Verirr dich oder ich fress dich

von Frank Höhne

Berlin, 18. Mai 2018. Einleiten möchte ich mit "chapeau" an alle Kritiker, denn um etwas zu kritisieren, muss man es erst einmal erkennen und vor allem das Gesehene im Kopfe behalten, oder über die Fähigkeit des Notierens im Dunkel verfügen.

Ich jedenfalls, als Befürworter des Augenblicks, stehe nun da mit dem Berg an Eindrücken und bekomme sie nun schwer sortiert. Aber ein Versuch:

Zwei Brüder treffen sich beim Sarg des Vaters. Ein langer Typ, Magier und Tubaspieler, der andere, klein und kräftig, ist entweder bei Redbull oder Rapper, ich weiss es nicht. Das Problem ist, dass beide ein deutsch-schwedisch sprechen, wobei eher schwedisch-deutsch, hauptsächlich ist es schwedisch, aber hier und da werden fürs Publikum Begriffe eingedeutscht, wie "enschül" für Entschuldigung (was eher nach osmanischem Sprachraum klingt), weil eigentlich heisst "förlât" Entschuldigung, versteht nur keiner. Das Publikum kriegt sich nicht mehr ein beim Entziffern des vermeintlichen Kauderwelschs, hält es die Sprache für erdacht, ich weiss es nicht. Die finden scheinbar alles witzig.

Irrfahrt FrankHoehne 560Skizzen der unmittelbaren Eindrücke @ Frank Höhne

Es ist sehr klamaukich, so gar nicht meins, hier wird gestolpert, da wird Keckes ausgeheckt, insgesamt schwierige erste halbe Stunde. Naja, erinnert ans Kindertheater, wo ich sonst so einkehr', schade, hab die Kinder nicht dabei, gibt sogar immens stabile Seifenblasen, die mein physikalisches Interesse wecken: Diese Lauge hätte ich auch gern, dann könnt ich draussen in der 15-Uhr Sonne auch Seifenblasen machen, statt zuzusehen, wie zwei Herren diese schier unplatzbaren Blasen zum Schneemann auftürmen, der dann natürlich sprechen kann. Wie Olaf. Wird aber getötet, also gut, dass die Kinder doch nicht dabei sind.

Abgang Slapstick

Nun gut. Immerhin, ist nicht leicht, als Schauspieler mit seinem Körper so umzugehen, besonders Szenen wo sich beispielsweise an Reiswafflas verschluckt und gekrampft wird, das könnte ich jetzt nicht imitieren, "Hut ab", inhaltlich bleibt's aber öde, kicher kicher. Komödie ist wohl das schwerste Genre, nun, bei weiten Teilen des Publikums, bestehend aus Eltern, wie ich sie nie hatte, weil drei Uhr mittags im Abendkleid, dann lieber Erdbeerkuchen mit Sprühsahne und oben ohne, oh Erdbeerkuchen, den hätt ich jetzt auch gern.

Die Männer lernen sich besser kennen, brüderliche Konkurrenzen, wer is stärker, hat die dickeren Waden, das Publikum: begeistert. Ich immernoch nich so, aber wer bin ich schon.

Insgesamt ist der längere Typ spielerisch weit vorn. Seine Rolle verlangt ihm gut was ab und er verblüfft mich dann auch beim Zaubertrick. Ich bin ähnlich fasziniert wie von der Seifenlauge. Dann wird Kraut gerökt. Vom Lotus der Lotophagen, also hier und da erkenne selbst ich den Bezug zur Irrfahrt, die nun auch beginnt. Oder war dann erst der Zaubertrick? Ich weiß es nicht mehr, weil nun verirr ich mich langsam selbst und finde endlich Gefallen an dem Stück. Der Slapstick verschwindet, so Gott und ich will, dann mit dem letzten klischeebedienenden Kiffer-Gefeixe als Einleitung ins Passieren von so Einigem.

Bildergewalt, Homoerotik, Humor

Der Sarg des Odysseus ist ja leer, nur ein Brief ist drin, natürlich mit einem Penis drauf. Es wird auch geschossen, erschreckt von diesem Schuss, sackt der Lange zusammen und wird zum Pflegefall. Sein neuer Bruder, der bisherige Sidekick, erklärt dem Senilen, offensichtlich fortan Odysseus himself, er sei ein Arzt. Und hilft ihm in den Sarg, der andere mimt nochmal kraftvoll den Odysseus, bevor er tot hineingleitet. Nun durchleben beide zusammen die Odyssee des Vaters vor seinem Tod, und die ist sehr beachtlich.

odyssee smailovic09 560 hPaul Schröder, Thomas Niehaus ("der längere Typ") © Armin Smailovic

Endlich kommt auch der andere Schauspieler meiner Meinung nach in den Vordergrund. Bisher schauspielerisch eher als Ansprechpartner für Goofy, beweist er unter dem Beat von Bilderbuch, was einen männlichen Körper doch auch sexy machen kann, wenn man mit ihm umgehen kann. Er wird zeitweise zum Schwein – war es nicht seine Mutter, die Gefährten seines Vaters einst in Schweine verzauberte? Aber nein, der Lange ist ja der Zauberer (ich dachte, der war der Sohn von Penelope), egal, es geht ziemlich rund, Bildergewalt, Homoerotik und Humor, so einnehmend, dass mein schwacher Geist keine Zeit findet, die Zitate zu kapieren. Und wieder Seifenblasen, aus dem Mund, WIE machen die das?

Was kommt danach?

Die beiden Schauspieler spielen sich wund, es wird geschlachtet, werden Herzen verspeist; Transgender-Nymphen, Wasserballett ohne Wasser im Sarg und dann Sinnsuche im Gedärm des anderen, wo die Brüder, wo auch sonst, ihr kindliches Ich finden, was sie dann natürlich töten, und dann wird der Sarg zersägt.

Kettensägen, naja, gängiges Element, um den Zuschauern brachiale Gefühlswelten darzulegen, aber mit einem Presslufthammer beispielsweise wären die Schauspieler schlechter als Bühnenbildner, denn statt nur etwas zu zerstören (Sarg), wird nun grob modelliert. Hochleistung auf allen Theaterebenen, auch musikalisch müssen die beiden sich nicht schämen für den zweistimmigen Gesang von Gamle man/ABBA mit eigenhändiger Orgel-Begleitung. Gut ausgebildete Allroundigkeit beweisen sie nicht zuletzt als Maskenbildner für ihr Finale. Ende, absolut verdienter Applaus.

Jetzt aber die Frage, will man eigentlich Standing Ovations?

Ein paar stehen auf. Klatschen tun alle. Vier oder sogar fünfmal kommen die Schauspieler vorgesprungen und hoffen die dann, vielleicht stehen jetzt mehr? Irgendwie krampfig. Danke sagen ist nicht leicht. Ich weiss es nicht. In meinen Augen wären Stühle nur für die erste dreiviertel Stunde nötig gewesen, der Rest war Standing Ovation, oder so: Wenn ich nicht so einen krummen Rücken hätte, hätt' ich die Dame neben mir noch auf die Schulter genommen. Ich fand das Schauspiel nämlich sehr gut. 

 

Hoehnefrank pressebild 180Frank Höhne, Berlin, festangestellt' Vater und freischaffend' Illustrator für deutschsprachige Magazine wie fluter, Brigitte, Spiegel, SZ Magazin; Lehrtätigkeit für Illustration an der FH-Dortmund.

www.frankhoehne.de

 

Hier die Nachtkritik zur Premiere der "Odyssee" am Thalia Theater Hamburg (5/2017)

Hier der Überblick über unsere Theatertreffen-Berichterstattung mit Live-Blog und Gastautor*innen zu den zehn eingeladenen Inszenierungen (bisher u.a. Kevin Kühnert, Katja Berlin, Johanna Schall)

 

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