Was ist los auf dem Theatertreffen?

von Georg Kasch und Anne Peter (unter Zuarbeit der Crowd – vielen Dank!)

(Dieser Liveblog wird sukzessive aktualisiert – letztes Update: 22.5., 16:26)

 

Alfred-Kerr-Darstellerpreis + Jurydiskussion

22. Mai 2018. So viel Zunder war selten beim Theatertreffen-Abschluss – und zwar nicht, weil die Stipendiat*innen des Internationalen Forums der Jury die Was-ist-das-nur-für-1-Auswahl-Hölle heiß machten (dieses eigentlich fix zum Festival gehörende Ritual entfiel diesmal). Vielmehr war es die Verleihung des Alfred-Kerr-Darstellerpreises, die die Betriebsgemüter zum Ende noch einmal hochkochte. In drei bemerkenswert scharfen Reden stemmten sich nacheinander Manifest-Vorträger Milo Rau, Kerr-Alleinjuror Fabian Hinrichs und Preisträger Benny Claessens selbst (hier gibt's seine Rede auf Englisch) der sekttauglichen Konsensseligkeit, die derlei Gelegenheit bisweilen umweht, entgegen.

Vor allem Fabian Hinrichs teilte aus (parallel übrigens in einem Interview mit der Süddeutschen Zeitung) und bashte nahezu die komplette diesjährige Theatertreffen-Auswahl (von der er – so hört man – nicht jedes Gastspiel bis zum Ende durchgesessen hat): "So wenig Freies. So wenig echt Erfreuliches. Auf meiner Suche nach dem souveränen Schauspieler mit einer Leitung nach oben begegnete mir preußischer Gehorsam, wohl als erschütterndes, durch die Generationen hindurch gewandertes Erbe des preußischen Militarismus, wackeres Soldatentum, man sah Menschen bei anstrengender Arbeit zu. Denn obwohl sich die Regisseure für die Übermittlung ihrer jeweiligen gut gemeinten Moralnachrichten eine teure abendliche Eskortbegleitung in Gestalt von massivem Einsatz von Ton und Gewerken, von Technik, Visuals und vokalem Extremsport engagierten, verschwimmt in der Rückschau das meiste zu einer seltsam gleichförmigen Masse". Er müsse "schon sagen, es war ziemlich anstrengend, einen jungen Alfred-Kerr-Preis-würdigen Schauspieler aufzuspüren, einen jungen Künstler, einen souveränen Schauspieler, keinen Dar-Steller und Dar-Geher und Dar-Steher, einen, den auch Alfred Kerr selbst vielleicht als Persönlichkeit ausgemacht hätte."

Dabei schonte er weder Elfriede Jelinek noch Falk Richter, in dessen Inszenierung (eine "als bunte Travestieshow getarnte preußische Kaserne") der von ihm erkorene große Improvisator Benny Claessens als Exempel des "künstlerischen Schauspielers" hervorstach: "Inmitten all des entfremdeten, austauschbaren und nicht zu Ende sozialisierten, notgedrungen oder sogar freudig mitlaufenden Servicepersonals auf den Bühnen dieses Theatertreffens gab es jemanden mit Präsenz. Präsenz als erfahrbarer Unterschied zur Entfremdung. Benny Claessens ist in einem geradezu bedrohlichen Grade berührbar."

Auf Twitter wehrt sich heute Regisseur Ersan Mondtag gegen Hinrichs' Regietheater-Bashing:

Regisseur Herbert Fritsch hingegen stimmt Hinrichs Analyse grundsätzlich zu:

Bei so viel Haue vorab waren die Juror*innen in der nach etwas Gartenplauschzeit folgenden Jury-Abschlussdebatte (hier nachzuschauen, ab Minute 14:30 ca.) natürlich zum Widerspruch und zur Verteidigung ihrer Auswahl aufgerufen.

So vereint die Jury im Widerspruch gegen Hinrichs war, so uneins waren sich ihre Mitglieder, als es um die gleich zu Beginn des Festivals aufgebrandete Frage nach dem Sexismus in Castorfs "Faust" ging. Während die eine Fraktion (der sich später auch noch mehrere Zuschauer*innen anschlossen) die Schauspielerinnen lieber angezogener gesehen hätte, wollte die andere Seite immer mitgefragt wissen, in welcher Funktion vermeintlich sexistische Bilder inszeniert und ob damit die patriarchale Ordnung stabilisiert oder destabilisiert würde.

 

Jede Wette, diese Fragen werden uns auch über das Ende des Theatertreffens hinaus weiter beschäftigen. Wer sich jetzt gleich noch weiter hineinvertiefen möchte: Auch das TT-Blog legt heute noch mal mit einem klugen Text von Eva Marburg über Castorfs Frauen-Figuren nach.

Mittlerweile sind auch die Rücklblicke draußen. Nach Ulrich Seidler in der Berliner Zeitung ("durchwachsen") gehen auch die Anderen mit dem 2018er-Jahrgang ins Gericht. "Niemand spricht mit dem anderen", so Rüdiger Schaper im Tagesspiegel. "Jedes Wort ein Ausrufezeichen. Der Atem reicht nur noch aus für einen Tweet." Einen "ausgesprochen anstrengenden, oft verkopften, konzeptlastigen Jahrgang" hat André Mumot erlebt – und berichtet auf Deutschlandfunk Kultur von einem "Theater, das möglichst nicht erzählen, lieber belehren und selbstkritikfrei seine Haltung vorführen möchte". Und Fabian Wallmeier berichtet im RBB von "viel Politik, die Neuverhandlung der Geschlechterverhältnisse, reichlich Theater-Nabelschau".

(ape / geka)

 

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"Die Welt im Rücken"

21. Mai 2018. Stehende Ovationen sind im deutschsprachigen Theater keine Selbstverständlichkeit (auch wenn sich das gerade wegen der Castingshow-Formate im Fernsehen verändert, wie man vor allem im Jugendtheater merkt). Beim Theatertreffen liegt die Latte naturgemäß noch einmal höher, weil sich das Berliner Publikum schwer beeindrucken lässt. Joachim Meyerhoff gelingt es dennoch: So schnell wie hier haben sich die Menschen im Haus der Berliner Festspiele nur bei Frank Castorfs "Faust" erhoben. Sie huldigen Meyerhoffs Ausdauer – dreieinhalb Stunden nonstop auf der Bühne – und seiner Verwandlungskunst. Anders als bei Ulrich Rasches "Woyzeck" (wo die TT-Premierengäste ebenfalls aufsprangen) ist die Bude auch nach der Pause noch proppenvoll.

TTPreisWeltimRucken gekaTrophäen-Übergabe: Thomas Oberender, Jan Bosse, Joachim Meyerhoff, davor in Weiß Karin Bergmann © geka

Dabei musste sich Meyerhoff erst eingrooven, war am Anfang kaum zu verstehen in diesem Raum, der viel größer ist als das Wiener Akademietheater, weswegen auch Burg-Intendantin Karin Bergmann Sorge hatte, wie sie später bei der Urkunden-Überreichung sagte. Als er die ersten "Lauter"-Rufe souverän einbaute in sein Spiel, war das Eis gebrochen. Spannend übrigens die Außensicht des Psychiaters (und Autors) Daniel Ketteler. Sein Rat für die Psychohygiene: früh zu Bett gehen.

Einhellige Begeisterung auch in den sozialen Medien:

Obwohl für Schauspieler*innen beim Theatertreffen jenseits der großen Preise eigentlich keine Auszeichnungen vorgesehen sind, bekam Meyerhoff hinterher von Festspiel-Chef und Fanboy Thomas Oberender eine Riesenpackung Merci-Pralinen. Außerdem erwies sich das diesjährige Festival einmal mehr als Lob des Ensemble- und Stadttheaters, das kontinuierliche Zusammenarbeiten ermöglicht: Seit 2004 arbeiten Jan Bosse und Meyerhoff zusammen. In seiner kurzen Dankrede pries Bosse denn auch "Zeit, Ruhe, Geld und Vertrauen" des Theaters, das Genauigkeit erst ermögliche. Acht Wochen hätten sie geprobt – auch an der Burg keine Selbstverständlichkeit.

Außerdem kursieren die ersten Hitlisten.

 Wie immer gilt: Geschmacksache.

(geka)

 

Rückblicke und Zielgerade

20. Mai 2018. Heute biegt das Theatertreffen auf seine Zielgerade ein: Abends hat das letzte Gastspiel, Jan Bosses Roman-Adaption Die Welt im Rücken mit Joachim Meyerhoff, Theatertreffen-Premiere. Morgen folgen dann die Jury-Abschluss-Diskussion und der Kerr-Preis, den Fabian Hinrichs verleiht. In den sozialen Medien werden schon erste Prognosen abgegeben (oder sind's eher Wünsche?):

Kleiner Tipp: Auch Benny Claessens und Daniel Zillmann sind im Rennen, beide 1981 geboren.

Ansonsten mehren sich im Netz die kritischen Stimmen zu so ziemlich allen Gastspielen. Der Tagesspiegel etwa wirft "Woyzeck" Kraftmeierei vor.

Enttäuschung auch über "Mittelreich":

Blogger Konrad Kögler imaginiert sich sogar in eine Sitzung der Jury, um zu verstehen, warum sie die "Odyssee" eingeladen hat.

Aber was sind schon Kritiker*innen, Blogger*innen und twitterndes Publikum angesichts der Marktmacht, die Kultur-Einkäufer aus China darstellen? Im Freitag berichtet Thomas Irmer von chinesischen Scouts, die beim Theatertreffen nach Gastspiel-Kandidaten suchen. Ganz vorne mit dabei: die Berliner Schaubühne. Langfristig könnten diese lukrativen Gastspiele mehr über Wohl und Wehe eines Theaters entscheiden als eine Theatertreffen-Einladung.

Außerdem fasst Deutschlandfunk Kultur die Diskussion "Glotzt nicht so romantisch! Ein Gespräch über Theater, Revolte und die Kunst der Verantwortung" der Unlearning-Reihe mit den Regisseur*innen Ersan Mondtag , Susanne Kennedy, Philipp Preuß und Sasha Marianna Salzmann zusammen.

(geka)

 

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Jubel, Buhs, eine erste Bilanz

19. Mai 2018. Auch gestern ging es mit der Theatertreffen-Überforderung – alles auf einmal zur gleichen Zeit – weiter. Wieder leerten sich bei "Woyzeck" in der Pause die Reihen, wieder applaudierte das verbliebene Publikum begeistert. Derweil erklärt Sportwissenschaftler Patrick Rump in unserer Außenblick-Reihe, wie das so ist mit Grundauslagendauer, Neuronen, Milchsäure – und das auf einer Schräge!

Buhs und Abgänge waren zudem bei der "Odyssee" zu verzeichnen, auch hier überwog am Ende der Jubel – und Claus Peymann schien sich prächtig zu amüsieren. Weil er selbst gerade in Wien Macbeth inszenierte, war Antú Romero Nunes zur Trophäenverleihung (die wegen Vortages-Overkill erst nach der zweiten Vorstellung angesetzt war) von seiner Premierenfeier aus per Skype zugeschaltet.

Und auch bei der zweiten "Mittelreich"-Vorstellung staunten Gäste nicht nur über die Schauspieler, die sie sonst zu selten auf der Bühne sehen. Sondern auch die Menschen, die sie sonst zu selten im Publikum entdecken.

Eine erste Gesamt-Bilanz zieht Ulrich Seidler in der Berliner Zeitung unter der Überschrift "Ein Festspiel der Selbstbezogenheit". Sein Fazit: "Durchwachsen. Tolle Momente. Manchmal ganz schön anstrengend." Am Ende fragt er: "Kann man sich jetzt zur Abwechslung vielleicht versuchsweise wieder ein wenig dem Denk-, Sag- und Spielbaren zuwenden?" Wäre doch was.

(geka)

 

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"Mittelreich", "Woyzeck", "Odyssee", Theatertreffenblog-Jubiläum

18. Mai 2018. Wer macht denn so was? Gleich drei Theatertreffen-Premieren an einem Tag – das ist vermutlich den komplexen Planungen der eingeladenen Theater geschuldet, macht es aber unmöglich, überall zugleich zu sein. Klappt nicht mal mit dem Fahrrad.

Also: Großer Bahnhof im Deutschen Theater. Claus Peymann, Jürgen Trittin, Sasha Waltz, Nicolas Stemann – sie alle kamen, um sich Anta Helena Reckes Schwarzkopie von Anna-Sophie Mahlers Mittelreich-Inszenierung anzuschauen. Unser Außenblick-Gastautor John A. Kantara fand's großartig. Dass nach der Pause etliche Plätze leerblieben, war schon beim Mahler-Gastspiel 2016 so. Nur störte damals kein wildgewordener Lautsprecher (oder war’s ein Scheinwerfer?) mit seinem Geklapper die stilleren Momente.

TTPreisMittelreich"Mittelreich"-Trophäen-Übergabe mit Anta Helena Recke (2. von rechts) und Team © geka

"Schrecklich" findet es hingegen Anta Helena Recke bei der Trophäen-Übergabe, wie gut das Konzept ihrer Inszenierung aufgeht. Andererseits freut sie sich über die Anerkennung der Schauspieler. Auch Kammerspiel-Intendant Matthias Lilienthal ist da. Auf die Frage von Theatertreffen-Vertretungschef Daniel Richter, ob er wegen der vielen Theatertreffen-Einladungs-Urkunden der letzten Jahre anbauen müsse, spielt er ironisch auf die maue Auslastung seines Hauses an: "Wir haben sogar ein ganzes Theater angebaut, wegen des großen Zuschauerandrangs." Und bedankt sich für die "mutige, kuragierte, riskante Entscheidung" der Theatertreffen-Jury.

Etwa zeitgleich übergab im Haus der Berliner Festspiele die stellvertretende Festspiel-Intendantin Claudia Nola sehr charmant an Ulrich Rasche und sein Woyzeck-Team. Intendant Andreas Beck, unter dessen Leitung das Theater Basel zum dritten Mal in Folge beim Theatertreffen eingeladen ist, versteht die Inszenierung als "Plädoyer für das Stadttheater", weil solche Kunst ohne die Struktur der Werkstätten nicht realisierbar wäre. Auch bei der "Woyzeck"-Premiere blieben nach der Pause einige Plätze leer. Der übrige Rest erhob sich aber anschließend zu stehenden Ovationen. Auch im Netz sind die Meinungen gespalten:

Schon am Nachmittag ging die TT-Premiere von Antú Romero Nunes’ Odyssee über die Seitenbühne.

Und in seinem Geburtstagsgruß zu zehn Jahren Theatertreffen-Blog fordert Autor Thomas Köck, der übrigens in einem nachtkitik.de-Kooperationsprojekt einmal selbst Kritiken schrieb, mehr Blogs. Und bittet die Kritiker*innen, nie wieder das Wort Nachwuchsdramatiker zu benutzen, nicht mal der Duden kenne den Begriff. Wir bemühen uns, versprochen!

(ape / geka)

 

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Vorfreude

17. Mai 2018. Heute ist Premieren-Mammut-Tag beim Theatertreffen mit "Woyzeck", mit "Mittelreich", mit der "Odyssee", die am Nachmittag den Aufschlag mache. Die taz freut sich besonders auf Paul Schröder, der in der Hamburger Inszenierung von Antù Romero Nunes zu sehen ist. Er wirkte schon in Nunes' Diplominszenierung ("Der Geisterseher" am Berliner Maxim Gorki Theater) mit und hat seitdem zahlreiche seiner Inszenierungen geprägt. Überhaupt bemerkenswert, wie vergleichsweise spät (und mit welch vergleichsweise kleiner Arbeit) Nunes beim Berliner Festival aufläuft, wo er doch seit Jahren immer wieder fürs Theatertreffen im Gespräch war.

Wer sich übrigens fragt, wie er auch endlich mal zum Theatertreffen kommt, findet in der aktuellen Kolumne unseres ehemaligen Redakteurs und aktuellen Wiesbadener Dramaturgen Wolfgang Behrens (keinen) Rat.

(ape)

 

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Shifting Perspectives + Stückemarkt

16. Mai 2018. Dass Bemerkenswerteste an der Theatertreffen-Nebenreihe "Shifting Perspectives" ist das Publikum: jung, schwarz, queer. Überschneidungen mit den Zuschauer*innen der 10er-Auswahl vermutlich zehn Prozent, Kritiker*innen schon eingeschlossen. Plötzlich wirkt das Haus der Berliner Festspiele (wie übrigens schon beim Theatertreffen der Jugend), als hätte man ihm eine Frischzellenkur verpasst.

PinkMoney2 560 SuzyBernstein uErst Party, dann Rassismus-Studie: "Pink Money" © Suzy Bernstein

Dass die Party zum Abschluss so lahm gerät und auf dem Raucherbalkon mehr los ist als auf der Tanzfläche, liegt vielleicht am vollen Programm davor: sechs Performances nonstop, die wirkten, als sollten sie gutmachen, was dem deutschsprachigen Stadttheater und damit auch dem Theatertreffen fehlt. Die Beiträge waren selbst oft schon Party, wie Pink Money, direkt unter der fürs "Faust"-Gastspiel verstärkten Drehbühne, das als ausgelassen queerer Clubabend beginnt und als bittere Rassismus-Studie endete. Vielleicht lag's auch an diesem harten Ausklang, dass danach keiner mehr Lust auf Feiern hatte. Dafür muss die Premierenfeier zu Falk Richters "Am Königsweg", glaubt man dem Flurfunk, eine Sause gewesen sein. Aber da haben Kritiker*innen ja eh nix zu suchen.

Zu viel Gekuschel ist jedenfalls heikel, Verfilzung droht. Gibt's beim Stückemarkt des Theatertreffens Vetternwirtschaft? Das mutmaßt ein nachtkritik-Kommentator, weil die Auswahl-Jury, der u.a. die Sophiensäle-Dramaturgin Joy Kalu angehört, eine Koproduktion ebendieses Hauses auswählte. Die Berliner Festspiele stellten klar: "Die Jurorin Joy Kristin Kalu hat sich bei der diesjährigen Abstimmung über das Stück 'Böse Häuser' der Gruppe Turbo Pascal enthalten."

Außerdem: Die Welt porträtiert "Trommeln in der Nacht"-Regisseur Christoper Rüping als unironischen Erzähler der Generation Maybe, der empfiehlt, keine Arschlöcher mehr zu hypen. Und noch ein kleines P.S. zum Berliner Publikum, das sich nur selten zu wahrer Begeisterung aufraffen kann:

(geka)

 

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"Am Königsweg" + Unlearning Patriarchat

14. Mai 2018. Am Samstag hatte Falk Richters Inszenierung von Elfriede Jelineks Am Königsweg Theatertreffen-Premiere – und alle reden von Benny Claessens.

Selbst die große Jelinek höchstpersönlich gratuliert zum TT-Auftritt: "Liebster Benny, du mußt gestern der Hit des Theatertreffens gewesen sein, du hast die Leute förmlich weggeweht. Du bist mein Engel, ein gleichzeitig körperliches und körperloses Wesen, aber kein Vampir!", schreibt sie in einer Nachricht an Claessens, den dieser auf Instagram dokumentiert.

Ensemble Koenigsweg 280 athamburg deBenny Claessens' Selfie mit Selfie-machenden Ensemble-Kollegen © Twitter / @hamburg_deEva Biringer hat den Ausnahmeperformer zum Interview getroffen, in dem er mit Regie- und Schauspiel-Kollegen hart ins Gericht geht: "Leider glauben viel zu viele Regisseure, alle Einfälle kämen von ihnen. Wenn ich sie frage, ob sie noch alle Tassen im Schrank haben, verdrehen sie die Augen und sagen: 'Du bist wieder schwierig', worauf ich antworte: 'Ja, weil ich die besseren Bücher gelesen habe.' Für mich wird die Zusammenarbeit mit heterosexuellen, weißen Männern immer schwieriger. Am liebsten würde ich nur noch mit Frauen und Schwulen arbeiten. Auch mit einigen Kollegen habe ich Probleme. Meiner Meinung nach sind neunzig Prozent der Mitglieder eines Stadttheaterensembles keine denkenden Menschen. Kein Wunder, schließlich werden die hauptsächlich nach ihrer Optik ausgewählt. In den Spielzeitheften ist dann die Rede von Equality und Diversity. Was für ein Unsinn. (...) Auch als Regisseur muss ich mich immer erst mal mehr beweisen als ein heterosexueller Mann über vierzig. Ich will mir gar nicht ausmalen wie das für Frauen sein muss. Oder schwarze Frauen. Oder queere schwarze Frauen." Eine Meinung zur Kandidaten-Diskussion am Rosa-Luxemburg-Platz hat er übrigens auch: "Ersan soll diese fucking Volksbühne übernehmen, dann hätte auch ich wieder Lust auf ein Ensemble."

Die zweite starke Protagonistin bei Falk Richter ist Jilet Ayşe alias İdil Baydar, die viel bissiger wirkt als die etwas altersmüde Jelinek.

Fragt sich nur: Wenn der Extemporier-König und der Comedykabarett-Star so wahnsinnig stark sind, wozu braucht's dann noch einen Stücktext? Die Meinungen auf Twitter jedenfalls gehen weit auseinander:

 Im Gegensatz dazu:

 

Im "Unlearning"-Begleitprogramm diskutierten gestern mehrere (Theater-)Frauen über "Genderungleichheit im Theater". Das Thema burnt, die Sitzstufenarena in der Kassenhalle war voll, als Franziska Werner (Sophiensaele Berlin), Anna Bergmann (demnächst: Staatstheater Karlsruhe) und Nicola Bramkamp (Schauspiel Bonn) diskutierten und Anne Peter aus der nachtkritik-Redaktion moderierte:

 

 

Im anschließenden Intendant*innen-Gespräch "Practice What You Preach!?", dem sich nur wenige Intendant*innen stellten, merkte Festspiel-Intendant Thomas Oberender an, "dass ich niemanden kenne, der sagt: Mit Frauen habe ich Probleme. Es gibt keine aktive Frauenblockadenpolitik – es ist schlimmer! Es ist strukturell." Ja, genau. Oder wie @s_krieger auf Twitter schreibt: "Das größte Problem ist nicht die Böswilligkeit eines Theaterpatriarchats, das seine Pfründe verteidigt, sondern das fehlende Bewusstsein, dass es irgendein Problem geben könnte." Kein Problem sah z.B. Schaubühnen-Chef Thomas Ostermeier in seiner aktuellen Spielplangestaltung – was die Dramatikerin Anne Rabe ganz schön auf die Palme brachte:

Welche Stoffe an der Schaubühne gespielt werden, würden die Regisseur*innen (mit)entscheiden, verteidigt sich Ostermeier. Vielleicht ist das grade die Crux? Denn auch ans Regiepult dürfen in der Schaubühne in dieser Spielzeit nur in zwei von zwölf Fällen Frauen – einmal im Studio und einmal bei einem theaterpädagogischen Projekt. Das, immerhin, soll sich demnächst ändern.

Einen Radiobeitrag zum Thema gibt's beim Deutschlandfunk.

(geka / ape)

 

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Public-Viewing im Sony-Center / "Rückkehr nach Reims"-P.S.

12. Mai 2018. Beim Public Viewing seiner "Trommeln"-Inszenierung im Sony-Center erlebte Christopher Rüping offenbar leichte Verfremdungsschauer: "Das war aufregend verstörend hinreißend merkwürdig", schrieb er auf Twitter, wo es zuvor schon ein Liegestuhl-Selfie gab:

Zur selben Zeit spielte Nina Hoss' Schauspielerin an der Schaubühne abermals mit souveräner Ironie gegen das Mansplaining des Regisseurs an (übrigens vertretungsweise von Sebastian Schwarz gespielt). Abermals touchierte die Inszenierung leichtfüßig die Tatsache, dass Frauen in der Geschichte der Kunst am männlichen Schaffen oft genug großen Anteil hatten – und selten angemessen dafür gewürdigt wurden (von Brecht war ja hier schon die Rede). Nicht so bei Thomas Ostermeier. Er bedankte sich beim TT-Trophäen-Erhalt ganz artig "bei Nina, die diesen Abend mit mir zusammen entwickelt hat". Applaus.

Trophaenubergabe Reims apeThomas Ostermeier hält glücklich die TT-Urkunde in den Händen, auf die er so viele Jahre hat verzichten müssen © ape

(ape)

 

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Stückemarkt-Rede Signa Köstler / "Trommeln in der Nacht"

12. Mai 2018. Nachtkritikerin Gabi Hift, die den Stückemarkt und einiges beim "TT-Kontext" mitgenommen hat, ist enttäuscht, dass die Drumherum-Veranstaltungen des Theatertreffens zwar ein übergreifendes Diskursprogramm zu den Aufführungen liefern möchten, aber "leider abgeschottet am Rand dahindümpeln", kaum Theatergänger*innen oder Künstler*innen verlieren sich hierher. 

Nach der Diskussion über "Männlichkeit in der Krise" am vergangenen Sonntag schimpfte jemand aus dem Publikum über den Machismo in Castorfs Faust, woraufhin die Moderatorin einer Podiums-Teilnehmerin erklärte: "A performance those people here find very important – but you don't have to know it". "Those people" (castorfianische Theatergänger*innen) dort, "these people" (feministisch versierte Diskussionsbesucher*innen) hier? Keine Kommunikation, keine Zusammenhangstiftung zwischen Zehner-Tableau und Rahmen erwünscht? Zwei Spuren, die nebeneinander herlaufen, ohne sich groß zu verschränken. Gerade das wäre doch spannend. Schließlich ist die Frage nach der Frauendarstellung im "Faust", das zeigt auch die Diskussion in den nachtkritik-Kommentaren zu Paula Irmschlers Außenblick-Text auf die TT-Eröffnung, zumindest umstritten und eine der interessantesten Diskussionspunkte des bisherigen Theatertreffens. Wo, wenn nicht im thematisch maßgeschneiderten "Kontext" wäre der Ort, um sie gebührlich auszubreiten?

Immerhin, gestern gab's dann eine "fulminante" Keynote von Signa Köstler zum Stückemarkt, die Nachtkritikerin Hift für einiges entschädigte. Köstler dachte offen darüber nach, wie ihre Aufführung Das halbe Leid gewirkt hat und erzählt, "wie überwältigt sie war von der Barmherzigkeit, die aus den Zuschauern herausgebrochen ist. Wie es andererseits vielleicht aber auch gar nichts bewirkt hat, weil auch Mitleid Eskapismus sein kann. Sie erzählt davon, wie sie zusammen mit ihrem Mann zwei Jahre lang eine Gruppe nigerianischer Frauen in ihrer Wohnung beherbergt hat. Wie das Teilen gleichzeitig möglich und völlig unmöglich war. Endlich jemand, der vom Leben und vom Theater spricht, von Utopien und von Zweifeln." Eine "tolle, ergreifende Rede" von Signa – und eigentlich, findet Hift, wäre "Das halbe Leid" natürlich ein ganz heißer Kandidat für die diesjährige Zehnerauswahl gewesen.

Trommeln Publikumsgesprach gekaTraute Runde beim Publikumsgespräch zu "Trommeln in der Nacht" © jnm

Beim Publikumsgespräch zu "Trommeln in der Nacht" (hier kann man dreieinhalb Minuten nachgucken) gab es gestern übrigens einen ganz herzerwärmenden Moment: Schauspieler Hannes Hellmann sprach davon, dass sie sich bei Christopher Rüping als Spielende nicht hinter den Rollen verstecken, sondern der Hannes die Wiebke anschaue. Moderator Christoph Leibold fragte, was genau da passieren könne – und Hellmann antwortete: "Dass ich mich dann verliebe." Wiebke Puls guckte intensiv, mit sehr großen Augen. Er korrigiert: "Nicht privat gemeint." Hach. Wir Zuschauer*innen kennen dieses Gefühl natürlich bestens. Wir sagten ja bereits: Alle lieben Wiebke Puls.

(ape / Gabi Hift)

 

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"Trommeln in der Nacht", 3sat-Preis, Stückemarkt

11. Mai 2018. Alle lieben Wiebke Puls. Wir auch, eh klar. Gestern war sie – völlig zu Recht – zum xten Mal bei einem Theatertreffen zu Gast, diesmal in Christopher Rüpings Brecht-Inszenierung Trommeln in der Nacht von den Münchner Kammerspielen. Anschließend wurde ihr der 3sat-Preis verliehen; zudem zeigt der Sender ein Porträt über sie, in dem sie auch über die Dominanz des männlichen Blicks nachdenkt (passend zu unserem großen Überblickstext über Geschlechterungerechtigkeit im Theaterbetrieb).

Theatertreffen-Jurorin Shirin Sojitrawalla betonte in ihrer schönen Laudatio: "Wiebke Puls umgeht das Risiko nicht, sondern verlangt geradezu nach einem Spiel, das sich Gefährdungen aussetzt." In ihrer Dankesrede ging Puls auf das Statement der 3sat-Jury ein, demzufolge sie innerhalb eines glänzenden Ensembles funkle, "egal welche Haltung, welche Spielweise sie einnimmt". Woraufhin Puls erwiderte: Ein Edelstein müsse angestrahlt werden, damit er glänze – und bedankte sich bei ihren Schauspielerkollegen, die ihr erst durch ihr Zusammenspiel die Möglichkeit gegeben hätten zu glänzen. Außerdem müsse ein Edelstein geschliffen werden, um Facetten zu haben – ein Dank an alle Regisseur*innen, mit denen sie in zwanzig Jahren zusammengearbeitet habe, weil jede*r ihr einen neuen Schliff verpasst habe und sie so eine neue Facette in ihrem Spiel habe zeigen können. Möglich gewesen sei das alles nur deshalb, weil sie so lange in festen Ensembles habe arbeiten können – nur dort könne es solche Prozesse geben. Und wie es mit Edelsteinen so ist: Wenn man sie haben will, braucht man Geld – von dem sie mehr für die Ensembletheater fordert.

Apropos 3sat: Der Sender überträgt ja drei Theatertreffen-Gastspiele, u.a. "Trommeln in der Nacht". Weil Rüping nur die ersten vier Akte immer Brecht spielen lässt, den fünften Akt mal von, mal nach Brecht zeigt, und beide Fassungen in Berlin zu sehen sind, kann man das jeweils andere Ende in der 3sat Mediathek nachschauen. Und um den Fernseh-Werbeblock gebührend abzuschließen: Die aktuelle 3-sat-Sendung "Kulturpalast" beschäftigt sich mit Postkolonialismus u.a. beim Theatertreffen – in Frank Castorfs "Faust" und in Anta Helena Reckes "Mittelreich". Nutzen Sie Ihre Rundfunkgebühren!

Seit Sonntag läuft übrigens der Theatertreffen-Stückemarkt – unser Bericht folgt morgen. Aber warum hört man darüber hinaus so wenig? Kaum Twitter-Raunen, keine Gerüchte, Kontroversen, Klatsch. Eine Ausnahme hier:

In der Berliner Zeitung beschreibt eine enttäuschte Doris Meierhenrich, wie sie "im Kassenfoyer hockt, das eher luftig besetzt ist, während man einer blutleeren Stücklesung in englischer Sprache lauscht". Ein Blick auf den diesjährigen Zeitplan spreche auch aus, "wie randständig der Stückemarkt mittlerweile noch am Theatertreffen baumelt".

(geka)

 

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Podiumsdiskussion: "Glotzt nicht so romantisch!"

11. Mai 2018. Zu Gast am Nachmittag auf dem Podium von Susanne Burkhardt (Deutschlandfunk Kultur): die Autorin und Regisseurin Sasha Marianna Salzmann sowie die Regisseur*innen Susanne Kennedy, Philipp Preuss und Ersan Mondtag. The next generation der Mächtigen im Theater. Fragestellung: Wie isses mit der "Revolte der Ästhetik" undOderAuchIrgendwie mit der "Ästhetik der Revolte"? Alles unter der Überschrift "Glotzt nicht so romantisch!", aber die tat, außer zur Einbindung in den Tag mit der "Trommeln in der Nacht"-Premiere am Abend jetzt nicht soooo viel zur Sach'. Vielmehr ging es um das "Ich", das den Thirtysomethings im Theater offenbar als arger Unruhestifter vorkommt, gegen den es mit allen Mitteln vorzugehen gilt. Etwa mit einem "Totaltheater", das einen mit "Haut und Haaren aufzufressen" vermag (Kennedy) oder mit einem "psychedelischen Theater", das kurzerhand den ganzen "Ich-Begriff" zerstören sollte (Preuss).

Glotzt nicht so romantisch 560 Elke Walkenhorstvon links: Sasha Marianna Salzmann, Susanne Kennedy, Philipp Preuss und Ersan Mondtag
© Elke Walkenhorst

Komplett tiefenentspannt und gut gelaunt gab die kommende Generation der Theatergewaltigen die Sehnsucht nach dem die Inszenierung steuernden "Algorithmus" (Kennedy) und dem überindividuellen "Gesamtkunstwerk" (Preuss) zu Protokoll, in dem Requisiten genauso wichtig würden wie Schauspieler (Mondtag), die Identität von Mann und Maus, Zuschauer und Spielern endlich gegenstandslos würde (Preuss). Der unüberhörbar "Ich!" brüllende Faschismus vor den Toren spielte dabei keine wirklich ernstzunehmende Rolle, wenn es nur gelänge sich der "Rahmung" aller Diskurse durch Rechts zu entziehen (Mondtag) und endlich die gesamte bunte "Polis" in den Zuschauerraum zu holen, wo auf der Bühne der "Angriff der Körper" (Salzmann) auf die herrschende Zeit geritten und endlich verwirklicht würde, "was ich in dieser Zeit tun will" (Salzmann). Da hob es zwar wieder seinen Kopf, das zuvor verwünschte Ich, aber das tat dann auch keinen Schaden mehr bei dieser heiter entschlossenen Runde, die sich anschickt, im kommenden Morgengrauen die Zinnen der Theater zu erstürmen.

(jnm)

Deutschlandfunk Kultur hat diese mehr Besprechung als Diskussion auf seine Art zusammengefasst: hier kann man und frau es lesen.

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Kein "Nationaltheater Reinickendorf"?!

9. Mai 2018. Wo sind eigentlich Vegard Vinge und Ida Müller? Die mit dem Nationaltheater Reinickendorf. Dem mythenumrankten (das seinerzeit im Juli 2017 in nur zehn Aufführungen draußen in der Pampa lief, vor geschätzt je 120 Zuschauern). Ehrlich gesagt: Wir vermissen sie. Im Programmheft war eine Dokumentation ihrer zum Gipfeltreffen eingeladenen, aber aus terminlichen Gründen nicht live zeigbaren Monumental-Inszenierung angekündigt. Im Festspielhaus sollte die laufen. Wir haben gesucht und gesucht – und nichts gefunden. Also mal bei den Festspielen nachgefragt.

Vinge Mueller LP Ophielias ArieAchtung, nicht jugendfrei! Das Cover der LP "Ophelias Arie" von Vegard Vinge und Ida Müller.
© Nationaltheater Reinickendorf

Die lassen über ihre Pressestelle wissen, dass man hausintern darüber diskutiert habe, "ob die Aufführung im Foyer der geeignete Präsentationsmodus" für den 80minütigen Film sei, weil: "für Interessierte unter 18 Jahren" sei das "ungeeignet". Das Werk hätte man "nur unter Aufsicht" zeigen können. Ach so – wir hatten auch kurz verdrängt, dass Vinge/Müller meist irgendwas mit anal und fäkal machen und das Ganze echt starker Tobak ist… Oder, wie es von der Presse heißt: dass Vinge/Müller auch in ihrem Film mit einer "erwartungsgemäß vorhandenen extremen Bildsprache" aufwarten. Uiuiui.

Im Ernst, liebe Berliner Festspiele: Wer hat die Arbeit noch mal produziert? Ach, die Berliner Festspiele selbst! Und da habt Ihr vergessen, dass das Ding nicht ganz jugendfrei ist? Habt es trotzdem angekündigt und dann gedacht: Ups, da war doch was...? Eine gute alte Blackbox mit Kopfhörern im Foyer und einem einfachen Aufpasser daneben – das hätte doch wohl hingehauen. Für alle über Achtzehn. Gern auch mit Ausweiskontrolle.

(ape)

 

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Reaktionen + München-Kritik

8. Mai 2018. Sehr angetan war unsere Gastautorin Katja Berlin von Karin Henkels weiblichem Blick auf die Antike. Ähnlich ging es Katrin Bettina Müller von der taz, die erlebte, "wie man aus dem Objektstatus der Opferrolle herauskommt und sich wieder als Subjekt der Geschichte begreift". Mit Castorfs "Faust" geht sie hingegen ins Gericht. Zwar besitze der Abend "sehr viel Witz im Spiel über das Spiel". Inhaltlich aber komme vieles über die Themensetzung nicht hinaus, entstehe keine reflexive Reibung. In unserer Kommentarspalte reiben sich weiterhin die User*innen auf – über die Frage nach der Nacktheit und dem möglichen Sexismus.

Außerdem ist ein merkwürdiger Fall von Gedächtnisverlust zu bestaunen: In der Neuen Zürcher Zeitung, darauf verweist Resi-Chefdramaturg Sebastian Huber in seiner Kritiker-Kritik Vorschlag-Hammer, schreibt Bernd Noack: "Ausgerechnet die gescholtenen Kammerspiele unter Lilienthal wurden mit zwei Produktionen zum diesjährigen Berliner Theatertreffen eingeladen – das Residenztheater aber schon lange nicht mehr." Noack war selbst Teil der Theatertreffen-Jury von 2014 bis 2016. In dieser Zeit wurde das Resi drei Mal eingeladen (mit Dimiter Gotscheffs Zement-Inszenierung sowie den Castorf-Abenden Reise ans Ende der Nacht und Baal), letztes Jahr außerdem mit Die Räuber.

(geka)

 

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"Beute Frauen Krieg" + "Faust"-P.S.

7. Mai 2018. Es gibt viele gute Gründe, in Theaterkritiken die Applausstärke zu verschweigen. Einer davon: Uneindeutigkeit. Waren die Ovationen gestern nach der Theatertreffen-Premiere von Karin Henkels Beute Frauen Krieg so verhalten, weil das Publikum enttäuscht war vom Verhältnis Aufwand-Ertrag (so meine Wahrnehmung)? Oder deshalb, weil es noch so im Bann der düsteren Kriegs-und Herrschaftsgeschichte stand? So begründete es Festspiele-Chef Thomas Oberender bei der Preisübergabe an Karin Henkel. Und auch ein Twitterer fand den Applaus "lange".

Henkel, die am Vortag schon den Theaterpreis Berlin erhalten hatte, fasste sich kurz und fand, dass man in den Rathenau-Hallen trotz etlicher Anpassungen – viele Mollton-Abhängungen und akustische Nachrüstungen – das Gastspiel ganz gut hinbekommen hätte.

TTPreisKarinHenkelKarin Henkel erhält die Theatertreffen-Trophäe von Thomas Oberender © geka

Die eigentliche Überraschung war allerdings eher, dass die Festspiele in einer Mail vor der kalten Halle warnten – und man dann schwitzend die dicke Jacke mit sich rumschleppte von Tribüne zu Tribüne. Wie gesagt: kein leichter Abend.

Keinen leichten, also optimistischen Abend fand übrigens unser Gastautor, Juso-Chef Kevin Kühnert, "Rückkehr nach Reims": "Die Botschaft ist klar: Es gibt für die Arbeiterklasse keinen Automatismus zum Rechtsruck. Es geht anders. Seht her. Man möchte Ostermeier und Hoss gerne glauben, und bleibt doch pessimistisch zurück, inwieweit Vater Hoss samt seiner Biographie zum Role Model einer ganzen Eigengruppe taugt."

Längst hat auch Fabian Hinrichs seinen Dienst als Juror des Alfred-Kerr-Darstellerpreises angetreten – und spricht auf Deutschlandfunk Kultur über seinen Nebenjob: "Ich versuche da zu staunen und ich möchte mich selber frei machen – das ist natürlich eine Bewertung – aber von diesem ständigen Daumen rauf und Daumen runter, mit dem wir überall die ganze Zeit zu tun haben. Dieser Evaluierungswahnsinn, von dem möchte ich mich etwas frei machen, sondern einfach da sitzen. Das war auch übrigens ein Grund, warum ich das angenommen habe, weil ich mal wieder schauen wollte, was so los ist."

Außerdem wurde gestern der Stückemarkt des Theatertreffens eröffnet. Wir werden berichten.

(geka)

 

Während alle anderen Künstler sich in der Pause vom Publikum abkapseln, rauschen die "Faust"-Schauspieler*innen nach dreieinhalb Stunden in vollem Kostüm, mit schweißverschmierter Maske auf die Plattform vor der Kantine hinaus in den Garten der Berliner Festspiele. Sie kommen bis vor an die Balustrade, halten Hof, begrüßen Freunde, lassen sich fotografieren, winken. Alle Herzen fliegen ihnen zu. Sie sind allesamt Stars, werden geliebt, Menschen geben ihren Platz in der Tapasbudenschlange auf, nur um ihnen nahe zu sein. Das ist Immersion, wie sie früher mal war, eine Theaterwelt, die die Zuschauer in sie eintauchen lässt. Schauspieler, die sich die Liebe des Publikums mit Grandezza verdienen – und sie ertragen. Alle sind glücklich, ein leichter Rausch.

(Gabi Hift)

 

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"Faust"-Nachwehen, "Rückkehr nach Reims", Theaterpreis Berlin

6. Mai 2018. Kaum hat das Theatertreffen mit Frank Castorfs Faust eröffnet, melden sich die ersten Kritiker. Wagner Carvalho, Leiter des Berliner Ballhaus Naunynstraße, hat die Vorstellung nach einer Stunde und 50 Minuten verlassen und schreibt auf Facebook: "Es war maximal unerträglich!!!" Die Gründe? "Rassismus, Misogynie, Orientalismus, Ethnozentrismus... Deutungshoheit, Selbstverherrlichung..."

Auch Rüdiger Schaper schreibt im Tagesspiegel: "Frank Castorf zeigt Frauen immerzu als Prellbock und Prügelobjekt, als schrille, halbnackte, den reichlich fiesen und hässlichen Kerlen zugeneigt ohne echten Widerstand. (...) Ist es rassistisch, wie er mit schwarzen Darstellern umgeht, wie er sie immer im Klischee einsetzt, zumal die Frauen? Das kann man so sehen. Nur traut sich bei Castorf niemand an diese Themen heran."

Warum das allerdings auch ganz anders sehen kann, und zwar mit guten Argumenten, legt in den Kommentaren zu Paula Irmschlers Außenblick-Text, der dem Abend aus feministischer Sicht die Absolution erteilt, Hans Zisch dar. Lesenswert!

In Schatten des "Faust"-Rummels stand gestern die zweite innerberliner Theatertreffen-Premiere, Thomas Ostermeiers Rückkehr nach Reims. Hatte es aber auch in sich, gerade im Kontrast:


Was ist noch passiert? Regisseurin Karin Henkel (hier ein schönes Interview in der Berliner Zeitung) wurde gestern "für ihre herausragenden Verdienste um das deutschsprachige Theater" mit dem Theaterpreis Berlin der Stiftung Preußische Seehandlung ausgezeichnet. Die 20 000 Euro will sie dem Verein Háwar. Help und dessen Projekt back to life spenden, "das den Frauen, die es geschafft haben, der Terrormiliz des islamischen Staats zu entkommen, dabei hilft, eben genau das zu erreichen: zurück ins Leben zu finden, ein neues Selbstbewusstsein aufzubauen und Hoffnung", sagte Henkel. Schöne, souveräne Geste! Mehr dazu (und zum Thema Frauen am Theater) im O-Ton auf Deutschlandfunk Kultur. Heute Abend hat dann ihre Inszenierung Beute Frauen Krieg Theatertreffen-Premiere.

(geka)

 

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TT-Gastspiel "Faust"

5. Mai 2018. Volle Bude im Haus der Berliner Festspiele trotz der sieben langen Stunden Faust, am Ende stehende Ovationen – dennoch mault sich Frank Castorf bei der Verleihung der Theatertreffen-Trophäe ("Da wird sich meine Mutter freuen") und der Urkunde scheinbar unberührt durch den Dank.


Theater lebe in Erinnerung, stärker als Erinnerung könne nichts sein (warum aber hat er dann der aufwendigen Wiederaufnahme zugestimmt?), für die Schauspieler sei das ja alles ganz schön hier, aber: "Mich zieht's nach München", und: "Ich liebe Stuttgart". Sind das jetzt inoffizielle Bewerbungen? Ist das ein beleidigtes Sticheln gegen den Regierenden Bürgermeister, der als Kultursenator mitverantwortlich war für Castorfs Volksbühnenende? Oder ist das die Umarmungsverweigerung eines Mannes, der einen Teil seiner Kraft immer schon daraus zog, dagegen zu sein?


Vor der Premiere bemühte sich Festspiele-Intendant Thomas Oberender, das West-Berlin-Gastspiel zum Konzept zu stilisieren, als Exil der ehemaligen Volksbühne Ost in der ehemaligen Volksbühne West. Und erinnerte an Bert Neumann und seinen Slogan "Don't look back". Auch wenn das Faust-Gastspiel natürlich genau das war – und auch deshalb so schön.


Apropos Erinnerung: Der hilft dieser schöne Kurzfilm mit Daniel Zillmann, der auch gestern wieder ordentlich Energie in den Abend pumpte, mit seinen schönsten "Faust"-Passagen wieder auf. Und dieses Tagesspiegel-Interview mit Gretchen Valery Tscheplanowa zeigt, warum sie gerade Castorfs ideale (Gegen-)Spielerin ist.

Ansonsten ist nach den finanziellen Herausforderungen des aktuellen Jahrgangs – "Faust"-Wiederaufnahme in West-Berlin, Beute Frauen Krieg in den Rathenau-Hallen, und auch Transport und Aufbau der Woyzeck-Konstruktion dürfte nicht ganz billig kommen – offenbar sparen angesagt. Die Trophäen sind wie schon im letzten Jahr zu Pokalen geschnittene Regiebücher, im Haus der Berliner Festspiele fehlen die sonst so deutlichen, aber nicht immer geschmackssicher gesetzten Designspuren – ein paar gelbe Stühle, das war's. Angenehm!

(geka)

 

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TT-Vorspiel

4. Mai 2018. Heute geht es los! Mit einem heißersehnten, heißumstrittenen Faust von Castorf, eine halbe Extra-Millionen schwer, weil die siebenstündige Mammut-Chose um einen alten, weißen Sack und sein Supremacy-Gebahren bekanntermaßen nicht mehr im Repertoire der Volksbühne befindlich ist, sondern aufwendigst reanimiert und auch noch verpflanzt werden muss. 20 Tonnen kleinzerlegtes Denić-Bühnenbild lagerten noch vor Kurzem 160 km von Berlin entfernt.

Abfall Aktivismus 280 hochkant at Frau Gomm"Abfall-Aktivismus" hat @Frau_Gomm in Festspiel-Nähe gesichtet – und auf Twitter gepostetIn den nachtkritik-Kommentaren rumort es heftig ob der vermeintlich hinausgeworfenen Euronen, die Castorfs Weigerung verursacht, das eigene Werk noch mal am Entstehungsort zu zeigen, in der Volksbühne, aus der die Berliner Kulturpolitik ihn gegen seinen Willen hinausbefördert hatte. User*in "dabeigewesen" hat ausgerechnet, dass bei fünf Vorstellungen, ergo 5000 "Faust"-Zuschauer*innen, jede "Faust"-Karte mit rund 100 Euro Zusatzmitteln gesponsort ist. Also, genießt es, ihr privilegierten Leut', die ihr eine der schwarzmarkttauglichen Tickets abbekommen habt (apropos: Am Vormittag gab's wieder welche). Und wehe, ihr verschlaft auch nur eine Minute dieser sich vermutlich bis nach Mitternacht ausdehnenden Großkunst – was das kostet!

Ansonsten summt es natürlich schon gewaltig in der Abteilung Pressevorberichterstattung. Ulrich Rasche tut kund, dass Castorf ihm, nachdem er 2009 mal einen Chor auf der Volksbühne sehr schön durch Licht und Schatten hatte schreiten lassen, beim Schnitzel einst "eine große Zukunft an seinem Haus" versprach, weil die Rasche-Ästhetik zur Volksbühne passe. Rasche höre dann nie wieder was von ihm. Schade eigentlich! (Wo Castorf Recht hat, hat er Recht.) Auch Karin Henkel, die zum Thema Überproduktion, Zeitdruck und Sexismus am Theater einiges zu sagen hat, kommt um das Thema Volksbühne nicht herum. Die TT-erfahrene Regisseurin hat allerdings nach eigenem Bekunden noch nie davon gehört, für den Intendanz-Posten gehandelt zu werden. Dabei fallen einem – leider! – nicht viele Regisseurinnen ihres Formats und Erfahrungshintergrundes ein, die für einen Chefinnen-Sessel am Rosa-Luxemburg-Platz in Frage kämen. Dass die Zukunft der Volksbühne "diverser, weiblicher, jünger" werden könnte, hat Klaus Lederer ja immerhin in Aussicht gestellt.

Mehr Diversität, mehr Frauen, das wünscht man sich langfristig auch fürs Theatertreffen, das historisch gesehen ein Festival der alten, weißen Männer ist, wie diese beeindruckende Grafik der Berliner Morgenpost noch einmal schön veranschaulicht:


In diesem Jahr sind unter den Regieführenden des TT 27 Prozent Frauen (was quasi der normalen Theaterbetriebs-Statistik entspricht). Und mit Anta Helena Recke ist immerhin auch eine nicht-weiße Regisseurin mit von der Partie. Insofern sieht's diesbezüglich nicht überdurchschnittlich, sondern nur normal schlecht aus.

Im letzten Jahr war ja übrigens Claudia Bauer die einzige Frau, die die mehrheitlich weibliche TT-Jury auserkor. An die erinnert noch mal Bernd Stegemann, der in der FAZ Thomas Oberender und die TT-Leitung mit dem türkischen Ministerpräsidenten Erdogan vergleicht. Er schreibt über den Wirbel, den Bauer verursachte, weil sie das N-Wort von Schauspielern in der Rolle von Neonazis erst aussprechen und dann wegbeepen ließ – weil die Aussprache des Wortes auf der Bühne von Oberender & Co. nach der ersten Vorstellung untersagt worden war. Warum das für Stegemann einer Erdogan'schen Logik folgt, lesen Sie besser etwas differenzierter in der FAZ bzw. in unserer Presseschau nach. Es lässt sich darüber jedenfalls trefflich streiten. In diesem Sinne: Auf ein auseinandersetzungsreiches Festival!

(ape

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