Kniefall vor den Verhältnissen

von Elena Philipp

Berlin, 21. April 2018. Wir schreiben das Jahr 2018. Es gibt die begründete Hoffnung auf einen Kulturwandel, auch am Theater. Geschlechtergerechtigkeit ist ein breit debattiertes Thema. Und dann ist da einer, der bekommt ein Theater an die Hand – und was lässt dieser eine, Oliver Reese, erzählen? Unter dem Spielzeitmotto "Gegenwart"? Die Geschichte einer Frau als Erniedrigte und Beleidigte. Als hätte es #MeToo nie gegeben; als lebten wir noch in den Zeiten von Emma Bovary und der Kameliendame. Doch von vorne.

Klassiker des psychologischen Kammerspiels

Hausregisseur Michael Thalheimer inszeniert am Berliner Ensemble "Endstation Sehnsucht" von Tennessee Williams. Einen Klassiker des psychologischen Kammerspiels. Die Handlung ist rasch rekapituliert: Blanche, eine alternde Südstaatenschönheit, ist bankrott, der Ruf ruiniert, als Lehrerin wurde ihr gekündigt. Sie flieht zu ihrer Schwester Stella, wo sie sich mit habitueller Grandezza einzurichten sucht – "Stella! Gib mir doch ein Handtuch, damit ich mir die Haare trocknen kann" –, auf der halbherzigen Suche nach einem neuen Leben. Doch ihren Schwager Stanley, einen polnischstämmigen Arbeiter, den sie einen primitiven Affen und "Polacken" nennt, hat sie unterschätzt: er beschleunigt, gezielt und gründlich, ihren Niedergang.

Endstation Sehnsucht 10 560 c Matthias Horn uWo die Kerle noch oben stehen: Cordelia Wege (Blanche) und Andreas Döhler (Stanley) © Matthias Horn

Wucht hat das erste Bild der Inszenierung – wie man es von Thalheimer, dem Bilderfinder, kennt: Cordelia Weges Blanche tastet sich abwärts, auf einer Schräge mit maximaler Steigung. Sturzgefährdet nah balanciert sie in ihrem weißen Unschuldsengel-Kleid am Rand der Bühne. Symbolisch am inneren Abgrund der Figur. Faktisch mehrere Meter über dem Bühnenboden. Visuell sind die Fallhöhe der Figur und die Richtung ihrer Entwicklung sofort klar: abwärts geht's. Olaf Altmann, Thalheimers langjähriger Bühnenbildner, hat dafür einen dreieckigen Guckkasten auf der Bühne eingebaut, etwa auf halber Höhe des Portals. Drumherum ist alles zugebunkert mit schick verrosteten Metallplatten. Perfide für die Schauspieler*innen: besagte Neigung der Grundfläche um 25 Grad. Tief in den Knien müssen sie stehen, um das prekäre Gleichgewicht zu halten. Hinten läuft das Dreieck spitz zu, und durch eine je nach Beleuchtung mal opake, mal transparente Glasscheibe sieht man entlang des rechten Schenkels einen schmalen Gang – das Außen der Zwei-Zimmer-Wohnung, in der Williams' Drama spielt. Dort zoffen sich vor allem die Nachbarin Eunice und ihr Gatte Steve, teils bis zur Prügelei.

"Es ist nie gut, wenn jemand sich so schrecklich benimmt!"

Mit Gewalt haben sie hier alle Erfahrung. Die schwangere Stella wird von Stanley brutal an die Wand geschleudert, aber sie verteidigt ihn, denn so seien eben die Männer in betrunkenem Zustand. Eunice wird von ihrem fremd gehenden Ehemann zu Boden geschlagen, sie zetert, klagt – und bleibt wo sie ist. Im Arbeitermilieu, in dem sich die höhere Tochter Stella durchaus zufrieden eingerichtet hat, herrscht eine fast gleichgültige Pragmatik: "Es ist nie gut, wenn jemand sich so schrecklich benimmt, aber es kommt eben vor", meint Stella. Blanche hingegen verstrickt sich in hochfliegenden Plänen – sie ist eine Anhängerin des Belle Rêve, des schönen Traums, wie die Plantage ihrer Familie hieß. Regiert wird ihr Leben allerdings von monetären Zwängen.

Endstation Sehnsucht 20 560 c Matthias Horn uRichtig zoffen: mit Peter Moltzen (Mitch), Andreas Döhler (Stanley), Sina Martens (Stella) und Cordelia Wege (Blanche) © Matthias Horn

Als Blanche nervös gestikulierend ihrer Schwester darlegt, dass sie zu Geld kommen müssten, um einen Ausweg zu finden, ist das einer der wenigen Momente in Michael Thalheimers Inszenierung, in denen man begründet hofft, dass hier doch etwas Überindividuelles ins Spiel kommen könnte: das Systemische, von dem das Programmheft des Berliner Ensembles kündet, die Sozial- und Kapitalismuskritik, die es erwähnt. Doch Blanche klebt, wie ein Vögelchen an der Leimrute, an ihrem ganz persönlichen Wahn. Im Programmheft wird er als Ausdruck gesellschaftlicher Verhältnisse beschrieben. Aber zu sehen ist nur: eine Frau, die, wie hochmütig und verblendet auch immer, über zwei Stunden ihr Elend herausschreit, uns ihre Angst vorzittert und sich vor den Männern erniedrigt.

Selbstmord oder Sanatorium?

Cordelia Wege verausgabt sich in dieser Riesenrolle. Spielt sie mit Anklängen an Sophie Rois' Gestik – elegant, flamboyant, dominant –, und an die hyperventilierende Zerrüttung, mit der Cate Blanchett, als eine in die Jetztzeit versetzte Blanche in Woody Allens "Blue Jasmine", einen Oscar gewann. Flirrende Finger locken die Männer; als der junge Kassierer sie, mehr überwältigt denn überzeugt, küsst, kommen Weges Hände zur Ruhe, in eine gleitende Wellenbewegung, als sei sie ein Wasserwesen. "Mmh" seufzt sie, befriedigt in ihrer zunehmend durchs Alter gefährdeten Rolle als vampirische Verführerin. Wenig später – und da hat dieses eigentlich kurzen Abends Reise in die Umnachtung schon entschieden zu lang gedauert – wird sie sich von einem fiebrigen Nervenbündel in eine apathische Kreatur verwandelt haben, die auf der Schräge sitzt und sich das Gesicht, den Hals und die Unterarmen mit rotem Lippenstift bemalt. Was bleibt einer "gefallenen Frau" denn auch als Ausweg in den seit Jahrhunderten gängigen Geschichten? Selbstmord oder Sanatorium.

"Ich bin hier der König", verkündet Andreas Döhlers Stanley seine von der Regie kaum angefochtene Position. Yo, denkt man, die Kerle machen mal wieder die Hierarchien klar. Da mag das Programmheft noch so viel Kontext aus der Entstehungszeit des Dramas liefern, noch so viele Theaterwissenschaftler zitieren: Vermeintliche Verhältnisse auf der Bühne zu verdoppeln, führt nicht zu Aufklärung, sondern zur Zementierung des Status Quo. Zynisch sägt sich Döhlers ins Black verhallender Schlusssatz ins Hirn: "Ist doch gut. Ist doch alles, alles gut." Ja, und wie weiter?

 

Endstation Sehnsucht
von Tennessee Williams
aus dem Englischen von Helmar Harald Fischer
Regie: Michael Thalheimer, Bühne: Olaf Altmann, Kostüme: Nehle Balkhausen, Musik: Bert Wrede, Licht: Ulrich Eh, Dramaturgie: Sibylle Baschung.
Mit: Cordelia Wege (Blanche), Sina Martens (Stella), Andreas Döhler (Stanley), Peter Moltzen (Mitch), Kathrin Wehlisch (Eunice), Henning Vogt (Steve), Sven Fleischmann (Pablo), Max Schimmelpfennig (Ein junger Kassierer), Rayk Hampel (Ein Arzt), Marie Benthin (Eine Krankenschwester). 
Dauer: 2 Stunden, keine Pause

www.berliner-ensemble.de

 


Kritikenrundschau

"Das Stück passt gut in unsere Wohlstandsgesellschaft, die von Existenzsorgen gebeutelt ist und mit Abgrenzungsreflexen reagiert − gegen die Abgehängten und Fremden hier sowie gegen die Eliten da", schreibt Ulrich Seidler in der Berliner Zeitung (online 22.4.2018). "Doch Thalheimer interessiert sich weder für die konkrete Gegenwart noch für den Realismus des Stücks. Er begnügt sich mit der existenziellen Konfliktstruktur, die er mit dem räumlichen Arrangement illustriert. Dieser protzige Gestus wird noch verstärkt durch die finster aufschwellende Musik von Bert Wrede." Beglaubigt werde das Arrangement durch die "Virtuosität der Schauspieler, die Thalheimer zu Höchstleistungen treibt".

"Ein finsterer, hinreißender Triumph" ist dieser Abend für André Mumot vom Deutschlandfunk Kultur (22.4.2018). Insbesondere wegen Cordelia Wege in der Hauptrolle. "Das alte Thalheimer-Prinzip der psychologischen Pantomime kann noch immer in den Bann schlagen, wenn es Menschen in den Mittelpunkt rückt und keine Thesen", schreibt Mumot. Thalheimer "inszeniert den erotischen Sozialzusammenstoß anfangs böse komödiantisch und schließlich abgrundtief verstörend, als Geschichte einer Frau, die der Härte der Realität Lebenslügen entgegensetzt, einen Sinn für Schönheit, für Poesie, einen Ästhetisierungswunsch, der hoffnungslos an der hässlichen Wirklichkeit zerbricht."

"Thalheimers szenischer Reduktionismus und seine inhaltsdestillierende Konzentration greifen hier wieder aufs Beste ineinander – in Kombination mit beglückender schauspielerischer Präzision", jubelt Christine Wahl im Tagesspiegel (online 22.4.2018). Höchste Würdigung erfährt das Spiel von Sina Martens, Andreas Döhler und Cordelia Wege (ihre Blanche ein "kleines Meisterwerk"). Alles "Melodramatische" sei gekappt, eine jede Figur "ambivalenter". Der Vergleich zu Frank Castorfs Tennessee-Williams-Variation "Endstation Amerika" von 2000 drängt sich der Kritikerin auf. "So jedenfalls darf es gerne weitergehen mit Reeses Berliner Ensemble, das bislang eher hinter den hohen Erwartungen zurückgeblieben ist."

Von einer "grandios eindrucksvollen Inszenierung" mit einem "überragenden Ensemble" berichtet Irene Bazinger in der Frankfurter Allgemeinen Zeitung (23.4.2018). "Michael Thalheimer hat dem in New Orleans angesiedelten Stück sämtliche Südstaaten-Folklore abgeschminkt und – der Regisseur als gründlicher Arzt – den Personen mit Empathie und Wachheit den Theaterpuls gefühlt, der ohne all die Dekorationen natürlich stärker zu spüren ist. Und siehe da: Sie und ihre Geschichten sind nicht veraltet, sondern lebendig und brillant, und die riesigen Schatten, die sie manchmal an die Wände werfen, betonen noch ihre Bedeutung für das Publikum im Saal."

Thalheimer "gelingt eine gute, zutiefst unaufdringliche Aktualisierung des Stoffes", berichtet Hannah Lühmann in der Welt (23.4.2018) und lobt "wie herzzerreißend – und zuweilen anstrengend, es wird naturgemäß viel gebrüllt im Haushalt Kowalski-Dubois – er das Drama um die beiden Schwestern vornehmer Abstammung und den Aufsteiger Stanley Kowalski inszeniert".

Katrin Bettina Müller schreibt in der taz (25.4.2018): Olaf Altmanns Raum erinnere sehr an seine vorherigen klaustrophobischen Räume wie etwa in "Ratten".  Man denke, ein "Amateurtheater versuche sich an proletarischen Figuren". Das Drama komme lange aus seinem Kasten nicht heraus. Man sehe Andreas Döhler als Stanley "bei der Arbeit zu, statt mit ihm zu gehen". Das Stück finde "kaum einen Anschluss an die Gegenwart". Die Bilder könnten erst in der zweiten Hälfte "berühren", aber was die Inszenierung "über Milieus und die Kraft der Vorstellung für die Zementierung ihrer Regeln erzählt", bleibe "blass".

"Drehungen der Kaputtheitsspirale, aber sicher keine grunderschütternden Tragödien" hat Peter Laudenbach für die Süddeutsche Zeitung (25.4.2018) am BE erlebt. Zwar lobt der Kritiker das kraftvolle Spiel von Cordelia Wege in der Hauptrolle; sie habe "den Mut, diese Studie einer verzweifelt Überspannten in den Körperexpressionismus zu treiben. Eine Feinzeichnung des psychologischen Realismus kann sie sich sparen, sie hätte gegen das martialische Bühnenbild auch keine Chance." Insgesamt kann er der Inszenierung aber wenig abgewinnen: Bei Thalheimer werde die "komplexe Beziehung" von Stanley und Blanche allerdings "umweglos und schroff auf den denkbar heftigsten Konflikt reduziert. Die Figuren sind eher in die Enge getriebene Tiere als detailreich ausgeleuchtete Charaktere."

 

 
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