Festival ohne Ausstrahlung

23. Mai 2018. In einem wortgleich im St. Galler Tagblatt, der Luzerner Zeitung und der Aargauer Zeitung erschienenen Artikel setzt sich Valeria Heintges mit der mangelnden Strahlkraft des heute in Zürich beginnenden Schweizer Theatertreffens auseinander.

Heintges formuliert sechs Thesen, warum das Schweizer Theatertreffen mit seinen bisher vier Ausgaben "keine Erfolgsgeschichte geschrieben hat – und wie sich das ändern könnte".

"1. Längst touren Theater durchs ganze Land"

Auch ohne Theatertreffen schickten die Theater ihre Stücke auf Tournee, Inszenierungen der Westschweiz und im Tessin würden sogar davon leben. Dem Trend, die Produktionskosten auf mehrere Häuser zu verteilen, folgten die stationären Häuser längst.

"2. Eine Einladung zum Original in Berlin ist wertvoller"

Das Schweizer Theatertreffen sei eine 50 Jahre jüngere "Kopie des Theatertreffens in Berlin". Dort seien jedes Jahr auch Schweizer Inszenierungen zu sehen, weil auch jeweils ein österreichischer und ein schweizerischer Kritiker in der Jury sitze. Doppeleinladungen nach Berlin und zum Schweizer Theatertreffen, wie in diesem Jahr "Beute Frauen Krieg" oder beim letzten Treffen "Drei Schwestern", zeigten, dass es so etwas wie "absolute Qualitätsriterien für gutes Theater" gebe. Allerdings sei beim letzten Schweizer Treffen im Tessin kein Haus groß genug gewesen, um die Basler "Drei Schwestern" zu zeigen. In Berlin sei das kein Problem gewesen.

"3. Die Theater der Landesteile wollen sich nur bedingt austauschen"

Die Verantwortlichen strebten kein "gesamtschweizerisches Branchentreffen" an, sondern ein auf die Landesteile ausgerichtetes. Das Interesse über die Sprachgrenzen hinweg sei "allerdings bescheiden". Der Vorverkauf für die nicht deutschsprachigen Stücke beim 5. Schweizer Theatertreffen in Zürich laufe schleppend. Das sei keine Überraschung. Das Abonnement für französische Gastspiele am Zürcher Schauspielhaus sei vor sechs Jahren aus mangelndem Interesse eingestellt worden.

"4. Berlin ist zum Pflichttermin auch der Schweizer Theaterszene geworden"

Das Berliner Rahmenprogramm mit Stückemarkt, dem internationalen Gastspielprogramm "Shifting Perspectives" und das "übergreifende Diskursprogramm" zu "sozialen, politischen und ökonomischen Themen" sei einfach größer und interessanter.

"5. Wo viel Geld ist, ist nicht zwingend ein gutes Festival"

Bisher seien die Schweizer Theatertreffen kein Erfolg gewesen. Im Tessin habe man 2016 nur 1.600 Gäste gehabt, 1.250 davon in den Theatervorstellungen, 350 zusätzlich im Rahmenprogramm, zu dem der Eintritt kostenlos war. Alleine für die verschiedenen Preise werde dagegen eine Summe zwischen 250.000 und 350.000 Schweizer Franken aufgewendet.

"6. Das Schweizer Theatertreffen braucht einen festen Ort"

Wer je bei den Solothurner Literaturtagen gewesen sei, wisse, "wie viel der richtige Ort zur Atmosphäre und damit zum Gelingen eines Festivals" beitragen könne. Warum nicht für das Schweizer Theatertreffen einen gut erreichbaren und mit Theatern versehenen Ort "nahe der Sprachgrenze" wählen, Biel oder Freiburg oder Bern wären mögliche Plätze.

(jnm)

 
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