Liebe Künstler, sagt doch auch mal was!

von Sophie Diesselhorst

Berlin, 17. Juni 2018. Worum kann es überhaupt gehen, wenn die Akademie der Künste (AdK) zu einem öffentlichen Kongress zur Zukunft der Berliner Volksbühne einlädt? Unter dem Titel "Vorsicht Volksbühne" diskutierten am Wochenede Intendant*innen, Professor*innen und Theaterkritiker*innen. Nur die künstlerischen Mitarbeiter*innen der Castorf-Volksbühne hätten alle abgesagt, so Mitkurator Thomas Martin, bis 2017 Hausautor der Volksbühne. Der Schmerz, das Trauma sei noch zu groß.

Worum konnte es also gehen? Jedenfalls nicht um eine Aufarbeitung der kulturpolitischen Fehler, denn der verantwortliche Regierende Bürgermeister Michael Müller war nicht anwesend. Immerhin aber darum, ein Forum zu schaffen, auf dem die Kampflinien, die sich in den vergangenen drei Jahren gebildet haben, zusammenlaufen können. Und das ist im Endeffekt auch gelungen.

Forderung nach Beratungsgremium

Aber gleich zu Beginn forderte die Theaterwissenschaftlerin Evelyn Annuß in einer feurigen Ansprache mehr, und zwar: Mitbestimmung. Annuß, die nach Dercons Ernennung eine Petition initiiert hatte, die über 40.000 Unterzeichner fand, plädierte dafür, ein breit besetztes Beratungsgremium einzurichten, das auch schon in Klaus Dörrs Interimsintendanz bis 2020 aktiv werden sollte – und warf Klaus Lederer implizit vor, in der AdK eine Alibi-Veranstaltung zu inszenieren, Transparenz zu suggerieren, um dann in Ruhe eine Hinterzimmerentscheidung treffen zu können.

adK 560 annuss David BaltzerEvelyn Annuß  © David Baltzer / Bildbühne

Aus dem Publikum heraus verwehrte sich Lederer gegen den "Alibi-Verdacht": Er habe keinen Geheimplan. Da brannte die Luft, aber der Brand wurde schnell phraseologisch erstickt, mittels einer Menge Worthülsen. "Wie lassen sich politische Ereignisse ästhetisch denken?", diese Leitfrage gab zum Beispiel Berliner Festspiele-Chef Thomas Oberender der Volksbühne in seinem Impulsreferat auf den Weg – als zeitlose Herausforderung, auf die dann aber niemand inhaltlich einging.

Von Herausforderungen der Gegenwart und Zukunft in Abgrenzung zu denen der Vergangenheit, für die das "Ost" auf der "alten Volksbühne" in der Diskussion immer wieder einstehen musste, war stattdessen andauernd die Rede, ohne dass sie je wirklich klar ausbuchstabiert wurden – als schlucke die Volksbühne einem schwarzen Loch gleich alles Erregungspotential und als könne für diese Herausforderungen gar nichts übrig bleiben.

Abarbeiten am Mythos

Noch am deutlichsten benannte sie der Intendant des Deutschen Theaters und Bühnenvereins-Präsident Ulrich Khuon, als er am Samstag von Rechtsruck und Geschlechtergerechtigkeitsdebatte als "paradigmatischen Entwicklungen" sprach und, dann schon wieder recht vage, eine "politisch-theatrale Setzung, die die Gegenwart meint", forderte.

Unter dem raunenden Titel "Mythos Volksbühne" stieg man ab Freitagabend dann zusehends Castorf-glorifizierend in den Keller der Vergangenheit: Da war die Rede von einer "starken Führung, die das Haus mit Ideen ausstattete", und Kostümdirektorin Ulrike Köhler, die mit Video- und Tonchef Klaus Dobbrick zusammen für die Gewerke auf dem Podium saß, zeigte den Mitbestimmungsfans die kalte Schulter: "Unser Theater hat noch nie demokratisch funktioniert." Sie sei unter Castorf froh gewesen, nicht stets in allen Belangen mitreden zu müssen. Lederer bot sie damit eine Steilvorlage, sich nicht mit Evelyn Annuß' Forderungen auseinandersetzen zu müssen.

adK 560 schluepfer David BaltzerSchauspieler Mex Schlüpfer © David Baltzer / Bildbühne

Einen anderen, weniger autoritätsgläubigen Volksbühnen-Geist beschwor in einem Spontan-Auftritt der Schauspieler Mex Schlüpfer, einer der wenigen im Publikum anwesenden Mitarbeiter der "alten Volksbühne". In Bert Neumannscher "Don't look back"-Jacke stellte er sich vor dem "Mythos"- Panel auf und forderte, mit dem "Austausch von Anekdoten" aufzuhören: "Ick will nur, dass die Energie, die sich hier zusammenfindet, nicht sinnlos verpufft." Da war er auf einmal im Raum, der vielbeschworene Geist der Widerständigkeit, an den später auch die brav gewordenen Besetzer*innen lange nicht herankamen.

Mit Schlüpfer nahm jenes "exzentrische Künstlertum" schlagartig Gestalt an, von dem fast sämtliche Diskutierenden glaubten, dass die Volksbühne es brauche, dass der große Raum nur von ihm gefüllt werden könne. Bloß – in der Lage Schlüpfers energetischen Impuls aufzunehmen und mit (neuem) Sinn zu füllen, war die Veranstaltung nicht. Am ehesten noch stärkte sein Spontan-Auftritt die immer wieder durch den Raum geisternde Frage, ob Klaus Lederer und Klaus Dörr sich nicht bemühen müssten, die alten Schauspieler zurückzuholen.

Liebevolle Absage

Auf Nachfrage gab Dörr zu Protokoll, dass er versucht habe, sich mit den Regisseuren Pollesch/Fritsch/Marthaler/Castorf ins Benehmen zu setzen; Pollesch habe ihm "in einer liebevollen SMS" eine Absage für Wiederaufnahmen und Neuproduktionen in der Volksbühne erteilt, er wolle seine Arbeiten in diesem Raum nicht mehr zeigen. Fritsch sei bereit, über die Wiederaufnahme seiner (S)panischen Fliege zu verhandeln. Castorf sei noch nicht persönlich erreichbar gewesen. Mit Marthaler wolle er im Rahmen der Ruhrtriennale kooperieren. Für ein Engagement des Duos Vinge/Müller gebe es zu viel "Widerstand aus den Gewerken". Außerdem sei er mit mehreren Berliner Tanzcompagnien im Gespräch.

Nicht (mehr) im Gespräch ist der kommissarische Intendant mit den Besetzer*innen vom September 2017 – auf dem Podium mit Dörr wurden sie vertreten von Nils Bunjaku, der höflich ein "Theater für die jungen Leute" forderte. Immerhin formulierte er, wenn auch erst auf Nachfrage, die konkretesten Ideen für die Volksbühnen-Räumlichkeiten, die an den zwei Tagen zur Diskussion standen: Man wolle eine "Theaterkonferenz" veranstalten mit Mitarbeiter*innen aller deutschen Theater, in der es um ihre prekären Arbeitsbedingungen gehen solle (Hallo, Ensemble Netzwerk!), man wolle ein Parlament der Wohnungslosen gründen (davon war schon in der Besetzungszeit die Rede gewesen), man wolle aber vor allem Plena abhalten zu "dringlichen Fragen der Stadtgesellschaft", Verdrängung und steigenden Mieten.

adK 560 lederer2 David BaltzerKultursenator Klaus Lederer © David Baltzer / Bildbühne

Diese Plena, so wurde Bunjaku nicht müde artig zu betonen, sollten aber natürlich nicht im großen Haus stattfinden, man sei auch zufrieden, wenn sie irgendwo anders "nebenher laufen" dürften. Es gab ja von Chris Dercon seinerzeit das Angebot, dass die Besetzer*innen den Grünen Salon nutzen dürften. Fast scheint's, als wollten sie es jetzt annehmen – aber Dörr will es nicht erneuern.

Und auch Klaus Lederer solidarisierte sich nicht mit den Besetzer*innen, betonte vielmehr, dass die Volksbühne jenseits "soziologischer oder politischer Exzellenz" "wieder ein Theater" "mit künstlerischer Exzellenz" werden müsse, eines, "in dem Schauspieler im Mittelpunkt stehen und nicht irgendwelche auswechselbaren Masken", was sich durchaus als Absage an eine Intendanz(-beteiligung) Susanne Kennedy lesen lässt – Dörr wiederum hatte vorher noch betont, dass er Kennedy über ihre Vertragsbindung durch Dercon hinaus für eine weitere Produktion verpflichtet habe.

Zeitplan offen

Als weiterer Konfliktpunkt zwischen Dörr und Lederer ließ sich der Zeitplan für die Entscheidung über eine neue Volksbühnen-Leitung erahnen. Dörr mahnte an, was er schon in Interviews gesagt hatte: Um einem neuen Team eine anderthalbjährige Vorbereitungszeit zu garantieren ("sportlich, aber machbar"), müsse die Entscheidung bis Ende 2018 getroffen sein. "Wenn wir es bis Jahresende nicht schaffen, brauchen wir halt länger", verwahrte Lederer sich dagegen in seinem Abschlussstatement.

Er stellte sich darin vor allem an die Seite der Mitarbeiter*innen der Volksbühne, deren Belange er ernst nehmen wolle und denen er keinesfalls "Ideen überstülpen" wolle – mit Ulrike Köhler und Klaus Dobbrick dürfte er keine Probleme kriegen, und Mex Schlüpfer gehört der Volksbühne nicht mehr an, er wurde von Chris Dercon gekündigt.

Zum Fortgang und zur genauen Gestalt des Findungsprozesses könne er noch nichts sagen, so Lederer, aber: "Ich bin beratungsoffen." Die Debatte solle weitergeführt werden, auch wenn er sie nicht allein organisieren wolle. "Alle sind dazu aufgefordert – wir werden zuhören."

adK 560 Buehne David BaltzerAuf dem Podium: Hannah Schopf, Staub zu Glitzer (Nils Bunjaku), Christian Grashof, Silvia Fehrmann, Amelie Deuflhard, Klaus Dörr und Moderator Janis El-Bira  © David Baltzer / Bildbühne

Zuhören, und im nächsten Schritt hoffentlich Stellung nehmen zu den konkreten Vorschlägen zum Findungsprozess, die nach der AdK-Veranstaltung bereits auf dem Tisch liegen:

– Evelyn Annuß' "Beratungsgremium" mit Theaterwissenschaftlern, Vertretern der Freien Szene, Stadtsoziologen, Aktivisten und Vertretern der Volksbühnen-Gewerke. Ein Gremium, das nicht nur eine neue Leitung finden, sondern ab sofort über das Profil des Hauses mitbestimmen soll, wenn es nach Annuß geht.

– Ein Bewerbungsverfahren, in dem die Kandidat*innen sich öffentlich präsentieren, so wie es zum Beispiel auch an Universitäten üblich ist. Diese Idee speiste Kampnagel-Chefin Amelie Deuflhard ein.

– Kathrin Tiedemann vom FFT Düsseldorf schlug vor, nach dem Vorbild der Hamburger PlanBude eine Anlaufstelle für die Stadtgesellschaft einzurichten, in der Vorschläge für die Zukunft der Volksbühne gesammelt werden. Tiedemann fragte sich außerdem laut, "warum wir eigentlich nicht in der Volksbühne sitzen", diese Idee wurde von Evelyn Annuß und aus dem Publikum unterstützt.

Die Künstler sind gefragt

Wenn Klaus Lederer tatsächlich eine Debatte führen will, muss er sich zu diesen Vorschlägen positionieren.

Eine Debatte, die weiter lohnen und wirken soll, wird aber auch inhaltlich gefüllt werden müssen. Sowohl Lederers Claim, er wolle "exzellente Theaterkunst" ermöglichen, als auch Evelyn Annuß' Forderung nach einem Beratungsgremium brauchen das.

Denn Ideen für die Volksbühne zu entwickeln, gar zu spinnen – das traute sich in einiger System- und Funktionstreue niemand auf dem Podium so recht. Es bräuchte dafür wohl mehr Künstler*innen, die freier – und respektloser – mit dem "Mythos Volksbühne" umzugehen wissen. Meldet euch zu Wort!

Und zwar nicht nur in Bewerbungen an Klaus (Dörr) und Klaus (Lederer). Sondern macht eure Ideen und Konzepte öffentlich. Das ist kein übliches Procedere, aber die Volksbühnen-Situation ist auch keine übliche Situation. Sondern eine Krisensituation, die Chancen produzieren kann. Könnte. Soviel wurde klar in der AdK. Nun braucht es den Mut derer, die sich trauen, den Volksbühnenraum mit Ideen zu befüllen. Und zwar möglichst bald.

 

Mehr zum Thema: Die Aufzeichnung aller Beiträge und Diskussionen des Symposiums können Sie hier ansehen.

 

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