary Gayler, Kostüme: Nini von Selzam, Musik: Thomas Osterhoff, Dramaturgie: Carola Hannusch
Mit: Jens Winterstein, Jan Pröhl, Floriane Kleinpaß, Thomas Büchel, Ines Krug, Alexey Ekimov, Philipp Noack, Stefan Migge, Stefan Diekmann
Dauer: 2 Stunden 50 Minuten, eine Pause

www.theater-essen.de

 

Kritikenrundschau

"Eine so mächtige Inszenierung, das sie beim Publikum beinahe Ohnmachtsgefühle hinterlässt", hat Stephan Hermsen gesehen und schreibt in der Neuen Ruhr Zeitung (23.4.2018): "Wenn man der Inszenierung einen Vorwurf machen wollte, wäre es jener, der vor knapp 50 Jahren auch dem Visconti-Film gemacht wurde: den Aufstieg der Nazi-Diktatur zur großen Oper zu stilisieren." Doch "die optische Überwältigung, verstärkt durch die klug dosierte Musik von Thomas Osterhoff", schmälere nicht, "dass das Essener Ensemble die äußerst herausfordernden Rollen mit Bravour meistert", so Hermsen: "Allen voran Alexey Ekimov, der vom durchgeknallten Transvestiten über den Kinderschänder und Inzesttäter (beides wird mit schmerzhafter Deutlichkeit und drastischer Nacktheit gezeigt) hin zum Machtmenschen eine erschütternde Metamorphose durchlebt und miterleben lässt".

Eine "schlichte Nacherzählung des Films", eine "unambitionierte Inszenierung" hat die/der Rezensent*in der Ruhr Nachrichten (23.4.2018) gesehen: In kleinen Szenen werde der Kinostoff nachgespielt – "mit wenig gelungenen Regieeinfällen". "Überlegungen, dokumentarisch zu arbeiten, habe man verworfen, verrät Regisseur Jan Neumann im Programmheft. Schade, da kann das Theater gegenüber dem bildermächtigen Kino nur verlieren."