Im Mausoleum der Revolten

von Sascha Westphal

Essen, 10. Mai 2018. "Wir lernen im Vorwärtsgehn, wir lernen im Gehen." Dieser hoffnungsvolle Ausruf steht am Ende der 1976 im Rahmen der Wiener Festwochen uraufgeführten "Proletenpassion". Nach all den blutigen Niederlagen und den wiederholten Fehlern, die immer wieder die Reaktion triumphieren ließen, sollte nun die Zeit beginnen, "da sich die Völker befreien", wie es in einer anderen Zeile des Liedes "Wir lernen im Vorwärtsgehn" heißt. Dessen waren sich zumindest der Schriftsteller Heinz R. Unger und die Mitglieder der Rockband "Schmetterlinge" sicher. Aber selbst vor gut vierzig Jahren waren Zweifel an diesem Revolutions-Optimismus angebracht.

Und es stimmt schon, das Publikum dieser Agitprop-Kantate aus dem Geist von Bertolt Brecht und Jura Soyfer hatte nach der letzten Vorstellung den Spielort, das Wiener Arena-Gelände, besetzt und monatelang für dessen Erhalt gekämpft. Und doch liegt die Vermutung nahe, dass diese Leidensgeschichte der Arbeiterklasse vor allem Revolutionsromantik inspiriert hat.

Grabmal einer Idee

In der neuen Bearbeitung von Bernd Freytag und Mark Polscher fehlt das Schlusslied wie auch viele andere Songs gleich ganz. Hier lernt niemand mehr etwas, weder im Vorwärtsgehn noch beim auf dem Fleck Stehen. Der Blick geht nur mehr zurück. Die "Proletenpassion" ist längst selbst Teil der Geschichte, die sie erzählt. Noch eine Niederlage mehr, und die Hoffnungen von damals scheinen mittlerweile zu Grabe getragen. Also haben Freytag und Polscher für ihre Inszenierung ein riesiges Mausoleum geschaffen. Vier Stufen führen auf die Bühne, deren Portal wie einem steinernen Torbogen gleicht, dahinter gähnende Leere und schwarz verhängte Wände. In diesem Grabmal sozialistischer Ideen kommt ein Chor-Kollektiv aus Laien und fünf Schauspielern zusammen, um noch ein letztes Mal an die Bauernkriege, die französische Revolution, die Pariser Kommune von 1871, die Oktoberrevolution und den deutschen Faschismus zu erinnern.

Proletenpassion 2 560 MartinKaufhold uSoldatinnen wohnen auf den Kanonen: Lisan Lantin, Henriette Hölzel © Martin Kaufhold

Aber dem Kollektiv steht von Anfang an "Ich" gegenüber, das nicht an große Gemeinschaften und auch nicht an progressive Bewegungen glaubt, das sein Glück im Privaten sucht und zugleich an seiner eigenen Zersplitterung verzweifelt. Zu Beginn spielt Silvia Weiskopf diese Vertreterin einer radikalen Individualität. Später übernehmen andere Chor-Mitglieder diese Rolle, bis schließlich in der letzten Szene das gesamte Kollektiv die von Freytag und Polscher entwickelten "Ich"-Texte spricht. Aus der allgemeinen Vereinzelung erwächst eine neue Gemeinschaft, deren Protagonisten allerdings nur in ihrer Ratlosigkeit vereint sind. Die Arbeit durchdringt das Leben derart umfassend, das nahezu alle Menschen Proleten sind. Nur kann und will sich kaum jemand so sehen.

Die neuen Texte sind dabei nur ein Mittel, mit dem Freytag und Polscher die ursprüngliche "Proletenpassion" unterlaufen. Sie haben zudem die Musik der "Schmetterlinge" komplett aus ihrer Fassung verbannt. Stattdessen hat der Theatermusiker Mark Polscher mit den Mitgliedern des Laienchors das Orchester "The Proleten Workshop" gegründet. Alle spielen ein Instrument, ohne es vollständig zu beherrschen. Ein gewisser musikalischer Rahmen ist zwar vorgegeben, aber in ihm können die einzelnen Chormitglieder eigene Wege gehen. So entstehen extrem schroffe, dissonante Zwischenspiele, die sich wie die "Ich"-Reflexionen zwischen die rein a cappella gesungenen oder auch in einer Art Sprechgesang vorgetragenen Lieder drängen. Sie beschwören chaotische Emotionen herauf und verdichten sich zu einer fast apokalyptischen Trauermusik. Harmonie ist in diesem Grab der Geschichte einfach nicht vorstellbar.

Ganz unten

Die Lieder von Unger und den "Schmetterlingen" erzählen Geschichte von unten. Die Ausgebeuteten und Besiegten stellen ihre Erinnerungen der offiziellen Geschichte, die immer von den Siegern, also den Bürger und den Besitzenden, geschrieben wird, entgegen. In der Essener Bearbeitung fügen sich die Songs allerdings eher zu einer Geschichte vom Untenbleiben zusammen. Der Chor trägt die von den Ideen der marxistischen Geschichtsschreibung erfüllten Texte brillant vor, aber eben ohne jeden revolutionären Impetus.

Proletenpassion 3 560 MartinKaufhold uDie letzte Schlacht gewinnen wir? Henriette Hölzel und der Chor © Martin Kaufhold

Bernd Freytag, der langjährige Mitarbeiter von Volker Lösch, präsentiert die "Proletenpassion" als radikalen Gegenentwurf zu Löschs (Essener) Agitprop-Abenden. Das Kollektiv des Chors strebt nicht mehr in eine andere, bessere Zukunft. Es zelebriert erstarrte Erinnerungsrituale, die das Vergangene mit einigem Pomp beerdigen, statt es noch einmal zum Leben zu erwecken. Teils absurde, teils ästhetizistische Choreographien begleiten Szenen und Songs. So bildet der Chor für das Kapitel zur Oktoberrevolution erst einmal ein Spalier aus Birken, aus denen schließlich eine dreiseitige Barrikade errichtet wird. In deren engem, von der Welt isoliertem Zentrum steht Henriette Hölzel und lässt eine rote Flagge tanzen.

Die Feier der Revolution und der Partei, die sie getragen hat, wird eine entlarvende Shownummer. Diese ironisierte Form von Klassenkampffolklore lädt explizit zu Reflexionen ein über das, was sie verdecken soll: den stalinistischen Terror. So werfen Freytag und Polscher Licht auf die dunklen Flecken der "Proletenpassion". Man mag bedauern, dass die Hoffnungen der 1970er inzwischen verloren gegangen sind, aber es ist beruhigend, dass die falschen Illusionen jener Jahre auf dem Friedhof der Geschichte gelandet sind.

 

Proletenpassion
von Heinz R. Unger und den "Schmetterlingen"
in einer Bearbeitung von Bernd Freytag und Mark Polscher
Regie, Bühne und Kostüme: Bernd Freytag, Mark Polscher, Mitarbeit Bühne und Kostüme: Christina Hillinger, Dramaturgie: Florian Heller, Licht: Eduard Ollinger.
Mit: Raphael Baronner, Kurt-Christian Brix, Finn Brüggemann, Analía Conenna Meier, Josef Dransfeld, Dincer Gücyeter, Sebastian Hartmann, Otto Hauptmann, Katja Hegemann, Anne Heyen, Henriette Hölzel, Jana Kather, Dominique Kielholz, Sabrina Kleeberger, Wilfried Kuhn, Petra Lachnicht, Lisan Lantin, Peter Manns, Laura Meister, Vera Memmeler, Irmtraud Nüllmann-Hannig, Harald Rosanowski, Sven Seeburg, Rezo Tschchikwischwili, Linus Twardon, Silvia Weiskopf, Aless Wiesemann, Simone Zemelka.
Dauer: 2 Stunden 10 Minuten, keine Pause

www.schauspiel-essen.de

 

Kritikenrundschau

"Es­se­ner Lai­en­sän­ger sin­gen die Lie­der von 1976 nach", und zwar a capella, das sei keine schlechte Idee, so Patrick Bahners (FAZ, 12.5.2018). So be­han­delten "sie die 'Pro­le­ten­pas­si­on' nun selbst wie­der als sol­ches Ge­mein­ei­gen­tum und nicht als Klas­si­ker im Sin­ne der bür­ger­li­chen Kul­tur. Hör­bar wer­den Mut und Selb­stän­dig­keit, dia­lek­ti­sche Vor­aus­set­zun­gen der kol­lek­ti­ven An­eig­nung." Nicht we­gen des Marx-Ge­burts­tags habe man das Stück in Es­sen aufs Pro­gramm ge­setzt, son­dern we­gen des Ab­schieds vom Berg­bau und der Spal­tung der Ge­sell­schaft. "Aber die Chor­sän­ger se­hen mit ih­ren schwar­zen Wes­ten aus wie Wan­der­bur­schen von Au­gust San­der, nicht wie die Ar­men, de­nen man auf dem Weg vom Haupt­bahn­hof zum Gril­lo-Thea­ter be­geg­net. Die In­stru­men­te ha­ben und sie nicht be­nut­zen: Das wird nichts, so viel we­nigs­tens kann man vom Mar­xis­mus ler­nen."

In Fazit auf Deutschlandfunk Kultur (10.5.2018) sagte Stefan Keim: "Wir" erlebten in Essen "knallhart marxistische Geschichtsschreibung", immer sei die Freude am "revolutionären Impuls" da, aber alles ende im ersten Teil mit der "Niederlage der Proletarier". Aber ab dem Punkt, da sich die Arbeiter "die Partei" schafften und mit der Oktoberrevolution werde "alles inhaltlich diffuser". Auch würden die stalinistischen Verbrechen so "eben mal vom Tisch gewischt". Um mehr als eine nostalgische Veranstaltung zu sein, müsste sich eine Inszenierung den "aktuellen Erfordernissen" stellen, das täte diese Inszenierung aber "wahrhaftig nur in den letzten zehn Minuten". Am Ende gäbe es nach den Fragen der Ich-Figur überhaupt keinen revolutionären Furor mehr, nur "Pessimismus", wie es aber dazu habe kommen können, darüber verrate die Aufführung gar nichts. Die Schauspieler und der Laienchor hätten durchaus "überzeugende Arbeit" geleistet, zum Teil "beeindruckend". Durch die "beinahe aleatorische Musik" zwischen den Chören sei es jedoch ein "anstrengender Abend", der "zum Teil sehr nervt". Auch durch die "unfassbare" Humorlosigkeit, mit dem diese Dekonstruktion vorgetragen werde.

Stephan Hermsen von der Neuen Ruhr Zeitung (13.5.2018) erlebte eine "illusionslose, anspruchsvolle Besichtigung der Arbeitergeschichte, die das Premierenpublikum spaltete". Eine harmonische Geschichte von links unten lasse sich heute nicht mehr so erzählen wie vor gut 40 Jahren. "Zweifel und Desorientierung sind daher auch in der Inszenierung spürbar – und machen die Aufführung nicht ganz leicht." Dennoch: Hermsen lobt die Macher dafür, keinen schmissig-nostalgischen Liederabend für die verbliebene Linke und die sterbende Kumpel-Szene der Montanindustrie inszeniert zu haben. Stattdessen hätten sie sich mit Werk auf die Suche begeben.

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