Ist Theaterkritik ein öffenliches Gut?

29. April 2018. Kritiker*innen sind eine vom Aussterben bedrohte Art. Nicht nur in Europa, auch in den USA. David Cote, Librettist, Dramatiker und bevor er entlassen wurde 17 Jahre lang Kritiker von Time Out New York, veröffentlichte im November des vergangenen Jahres einen großen Artikel über Theater- und Kunstkritik in USA, A Second Act for Theatre Criticism?, für das Magazin American Theatre. Wir geben hier einige Auszüge wieder.

Cote beginnt mit einem kleinen Genrebild aus dem Metier: von zwölf Kritiker*innen, die er im Jahre 2011 als die einflußreichsten Theaterkritiker*innen des Landes porträtierte, arbeitet sechs Jahre später nurmehr die Hälfte als fest angestellte Journalist*innen bei einer Zeitung. Wieder besetzt wurden nur zwei der sechs Stellen.
Die Jobs und der Platz für Theaterkritik in den Zeitungen werden seit Jahren im ganzen Land immer weniger. In vielen Städten, sogar ganzen Staaten der USA gibt es keine*n fest angestellten Kritiker*in mehr. Kritiken bekommen keine Klicks. Wer will noch die subjektive Analyse eines Fremden lesen, wenn man die Facebook-Gemeinde nach ihrer Meinung fragen kann?

Die Kritik stirbt

Verleger und Redakteure sind sich vollkommen bewusst, dass die Kritik stirbt. Aber es scheint niemanden zu kümmern. Nach Cotes Schätzung gibt es noch etwa zwei Dutzend fest angestellte Kritiker*innen im gesamten Land, genau weiß das niemand.

Wie aber ist es genau um die Theaterkritik in den USA bestellt? Es gibt einige neue Modelle für ernsthafte und seriöse Kritik, einige stellt Cote vor.

Plattformen

Es gibt die Plattformen, die Kritiken sammeln wie Show-Score, gegründet vom Silicon Valley-Veteran Tom Melcher in New York. Show Score listet gute und schlechte Kritiken, gewichtet danach, wie viele Kritiken die jeweiligen Autor*innen, ob Profis oder Amateure, bereits geschrieben haben und wie oft diese aufgerufen wurden. Show-Score weist auf neue Shows hin, auf günstige Tickets und allerlei mehr. Das Unternehmen verfügt über 2 Millionen$ eines Investors.

Auch in anderen Städten wie Boston, Los Angeles, Philadelphia, Chicago, Washington oder Staaten wie Oregon und Florida gibt es Plattformen für unter anderem auch Theaterkritik. In New York allein gibt es natürlich noch viel mehr Websites, einige auf Off-Broadway-Shows oder die Percormance-Szene spezialisiert. Aber nur eine einzige unter den Websites, die Cote befragte, hat einen festen, voll bezahlten Angestellten. Der Rest arbeitet mit Teilzeitjobs oder unbezahlten Redakteuer*innen und Adminstrator*innen. Die Honorare bewegen sich zwischen 25 und 200$ pro Artikel.

TheaterJones in Fort Worth und Dallas, Texas, eine der erfolgreicheren Portale hat 80.000 Besucher und bis zu 310.000 Page Views im Monat. TheaterJones profitiert davon, dass sich die Tageszeitung von Fort Worth nicht für die blühende Schauspiel- und Musiktheaterszene der Stadt interessiert.

Podcasts

Podcasts wären eine billige und attractive Alternative. Bloß: niemand hat bisher einen Weg gefunden, Podcasts profitabel zu machen. Maxamoo in New York, gegründet 2012, verzeichnet inzwischen 1000 Downloads pro Podcast. Sie arbeite in der Nische einer Nische, sagt die Gründerin Lindsay Barenz, die versucht einen Ort besonders für nicht-weiße Stimmen der Kritik zu schaffen. Sie betrachtet den Mangel an Diversität als eine Ursache für die zunehmende Bedeutungslosigkeit von Theaterkritik. Zur Krise der Kritik fügt Barenz hinzu: "I don’t view theatre criticism as having a special crisis in the media world, journalism as a whole is having a crisis. The monetization models are struggling across the board."

Profitabler Content muss massentauglich sein

Aber selbst wenn sich die großen Verlage von der gedruckten Zeitung, dem gedruckten Magazin abwenden und nurmehr online veröffentlichen würden, bleiben gravierende Probleme. Wenige Leser*innen interessieren sich für die lokale Kultur, Content muss immer im nationalen Horizont gedacht werden, wenn er sich lohnen soll. Er muss für ein Massenpublikum interessant sein, und das interessiert sich für Pop Musik, Hollywoodfilme Stars und Sensationmache.

Podcasts, glaubt Cote, müssten eine Säule sein auf digitalen Plattformen, die Meldungen, Kritiken, Leser-Content, Ticket-Verkauf und Merchandising vereinen. Alles gibt es bereits im einzelnen, noch keiner jedoch hat es geschafft, die Einzelteile richtig zsammenzusetzen.

Was wäre, fragt Cote weiter, wenn mit Geldern aus dem National Endowment for the Arts, von Stiftungen und privaten Mäzenen ein Programm gegründet würde, um alle diese bestehenden Plattformen und Unternehmungen zu verbinden, zu vereinheitlichen und so eine nationale Heimstatt für informierte unabhängige Kunstkritik zu schaffen?

Stiftungen

Neuerdings gibt es auch Stiftungen, die für einen bestimmten Zeitraum Kunstkritiker*innen an privaten Zeitungen finanzieren, wie Zoë Madonna bei The Boston Globe, die für ein Jahr von drei Stiftungen bezahlt wird.

Der Staat

Artburst Miami ist ein faszinierendes Experiment, eine Website, die vom Miami-Dade County Department of Cultural Affairs bezahlt und vom Arts & Business Council of Miami betrieben wird. Anne Tschida, die Chefredakteurin von Artburst erklärt, dass die lokalen Behörden damit auf das Wegbrechen der Kunst-Berichterstattung reagiert hätten. Für 60.000$ wurden bei den Zeitungen entlassene Kultur- und Kunstjournalisten engagiert. Die Website bietet Vorschauen, Kritiken und besondere Werbevideos an. Nach der Veröffentlichung auf Artburst werden diese Artikel den lokalen Zeitungen gratis angeboten. Artburst existiere nur deshalb, weil die lokalen Zeitungen nicht interessiert seien, weiterhin Kunstkritik zu bezahlen. Kritik generiere nicht genug Aufrufe im Netz. Damit aber würden auch die Theater-Produktionen insgesamt aussterben, weil die Produzenten keinen Sinn darin sähen, Shows zu produzieren, über die niemand berichte.

In anderen Worten bezahle das County mit Artburst die Berichterstattung über kleine lokale Unternehmungen, die zufällig von Theatern, Tanzgruppen oder Musik-Ensembles angeboten würden.

Eine mögliche Zukunft der Theaterberichterstattung

In Denver, Colorado ist John Moore, der frühere Theaterkritiker der Denver Post so etwas wie ein Pionier des "Post-Media Journalismus". Er ist Reporter und Redakteur am Denver Center for the Performing Arts. Das Center hatte festgestellt, dass die Einnahmen zurückgegangen waren, nachdem Moore bei der Zeitung aufgehört hatte (er hatte eine hohe Abfindung akzeptiert) und damit auch die vorher zuverlässige und regelmäßige Berichterstattung spürbar seltener war. Moore: "Whatever show they did, I always did a preview and reviewed. You do that over a period of time, and that gets added to their revenue projections."

Jetzt schreibt Moore keine Kritiken mehr, produziert aber einen steten Strom von Vorberichten und Geschichten über die Arbeit des Denver Centers und andere Theatertruppen im Staat Colorado. Er beansprucht für sich dabei völlig journalistische Unabhängigkeit. Er nennt das, was er betreibt: Interessens-Journalismus (advocacy journalism). "Everything I do is about building the buzz about the theatre that’s going on across one of the biggest states in the country with 80-something theatre companies." An Glaubwürdigkeit habe er damit aber nicht verloren. Die Ticketkäufe, die mit dem Button am Ende seiner Artikel getätigt werden könnten, sprächen ihre eigene Sprache. In drei Jahren seiner Arbeit seien auf diese Weise für 685.000$ Tickets verkauft worden.

Geld für Kritik?

Für ein anderes Modell steht Claudia La Rocco, die den Open Space, das digitale Magazin des San Francisco Museum of Modern Art betreibt. Die frühere Tanz- und Performance-Kritikerin der New York Times, hat 60.000$ bis 80.000$ im Jahr zur Verfügung um Honorare für Kritiker, Essayisten und Wissenschaftler zu bezahlen, die frei seien in ihrer Themenwahl. Natürlich würden auf der Plattform einer großen Institution wie dem Museum keine "Daumen hoch – Daumen runter"-Kritiken über andere Künstler oder Häuser publiziert. Im letzten Jahr verzeichnete die Website durchschnittlich über 11.000 Seitenaufrufe im Monat, Tendenz steigend.

So etwas wie Open Space, glaubt La Rocco, könne an jedem Theater entstehen, das einen kritisch-engagierten Diskurs schätzt. Es handele sich dabei nicht um Raketenwissenschaft. "If there’s money for fancy lobbies, there’s money for criticism, no? The real question is, how do arts institutions see their role in this culture. Why do we exist? What value do we offer?"

(jnm)

 

 
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