Leute, die auf Bremsen treten

22. Mai 2018. "Wenn die Aufführungen, die ich gesehen habe, das Beste oder Interessanteste oder künstlerisch Gelungenste des Gegenwartstheaters sein sollen, könnte man leicht in einen Zustand der Depression stürzen", sagt Fabian Hinrichs im Interview mit Peter Laudenbach in der Süddeutschen Zeitung über das Theatertreffen, bei dem er Juror des Alfred-Kerr-Darstellerpreises war, der Tagesspiegel dokumentiert seine Preisrede für Benny Claessens. "Meistens wäre ich am liebsten schon nach einer Viertelstunde wieder gegangen, weil klar war, wie es weitergeht."

Er habe sich "zwischendurch gefragt, bei welcher Inszenierung ich gerne mitgespielt hätte. Eigentlich wäre ich bei keiner gerne dabei gewesen. (…) Auch nicht bei 'Faust'", so Hinrichs. Denn er habe beim Theatertreffen "vor allem treue Pflichterfüllung im Dienst unterschiedlicher Regiekonzepte gesehen". Und auch darüber hinaus: "Ich sehe im Theater dauernd nur Leuten bei der Arbeit zu, also genau das, was auch im Alltag stattfindet. Ich sehe keine Entgrenzung, ich sehe nur Grenzen und Leute, die auf Bremsen treten und dabei so tun, als wäre das irgendwie radikal", sagt Hinrichs. So ein Theater führe "nicht zu einer Welt-Fremdheit, zu einer Welt-Vergessenheit, zum Auflösen von Pflicht und Disziplin und Funktionieren. Wenn das in der Kunst nicht möglich ist, ist die Kunst überflüssig."

Und was macht (Theater-)Kunst aus? "Dass sich ein unbewusster Dialog zwischen Spielern und Zuschauern eröffnet, ein gemeinsames Träumen. Das sind Momente, in denen so etwas wie ein gemeinsames Erleben entsteht, lauter kleine Brücken zwischen all den existenziellen Einsamkeiten."

(sd)

 
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