Das reicht nicht!

von Anne Peter

Themen des Textes: Zahlen & Fakten – die Studie "Frauen in Kultur & Medien" | Diverse Gründe für Geschlechterungerechtigkeit | (Un)Vereinbarkeit von Familie & Theaterberuf | männliche Kultur der Macht – Netzwerke, Seilschaften, Machtmissbrauch | Sozialisationsbedingte Unterschiede – weibliche Selbstzweifel vs. Genie-Kult | Frauen fördern Frauen? | Gender Pay Gap – ungleiche Bezahlung | Lösungsansätze | Blick ins Ausland | Blick in die Freie Szene | Gagentransparenz | Affirmative Action | Frauenquote | Solidarität & Intersektionalität | Neuauflage älterer Ideen | Was Theater tun können | Was Politik und Verbände tun können | Rolle der medialen Öffentlichkeit

 

11. Mai 2018. Beim Berliner Theatertreffen regieren gerade die Frauen. Männerdämmerung ist angesagt. Faust wird zum brabbelnden Lustgreis, Gretchen zum subversiv fordernden Chor. Die griechischen Helden werden zu populistischen Kriegstreibern, die Troerinnen zu wortmächtigen Opfern. Geleitet wird das Festival von einer Frau, die Jury ist zurzeit mehrheitlich weiblich besetzt. Das "Unlearning"-Begleitprogramm diskutiert die Krise des Patriarchats und die Geschlechterungerechtigkeit am Theater.

Schieflage im Betrieb – ernüchternde Zahlen

Aber regieren sie wirklich, die Frauen? Im vergangenen Jahr wurde nur eine Produktion von einer Regisseurin eingeladen. In diesem Jahr sind es zweieinhalb. Damit wird die Schieflage im Betrieb ziemlich exakt gespiegelt. Nur 30 Prozent der Inszenierungen an deutschen Theatern stammen von Frauen, wobei sie noch seltener auf den großen Bühnen inszenieren (22 Prozent), dafür bevorzugt im Kinder- und Jugendtheater – was viel über die unterschiedlichen künstlerischen Entfaltungsmöglichkeiten und Karrierechancen von Frauen und Männern am Theater aussagt. Ebenfalls nur 22 Prozent der Theater werden von Frauen geleitet (gerade mal drei Prozent mehr als 20 Jahre zuvor), noch deutlicher wird das Gefälle, wenn man auch hier die Größe der Theater (und damit der Budgets) betrachtet. Auch die auf der Bühne erzählten Geschichten haben sich meistens Männer ausgedacht: Nur 24 Prozent der aufgeführten Schauspielautor*innen sind weiblich. Und selbst in den Ensembles herrscht fast immer ein Männerüberhang – schließlich gibt es, so die gern vorgebrachte Rechtfertigung, im klassischen Kanon ja viel mehr Rollen für Männer als für Frauen, von älteren Frauenrollen ganz zu schweigen. Während unsere Bühnenkunst also von der Perspektive des weißen, männlichen Künstlers dominiert ist, sitzen als Publikum unten im Parkett: rund zwei Drittel Frauen, viele davon ältere Frauen.

SchauSpielHausHH 560 KristijanBalun uNur 22 Prozent der Inszenierungen auf großen Bühnen stammen von Frauen. Auf dem Foto: die große Bühne des Hamburger Schauspielhauses, dessen Intendantin die Regisseurin Karin Beier ist.
© Kristijan Balun

Warum ist das so? Die Recherche führt zu klar umreißbaren Gründen – und in Graubereiche: Die (Un)Vereinbarkeit von Beruf und Familie. Die männliche Kultur der Macht, Netzwerke und Seilschaften, gläserne Decken und ungleiche Bezahlung. Sozialisationsbedingte Geschlechterunterschiede, Genie-Kult und weibliche Selbstzweifel.

Die Zahlen liegen bereits seit dem Sommer 2016 auf dem Tisch. Damals wurde die im Auftrag von Kulturstaatsministerin Monika Grütters vom Deutschen Kulturrat verantwortete Studie "Frauen in Kultur und Medien" vorgestellt, die den Zeitraum von 1994/95 bis 2014/15 untersucht. In der Theateröffentlichkeit wurde sie allerdings erst so richtig diskutiert, als die hartnäckigen Lobbyistinnen von "Pro Quote Bühne" lautstark 50 Prozent Frauen in allen künstlerischen Ressorts forderten. Der Verein ging im Oktober 2017 an die Öffentlichkeit, wenige Tage nach den ersten Harvey-Weinstein-Enthüllungen, und hat das Thema maßgeblich mit in den Diskurs gepusht.

Was sind die Gründe?

Was die Studie des Kulturrates auch zeigt: Unter den Absolventinnen der theaternahen Studiengänge und den Regieassistentinnen machen Frauen mindestens die Hälfte aus. Wohin verschwinden diese jungen, aufstrebenden Frauen? Warum gelingt vielen Frauen der Sprung von der Nebenspielstätte auf die große Bühne nicht? Oder in die Theateroberliga, die sich beim Theatertreffen tummelt?

StaatstheaterBraunschweig 560 Tanz Spielzeit 2018 19BettinaStoessDie Zahlenverhältnisse ändern! "Geschichte wird gemacht" heißt das Motto der 2. Spielzeit von Intendantin Dagmar Schlingmann am Staatstheater Braunschweig, dessen Tanzensemble hier zu sehen ist.  © Bettina Stöß

Wenn man mit Theatermacherinnen spricht, wird schnell klar: Es gibt verschiedene Gründe, nicht die eine Antwort. "Die Anforderungen des Theaterlebens kann man gut erfüllen, wenn man jung, erfolgshungrig und beziehungslos ist und sich gern idealistisch verschwendet. Dann ist es auch egal, dass man wenig verdient und hauptsächlich in der Blase Theater existiert. Mit Familie und mit erlebtem Erfolg ergaben sich für mich andere Sinnfragen", sagt eine ehemalige Regisseurin, die anonym bleiben möchte. Sie hatte keine Lust, noch mehr zu arbeiten und als Intendantin ein Theater außerhalb von Berlin zu übernehmen. "Am Ende handelt es sich beim Theater 'nur' um gut subventionierte Abendunterhaltung. Aber der Großteil der in dem System Tätigen und Untätigen verbreiten einen existentiellen Druck und Stress, als ginge es um lebensrettende Maßnahmen."

Familienfreudlicher 24-Stunden-Job?

Dass die Anforderungen der umfassenden Aufopferungsbereitschaft und Rund-um-die-Uhr-Verfügbarkeit am Theater weiterhin en vogue sind, zeigt auch eine Äußerung des Dortmunder Schauspiel-Chef Kay Voges bei der Konferenz "Theater & Netz" am vergangenen Wochenende: "Wenn wir Kunst machen, ist das ein 24-Stunden-Job. Der muss familienfreundlich und sozialverträglich sein. Aber es braucht hundertprozentige Leidenschaft." Leidenschaft okay, aber 24 Stunden am Tag? Wie bitteschön soll das mit einem Familienleben vereinbar sein? Da ist sie wieder: die Idee vom künstlerischen Beruf als Berufung, vom Genie, das ewig wirkt. Feierabend, Freunde, Schlaf? Profanitäten.

Sonja Anders, die noch Chefdramaturgin am DT Berlin, bald Intendantin in Hannover und Mutter von drei Kindern ist, findet es normal, 60 Stunden pro Woche zu arbeiten. "Wenn ich Chefdramaturgin oder Intendantin werde, weiß ich vorher, was das bedeutet." In ihrem Modell ist es ihr Mann, der sein Pensum reduziert hat – das gute alte Rückenfreihalter-Modell, nur unter umgekehrten Vorzeichen. "Man sollte davon wegkommen zu meinen, dass man ständig und permanent, wie ein Workaholic, arbeiten muss", meint hingegen Dagmar Schlingmann, Intendantin am Staatstheater Braunschweig und selbst auch Regisseurin. "Mir macht keiner Eindruck, der rund um die Uhr im Theater ackert. Ich gehe früh um 8 Uhr zur Arbeit, und bin abends, wenn es irgend geht, zuhause bei meinem Sohn." Schlingmann ist 1960 geboren und in ihrer Generation eine der ersten Intendantinnen mit Kind – Vorbilder gab es für sie praktisch keine. Für viele Theatermacherinnen ihres Alters hieß es noch, das ginge nicht. "Man kann auch als Frau mit Kind ein Theater leiten", ist sie überzeugt. Es brauche aber "eine gute Arbeitsteilung mit dem Partner, als Alleinerziehende wird das schwer."

01 Sonja Anders 560 David BaltzerSonja Anders, designierte Intendantin in Hannover und Mutter von drei Kindern © David Baltzer

Regisseurin Friederike Heller teilt sich die Familienarbeit paritätisch mit ihrem Mann, dem Regisseur Patrick Wengenroth; die beiden haben zwei Kinder. Ihr Fazit: "Augen auf, bei der Partnerwahl. Wenn du arbeiten willst als Künstlerin mit Kind, brauchst du einen Mann, der das mitträgt, dich unterstützt." Sie erzählt, wie schnell man als Frau ins Hintertreffen gerät: "Durch den Ausfall in der Schwangerschaft und in den Babymonaten hat der Mann bei konkurrierenden Anfragen oft Vorfahrt, weil er die ganze Zeit über im Geschäft geblieben ist, also die besseren Verträge bekommt, und als Mann im Schnitt ja sowieso besser bezahlt wird. Das ist ein Teufelskreis. Es passiert leicht, dass sie immer schlechtere Karten hat, während sein Marktwert weiter steigt." Das bestätigt Sabine Auf der Heyde, die ebenfalls freie Regisseurin ist und gerade ihr drittes Kind bekommen hat: "Pro Kind fliegt man immer ein kleines bisschen mehr aus der Karrierekurve. Mein Freund ist Bühnenbildner und demnach auch viel und oft unterwegs. Es kann bei uns immer nur einer arbeiten – und er verdient nach wie vor natürlich mehr als ich. Regisseurin ist ein toller Beruf, aber so richtig vereinbar mit Familie und Co. ist er wirklich nicht!"

Gesamtgesellschaftliche Asymmetrie – Care-Arbeit ist weiter Frauensache

Die Beispiele, in denen der Partner entweder Rückenfreihalter oder gleichberechtigtes 50/50-Elternteil ist, sind die hehren Ausnahmen jener wenigen Frauen, die es "geschafft" haben. Die gesamtgesellschaftliche Asymmetrie, nach der Frauen immer noch viel mehr Elternzeit nehmen, nach einer Geburt in Teilzeit gehen und einen Mammut-Teil der Care-Arbeit bewältigen, dürfte auch für viele Theaterschaffende noch gelten.

05 NicolaBramkamp LisaJopt 560 Thilo Beu uRole-Models sind wichtig: Die Bonner Schauspielchefin Nicola Bramkamp + Lisa Jopt, Schauspielerin und Ensemble-Netzwerk-Aktivistin © Thilo Beu

Wie traditionelle Rollenbilder in den Köpfen weiterwirken und für viele Frauen ein Karriere-Hindernis sein können, zeigt eine Anekdote, die die Bonner Schauspieldirektorin Nicola Bramkamp erzählt: "Ich wurde bei der Bewerbung für eine Dramaturgiestelle mal gefragt, ob ich ein zweites Kind wolle. Und dann nicht genommen, weil der Intendant, der selbst Vater von vier Kindern war, meinte, dass das mit zwei Kindern nicht ginge." Ihr zweites Kind hat sie dann in Bonn bekommen, als sie bereits in Leitungsfunktion war. Bramkamp sagt aber selbst, dass sie "total gezögert" habe, überhaupt Mutter zu werden. Vorbilder und Role Models wie Friederike Heller oder Karin Beier seien für sie sehr wichtig gewesen. "Sonst hätte ich mich vielleicht nicht getraut."

Der Preis ist hoch – finanziell wie emotional

Anders Ute Hannig, die "nie einen Zweifel oder Sorgen" hatte, "dass Dinge grundsätzlich nicht zu vereinbaren sind". Die Schauspielerin arbeitet gemeinsam mit Markus John, dem Vater ihrer vier Kinder, im Ensemble des Hamburger Schauspielhauses. Lange Zeit haben sie aber auch an verschiedenen Orten gearbeitet, er reduzierte und pendelte dabei. "Der unbedingte Wunsch, Beruf und Familie zu vereinen, hat dazu geführt, dass einer von uns eigentlich oft umsonst gearbeitet hat, da im Grunde eine komplette Gage für Babysitter und Betreuung draufgeht". Klar sei das oft "eine große Belastung" gewesen: "mit den Kindern den Alltag alleine zu bestreiten, gleichzeitig große Rollen zu erarbeiten, Text zu lernen, mit Nächten ohne Schlaf auszukommen. Den gravierendsten Unterschied zu Kollegen mit oder ohne Kinder erlebe ich, wenn nach einer Vormittagsprobe eine Abendprobe folgt. Die Einen ausgeruht und vorbereitet, die Anderen, zerzaust, müde und ohne Recherche oder weiter gelerntem Text."

ProQuoteBuehne 560 uDie Aktivistinnen vom Verein "Pro Quote Bühne"  v.l.n.r.: France-Elena Damian, Angelika Zacek, Onimar Âme, Amina Gusner, Eva Jankowski, Ivana Sajević und Nicole Janze. © privat

Unter verschärften Bedingungen arbeitet auch Anna Bergmann, freie Regisseurin und alleinerziehende Mutter eines Zweijährigen. Wenn sie auf Reisen ist, übernimmt der Kindsvater oder die Oma die Kinderbetreuung. Dennoch sei das emotional "Hardcore". Zwei Wochen am Stück hat sie ihren Sohn nicht gesehen, als sie in Wien in Endproben steckte. Vorher hatte sie für drei Wochen Probenzeit mit Kind und eigener Mutter in einer Wohnung gewohnt. Bei einer anderen Produktion hatte sie "das Modell 'Wochenend-Mami'" und ist jedes Wochenende nach Hause gefahren. "Aber der Preis ist hoch. Es gibt den Trennungsschmerz und es gibt das schlechte Gewissen."

Too much at a time

Kein Wunder also, dass Regisseurinnen mit Kindern oft weniger Inszenierungen pro Spielzeit zusagen als männliche Kollegen. Mehr als drei Produktionen im Jahr scheint sich kaum eine vorzunehmen. "Wenn ich zusammengerechnet ein halbes Jahr nicht bei der Familie bin, wird's haarig, dann fliegt mir das um die Ohren", sagt Heller. "Das geht mal, aber nicht auf Dauer." Sie hat durchaus immer wieder damit geliebäugelt, eine Intendanz zu übernehmen – Möglichkeiten hätte es gegeben –, aber dann doch beschlossen, diese Ambitionen auf die Zeit zu vertagen, wenn die Kinder größer sind. Für ein Jahr war Heller als Dramaturgin und inszenierende Regisseurin schon mal Mitglied im Leitungsteam der Schaubühne – was sie u.a. wegen Überlastung und Unvereinbarkeit schnell wieder aufgegeben hat. "Uns als Familie hat damals fertiggemacht, dass ich als Angestellte die vorgegebenen Sitzungstermine wahrnehmen musste. Alle anderen Mitglieder der Leitung damals waren ohne Familie, so dass es kein Problem war, auch mal eine Sitzung am Sonntagabend anzusetzen. Für mich waren diese dauernden Abendsitzungen aber ein Riesenproblem."

10 Iris Laufenberg 560 Lupi SpumaRichtet Betriebskindergarten ein: die Grazer Intendantin und mehrfache Mutter Iris Laufenberg
@ Lupi Spuma

Welchen Stress es bedeuten kann, ein großes Theater zu leiten und gleichzeitig möglichst viel Zeit mit der Tochter zu verbringen, macht ein Porträt Karin Beiers aus dem SZ-Magazin anschaulich. Die Intendantin des Hamburger Schauspielhauses gilt vielen in Sachen Familienfreundlichkeit als Vorbild. Ihre Proben finden nicht zwei-, sondern nur einmal am Tag statt und dafür länger. Und nachmittags geht es dann mit ihrer Tochter zum Schwimmkurs. Für Beier gibt es übrigens durchaus biologische Unterschiede zwischen Männern und Frauen und sie selbst möchte, so zitiert das SZ-Magazin, nicht "auf die Frauenthematik reduziert" werden. "Meine Lebenserfahrung spricht einfach dagegen, dass Männer und Frauen dasselbe tun können. Ich akzeptiere, dass ich viel mehr mit unserer Tochter mache als mein Mann. Und dass ich viel mehr arbeite. Ich mache das nicht zähneknirschend. Ich will das so haben." Mit dieser Einstellung unterscheidet sich Beier deutlich von den jüngeren Aktiven der heutigen Theaterfrauen-Bewegung.

Netzwerke, Seilschafen, Machtmissbrauch

Die komplizierte Vereinbarkeit von Familie und Theaterberuf ist der noch am leichtesten zu fassende Grund dafür, warum es für Frauen zwischen 30 und 40 am Theater schwerer wird. Auch die Netzwerke und Seilschaften der männlichen Macht, die Frauen außen vor halten, sind ein Problem. Machtmissbrauch und Übergriffigkeiten sowieso, doch darüber wird im Schauspielbereich noch kaum öffentlich gesprochen – der Offene Brief der Burg-Mitarbeiter*innen in Sachen Matthias Hartmann hat keine Nachahmer gefunden; ob das lediglich die Spitze eines Eisbergs ist, lässt sich nur mutmaßen. Neun Antworten bekam das Ensemble-Netzwerk auf eine Umfrage zu sexuellen Übergriffen und Sexismus unter seinen rund 400 Mitgliedern; konkret wurden dabei fünf Männer "der Übergriffigkeit bezichtigt. Auch Männer in leitenden Positionen oder welche mit sogenannter Richtlinienkompetenz", wie Ensemblenetzwerkerin Lisa Jopt ausführt.

Mehr Handwerkerinnen als Künstlerinnen?

Doch es gibt noch andere Ausschlussmechanismen, die subtiler wirken und schwerer zu beschreiben sind. Es hilft dabei, sich anzuschauen, in welchen Arbeitsbereichen des Theaters das Geschlechterverhältnis ausgeglichener sind. In der Dramaturgie etwa liegt der Frauenanteil bei 48 Prozent, von den Regieassistent*innen sind 51 Prozent Frauen. Das Soufflieren ist sogar ganz überwiegend Frauensache: zu 80 Prozent. Dünn wird die Frauen-Decke also vor allem in den oberen Hierarchieebenen, dort wo mehr Macht, mehr Einfluss, mehr Geld zu haben ist – und mehr künstlerische Selbstverwirklichung. Dort, wo das "Genie" verortet wird. Zugespitzt: Während die Frauen als fleißige Zuarbeiterinnen im Hintergrund werkeln, werden die Männer reich und berühmt.

Burning Issues 560 Thilo Beu u"Burning Issues" – 350 Theaterfrauen versammelten sich im März bei der "Ersten Konferenz der Theatermacherinnen" in Bonn, 100 weitere standen auf der Warteliste © Thilo Beu

Theatertreffen-Leiterin Yvonne Büdenhölzer hat diese Verhältnisse im März bei "Burning Issues", der "Ersten Konferenz der Theatermacherinnen" in Bonn, in eine provokante These gegossen: Dass es nämlich "unter den Regisseurinnen mehr Handwerkerinnern als Künstlerinnen" gebe, "die durch herausragende, eigenwillige ästhetische, formal-inhaltlich bemerkenswerte Handschriften herausstechen". Sie begründete das nicht damit, "dass die Regisseurinnen ihren Job schlechter machen oder weniger Talent haben". Als Gegenbeispiele zu der von ihr beobachteten Tendenz benannte sie Parallelwelt-Erschafferin Signa Köstler, Dokufiktion-Expertin Yael Ronen und Masken-Verfremderin Susanne Kennedy, die in den letzten Jahren mit ihren je sehr eigenen Ästhetiken auch beim Theatertreffen aufgelaufen sind. Dass Frauen mit solch starken Handschriften möglicherweise seltener zu finden sind als männliche Pendants, liegt für Büdenhölzer in den Strukturen begründet sowie in "traditionell eingeübten Rollenbildern". Wenn bei Männern "künstlerischer Größenwahn häufig als eine Form von Geniekult begriffen" werde, gelte dergleichen bei Frauen "als hysterisches Gehabe oder Verzicktheit". Entsprechend werde Frauen "seltener die künstlerische Freiheit gegeben und das Vertrauen geschenkt, in gleichem Maße zu produzieren wie ihre männlichen Kollegen", so Büdenhölzer. Männer seien "gute Behaupter", Frauen "viel kritischer mit sich selbst".

Selbstzweifel vs. Genie-Kult

In Bonn stieß die mittlerweile in Elternzeit befindliche TT-Leiterin mit ihrem Vortrag erstmal auf "eisiges Schweigen", wie sie erzählt. Friederike Heller, auch in Bonn dabei, fand die Analyse durchaus treffend: "Empirisch sind es sicherlich mehr Frauen, die Selbstzweifel als Tool im System haben. Sie tendieren dazu, ihre Entscheidungen mehrfach zweifelnd durchzudenken. Da fallen bestimmte quatschige oder ingeniöse Ideen wieder raus. Der Zweifel macht uns ordentlich." Das ist keineswegs bloße Spekulation; es gibt Studien, die belegen, dass Mädchen sich bereits im Alter von 6 Jahren für weniger begabt halten als gleichaltrige Jungen. Und dass Frauen sich durch derartige Vorurteile entmutigen lassen, eine Karriere in einer Disziplin anzustreben, für die eine vermeintlich angeborene Brillanz oder eben "Genie" notwendig ist, neben Mathematik, Physik oder Philosophie sind das eben zum Beispiel: die künstlerischen Disziplinen. Mit Jelinek gesprochen: "Es wird der Frau kein Werk zugetraut." Oft nicht mal von ihr selbst.

DreigroschenoperThaliaHH 560 ArminsmalovicMännerdämmerung? Noch lange nicht! Szene aus Brechts Dreigroschenoper, 2015 von Antú Romero Nunes am Hamburger Thalia inszeniert © Armin Smailovic

Die vormalige Theatertreffen-Chefin (und aktuelle Grazer Intendantin) Iris Laufenberg betont, wie wichtig es war, dass Marlene Streeruwitz als Jurorin des TT-Stückemarktes 2010 die Anonymisierung des Wettbewerbs angeregt hat: "Man liest die Stücke anders, wenn man weiß, ob sie von einem Mann oder von einer Frau geschrieben sind. Auch auf Regiearbeiten von Frauen wird anders geschaut." Das belegt auch eine US-amerikanische Studie, die identische Dramentexte beliebig unter weiblichem oder männlichem Autor*innen-Namen an verschiedene Theater verschickte. Die vermeintlich von einer Frau verfassten Texte wurden deutlich negativer beurteilt als die des vermeintlich männlichen Autors; sie wurden als qualitativ schlechter, ökonomisch weniger aussichtsreich und als weniger vielsprechend hinsichtlich der Publikumsreaktion eingestuft. Das Überraschende dabei: Diese negativen Einschätzungen stammten ausschließlich von Theaterdirektorinnen, während ihre männlichen Pendants die männlichen und weiblichen Dramatiker*innen genau gleich einschätzten. Die Wirtschaftswissenschaftlerin Emily Glassberg Sands, die die Studie durchführte, vermutet, dass Frauen die Texte von Frauen negativer einschätzen, weil sie um die Hürden wissen, mit denen (Stücke von) Dramatikerinnen konfrontiert sind.

Frauen fördern Frauen?

Dass Frauen selbstverständlich Frauen fördern, darf angesichts dieser Erkenntnisse mindestens leise bezweifelt werden. Ebenso wie die Hoffnung, eine Quote für Theaterintendantinnen würde mit der Zeit quasi automatisch das System darunter mit umkrempeln. Oder eine weiblich besetzte Theatertreffen-Jury würde automatisch für mehr Frauen im Zehner-Tableau sorgen – wie gesagt, im letzten Jahr war gerade mal eine dabei. Statistisch greifbar wird dieser Umstand auch im "ABC der Ungleichheit", das die "Theater.Frauen" Christina Gassen und Maria Nübling, die schon 2015 als Studentinnen ein Symposium zum Thema an der FU Berlin organisierten, seit einigen Monaten verdienstvollerweise auf ihrer zum wichtigen Netzwerk-Knotenpunkt gewordenen Facebook-Seite zusammensammeln: an den von Frauen geleiteten Häusern sieht es regiequotenmäßig oft kaum anders aus als an den männlich geleiteten – große Ausnahmen sind hier zum Beispiel Bamberg unter Sibyll Broll-Pape und Memmingen unter Kathrin Mädler, die tatsächlich mehrheitlich Regisseurinnen im Programm haben.

Gender Pay Gap – bis zu 6.000 Euro weniger als männliche Kollegen

Auf die Sozialisation zurückzuführende weibliche Dispositionen wie ausgeprägtere Selbstzweifel tragen sicher ihren Teil dazu bei, dass Frauen als die schlechteren Verhandlerinnen gelten. Ein Grund dafür, dass sie am Theater selbst bei gleicher Qualifikation oft immer noch viel weniger verdienen als ihre männlichen Kollegen – auch das legt die Kulturrats-Studie offen. Selbst in Assistenz-Positionen, wo dehnbare Kriterien wie "künstlerische Qualität" kaum zum Tragen kommen dürften, verdienen Männer 45 Prozent mehr Geld als Frauen. Unter freischaffenden Schauspieler*innen sieht es ähnlich aus und im Regiefach beträgt der Gender Pay Gap immer noch 36 Prozent. Regisseurin Anna Bergmann lässt sich seit Langem von Tom Strombergs vertreten, ehemaliger Intendant am Hamburger Schauspielhaus, heute Agent und Berater vieler Künstler*innen. "Seit er für mich verhandelt, verdiene ich deutlich besser. Aber immer noch bis zu 6000 Euro weniger als männliche Kollegen an ein und demselben Haus, mit derselben Erfahrung wie ich!" Als Nicola Bramkamp in Bonn die Schauspielsparte übernahm, war sie konsterniert davon, dass eine 40jährige Schauspielerin ganze 1000 Euro im Monat weniger verdiente als ihr männlicher Kollege gleichen Alters. Das Beseitigen dieser Lohnlücke durch Anpassung der niedrigeren Gage nach oben hat sie eine Stelle im Ensemble gekostet.

12 Theater Frauen Christina Gassen Maria NueblingStellten ein "ABC der Ungleichheit" zusammen: Christina Gassen und Maria Nübling @ privat

Einen weiteren, bisher unterbeleuchteten Problembereich reißt die Bühnen- und Kostümbildnerin Nehle Balkhausen auf (auch in diesem Facebook-Post): "Kostümbildner*innen, meist Frauen, werden immer deutlich geringer bezahlt als Bühnenbilder*innen, von denen die Mehrheit immer noch Männer sind. Nur weil man als Bühnenbildner ein größeres Budget zu verantworten hat, rechtfertigt das noch lange nicht, das man besser bezahlt wird. Die künstlerische Leistung ist beim Kostümbild ja nicht geringer! Als Kostümbildnerin bin ich sehr eng in die Probenarbeit einbezogen und gebe gegebenenfalls auch deutlichen Input zum künstlerischen Gesamtergebnis. Aber anders als Bühnenbildner kann ich nicht, oder nur bedingt, parallel an anderen Theatern arbeiten, da meine Anwesenheit für den Arbeitsprozess unabdingbar ist." Auch hier scheint die Gagenschieflage mit dem Geschlecht zusammenzuhängen. Mal abgesehen davon, dass es für Bühnenbildnerinnen mutmaßlich nicht immer leicht ist, sich mit der technischen Abteilung herumzuschlagen, auf die bühnenbildende Künstlerinnen naturgemäß besonders angewiesen sind und die meist stark männlich dominiert ist.

Was tun?

Was ist nun zu tun? Will man gegen das Ungleichgewicht zwischen den Geschlechtern am Theater wirklich angehen, kommt man mit einer Quote allein nicht weit. Werden einfach nur Frauen anstelle von Männern in Machtpositionen des patriarchal geprägten Systems installiert, wird sich dieses nicht von selbst in einen mitbestimmten Kollektivkörper wandeln. Es braucht einen Bewusstseinswandel und eine grundsätzliche Reform der Strukturen. Den diversen Gründen der Benachteiligung kann dabei nur mit vielfältigen Maßnahmen begegnet werden. Viele kleine Schräubchen an verschiedenen Stellen. Und natürlich müsste man bei alldem unbedingt schon die (Kunst)Hochschulen einbeziehen.

Wie so oft ist auf der Suche nach Lösungen ein Blick über die eigenen Grenzen hinaus hilfreich: auf das Königliche Theater in Kopenhagen, das Dramaten in Stockholm oder das Gate Theatre in Dublin, das unter der engagierten Führung von Selina Cartmell u.a. beispielhaft vorgemacht hat, wie man als Theater Fälle von Machtmissbrauch und Sexismus nüchtern sachbezogen aufarbeiten kann. "In Kopenhagen sind die Strukturen ganz anders", erzählt Nehle Balkhausen: "Die Schauspieler haben dort durch eine starke Gewerkschaft eine viel stärkere Lobby. Das macht ein Leben mit Familie für Theatermenschen sehr viel einfacher. Für mich war das ungewohnt – und nicht nur positiv, weil extrem unflexibel und deshalb auch künstlerisch einschränkend." Geprobt wird ausschließlich von 11 bis 16 Uhr, auch die Anproben konnten nur innerhalb dieser Zeit stattfinden. "Am Dramaten in Stockholm wurde zu Beginn, vor der Konzeptionsprobe, als Reaktion auf #MeToo, ein Statement verlesen, über den gegenseitigen Umgang miteinander."

Gagentransparenz

Auch im Nahbereich gäbe es Anregungsmaterial. Gerade von der Freien Szene könnten die Stadttheater viel lernen, findet Katja Grawinkel-Claassen: "Hier haben sich Künstlerinnen seit Jahrzehnten von hierarchischen, patriarchalen Struktuen emanzipiert und ihre eigenen, häufig kollektiven Arbeitszusammenhänge geschaffen", meint die Dramaturgin vom Forum Freies Theater Düsseldorf. "Bestes Beispiel sind She She Pop, die seit 20 Jahren gemeinsam arbeiten und in dieser Zeit auch Modelle entwickelt haben, Ausfälle durch Mutterschaft, Erziehungszeiten etc. aufgefangen." In der Freien Szene würden bereits jetzt viele der wichtigsten Produktionshäuser und Festivals von Frauen geleitet. "Es ist natürlich auch der Theaterbereich, in dem am wenigsten Geld zu verdienen ist. Von der chronischen Unterfinanzierung sind also – wie in allen prekären Arbeits- und Lebensbereichen – Frauen besonders betroffen."

15 Katja Grawinkel Claassen 560 privat Eigene kollektive Zusammenhänge in der Freien Szene: die Dramaturgin Katja Grawinkel-Claassen vom FFT Düsseldorf © privat

Um einer unterschiedlichen Bezahlung entgegenzuerwirken, würde Gagentransparenz enorm helfen. Eine Offenlegung der Gagenstruktur in Bezug auf die Geschlechter, wie sie Pro Quote Bühne fordert, könnte zum Beispiel der Deutsche Bühnenverein mitbefördern. Mit dem Entgelttransparenzgesetz wurde vor Kurzem für Betriebe ab 200 Mitarbeitern ein Anrecht auf Auskunft gesetzlich verankert – inwieweit sich eine einzelne Künstlerin allerdings ihrem (potentiellen) Arbeitgeber gegenüber darauf berufen wird, bleibt erstmal wieder dem individuellen Verhandlungsgeschick überlassen.

Affirmative Action

Es braucht mehr Ermutigung und bestärkende Förderung von Künstlerinnen (ohne diese auf männlich konnotierte Verhaltensweisen hin umbiegen zu wollen). Sich zurückzulehnen und es den Frauen zu überlassen, sich ihre Posten und Regieaufträge, ihre fairen Gagen und tollen Rollen bitteschön selbst an Land zu ziehen, reicht nicht. Oder sich auf der Rechtfertigung auszuruhen, dass es so schwierig sei, Regisseurinnen fürs Saisonprogramm zu gewinnen, weil diese oft nur wenige Inszenierungen pro Jahr machen

Dagmar Schlingmann formuliert das so: "Wir müssen das Theater attraktiv machen und ein gutes Arbeitsklima schaffen, damit die Leute in eine mittelgroße Stadt wie Braunschweig kommen wollen." Wer Standortvorteile in Sachen Arbeitsbedingungen und Familienfreundlichkeit schafft, steigert mit ziemlicher Sicherheit die Chancen, dass Frauen gern bei ihm arbeiten. Wenn hehre Bekundungen zur Geschlechtergerechtigkeit ernst gemeint sind, müssen also besondere Anstrengungen unternommen werden, es braucht "Affirmative Action", also die Bekämpfung struktureller Benachteiligung durch gezielte Vorteilsgewährung (eine politische Praxis, deren Herausbildung eng mit der Bürgerrechtsbewegung in den USA zusammenhängt). Sonst, das zeigen die Kulturrats-Zahlen, ändert sich nichts bis wenig.

Qualität setzt sich nicht immer durch – deshalb pro Quote

Die Quote ist ein typisches Affirmative-Action-Instrument. "Ich wäre nie für die Quote gewesen, wenn nicht die Zahlen deutlich aufzeigen würden, dass sich in den vergangenen Jahren hinsichtlich der Besetzung von Frauen in Schlüsselpositionen so wenig entwickelt hat", sagt Dagmar Schlingmann. Auch der Karlsruher Intendant Peter Spuhler spricht in der nachtkritik-Kommentarspalte von einem "Haltungswechsel", der bei ihm im vergangenen Jahr stattgefunden habe: "Vertrat ich früher die Ansicht: Qualität setzt sich durch und wir aufgeklärten Männer sind nicht das Problem, glaube ich das inzwischen nicht mehr. Qualität setzt sich nicht immer durch. Es gibt Geschlechterungerechtigkeit. Es bedarf der Zeichen und vor allem der Handlungen." Zentral wäre zum Beispiel, dass man überall, wo über Posten, Preise und Gelder entschieden wird, in den Jurys, Gremien und Findungskommissionen, eine paritätische Besetzung anstrebte. Apropos: Erst 2015 wurde mit Barbara Kisseler die erste Frau ins siebenköpfige Präsidium des Bühnenvereins gewählt.

SandrineMicosse Aikins 560 boellstiftung"Die Bedürfnisse von privilegierten Frauen sind nicht universell die Bedürfnisse aller Frauen," sagt die Kuratorin und Kulturwissenschaftlerin Sandrine Micossé-Aikins © Heinrich Böll Stiftung

Auf den Brief, den Pro Quote Bühne an 377 Theaterleiter*innen verschickte, erhielten die Aktivistinnen gerade mal von zwei Intendanten Antwort. Natürlich sind die Quotenforderung oder die im Zuge der #MeToo-Debatte geforderten Verhaltensregeln im Betrieb umstritten. Viele belächeln, andere verachten derart politisch korrektes Bemühen im Bereich der ach so "regellosen" Kunst – "veganes Theater" höhnt man. "Die um sich beißende, sich bedroht fühlende White Male Supremacy zeigt zurzeit sehr hässliche Fratzen", kommentiert Friederike Heller. "Der weiße Durchschnittsmann hat jetzt damit zu kämpfen, dass er Privilegien verliert. Denn natürlich wird den Männern auch etwas weggenommen, wenn man den Gender Pay Gap beseitigt und mehr Frauen als Regisseurinnen verpflichtet", meint Nicola Bramkamp. Manche wittern gar die "Unterdrückung des Mannes". Oder sorgen sich, dass die Kunst unter all dem leide, weil plötzlich außerkünstlerische Gesichtspunkte ebenfalls eine Rolle spielen.

She She Pop-Mitglied Mieke Matzke drehte diesen Spies in der Deutschen Bühne unlängst um und fragte, ob die Qualität nicht vielmehr leide, "wenn fast ausschließlich Inszenierungen von Männern gezeigt werden" – sie sieht darin "mangelnde künstlerische Vielfalt". Und "Theaterformen"-Macherin Martine Dennewald, die 2017 bewusst ein Programm nur mit weiblichen Regiehandschriften zusammenstellte, merkt an, "dass immer schon außerkünstlerische Kriterien vielerlei Art Einfluss genommen haben, und dass der aktuelle Zustand eben nicht neutral ist, sondern mal mehr, mal weniger nach patriarchalen Mustern funktioniert."

Solidarität und Intersektionalität

Deshalb braucht es die Solidarität derer, die bereits an den Schaltstellen sitzen. Der Dramaturg und Dramatiker Konstantin Küspert zum Beispiel achtet nach eigenem Bekunden darauf, dass seine Stücke möglichst von Frauen uraufgeführt werden. Denkbar sind auch Aktionen, wie sie z.B. die Hashtags #Men4Equality und #AllMalePanel sichtbar machen: Mittlerweile gibt es viele Männer, die sich weigern, auf Podien zu sitzen, die rein männlich besetzt sind. Auf die Theater übertragen hieße das etwa, als Mann keine Regieaufträge an einem Haus anzunehmen, an dem nicht auch Frauen auf der großen Bühne inszenieren (Hallo, Schauspiel Frankfurt! Hallo, Berliner Ensemble!). Was gäbe das, einen Run auf Regisseurinnen?

Auf einen weitgehend blinden Fleck in der aktuellen Diskussion, die (noch) weitgehend unter weißen Theater-Frauen geführt wird, hat die Dramatikerin Sasha Marianna Salzmann in ihrer Videobotschaft für die Theatermacherinnen-Konferenz in Bonn hingewiesen:

Eine Videobotschaft der Dramatikerin Sasha Marianna Salzmann für "Burning Issues", das erste Treffen der Theatermacherinnen in Bonn am 11. März 2018 © Sasha Marianna Salzmann

Im Mailwechsel führt sie das aus: Sexismus und Misogynie dürfen nicht von Rassismus, Disablismus und Klassismus getrennt behandelt werden, "sonst führen wir einen geteilten Kampf der Partikularinteressen. Es sind aber keine Partikularinteressen, wir haben alle dasselbe Ziel: Gleichberechtigt miteinander leben und arbeiten. Konkret brauchen wir Menschen mit intersektionaler Erfahrung in den führenden Positionen." Bisher fällt einem da im deutschen Stadttheatersystem tatsächlich kaum jemand ein – außer Shermin Langhoff, Intendantin des Berliner Gorki Theaters und Mutter einer Tochter, die tatsächlich ganz anderen Stoffen und Perspektiven Sichtbarkeit verschafft hat.

Auch Sandrine Micossé-Aikins vom Berliner Projektbüro für Diversitätsentwicklung findet es wichtig zu verstehen, "dass die Bedürfnisse von privilegierten Frauen – also zum Beispiel weißen Frauen und Frauen ohne Behinderung – nicht universell die aller Frauen sind. Maßnahmen, die sich aus so einem verkürzten Verständnis ableiten, nützen nur wenigen. So fördert zum Beispiel das Mentoring-Programm des Kulturrat-Büros insbesondere Frauen, die sowieso schon weit gekommen sind. In dem Moment, in dem man bestimmte Ressourcen habe – so wie die Theaterfrauen zurzeit die Aufmerksamkeit in der Branche hätten –, solle man "schauen, wie Mehrfachdiskriminierung und die vielfältigen Perspektiven zum Beispiel innerhalb der Kategorie 'Frau' thematisiert werden könnten. Das wäre ein intersektionaler Ansatz." Außerdem müsse sich unsere ganze Arbeitskultur verändern: "Man darf nicht nur Männer durch Frauen ersetzen. Es braucht insgesamt andere Formen der Zusammenarbeit."

Shermin Langhoff 560 Stephan Rohl Andere Geschichten erzählen: Shermin Langhoff, Intendantin des Berliner Gorki Theaters
© Stephan Röhl CC BY-SA 2.0

Lösungsvorschläge für die Schublade

Vorschläge und Ideen, wo man ganz konkret ansetzen könnte, gibt es – neben den bereits beschriebenen – genug. Und das nicht erst seit gestern. Bereits 2005 fand in Düsseldorf eine "Standortbestimmung. Theaterfrauen in Spitzenpositionen" statt, organisiert vom Frauenkulturbüro NRW, unterstützt auch vom Bühnenverein, für den der damalige Vorsitzende der Intendantengruppe, Holk Freytag, als Panel-Teilnehmer anwesend war. Die Veranstaltung wurde umfangreich dokumentiert und mit einer langen Liste von "Handlungsempfehlungen" (u.a. für die Verbände) versehen – die offenbar einfach in den Schubladen verschwanden und nicht wieder angefasst wurden. Ein echtes Versäumnis. Erst jetzt, so wirkt es, ist das Thema wirklich im Betrieb angekommen – getragen vom gesamtgesellschaftlichen Diskurs um #MeToo.

Viele der damals gesammelten Ideen finden in der jetzigen Diskussion ihre Neuauflage – etwa in den Vorschlägen, die der Runde Tisch "Frauen in Kultur und Medien" erarbeitet hat, den Kulturstaatsministerin Monika Grütters nach dem Erscheinen der Kulturratsstudie einberufen hat. Sonja Anders saß mit in der Runde – und ist enttäuscht: "Die Politik suggeriert, dass sie was tut und uns unterstützt. Dabei verteilt sie höchstens Pflästerchen. Wir haben in der Arbeitsgruppe des Runden Tisches ein tolles Papier entwickelt, mit ganz konkreten Forderungen und Maßnahmen, die man jetzt angehen müsste. Dieses wurde an Frau Grütters weitergegeben. Aber ein knappes Jahr später ist kaum etwas passiert: Es gibt diese Büro-Stelle, ein Mentoring-Programm und Monitoring. Schön und gut. Aber die wichtigsten Forderungen sind noch lange nicht umgesetzt." Ja, ein bisschen mehr Bewegung, ein bisschen mehr Tempo wäre schon schön.

anta helena recke 560 c lena mody 02Shootingstar: die Regisseurin Anta Helena Recke, mit "Mittelreich" beim Theatertreffen 2018 © Lena Mody / Berliner Festspiele

Best Practice – was Theater tun können

Im Kleinen, an einzelnen Theatern, gibt schon viele Best-Practice-Beispiele, die zeigen, dass es anders geht: Anna Bergmann plant als neue Schauspieldirektorin in Karlsruhe für die neue Spielzeit ein Programm nur aus weiblichen Regieführenden – und provozierte damit einen Aufschrei unter den nachtkritik-Kommentatoren. Das Staatstheater Braunschweig unter Dagmar Schlingmann arbeitet mit einem "Code of conduct", um das Arbeitsklima zu verbessern. Markus Dietze hat in Koblenz schon vor Jahren den Gender Pay Gap beseitigt und achtet beim Spielplan-Machen auf Ausgewogenheit. Nicola Bramkamp hat in Bonn durchgesetzt, dass die Stadt für einen Kinderbetreuungszuschlag aufkommt. Iris Laufenberg hat als Intendantin in Graz einen Betriebskindergarten mit ins Leben gerufen.

Selbstreflexion tut not und gut: Mancherorts werden externe Coaches ins Haus geholt, die dabei helfen, Arbeitsabläufe und Kommunikation zu verbessern, oder Vollzeitstellen für Personalentwicklung / Gleichstellungsbeauftrage geschaffen. Die Hierarchien werden gelockert, es wird über mehr Mitbestimmung nachgedacht. Es werden keine Sitzungen nach 16 Uhr anberaumt und auch nicht mehr streng am Tagesablauf von Vormittags- und Abendprobe geklebt, der Eltern den Theater-Job oft besonders schwer macht. Es gibt Theater, die probenfreie Montage haben und längere Probenzeiträume ermöglichen. Theater, die den abendlichen Babysitter bezahlen und die ihren Regisseur*innen Gästewohnungen für die ganze Familie zur Verfügung stellen. Alles keine Dinge der Unmöglichkeit – aber Einzelfälle noch.

Gerechtigkeit kostet – was Politik und Verbände tun können

Wenn man Reformen nicht dem guten Willen Einzelner überlassen möchte, braucht es auch übergeordnete Institutionen, die mitziehen, und Kontrolle von außen. Ein wichtiger Player ist das Ensemble-Netzwerk, das im Gesamtbetrieb für bessere Arbeitsbedingungen trommelt und u.a. einen besseren Kündigungsschutz für Schwangere durchgesetzt hat. Der Deutsche Kulturrat hat ein Frauen-Projektbüro geschaffen. Und auch der Deutsche Bühnenverein hat sich endlich bewegt und eine Arbeitsgruppe ins Leben gerufen, die u.a. eine Beratungsmöglichkeit für Betroffene sexueller Belästigung einrichten, Führungskräfte-Weiterbildung anbieten und einen Verhaltenskodex entwickeln möchte.

ensemblenetzwerk 560 stephanwalzl You are not alone: das Ensemble Netzwerk engagiert sich für bessere Arbeitsbedingungen – davon würden Frauen und Eltern sehr profitieren. © Stephan Walzl

Klar, dass all diese Maßnahmen auch finanziert werden müssen – Gerechtigkeit kostet, fair produziertes Theater gibt’s nicht für umme. Das können die Theater natürlich nicht allein kompensieren, auch wenn sie Spielraum schaffen könnten, indem sie etwa pro Spielzeit ein Projekt weniger ansetzten. Die Politik muss sie hierin unterstützen, muss weniger auf Auslastungszahlen schauen und könnte vielmehr die öffentliche Förderung an gleichstellungsfördernde Maßnahmen knüpfen – Frauen- statt Einschalt-Quote. Denn sie kann ethischere Arbeitsbedingungen an Theatern nicht nur durch Zusatzmittel ermöglichen, sondern auch erwirken: indem sie zum Beispiel bestimmte Zielvorgaben in Intendant*innenverträge mit aufnimmt. Punktuell fühlt die Kommunalpolitik den von ihnen bezuschussten Theatern in Sachen Geschlechtergerechtigkeit jetzt auf den Zahn, in Frankfurt am Main hat es beispielsweise eine Anfrage an den Magistrat gegeben.

Last not least muss die mediale Öffentlichkeit der Entwicklung auf die Finger schauen – und zugleich ihre eigene Rolle als Gatekeeper reflektieren. Welche Arbeiten begleiten wir kritisch, welche nicht? Muss es unbedingt die Arbeit auf einer großen Bühne sein oder besprechen wir die unbekannte Regisseurin in der Nebenspielstätte? Reicht ein erhöhtes Bewusstsein, arbeiten wir mit Quoten? Ein Prozess ist angestoßen, die Maschine läuft. Jetzt liegt es an uns allen, dass – anders als in den Jahren zuvor – die Diskussion nicht wieder im Sand verläuft.

 

Ich möchte mich bei meinen Gesprächspartnerinnen und bei allen bedanken, die durch Mails, Texte und Tweets zu diesem Text beigetragen haben. Ein besonderer Dank gilt Theresa Riess, deren Diplomarbeit "Geschlechtergleichheit im Theater" ich lesen durfte, sowie Maria Nübling, Christina Zintl und Christina Gassen für zahlreiche Anregungen zum Thema.


 

a.peter kleinAnne Peter, geboren 1980, leitet gemeinsam mit Christian Rakow die Redaktion von nachtkritik.de. Sie studierte Theaterwissenschaft und Neuere deutsche Literatur. Seit 2005 schreibt sie als freie Theaterkritikerin für verschiedene Medien. Sie ist Mutter von zwei Kindern und lebt in Berlin.

 

Im März 2017 hatte Georg Kasch bereits einmal stichprobenartig nachgezählt und das Schwarzbuch der Geschlechterungerechtigkeit auf deutschsprachigen Bühnen geöffnet.

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