Zurück in die Zukunft

von Verena Großkreutz

Stuttgart, 10. Mai 2018. Dystopien sind in. Der Tag, an dem die Welt untergeht: ein Faszinosum. Totale Überwachung, ewige Kälte, Endzeit-Kriege, globale Katastrophen: Szenarien, die in der Literatur und im Film geradezu in Mode sind. Und das Theater zieht mit. Gleich drei Klassiker dieses Genres – "1984", "Schöne neue Welt" und "Fahrenheit 451" – sind in dieser Saison am Stuttgarter Staatstheater zu sehen. Auch Sebastian Baumgartens neue Stuttgarter Inszenierung "Salome" – eine Bearbeitung der Einar-Schleef-Bearbeitung von Oscar Wildes gleichnamigem Einakter – ist in dieser Hinsicht richtig hip: Unsympathischer, finsterer, ekeliger, aussichtsloser kann es gar nicht zugehen auf der Bühne.

Wie auf einer royalen Party

Da dampft's aus dem Gulligitter, unter dem der Prophet Johannes eingesperrt ist, als sei es eine Szene aus dem Film "Die Klapperschlange". An den Seiten der Bühne hässliche Holzverschläge (aber nur projiziert). In der Mitte ein kleiner Quaderbau, antikisierende Säulen rahmen die automatischen Schiebetüren. "Hotel King David" steht dran. Gehen die Schiebetüren auf, hört man den brüllenden, dampfenden, zuckenden Sound einer hemmungslosen royalen Party.

Salome 560 BirgitHupfeld uAntiken-Repliken à la Versace im Hotel König David: Julischka Eichel in "Salome" © Birgit Hupfeld

Die angeschrägte Rampe davor dient als Rutsche zum Kerker-Gulli, der aufleuchtet, wenn daraus die Weltuntergangsvisionen des fanatischen Propheten dringen. Links dann noch eine Leinwand, darauf zittrig projiziert der omnipräsente Mond. Ständig verändert er sein Gesicht. Was die Totenkopfskala daneben bedeutet, bleibt unklar: Mond kurz vor dem Abschuss, oder ist er selbst Weltuntergangsförderer?

Die Personage: ein Haufen grenzdebiler, offenbar unter Drogen stehender Leute. Ziemlich desorientiert und abgehalftert, diese Staatsträger*innen: die Familie Herodes, ihre Oberschichtsgäste und ihre Entourage. Einar Schleef, der Dichter-Regisseur, hat Oscar Wildes Fin-de-Siècle-Einakter für seine Düsseldorfer Inszenierung 1997 von der sexuell aufgeladenen Schwüle der Décadence befreit und die Sprache entblättert bis auf den wesentlichen Kern.

Babylon-Futurismus

Freigelegt wird die Geschichte einer Emanzipation und Reifung: Salome, die sich in religiös und politisch extremistischen Zeiten zu behaupten versucht und dafür mit dem Leben büßt. Jerusalem steht für eine verkommene, dreckige, kaputte Welt. Schleefs Sicht auf die Dinge schockierte damals durch Konkretion – wie etwa im Schlussbild: Salome, blutüberströmt, aufgehängt wie geschlachtetes Vieh.

salome2 560 Birgit Hupfeld uZur Schlachtbank geführte Menschen in "Salome" © Birgit Hupfeld

Bei Baumgarten gibt ein Mann in NASA-Uniform den Prolog, darin auch Schleef zitierend: das männliche Christentum brauche das weibliche Opfer. Danach geht's per Zeitmaschine zurück in biblische Zeiten als unsere Zukunft. Unterlegt wird das Beaming vom pathetisch dröhnenden Bach-Chor "Herr, unser Herrscher" und hinterlegt von Kreuzzugs-, Kriegs- und Papstbildern.

Blut und Blechzuber

Schleefs Chor dagegen ist gestrichen, die Ernsthaftigkeit auch. Baumgarten inszeniert eine Mischung aus Comic, "Leben des Brian" und Endzeitfilm. Ob Astrid Meyerfeldt als Herodias, Thomas Wodianka als Herodes oder Julischka Eichel als Salome: Alle artikulieren und bewegen sich in übertriebener Ekstase respektive Lüsternheit. Wie im Comicstrip werden einzelne Gesten minuziös mit Klängen synchronisiert.

Der lächerlich übertriebene Wahnsinn auf der Bühne, der Suizid des syrischen Prinzen Narraboth, Salomes Schleiertanz – auf ihrem sich windenden, verhüllten Körper werden nackte Männer- und Frauentorsi, dann Gerippe projiziert –, all das lässt keinen Zweifel: Unsere Zivilisation steht kurz vor dem Aus. Und darum geht's Baumgarten wohl vor allem. Weniger um Salome. Die ist Wölfin unter Wölfen. Dass sie den Kopf des Propheten fordert, kommt der Beseitigung eines Störfaktors gleich. Salome suhlt sich im Blechzuber im Blute Johannes und frisst seine Zunge. Währenddessen geschieht das bei Baumgarten Unvermeidliche. Herodes und Herodias switchen plötzlich in den Philosophenmodus.

Bis zum Urknall

Die Herkunft der Texte ist dann mühsam zu recherchieren. Im Programmheft steht nichts von den geschichtsphilosophischen Ausführungen eines Alexandre Kojève, der etwa schreibt, das Verschwinden des Menschen am Ende der Geschichte sei keine kosmische Katastrophe, die natürliche Welt bleibe, was sie seit aller Ewigkeit ist. So Herodes. Auch nicht von Giorgio Agambens Analyse, der Messias komme wegen unserer Wünsche. Er trenne sie von den Bildern, um sie zu erfüllen. Oder eher, um zu zeigen, dass sie schon erfüllt seien. So Herodias.

Das Menschenende ist also eine zwangsläufige Entwicklung. Weswegen auch der Mord an Salome gestrichen ist. Denn es gehen gleich alle drauf: Mit einem großen Knall fliegt die Welt in die Luft, zurück bleiben Wüste, Dunkelheit, Sternenhimmel. Vielleicht würde der Abend mehr Spaß machen, wenn man vorher einen Joint geraucht hätte.



Salome
nach Oscar Wilde/Einar Schleef
Regie: Sebastian Baumgarten, Bühne: Thilo Reuther, Kostüme: Marysol del Castillo, Video: Philip Bußmann, Musik: Jörg Follert, Licht: Jörg Schuchardt, Dramaturgie: Carmen Wolfram.
Mit: Christian Czeremnych, Julischka Eichel, Paul Grill, Horst Kotterba, Astrid Meyerfeldt, Felix Mühlen, Sebastian Röhrle, Thomas Wodianka.
Dauer: 1 Stunde 45 Minuten, keine Pause

www.schauspiel-stuttgart.de

 

Kritikenrundschau

In schwüle Decadence-Atmosphäre will man mit dem Stück im Jahr 2018 nicht geraten, "Sebastian Baumgarten weicht in Stuttgart ins andere Extrem aus und macht aus einer schrillen Mischung zwischen Rocky-Horror-Picture-Show und Klimbim-Comedy einen lauten grellen Abend", so Cornelie Ueding im Deutschlandfunk (11.5.2018). "Salome kreischt und grimassiert outriert. Herodias keift in gleicher Stimmlage, Herodes brüllt hilflos angestrengt zurück." Nur bei einer einzigen, der zentralen Szene des Stückes könne man sehen, welches bildnerische Potenzial vorhanden gewesen wäre: "Der mythische Tanz der Salome zeigt genau jene Subtilität und Mehrschichtigkeit, die der Rest der Inszenierung so schmerzlich vermissen lässt."

"Nichts gegen mit biblischen Metaphern gespickte Religionskritik, aber ist das Opfer in der 'Salome' nicht männlich? Und warum geht der verblüffende Umkehrschub hier ausgerechnet von einem Mann?", fragt Roland Müller in der Stuttgarter Zeitung (12.5.2018). In Baumgartens intellektuellem Lehrtheater häufen sich Fragen über Fragen, Antworten habe er verdammt gut versteckt. Der Abend habe Kraft und Wucht, gebe aber auch eine Menge superintellektueller Rätsel auf.

"Salome jetzt also auf einem Müllberg der Geschichte, in einer geteilten Welt, die von Religionskrieg und wirtschaftlicher Ungleichheit geprägt ist", so Nicole Golombek in den Stuttgarter Nachrichten (12.5.2018). Herodes' Palast gleiche einem wummernden Technobunker. "Doch dann verlässt den Regisseur das Vertrauen in seine nicht schönen, aber assoziationsreichen Bilder, und er liefert zum Finale als philsophisches Postscriptum Giorgio-Agamben-Zitiate, die in kaum einer Baumgarten-Arbeit fehlen." Fazit: "Der theoretischen Durchdringung können die Bilder der Inszenierung nicht immer standhalten."

"Während der Text sich mitunter in kryptischen Diskursen verliert und Baumgarten bei der Personenführung zu oft auf enervierendes Schreien setzt, meistern Musik und Video ihre Rollen meisterhaft", findet Adrienne Braun in der Süddeutschen Zeitung (12.5.2018). "Ob bedrohliches Sirren oder opulente Filmmusik, die Klänge greifen ein als höhere Instanz, die mahnt, droht, richtet." Insgesamt eine raffinierte Video-Sound-Komposition.

"Wildes Text wird entsublimiert, auch entsubtilisiert, nackt und bloß wie zwischenzeitlich der außer Rand und Band geratene Herodes steht die Geschichte verschiedenartiger dramatischer Entgleisungen vor uns. Bei Baumgarten aber nicht streng und karg, sondern als maßloser, technisch ausgeklügelter Theaterknaller", schreibt Judith von Sternburg von der Frankfurter Rundschau (12.5.2018). "Das ist über weite Strecken unterhaltsam, aber nicht beliebig, ist grobschlächtig, aber nicht dumm, ist verkopft, aber durch das fabelhafte Ensemble auch eigen und lebendig."

"Schle­ef be­ar­bei­te­te Wil­des 'Sa­lo­me' mit dem Ham­mer Got­tes. Er schlug den schwü­len Schwulst und Ju­gend­stil-Kitsch, das gan­ze Fin-de-Siècle-Thea­ter mit kost­ba­rem Ge­schmei­de, schwe­ren Par­fums und mond­süch­ti­gen Lieb­ha­bern weg, bis das nack­te Ge­rip­pe ei­ner Eman­zi­pa­ti­ons­tra­gö­die üb­rig blieb." Baum­gar­ten presse nun aus die­ser re­du­zier­ten Sa­lo­me den Sing­sang mo­der­ner De­ka­denz her­aus: hys­te­ri­sches Ge­brüll, end­lo­ses Ge­kas­per, gräss­lich zer­dehn­te Vo­ka­le, zwi­schen­durch auch Ber­li­ner Dia­lekt. Am En­de, nach dem fi­na­len Ur­knall, ist die Welt so wüst und leer wie das gan­ze Thea­ter an die­sem Abend", so Martin Halter in der FAZ (14.5.2018).

 
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