Fegefeuer der Eitelkeiten

von Sascha Westphal

Recklinghausen, 24. Mai 2018. Viviane, die Tochter der Gräfin Duverger, bringt es auf den Punkt. Auf die Frage ihrer hoffnungslos altmodischen Mutter, warum ein Mann sie reizt und ein anderer nicht, antwortet sie ohne Umschweife: "Warum will man etwas haben? Weil die anderen es haben wollen ... was also bestimmt den Wert einer Sache? Angebot und Nachfrage. Eben." In diesem abschließenden "eben", das keinerlei Widerspruch duldet, offenbart sich eine ganze Welt. Es gibt kein Entkommen aus den durch und durch ökonomisierten Verhältnissen. Warum auch. Es will überhaupt niemand entkommen.

Die französischen Bürgerlichen und Adeligen des ausgehenden 19. Jahrhunderts haben es sich in Georges Feydeaus 1894 uraufgeführter Farce in diesem einzig von Angebot und Nachfrage bestimmten Universum gemütlich gemacht. Eine andere Welt können sie sich gar nicht mehr vorstellen. Und das verbindet sie über mehr als ein Jahrhundert hinweg mit ihren heutigen Nachfahren. Liebe erschöpft sich in Eitelkeit und lässt sich entweder in der Zahl der Neiderinnen oder aber in "Likes" messen.

klotz am bein2 560 Thomas Aurin uOlaf Altmanns Bühnenbild © Thomas Aurin  

Roger Vontobels Inszenierung (eine Koproduktion der Ruhrfestspiele Recklinghausen mit dem Schauspiel Frankfurt), für die Claudius Lünstedt eine wunderbar gegenwärtige und sich doch niemals anbiedernde Übersetzung des Stücks erstellt hat, lässt sich allerdings weder im Paris der 1890er Jahre noch in unserer "Social Media"-Wirklichkeit verorten. Sie zielt eher auf eine ewige Gegenwart jenseits von Zeit und Raum. Das deutet sich schon in Olaf Altmanns minimalistischen Bühnenbild an. Sehr nah beieinander liegende und extrem straff gespannte Saiten umgeben einen gänzlich leeren Raum.

Wenn sie auftreten, müssen sich die Schauspielerinnen und Schauspieler Lücken schaffen, durch die sie sich dann durchzwängen können. Und wenn sie von innen gegen diesen transparenten Vorhang prallen, werden sie wieder zurückgeworfen. So sind gleich zwei zentrale Motive der Inszenierung etabliert. Es kostet gewaltige Anstrengungen, bei diesem Spiel der Eitelkeiten mitzumachen. Und wer sich einmal in die Kampfzone dieser narzisstischen "Egoshooter" begeben hat, für den gibt es kaum noch eine Möglichkeit zu fliehen.

Höllische Wünsche

Vontobel verwandelt Feydeaus (groß)bürgerliche Protagonisten in Gefangene der Leere, die sie selbst erschaffen haben. Sie haben ihr Gefängnis selbst gewählt, aber das macht es nicht besser oder einfacher für sie. Niemand von ihnen empfindet die Ausweglosigkeit seiner Situation so deutlich und so schmerzhaft wie der von Max Mayer gespielte Fernand de Bois d’Enghien. Lange Zeit verband ihn eine leidenschaftliche Affäre mit der Chanson-Sängerin Lucette Gautier. Doch nun will der verarmte Adelige mehr vom Leben, und dieses Mehr verspricht die reiche Viviane. Nur kommt Fernand von seiner Geliebten, diesem besitzergreifenden Klotz an seinem Bein, nicht los. Als er es dennoch versucht, beschwört er eine rasante Abfolge von Verwicklungen herauf, die ihn direkt in die Hölle seiner Wünsche führt.

klotz am bein4 560 Thomas Aurin uDer Horror naht. Altine Emini, Sebastian Reiß, Claude De Demo, Anna Kubin © Thomas Aurin

Roger Vontobel und Keith O’Brien, der das bitterböse Treiben musikalisch live begleitet, rücken die Farce immer wieder in die Nähe eines Horrorfilms. So wehen immer wieder Bernard Herrmanns schneidende Streicher-Klänge aus Alfred Hitchcocks "Psycho" heran. Als Fernand einmal das Schreckgespenst der Zugluft heraufbeschwört, um Claude De Demos exaltierte Diva Lucette dazu zu bewegen, nicht bei einer Feier im Haus seiner zukünftigen Schwiegermutter aufzutreten, entfachen Windmaschinen einen wahren Sturm. Der leere Raum wird zu einer Albtraumlandschaft, in der alle von ihren an Paranoia grenzenden Ängsten hin und her geworfen werden.

Die Horror- und Todesmotivik treibt in Ellen Hofmanns Kostümen extrem bunte Blüten. Die Mieder und Röcke, die Hosen und Westen, die Kleider und Gehröcke, in die sie Feydeaus selbstverliebte Figuren gekleidet hat, sind mit Totenköpfen und Skeletten, wie man sie aus der mexikanischen "Dia de muertos"-Folklore kennt, regelrecht überdeckt. So drängt an die Oberfläche, was Fernand, Lucette und die anderen mit aller Macht verleugnen, ihre Sterblichkeit. Der barocke Totentanz wiederholt sich als Farce. Schade nur, dass die phantasievollen Bilder und Motive auf den Kleidungsstücken höchstens von denen wahrgenommen werden können, die in den ersten zwei oder drei Zuschauerreihen sitzen. Alle anderen sehen nur leuchtende Farben und erkennen vielleicht noch vage Gesichter.

Lieber das Original

Zumindest wirft sich Vontobels Ensemble mit einer Ausgelassenheit in das abstruse Treiben, die auch die Feierlichkeiten zum "Dia de muertos" prägt. Nicht nur Claude De Demo, die Lucettes Egotrip kunstvoll zelebriert, und Max Mayer, den es nicht nur innerlich zu zerreißen scheint, gewinnen dem überdrehten Geschehen einige komödiantische Kabinettstückchen ab. Auch Katharina Linder, die die Gräfin Duverger mit deutlichen Überbiss und leichtem Sprachfehler als naive Außenseiterin in dieser hedonistischen Welt charakterisiert, und Friederike Ott, die als Viviane Eitelkeit in eine Waffe verwandelt, bewegen sich virtuos auf der Grenze zwischen Komik und Schrecken, die Heiko Raulin in der Rolle des mordlüsternen Liebenden General Irrigua wiederum fortwährend überschreitet.

Trotzdem stellt sich angesichts all der wilden Exaltationen schon bald die Frage, ob sich Autoren wie Georges Feydeau oder Eugène Labiche tatsächlich nur noch im Stil Herbert Fritschs aufführen lassen? Roger Vontobel bedient sich auf jeden Fall so offensichtlich und so ausgiebig bei dessen Formensprache, dass man sich schon bald nach dem Original sehnt.

 

Klotz am Bein
von Georges Feydeau
Deutsche Fassung von Claudius Lünstedt
Koproduktion der Ruhrfestspiele Recklinghausen mit dem Schauspiel Frankfurt
Regie: Roger Vontobel; Bühne: Olaf Altmann; Kostüme: Ellen Hofmann; Musik: Keith O’Brien; Dramaturgie: Ursula Thinnes; Licht: Johan Delaere
Mit: Claude De Demo, Anna Kubin, Max Mayer, Katharina Linder, Friederike Ott, Sebastian Reiß, Matthias Redlhammer, Peter Schröder, Heiko Raulin, Altine Emini, Stefan Graf, Joel Borod / Filip Niewiadomski, Keith O’ Brien (Live-Musik)
Dauer: 2 Stunden 20 Minuten, eine Pause

www.ruhrfestspiele.de
www.schauspielfrankfurt.de

 

Kritikenrunschau

"Es braucht zwar einen langen Anlauf, bis Theatralität, Witz und Kritik eine überzeugende Mischung ergeben. Aber wenn die Mechanik eine Ahnung von Menschlichkeit zulässt, gelingen großartige Momente", so Stefan Keim im Deutschlandfunk (25.05.2018). "Vor der Pause schnurrt die Aufführung etwas zu perfekt ab, es gibt keine Momente, in denen ein Rest Menschlichkeit durchschimmert." Das werde im Lauf der Aufführung anders. "Weil die Schauspieler – vor allem Katharina Linder als Baronin – Brüche finden und einige Sätze plötzlich natürlich sprechen. Und die zuvor schon witzige aber eher illustrierende Musik von Keith O´Brien größere Bedeutung bekommt."

"Nicht verpassen sollte man das schrille Spektakel dieser Hedonisten", so die Ruhrnachrichten (25.05.2018). "Der großartige Max Mayer spielt den Egomanen Fernand als hyperventilierendes Nervenbündel, liefert virtuose Kabinettstückchen ab."

Im Wunsch nach Zeitgenossenschaft treibe Vontobel dem Stück alle boulevardeske Zimmerschlacht aus, schreibt Lars von der Gönna in der Westfälischen Rundschau (25.05.2018). Das anfangs einnehmende Konzept trage den Stoff nicht sonderlich gut. "Rasch werden Effekte erwartbar; die Desillusionierung aller Sehnsüchte, von denen Feydeau erzählt, verdient subtileres Erzählen. Gleichwohl: Dass die Tube, auf die Vontobel drückt, weitgehend leer ist, lässt uns sein umwerfend starkes Ensemble keinen Augenblick der zweieinhalb Stunden spüren. Dem Deutungs-Skelett geben allein sie Fleisch."

"Das er­in­nert stark an das sur­rea­le Schau­spie­ler­thea­ter von Her­bert Fritsch, der als Ers­ter die einst hip­pen Ko­mö­di­en wie­der­ent­deckt und in rei­nes Spiel ver­wan­delt hat", bemerkt Eva-Ma­ria Ma­gel von der Frankfurter Allgemeinen Zeitung (4.6.2018) So ra­di­kal wie Fritsch gehe Von­to­bel aber dann doch nicht vor. "Ge­ra­de die­ses 'Auf-hal­ber-Stre­cke-Ste­hen­blei­ben' zwi­schen Irr­sinn und Bot­schaft aber macht die ers­te Hälf­te der In­sze­nie­rung et­was zäh, und auch in der zwei­ten tut die Ko­mö­die das, was Fey­deau un­ter al­len Um­stän­den ver­mie­den hat: Sie zeigt, welch schwe­re Ar­beit es ist, Ko­mö­die zu ma­chen."

Judith von Sternburg von der Frankfurter Rundschau (3.6.2018) kam nicht aus dem Staunen heraus, "warum es überhaupt nicht funktioniert, wo doch das Ensemble tut, was es kann. Und es kann viel." "Virutos bis in die Zehen" seien die Spieler. Man bewundere die Kunstfertigkeit über alle Maßen und bleibe doch kühl und schlaff dabei. "Die exquisiten Figuren bleiben menschlich uninteressant. Das Stück bleibt uninteressant. Die Inszenierung teilt nichts mit, außer wie schön und flott sie ist."

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