Dringende Anliegen

von Sarah Heppekausen

Mülheim/Düsseldorf, 18. Juni 2018. Und dann sind wir selbst indische Leihmütter. Sind schwanger mit drei Embryonen, von denen einer entfernt werden soll, weil das sicherer sei und die Wunscheltern mit zweien zufrieden seien. Oder hatten zum zweiten Mal eine missglückte In-vitro-Befruchtung, bekommen also wieder kein Geld, wie uns die Frauenärztin bedauernd mitteilt. Nächste Runde: Wir sitzen als Wunscheltern unserer möglichen US-amerikanischen Leihmutter gegenüber, die uns ihre eigenen Kinder vorstellt und erklärt, dass sie nach der Geburt regelmäßig Fotos des ausgetragenen Babys sehen möchte. Ob wir noch Fragen hätten? Flinn Works' "Global Belly" konfrontiert das Publikum ziemlich direkt mit dem moralischen Dilemma des Phänomens der Leihmutterschaft. Wären wir als indische Frau nicht auch glücklich, endlich unser eigenes Geld verdienen zu können? Vermutlich. Beuten wir als verzweifelte Wunscheltern die Leihmütter nicht aus, körperlich wie seelisch? Vielleicht.

"Unsichere Begegnungen" hatte Haiko Pfost fürs diesjährige Impulse Festival angekündigt. Der neue Leiter der "wichtigsten Plattform für das Freie Theater im deutschsprachigen Raum" und sein Beirat haben zehn herausragende Produktionen ausgewählt, um aktuelle Tendenzen der Szene abzubilden. Wenige bekannte Namen stehen im Programm. Neun von zehn der eingeladenen Künstler*innen oder Kollektive sind zum ersten Mal beim Festival. In seiner Ausrichtung schließt Pfost an Vorgänger Florian Malzacher an, kürt keine Gewinner. Aber er ließ eine Jury über die Auswahl entscheiden und konzentriert drei Schwerpunkte (Showcase, Stadtprojekt und Akademie) in jeweils einer Stadt. Das Showcase ist in diesem Jahr im Mülheimer Ringlokschuppen Ruhr zu sehen.

GlobalBelly 560 Impulse"Global Belly" von Flinn Works © Philine Rinnert

Unsicher verlässt das Publikum die interaktive Inszenierung "Global Belly" vor allem deshalb, weil sie eben keine eindeutige Perspektive einnimmt. Flinn Works bringen das Thema in all seiner Ambivalenz auf die Performancebühne. Da vergleicht die westeuropäische Feministin Leihmutterschaft mit Prostitution und spricht von neokolonialer Praxis. Da wirbt die ukrainische Agentin mit VIP-Paketen, bei denen man sogar das Geschlecht bestimmen könne. Und da erzählt die Wunschmutter, die mit über 40 keine eigenen Kinder mehr bekommen und auch keine adoptieren konnte.

Was nur die Freie Szene kann, Beispiel 1: "Global Belly", Beispiel 2: "Dorf Theater"

"Global Belly" ist eine dieser ausgiebig recherchierten Arbeiten, von denen Haiko Pfost sagt, dass sie nur in der Freien Szene, nicht in den engen Strukturen eines Stadttheaters entstehen können. Zwei Jahre lang hat auch der Schweizer Theatermacher Corsin Gaudenz geforscht und Schweizer Dörfer bereist, um dem Kulturgut Dorftheater nachzuspüren. Herausgekommen ist eine so absurd-komische wie liebevoll-zugewandte Arbeit über Eigenartigkeiten einer für viele fremden Welt. Eine Arbeit, die in ihrer Struktur so flexibel ist, dass sogar Festivaleröffnungsreden integriert werden können.

Da strahlt vorm gemalten Bergpanorama der Chor. Herzbewegend singt er Heimwehmusik und Volkslieder auf Schwyzerdütsch. Die Schauspieler*innen spielen die Laiendarsteller*innen fünf verschiedener Dorftheatervereine. In deren Originalkostümen geben sie Knecht und Kräuterhexe, Landarzt und stichelnde Trauernde. Dazwischen immer wieder Pausen im Theaterstübli oder erklärende Worte des Regisseurs. "Dorf Theater" changiert zwischen Reenactment und dokumentarischen Elementen, zwischen amüsanter Unterhaltung und spannender Information. Die zusammengestrichene Version fürs Impulse Festival bleibt allerdings an manchen Stellen unverständlich. Oder anders gesagt: Die gekürzte Fassung macht Lust aufs Original, das 2016 in Zürich uraufgeführt wurde.

DorfTheater 560 RobinJunicke"Dorf Theater" von Corsin Gaudenz © Robin Junicke

Haiko Pfost will mit seinen Impulsen nicht nur wichtige Produktionen, sondern vor allem spezifische Arbeitsweisen des Freien Theaters präsentieren. Gaudenz' "Dorf Theater" nimmt die Bedeutung lokaler Theaterstrukturen in den Fokus. Beim Stadtprojekt in Düsseldorf – neben dem Showcase und der Akademie in Köln die dritte Säule in Haiko Pfosts Festivalausrichtung – wird's noch (orts)spezifischer. Dass akute Fragen unserer Zeit mit einem lokalen Kontext verknüpft würden, sei ursprünglich eine künstlerische Herangehensweise der Freien Szene, sagt der Festivalleiter. In Düsseldorf also geht's ins Wilhelm-Marx-Haus, der Noch-Heimat vom Impulse-Partner FFT Düsseldorf. Das kommunale Gebäude soll verkauft werden, 2021 werden das FFT, die Stadtbibliothek und das Theatermuseum ins ehemalige Postverteilzentrum am Hauptbahnhof ziehen. Im Wilhelm-Marx-Haus also stehen die Zeichen auf Abschied. Und der wird beim Impulse Festival künstlerisch inszeniert und gefeiert.

Ein Büro für Abschiedsschmerz

Zum Beispiel bei einer Führung mit Hen & Mai (Quast & Knoblich), zwei Nagelkünstler*innen, die sich um eine Stelle im Gleichstellungsbüro bewerben und eine genderneutrale Seife entwickelt haben, um Geld für die Reparaturen des maroden Gebäudes zu verdienen. Zwei liebenswürdige Karikaturen mit Perücken auf dem Kopf und Glitzerpenisbombe in der Hand. Mit ihnen bewundern wir den Gender Award im Gleichstellungsbüro, stoßen auf den Untergang der Solidarität, der Kursk und des Hauses an und lassen uns erklären, dass eine Seife dann genderneutral ist, wenn sie eben nicht aus dem Spender kommt, sondern als Seifenstück von jedem nacheinander angefasst wird. Berührung schafft Gemeinschaft.

WilhelmMarxHaus 560 RobinJunickeKiosk im Rahmen der Führung durchs Wilhelm-Marx-Haus © Robin Junicke

Im Clubraum lauschen wir Abschiedsbriefen von Trauernden, die seit 30 Jahren die VHS im Haus besuchen oder als Schulkind mit einer Weihnachtsaufführung im Haus gastierten. Freude über einen Neuanfang und die Hoffnung auf ein theaterfreundlicheres Foyer für das FFT oder Trauer über ein weiteres Gebäude mit Geschichte, das einer profitableren Nutzung weichen muss? Wieder gibt es da eine Unsicherheit. Wenngleich die Perspektive hier eindeutig ist: Es wird getrauert, dafür wurde sogar extra ein Büro eingerichtet. Wertvoll ist diese Führung in ihrer Konkretheit, in ihrer Unaufgeregtheit und Spontaneität. Ein lustvoll konstruktiver Abschied.

Aufwühlend: "Mothers of Steel" und "Apollon"

Zurück im Mülheimer Ringlokschuppen. Unaufgeregt sind sie nicht, die Produktionen der ersten Festivaltage. Vielmehr verstörend, aufwühlend auf eine angenehm anregende Art. Da jammern, schluchzen, klagen Agata Siniarska und Mădălina Dan eine ganze Stunde lang in "Mothers of Steel". Ihre Körper schütteln sich, sie schlagen sich vor die Brust, japsen nach Luft, zucken zusammen, stampfen mit den Füßen. Mit großer Geste beweinen sie eine Erschießung genauso wie einen Kinderchor, die Vereidigung Lech Walesas, Zeichentrickfilme, Torschüsse oder eine Goldmedaille im Turnen. Sie heulen, wenn sie eine Wäscheleine spannen. Und sie heulen, wenn sie Schrifttafeln ordnen, die historische Ereignisse von der Sklaverei bis zur Russischen Revolution formulieren. In ihrer Konsequenz wird diese Klage zur anklagenden Performance, die trotzdem traurig stimmt. Die bisherigen Produktionen des Festivals zeichnen sich aus durch ein dringendes Anliegen. Und wir sind Zeugen, die hinterher nicht sagen können, wir hätten von nichts gewusst.

Festivalzentrum 560 RobinJunicke"Impulse"-Festivalzentrum im Mülheimer Ringlokschuppen © Robin Junicke

Und wenn eine nackte Frau den Apollon des Balanchine tanzt und seine Musen ihm zu Füßen ebenfalls nackt sind? Choreografin Florentina Holzinger zitiert in ihrem "Apollon" den neoklassischen Tanz. Wobei das als Beschreibung für diese provozierende, übliche Grenzen überschreitende Arbeit zu kurz ausfallen würde. Es werden Glühbirnen zerdrückt und Scherben gegessen, Nägel in Nasen gehämmert und Spielkarten in Arme getackert, es wird nackt gejoggt, Blase und Darm werden entleert und die Ausscheidung später genüsslich verspeist. Ja, Florentina Holzinger ist gewohnt kompromisslos. Manche Körperverstümmelung ist kaum mitanzusehen. Aber die nackt getanzten Ballettsequenzen sind wirklich beeindruckend in ihrer Wirkung. Das Zurückgenommene, Abstrakte und Schlichte neoklassischer Tanzästhetik bekommt eine ganz neue Bedeutung, wenn sich die Tänzerinnen ganz pur, eben nackt, bewegen. Fast nebenbei demontiert die Choreografin ein Ballettverständnis, das den Tanzkörper in seiner Glattheit austauschbar erscheinen lässt. Bei aller Radikalität dieser brutal-trashigen Performance schimmert dieser Effekt nur leise durch, leise, aber intensiv.

Global Belly
Regie: Sophia Stepf, Recherche: Flinn Works, Dramaturgie: Lisa Stepf, inhaltliche Beratung: Dr. Anika König, Ausstattung: Philine Rinnert, Musik: Jörg-Martin Wagner.
Performance: Cornelia Dörr, Matthias Renger, Sonata, Lea Whitcher; Special Guest on video: Crystal Travis.
Dauer: 1 Stunde 30 Minuten, keine Pause

Dorf Theater
Ein Projekt von Corsin Gaudenz
Bühne: Frieda Schneider, Kostüme: Božena Čivić, Spiel: Evelyne Gugolz, Dominique Jann, Kotomi Nishiwaki, Andri Schenardi, Giulin Stäubli.Musik, Klavier: Vera Kappeler, Chorleitung, Maler, Countertenor: Philipp Caspari, Chor: Bettina Biasio, Alice Meier, Eleonore Strehler, Jane Rippin Wagner, Linda Feichtinger, Ewa Raznikiewicz, Sophie Wolf, Ernst Aebi, Thomas Rüdisühli, Gabor Doka.

Wenn die Häuser Trauer tragen
Idee/Konzept/dramaturgische Begleitung: Haiko Pfost, Christine Rollar, Wilma Renfordt, Christoph Rech, Ausstattung: Hendrik Scheel.
Mit: katze und krieg, K.U.R.S.K, plan b, Quast & Knoblich, Christine Rollar & Hendrik Scheel, Barbara Ungepflegt; sowie: Eine Welt Forum Düsseldorf, FFT Juta, Gleichstellungsbüro der Stadt Düsseldorf, International English Library, Internationales Bildungszentrum DIE BRÜCKE, Tonhalle Düsseldorf.
Dauer (Führung Quast & Knoblich): 1 Stunde, keine Pause

Mothers of Steel
Konzept, Performance: Mădălina Dan, Agata Siniarska, Dramaturgische Beratung: Mila Pavicevic, Siegmar Zacharias, Sound, Video, Grafikdesign: Diego Agulló.
Dauer: 1 Stunde, keine Pause

Apollon
Konzept und Performance: Florentina Holzinger, Sounddesign: Stephan Schneider, Dramaturgie: Sara Ostertag, Michele Rizzo; Bühnenbild: Nikola Knežević, Coaching: Btissame Amadour.
Mit: Renée Copraij, Evelyn Frantti, Florentina Holzinger, Annina Lara Maria Machaz, Xana Novais, Maria Netti Nüganen.
Dauer: 1 Stunde 40 Minuten, keine Pause

www.impulsefestival.de

 
Mehr zum Impulse Festival: Interview mit dem neuen Leiter Haiko Pfost über Freiheit und Arbeitsweisen jenseits des Stadttheaterbetriebs

 

Presseschau

Mit "teilweise krassen Verschiebungen" der theaterüblichen Grenze zwischen Publikum und Aufführenden spielten die Impulse, so Max Florian Kühlem in der WAZ (22.06.2018), und "machten die Theatererfahrung offen und gefährlich". Als Beispiele nennt der Kritiker Teresa Vittuccis Live-Sex-Chat-Performance "All Eyes On", "Oratorium" von She She Pop und "Enjoy Racism" der Schweizer Truppe Thom Truong, die ihre Zuschauer*innen nach Augenfarbe sortierte und Braunäugige in einem ungemütlichen Keller, Blauäugige in einer Lounge mit Büffet platzierte. Starke Impulse sendete das Festival aus – Theater könne "beunruhigende Denkanstöße geben, im Extremfall Weltbilder erschüttern", wie Kühlem zum Einstieg schreibt.

Für die Sendung "Kulturzeit" auf 3sat (18.6.2018) berichtet Kerstin Edinger über die 25. Ausgabe der Impulse und hat Festivalleiter Haiko Pfost sowie Macher*innen von She She Pop, Flinn Works und sowie Agata Siniarska von der Produktion "Mothers of Steel" vor der Kamera.

Für die Sendung "Mosaik" auf WDR 3 (20.6.2018) berichtet Martin Burkert über die Live-Ego-Shooter-Performance "The Automated Sniper" als "kritische Bestandsaufnahme" des Dronen-Kriegs und als Zuschauereinbeziehung in der Nähe zum Milgram-Experiment. Insgesamt zeigten die Impulse, dass die Szene und auch das Festival "immer internationaler" und entsprechend auch englischsprachiger würden.

In der Sendung "Kultur heute" auf Deutschlandfunk (22.6.2018) beschreibt Dorothea Marcus u.a. "Global Belly" als "kluges und komplexes Theater", über den "Live-Sex-Chat" von Teresa Vittucci ("Die Voyeure wirken wie hilflose Handlanger einer cleveren Performerin, die immerzu die Machtfäden in der Hand hält.") und die Hinterfragung von "Männlichkeits-Riten" in "Consumption As A Cause Of Coming Into Being". Bilanz: "Selten wurde man beim Impulse Theater Festival in so extreme und kommunikative Wahrnehmungswechselbäder geworfen."

Über die Gegenüberstellung der "beschauliche(n), ironisch gebrochene(n) Idylle des Schweizer 'Dorf Theaters' mit dem Realismus der internationalen Schwulen- und Lesben-Szene (LGNTIQ) zwischen Hedonismus und Diskriminierung in 'Pink Money'" zur Impulse-Eröffnung berichtet Steffen Trost in der WAZ (14.6.2018). In einem zweiten Bericht für die WAZ (17.6.2018) legt Steffen Trost nach: "'Global Belly' meistert intelligent Leihmutterschaft. 'Apollon' ist ein derbes Spiel mit Geschlechterrollen, 'Mothers of Steel' lassen kalt".

In der Süddeutschen Zeitung (21.6.2018) bildet Cornelia Fiedler die Diskussionen um Arbeitsbedingungen der Freien Szene bei den "Impulsen" ab und schreibt u.a. über "Global Belly", das "ohne Moralkeule, dafür mit einem spannenden Ausblick auf mögliche körperferne Reproduktionstechnologien der Zukunft" aufwarte. Der "Live-Ego-Shooter 'Automated Sniper' von Julian Hetzel reflektiert die Unwirklichkeit des Tötens in einem Drohnen-Krieg", sei aber "zu nah am Freizeit-Paintball, um wirklich aufzuwühlen. Eingängiger und radikaler, wenngleich reduzierter in der Wahl der Mittel, ist 'Mothers of Steel' von Agata Siniarska und Mădălina Dan."

 

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