Kein Automatismus nach rechts

von Kevin Kühnert

6. Mai 2018. Mit der Inszenierung von "Rückkehr nach Reims" in der Berliner Schaubühne ist es ein bisschen so, wie mit der Lektüre des gleichnamigen autobiografischen Eribon-Bestsellers: unbedingt zu empfehlen, hilfreich für das Durchdringen der politischen Umbrüche um uns herum, aber keineswegs als Stimmungsaufheller geeignet.

Melancholische Bilderfolgen

Thomas Ostermeier inszeniert den Text zunächst in konzentrierter Schlichtheit. Er wählt eine minimalistische Rahmenerzählung, die den Blick auf das Wesentliche nicht verstellt. Eribons Thesen von einer sozial, kulturell und habituell ihrem ursprünglichen Milieu entschwebenden politischen Linken werden von Nina Hoss vorgetragen. Sie spielt die Sprecherin, die in der kargen Gemütlichkeit eines holzvertäfelten Tonstudios das Voice-Over für einen bereits fertigen filmischen Essay der "Rückkehr nach Reims" einsprechen soll. Die Inszenierung verzichtet dabei auf jede unnötige Ablenkung: Hoss und der Regisseur des Filmes (Bush Moukarzel) teilen sich die Aufmerksamkeit des Publikums nur noch mit einem zunächst herrlich desinteressierten Tontechniker (Ali Gadema) sowie einer röchelnden Filterkaffeemaschine. Die melancholisch anmutenden Bilderfolgen des Films verfolgt das Publikum auf Großleinwand. Sie begleiten Eribon auf seiner Reise in die Provinz, der er als junger Mann desillusioniert den Rücken zuwendete, was auch dem Bruch mit dem proletarisch geprägten Elternhaus gleich kam.

Rueckkehr nach Reims Manchester International Festival 560 Arno Declair 6360 uBush Mourkazel und Nina Hoss  © Arno Declair

Wie in einem Kaleidoskop verschwimmen die erzählerischen Grenzen zwischen den einzelnen Sequenzen des Filmes. Französische Vororttristesse steckt den Ort des Geschehens ab. Bildmaterial aus den Nachkriegsjahren vermittelt ein Gefühl für den familiären Background. Kamerastreifzüge durch Parks, Bars und öffentliche Toilettenhäuschen helfen dabei, Hoffnungen und Zwänge des jungen Eribon zu verstehen, dessen Homosexualität in Familie, Milieu und Kleinstadtmief auf massive Ablehnung stößt.

Bruch mit der Klasse?

Der Soziologe hinterfragt rückblickend, ob er als junger Mann wirklich primär vor der beißenden Homophobie des Vaters und seines weiteren Umfelds floh – wie er es über die Jahrzehnte als nachvollziehbare, aber vielleicht eben auch bequeme Erklärung etabliert hat. Oder ob es nicht auch ein Bruch mit der gesellschaftlichen Klasse war, der er sich ideell zugehörig fühlte und fühlt, deren real existierende Härte und Starrheit er jedoch nicht hinzunehmen bereit war.

Die Einheit aus Text und Film arbeitet trennscharf und unnachgiebig das zutiefst menschliche Bedürfnis nach Abgrenzung zwischen der Eigengruppe und einer Fremdgruppe heraus. Sie macht erfahrbar, wie dieses Bedürfnis historisch durch eine Klassenauseinandersetzung befriedigt wurde, die von der kommunistischen und später der sozialistischen Partei forciert wurde. Und sie macht begreifbar, wie diese geradezu naturgegebene Identifikation erodierte, als die politische Linke sich seit Mitte der 90er Jahre einem zunehmend neoliberal geprägten Politikkonzept zuwendete und darüber auch Sprache und Habitus wechselte. Das Milieu der Arbeiterfamilie Eribon, repräsentiert durch Reims und seine Bevölkerung, blieb zwar als Eigengruppe bestehen. Sie verloren jedoch ihre politische Vertretung und begannen so, sich den politischen Kräften zuzuwenden, die das eingeübte Spiel aus "wir" und "die" unter anderen Prämissen fortzusetzen bereit waren: dem Front National.

Störenfried in der Echokammer 

Hoss ringt in ihrer Rolle mit sich um Erklärungen, so wie Eribon in seinem Text mit sich ringt. Sie unterbricht die Aufnahme, hadert, kritisiert die Bildauswahl und verwickelt den Regisseur in ein von Seufzern durchzogenes Streitgespräch. Sie fühlt sich in ihrem eigenen Werdegang ertappt, wird nachdenklich. Die Stärke dieser Momente kann auch der angenervte Tontechniker nicht stören, der ein paar Mal zu viel mit dem Meta-Ebenen-Zaunpfahl winkt, wenn er von der Debatte gelangweilt zur Weiterarbeit aufruft und auf seine familiären Verpflichtungen verweist. Dass er die intellektuelle Echokammer beim Philosophieren stören soll, hatte das Publikum bereits vorher verstanden.

Rueckkehr nach Reims Manchester International Festival 560 Arno Declair 4182 uNina Hoss   © Arno Declair

Die "Rückkehr nach Reims" ist dabei kein hektischer Erklärungsversuch für den voranschreitenden Rechtsruck in Europa. Schon sein Erscheinungsdatum (2009) widerspricht dieser These. Es ist vielmehr der Versuch, die Wirkmächtigkeit von Entfremdungsprozessen sichtbar zu machen und sie zu reflektieren.

Rollenwechsel

Ostermeier greift diesen Gedanken auf, indem er die Rolle der Sprecherin entgrenzt. In den letzten Minuten, nachdem die Arbeit erledigt ist, ergreift Nina Hoss das Wort – die echte. Sie berichtet, unterstützt von mehreren privaten Videosequenzen, von ihrem Vater. Jahrgang 1929, Arbeiterfamilie, politisch geprägt in der Nachkriegszeit – die deutsche Entsprechung der Familie Eribon. Sie zeichnet den Lebensweg ihres Vaters nach, die marxistische Schulung, die Rolle der Gewerkschaften, die Mitgründung der Grünen Partei, die Zeit im Bundestag sowie die Distanzierung von diesen Institutionen zugunsten eines politischen Engagements, dass bis zum Lebensende den Schutz lateinamerikanischer Regenwälder und ihrer Ureinwohner in den Mittelpunkt stellte. Regisseur und Tontechniker, plötzlich gar nicht mehr genervt oder gestresst, lauschen ihr andächtig. Ein unangenehm paternalistisches Bild.

Die Botschaft ist klar: Es gibt für die Arbeiterklasse keinen Automatismus zum Rechtsruck. Es geht anders. Seht her. Man möchte Ostermeier und Hoss gerne glauben, und bleibt doch pessimistisch zurück, inwieweit Vater Hoss samt seiner Biographie zum role model einer ganzen Eigengruppe taugt. Wer kein unverbesserlicher Optimist ist, geht an diesem Abend mindestens nachdenklich nach Hause. Aber vielleicht war genau das auch so gewollt.

 

Kevin Kühnert sah aus Termingründen die Repertoire-Vorstellung am 3. Mai 2018.

 

Kevin Kühnert 120Kevin Kühnert, geboren am 1. Juli 1989 in West-Berlin ist seit 2017 Bundesvorsitzender der Jungsozialisten in der SPD. Er studierte Publizistik und Kommunikationswissenschaften an der FU Berlin und Politikwissenschaft und Soziologie an der Fernuniversität in Hagen. Bei den Koalitionsverhandlungen zwischen SPD und CDU nach der Bundestagswahl 2017 führte er die Fraktion der Koalitionsgegner in der SPD an.  (Foto: MJK 19474 Kevin Kühnert, via wikipedia CC BY-SA 3.0)

 

Hier die englischsprachige Nachtkritik zur Premiere der "Rückkehr nach Reims"-Inszenierung im Juli 2017 in Manchester.

Das Berliner Theatertreffen 2018 von außen betrachtet – Den Festivalauftakt mit Frank Castorfs "Faust"-Marathon besprach die Musik- und Feminismus-Autorin Paula Irmschler.

 
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