Dies ist ein Spiel!

von Sophie Diesselhorst

Berlin, 31. Mai 2018. Palmyra ist ein Scherbenhaufen. So einfach ist das. Was mal als eine der best erhaltenen Stadtanlagen aus der Antike Touristen aus aller Welt nach Syrien zog, ist geschrumpft zu einem kaputtgeschlagenen Teller auf der Bühne des kleinen English Theatre in Berlin-Kreuzberg. Umso größer werfen die beiden Performer Bertrand Lesca und Nasi Voutsas, die daneben stehen, stotternd die hohle Halb-Betroffenheit der Welt an die Wand, und von dort schnellt sie zurück ins Publikum.

Treibstoff: Wut

Es ist gerade mal drei Jahre her, dass der "Islamische Staat" Palmyra kaputtgeschlagen und das Amphitheater als Bühne für Exekutionen genutzt hat. Ein Jahr später, Palmyra war zurückerobert von Assad, der seine Gräueltaten nicht in Amphitheatern begeht, sondern in Folterkellern versteckt und leugnet, spielte das London Symphony Orchestra in Palmyra ein Solidaritätskonzert. "Here on this great stage, our concert in Palmyra is our appeal for everyone to come to peace and unity, to unite and work against this evil, against terrorism", hieß es in der Eröffnungsnote des Dirigenten Valery Gergiev, ein treuer Unterstützer von Assads Kriegs-Alliiertem Vladimir Putin.

Palmyra 560 cAlexBrenner Voutsas Lesca uAuf Scherben: Nasi Voutsas, Bertrand Lesca © Alex Brenner

Bertrand Lesca und Nasi Voutsas legen mit "Palmyra" ihre zweite gemeinsame Arbeit vor. Beim Edinburgh Fringe Festival 2017 wurde sie von der schottischen und britischen Presse gefeiert. Lesca und Voutsas bezeichnen das LSO-Konzert in Palmyra im Programmzettel als Ausgangspunkt ihrer Arbeit – beziehen sich aber kein einziges Mal direkt darauf. Sowieso versuchen sie nicht, eine komplexe politische Gemengelage aufzublättern. Sondern sie vertrauen ihrer Wut als einzigem Treibstoff.

Was ist das für 1 Name?

Schnell steigern sie sich nach dem ersten Moment der Betroffenheit vorm Scherbenhaufen in eine Aggressionsspirale, die umso realer wird, je öfter Bertrand Lesca in Richtung Publikum feixt: "Wir spielen nur. Dies ist ein Spiel!" Zeremoniell zerschmeißt Lesca von einer Leiter aus einen weiteren Teller und fordert Voutsas zum Aufräumen auf, womit das Kräfteverhältnis zwischen den beiden zementiert ist: Natürlich ist Lesca als rares Exemplar eines Franzosen, der akzentfreies britisches Englisch spricht, im Hochstatus, eine seltene europäische Preziose, während Nasi Voutsas als im Vergleich südeuropäisch aussehender Brite mit griechischem Namen auf einmal auch – oh Schreck – Araber sein könnte – Nasi? Was ist das für 1 Name?

Ohne dass das Wort Neokolonialismus auch nur einmal fallen müsste, werden rassistische Ausschlussmechanismen vorgeführt, wird auch das Publikum vorgeführt, zum Beispiel wenn Lesca um Hilfe dabei bittet, dem aggressiven Kollegen einen Hammer abzunehmen und außerhalb des Zuschauerraums in Sicherheit zu bringen – nur um direkt danach einen eigenen, größeren Hammer hinterm Vorhang vorzuholen. War eigentlich klar. Hat man aber kurz vergessen.

Kunst erhält die Machtverhältnisse

Kindisch ist der Zwist der beiden, kindisch kann man vom 73-jährigen Frieden aus auch den Krieg finden, aber beides endet deshalb nicht. Immer wieder spielen Lesca und Voutsas die Händel-Arie "Lascia ch’io pianga" an, und jeden "Lass mich weinen"-Seufzer nutzt Lesca, um sich ein bisschen weiter abzusetzen von Voutsas, ihn zu provozieren, zu demütigen, bis Voutsas erst die ganze Bühne mit weiteren Scherben vollkippt und dann still in seinem Zerstörungsszenario sitzt. Er versteht halt nicht, was Kunst ist, wozu man diese Bühne nutzen kann, erklärt uns Lesca: "We all want him to leave, don't we?"

Palmyra 560a cAlexBrenner Voutsas Lesca uAuf den Hunt gekommen: Nasi Voutsas, Bertrand Lesca © Alex Brenner

Am Ende ist Lesca selbst derjenige, der als erster die Bühne verlässt, aber gewonnen hat Voutsas deshalb nicht. Umso bitterer ist der Schluss, wenn er den Hunt hervorholt, auf dem Lesca vorher virtuos kontrolliert, geradezu tänzerisch über die Bühne geschlittert ist, und sich darauf immer schneller dreht, immer noch im Wettbewerb mit dem abwesenden Demütiger.

Der hat mit der Musik (neben Händel erklingen noch die Beach Boys und Louis Armstrong) eine besonders unumstrittene Idee von Kunst eingespannt, um ein offen ungerechtes und Grausamkeiten produzierendes Machtverhältnis zu perpetuieren. Da wären wir wieder beim LSO-Konzert im Scherbenhaufen von Palmyra. Nur dass in dieser kurzen, aber kraftvollen Performance eben die entscheidenden Schritte in den Abgrund getan worden sind.

 

Palmyra
von bertandnasi
Dramaturgie: Louise Stephens, Licht: Jo Palmer, Technik: Ruth Green, Produzent: Edward Fortes.
Mit: Bertrand Lesca, Nasi Voutsas.
Dauer: 1 Stunde, keine Pause

https://bertandnasi.com/
www.etberlin.de

 

Kritikenrundschau

"'Palmyra' ist ebenso Allegorie auf sinnlose Zerstörungsakte wie absurdes Clownstheater", sagt Ute Büsing im rbb Inforadio (1.6.2018). "Es ist ein bisschen wie bei Beckett: Sie liebten und sie schlugen sich. Sie können nicht ohneeinander in einem ewig wiederholten Endspiel." Das Beziehungsspiel um Macht, Ego und Konflikt eskaliere zur "düsteren Farce". "Auch ohne große Englisch-Kenntnisse sehr eingängig."

 
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