Leinen los!

von Simone Kaempf

Potsdam, 18. Mai 2018. In diesem Prospero klopft noch das Herz eines groovigen Draufgängers. Nur müde ist er geworden. An den Schläfen deutlich ergraut, Schal um den Hals. Prospero, der ums Königreich betrogene Herrscher, der Strippenzieher, der aus Büchern Zauberkraft empfängt. Der sorgende Vater, der doch weiß, der Zeitpunkt ist gekommen, die Tochter ziehen zu lassen und nicht anders kann, als zu melchancholischen Gitarrenriffs von ihr Abschied zu nehmen: "I can't take my eyes off you", vom Schauspieler Bernd Geiling so zart und raumfüllend gesungen, dass am Ende doch endlich noch echtes existenzielles Timbre aufkommt.

Melancholische Atmosphäre durchzieht diesen Abend von Anfang an. "Setz Dich, Du musst jetzt alles wissen", kündigt er seiner Tochter fast beiläufig das Großreinemachen an. Alles muss endlich auf den Tisch, die Vergangenheit, von der die Tochter nur Teile kennt. Alte Feinde gibt es, doch Rachlust treibt ihn schon gar nicht mehr. Und suggestiv blitzt da auch auf, ob sich der Regisseur zumindest ein kleines bisschen als Selbstporträt in die Figur geschmuggelt hat.

Im Geisterschiff

Dieser "Sturm" ist Tobias Wellemeyers letzte Inszenierung als Intendant des Potsdamer Hans Otto Theaters. Die Auswahl des Stücks korrespondiert mit dem Abschiednehmenwollen und -müssen, das nach neun wechselvollen Jahren ansteht. Betrachtet man den Abend als künstlerisches Resümee, zeigt sich darin sein gutes Gespür für Atmosphären, das diesen Abend über weite Strecken auszeichnet, auch seine Vorliebe, es mal tüchtig krachen und die Schauspieler laufen zu lassen, aber auch der Hang zu einem derben Witz, der, um es gleich vorgwegzunehmen, einen Teil der Figuren in Mantel- und Degen-Szenen der austauschbaren Art verwickelt.

Wellemeyer lässt auf Prosperos öder Insel drei Figurentypen unterschiedliche Kräfte verkörpern. Da sind der altersmilde werdende Prospero und seine bescheidene Tochter als Versöhner der alten Fehde, sie, die sich jugendlich unschuldig in den Sohn des Königs verliebt, der den Vater einst verriet. Der gegnerische Hofstaat tritt dagegen auf in Gestalt tölpelhafter Eroberer an der Grenze zur Karikatur, und ins Geschehen mischt sich immer der geisterhafte Ariel, mit viel weißer Schminke beseelt lächelnd und travestistisch hergerichtet. Mit Kostümen, großzügiger Ausstattung, eingespieltem Meeresrauschen wird nicht gespart. Oder spielt Michael Schrodt doch eher ein Hausgespenst?

Der Sturm 3 560 HLBoehme uChristoph Hohmann (Alonso), Jon-Kaare Koppe (Gonzalo), Florian Schmidtke (Sebastian), Philipp
Mauritz (Antonio), Bernd Geiling (Prospero), Frédéric Brossier (Ferdinand), Juliane Götz (Miranda)
© HL Boehme

Wie auf einem alten Dachspeicher liegen verwitterte Holzbohlen in der Patinakapsel von Bühne. An den Seiten wachsen die Balken wie auf den rostigen Trägern eines Schiffsrumpfs in die Höhe. Der Theaterneubau des Hans Otto Theaters wurde vor zwölf Jahren fertigestellt, und der überdimensionierten Bühne muss man erstmal Stand halten. Das gelingt beeindruckend. Das verwitterte Geisterschiff von Bühnenbildner Harald Thor füllt großformatig den Raum, lässt sich zudem von allen Seiten bespielen, Caliban krabbelt aus Klappen oder Ariel schwebt mal vom Himmel. Dass hier ein atmosphärisch ganz eigener Raum erwächst, ist schon eine besondere Leistung.

Spaß as Spaß can

Wellemeyer will aber nicht nur das Geisterschiff, sondern das Narrenschiff draufzu. Den "Sturm" als Generationen-Stück zu packen, in dem man mit versöhnlicher Geste abdankt, folgt auch das Credo der Katharsis nach der komödiantischen Verblendung durch die Zauberkräfte.

Aber die Hälfte der Miete verschenkt die Regie, degradiert Prosperos Gegner zu säbel-rasselnden Don Quichotes. Der schiffbrüchige italienische Hofstaat tritt komplett als Karikatur tölpeliger Edelmänner in Pumphosen und mit elisabethanischen Halskrausen auf. Will der Königsberater Demut zeigen, plumpst er auf die Knie. Will man kämpfen, zückt man albern den Degen oder schüttelt sich als Heulsusen in künstlichen Tränen. Die Trunkbolde Trunculo und Stephano nölen in norddeutscher Diktion. Spaß um des Spaßes willen, der dick aufgetragenen Art. Man fragt sich, wie würde das Ganze mit mehr Raffinement im Spiel noch wirken?

So kreuzen sich in diesem "Sturm" Mittel und Stimmung. Und zwei Herzen schlagen in der Brust dieses Propero, der seine Tochter gehen lässt und einsam auf der Bank zurückbleibt. Nur noch den Gitarristen an der Seite, der Einsamkeitsklänge aus dem Instrument lockt. Das Potsdamer Publikum hat mit Wellemeyer einige Höhen und Tiefen erlebt, aber am Ende liebt es ihn nochmal, spendet viel Applaus, und für Momente kommt sogar fast ein wenig Abschiedsschmerz auf.

Der Sturm
von William Shakespeare, Deutsch von Frank-Patrick Steckel
Regie: Tobias Wellemeyer, Bühne: Harald Thor, Kostüme: Tanja Hofmann, Musik: Marc Eisenschink, Dramaturgie: Carola Gerbert, Theaterpädagogik: Kerstin Kusch.
Mit: Christoph Hohmann, Florian Schmidtke, Bernd Geiling, Philipp Mauritz, Frédéric Brossier, Jon-Kaare Koppe, Eddie Irle, Raphael Rubino, Moritz von Treuenfels, Juliane Götz, Michael Schrodt.
Dauer: 2 Stunden, keine Pause

www.hansottotheater.de

 

Kritikenrundschau

"Zwei bildgewaltige Stunden mit einem wunderbaren Ensemble, das intelligentes, witzig-dramatisches Volkstheater im besten Sinne zeigt", genoss Ulrike Borowczyk von der Berliner Morgenpost (20.05.2018). Wellemeyer inszeniere "mit viel Hintersinn und Bühnenzauber".

"Wellemeyer schert sich nicht groß um Charaktertiefe der höfischen Entourage, lässt die Spieler einfach mit aller komödiantischen Wucht auf ihre Rollen los", berichtet Lena Schneider in den Potsdamer Neuesten Nachrichten (21.5.2018). Man könne diesen "Sturm" als "ein letztes und zuletzt sehr wehes Bekenntnis des scheidenden Intendanten zu seinem Theater" lesen: "ein Theater, das seine Schauspieler feiert, keine Angst vor großen Emotionen hat und sich nicht die Bohne um aktuelle Theatertrends kümmert. Postdramatik, Regietheater, warum, wenn man Shakespearetexte hat?" Der Abend sei "Balsam für theatermodenmüde Seelen."

Mit "Der Sturm" sei To­bi­as Wel­le­mey­er "und sei­nem wun­der­ba­ren En­sem­ble ein be­ein­dru­cken­der Schluss­punkt ge­lun­gen", so Irene Bazinger in der Frankfurter Allgemeinen Zeitung (24.5.2018). Die Inszenierung besitze einen "sub­til flu­ten­den me­lan­cho­li­schen Kam­mer­ton". Trotz al­ler Weh­mut und Nach­denk­lich­keit male Wellemeyer auch die ko­mi­schen Fa­cet­ten aus.

 

 
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