Die Liebe in Zeiten der Empörung

von Matthias Schmidt

Meiningen, 14. Juni 2018. Wie nennt man es eigentlich, wenn man mitten im Klatschen bemerkt, dass man es gerade besser nicht tun sollte? So geschehen am Ende der Performance "On the Edge", einer Koproduktion des Landestheaters Eisenach mit dem Deutschen Nationaltheater Weimar, die gestern in Meiningen ihre zweite Premiere hatte. Es wird getanzt und das Publikum zum Mitklatschen animiert. "Blas mir die Sorgen weg", singen sie, und man denkt, kein Problem, böhmische Blasmusik auf dem Theater, das kann nur Ironie sein. Ein Klamauk, bei dem es über Tische und Bänke geht. Unter dem Tisch aber findet eine Vergewaltigung statt. Alle können es sehen. Man kann aber auch wegschauen. Und weiter rhythmisch klatschen. Erwischt!

Womit das Prinzip von "On the Edge" ziemlich gut auf den Punkt gebracht wäre. In einer Mischung aus Choreografie und Schauspiel wird so ziemlich alles durchgespielt, was in den letzten Monaten unter #metoo subsumiert wurde. Es geht um Sexismus und Machtmissbrauch, um Geschlechterklischees, die Gender-Pay-Gap. Aber genau wie im eingangs erwähnten Schunkelkracher "Mädgen aus Petrovich", wo man ja auch erst bei genauem Hinhören begreift und erschrickt, verstecken sich die Themen meist in scheinbar harmlosen Bewegungsabläufen und Texten. Wie und wo fassen sich Paare beim Tanzen an? Ist eine Männerhand auf einer Frauenschulter schon ein Übergriff? Was tun als Mann, wenn einer Tänzerin das Kostüm verrutscht? Hinschauen oder wegschauen? Oder kurz anfassen und es zurückschieben?

Sibylle Berg sticht Elfriede Jelinek

"On the Edge" holt ein Thema ins Licht und zugleich heraus aus der Hysterie. Man muss das berühmt gewordene Hashtag noch nicht mal im eigenen Vokabular führen, um in diesen Szenen zu verstehen, wie der Alltag durchsetzt ist mit kleinen und größeren Unwuchten im Geschlechterverhältnis. Wenn ER SIE gedankenlos gewohnheitsmäßig "Süße" nennt und über das Leben und die Welt belehrt, kann man das als Mansplaining brandmarken. Oder es in den Dialogen, Texten und Bewegungen der Frauen und Männer auf dieser Bühne einfach entdecken. Wenn SIE sich dagegen wehrt, wird im Publikum zugleich gelacht und verstanden, dass sie recht daran tut. "On the Edge" ist eine vielschichtige Lehrstunde im Gewand einer Revue, eine getanzte Svenja Flaßpöhler, sozusagen.

Ontheedge3 560 carola hoelting uYou too? Me too! © Carola Hölting

Der Abend hat, was ihn wirklich sympathisch macht, nichts Diskursives, Thesenhaftes oder gar empört Kämpferisches. Übersehen oder überhören kann man seine Botschaft dennoch nicht. Vielleicht ja gerade deshalb, weil sie oft komisch daherkommt, etwa in Texten Sibylle Bergs, deren Zynismus hier besonders treffsicher einschlägt. À la "natürlich ist die Welt erst fair, wenn Männer genauso schlecht bezahlt werden wie Frauen." Was Elfriede Jelinek deutlich verbiesterter klingen lässt. Oder in einem grandiosen Ditsche-Auftritt von Jonas Schlagowsky, in dem er den Spieß umdreht und beklagt, Mann zu sein sei auch nicht einfach, wenn es doch Männer wie Trump gibt oder Björn Höcke. Und man sich zudem dauernd an denen auf den Denkmalen messen muss, die erhaben gucken, auf Pferden sitzen und Schlachten gewonnen haben.

Selbst oder selbstironisch?

Die Inszenierung berührt, wenn Frauen-Monologe schildern, was manche tatsächlich durchmachen mussten. Und sie umschifft Betroffenheitspausen, weil sofort wieder wild getanzt wird. Sie macht Spaß, weil die fünf Eisenacher TänzerInnen und die fünf SchauspielerInnen aus Weimar selbst so viel Spaß – und Ernst und Energie – reinstecken in diese knapp zwei Stunden. Weil in diesem Sich-Kennenlernen auf der Bühne Selbstbezüge stecken, die ausnahmsweise tatsächlich auf die Bühne gehören. Sagt ein Schauspieler, "ich bin Schauspieler, ich rede zu viel, und mehr kann ich ja auch gar nicht. Aber der da, der Tänzer, der wird überall verstanden und ist dabei so sexy, dass ich als Heterosexueller total bi-neidisch werde." Selbstironie? Sind die in ihren Rollen, oder sind die sie selbst? Doppelte Böden überall!

Ontheedge1 560 carola hoelting u© Carola Hölting

Angenehm auch, dass man den Abend nicht als #metoo-Abend wahrnehmen muss. Viele der Szenen handeln von Einsamkeit, von Sehnsucht, von Unsicherheiten, die immer existierten, auch vor der Debatte. Die nach ihr aber eher größer als kleiner geworden sind. Das macht "On the Edge" zu einem Abend über Menschen, über, sagen wir es groß, die Liebe in Zeiten der Empörung. Und so flehen irgendwann fünf Julias fünf Romeos an, doch noch zu bleiben: Es war die Nachtigall und nicht die Lerche! Eine souveräne Gratwanderung, großartig!

On the Edge
Performance mit Tanz, Musik und Sprache mit Texten von Sibylle Berg, Elfriede Jelinek und Xavier Durringer
Koproduktion des Landestheaters Eisenach mit dem Deutschen Nationaltheater Weimar
Konzept und künstlerische Leitung: Andris Plucis und Hasko Weber, Bühne und Kostüme: Sarah Antonia Rung, Choreographie: Andrea de Marzo, Shuten Inada, Karin Honda, Dramaturgie: Lisa Evers.
Mit: Andrea de Marzo, Laura Sophie Heise, Nahuel Häfliger, Karin Honda, Marcus Horn, Shuten Inada, Simone Müller, Jonas Schlagowsky, Anna Windmüller, Gaia Zanirato.
Dauer: 1 Stunde 45 Minuten, keine Pause

www.nationaltheater-weimar.de
www.landestheater-eisenach.de

 

Kritikenrundschau

"Nein, das ist kein weiterer Beitrag zum Thema MeToo", schreibt Henryk Goldberg im Freien Wort (28.5.2018). Der Abend handele im Kern nicht einmal über Männer und Frauen. "Er handelt auf seiner eigentlichen, ästhetischen Ebene, einfach von Partnerschaft, von Respekt, vom Ergänzen." Goldberg sah mehr "eine Abfolge von Nummern" als einen "durch Erzählung, durch Dramaturgie gebundene(n) Abend". Das führe zwangsläufig zu einer gewissen Beliebigkeit, doch "das Eigentliche" dieses Abends sei das Ensemble.

"Hier begegnen sich Sparten zweier Theater, die, kulturpolitisch gesehen, keine Verträge miteinander haben. Ihr Vertrag heißt: Neugier aufeinander, die sie zusammen auf ein noch unbekanntes künstlerisches Niveau führt." Michael Helbing von der Thüringischen Landeszeitung (28.5.2018) lobt den Abend als "das Ereignis der Saison". Der Abend sei ein Versuch, ein Wagnis. "Er nimmt alle seine Unzulänglichkeiten gern in Kauf, er fordert sie sogar absichtsvoll heraus. Man kann imgrunde gar nicht anders, als ihm mit großer Sympathie zu begegnen."

 

 

 

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