Bilder der Vergeblichkeit

von Hartmut Krug

Berlin, 23. Juni 2008. Er glaubte nicht daran, dass die Welt und die Menschen sich zum besseren wenden könnten. Deshalb zeigte er mit wehem, traumverlorenem Blick die Welt, wie sie war. Seine Inszenierungen aber boten, bei aller auf Sprache und Bewegung konzentrierten Klarheit, nie das direkte realistische Abbild. Grübers Inszenierungen waren von großen, poetischen Bildern geprägt, er arbeitete oft mit bildenden Künstlern als Bühnenbildner, so mit Gilles Aillaud, Antonio Recalcati, Anselm Kiefer und vor allem mit Eduardo Arroyo.

Seine Inszenierungen waren nicht immer einfach zu "lesen", doch sie brachten dem Zuschauer die Fremdheit der Welt und des Theaters auf so karge wie zugleich sinnliche Weise nahe. Er bot dem Zuschauer Sinnbilder, der Menschheitsgeschichte und der Dramatik. Klaus-Michael Grüber, einer der ganz großen Regisseure des europäischen Theaters, war an der Berliner Schaubühne ab 1972 der Regie-Antipode von Peter Stein und begründete mit diesem den Ruhm dieser Bühne.

Traum zwischen Vergangenheit und Gegenwart

Wo Stein die Welt und die Zustände zu erklären versuchte, da durchforschte Grüber deren Fremdheit. Als er im verschneiten Berliner Olympiastadion eine "Winterreise" mit Hölderlins Hyperion unternahm, war das ein Versuch, Einsamkeit und Eiszeit nicht zu erklären, sondern als traurigen Traum zwischen Vergangenheit und Gegenwart zu zeigen. Während auf der Anzeigetafel Hölderlins Sätze über die Deutschen flimmerten, Hyperion allein über das leere Spielfeld irrte oder über Hürden sprang, während ein Chor der Emigrantinnen seinen Ort suchte, trafen sich Trinker und Dichter am Fußballtor neben dem Nachbau der Ruine des Anhalter Bahnhofs.

Es ist eine von vielen Inszenierungen Grübers, die der Zuschauer, der dabei vor lauter Staunen das Frieren vergaß, bis heute nicht zu vergessen vermag. Grübers Inszenierungen sind schwer zu beschreiben, weil sie karg in der Form, aber reich im assoziativen Angebot waren. Als der junge Bruno Ganz in der Schaubühne am Halleschen Ufer in der Polarwelt von Caspar David Friedrichs "Eismeer" vor dem Abbild der "Gescheiterten Hoffnung" stand, war dies eine sinnbildhafte Auseinandersetzung mit dem Tode. Als Edith Clever als Agaue den Kopf ihres Sohnes Pentheus mit mänadischem Furor mit blutverschmierten Händen hochstreckte, dann war dies ein Bild für die Erfahrung von einem Gewaltrausch, der zugleich die Vernichtung der eigenen Existenz bedeutete.

Für die "Bakchen" fand Grüber die Berliner Messehalle als Spielort, für die Episoden von Bernard von Brentanos "Rudi" nach dessen "Berliner Novellen" ging er 1979 in die Ruine des Hotels Esplanade an der Berliner Mauer und ließ das Publikum durch die Räume wandern, die als szenische Bilderwelt bespielt wurden. Dass Grüber sich und dem Theater neue Räume erschloss, war nicht der Versuch, dem Theater Ereignischarakter zu geben, sondern szenische Wahrhaftigkeit zu finden. Und so betrieb dieser Regisseur mit seiner sinnlichen Bilder- und Sinnsuche stets eine Forschungsreise in eine zugleich fremde wie ferne Gegenwart.

Künstler auf der Suche

Klaus-Michael Grüber, am 4. Juni 1941 als Pfarrerssohn im schwäbischen Neckarelz geboren, hat nach kurzem Studium an der Stuttgarter Schauspielschule von 1964 an vier Jahre lang als Regieassistent von Giorgio Strehler am Piccolo Teatro in Mailand gearbeitet. Sein Regiedebüt dort war 1976 "Der Prozess der Jeanne d'Arc zu Rouen" von Bertolt Brecht und Anna Seghers. Nach Goldonis "Impresario von Smyrna" in Freiburg, seiner ersten Inszenierung in Deutschland, holte ihn Kurt Hübner nach Bremen. Hier fand er die Schauspieler, mit denen er dann an der Schaubühne Triumphe feierte: vor allem Bruno Ganz, Jutta Lampe, Angela Winkler und Otto Sander.

Grüber war kein Regisseur mit einem eindeutigen Stil, sondern ein Künstler auf der Suche. Seine radikal gekürzte, düstere "Faust-Inszenierung" an der Freien Volksbühne 1982 war, mit nur drei Darstellern (für Faust, Mephisto und Gretchen) und mit Bernhard Minetti in der Titelrolle, die Erinnerung eines alten Mannes an ein verfehltes Leben. Legendär auch das sehnsüchtig-skeptische "Ach" von Jutta Lampes "Alkmene", oder die wegen ihrer Stille Skandal machende Frankfurter Inszenierung von Brechts "Dickicht der Städte" im Jahr 1974, bei der Shlink und Garga ihren Kampf in Bergen von Schuhen wie einen Existenz-Kampf vollführten.

Was Grüber stets vorführte, auch in der Komödie "Affäre Rue de Loucine" von Labiche oder in Tschechows "Großer Straße", eine Geschichte von trauriger menschlicher Einsamkeit, waren immer Zustände, - von Verirrtheit, Fremdheit und Einsamkeit. Klaus-Michael Grüber war ein zurückhaltender Mensch, der kaum Interviews gab, seine Inszenierungen nicht erklärte und sich selten zum Applaus auf der Bühne zeigte.

Nach einer mehrjährigen Pause seit dem Ende der 90er Jahre kehrte er im Jahr 2001 mit Bernard-Marie Koltès' "Roberto Zucco" bei den Wiener Festwochen ans Theater zurück. Seitdem aber hat er an vielen europäischen Bühnen fast ausnahmslos als gefeierter Opernregisseur gearbeitet. In der Nacht auf Montag ist Grüber im Alter von 67 Jahren auf der auf der bretonischen Insel Belle-Île-en-Mer im Westen Frankreichs gestorben. Seine so eigene wie faszinierende, bildhafte wie von klarer Sprachregie bestimmte Theatersprache wird dem europäischen Theater fehlen.

 

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