Lorcas Töchter im Lotussitz

von Shirin Sojitrawalla

München, 21. Juni 2018. Dem Abend Rihannas Desperado als Prolog voranzustellen, ist eine ziemlich gute Idee, vereint das Wort Desperado doch sowohl die Verzweiflung der Frauenfiguren von Federico García Lorca als auch ihre Tollkühnheit. In seinen großen Frauentragödien treibt ihre ungewollte Kinderlosigkeit sie dazu, ihrem Mann die Gurgel umzudrehen ("Yerma"), brennen sie an ihrem Hochzeitstag mit einem anderen durch ("Bluthochzeit"), warten ein Leben lang auf den Auserwählten ("Dona Rosita bleibt ledig oder Die Sprache der Blumen") oder werden vor lauter Eingesperrtsein verrückt ("Bernarda Albas Haus"). Große, tragische Stoffe, die vermeintlich weibliche Schicksale aufführen.

Die Autorin Charlotte Roos verschränkt diese Frauenschicksale zu einem neu tönenden Federico García Lorca-Medley, das sich ebenso als ernsthafte Hommage an den Dichter wie auch als feministischer Aufruf zu Widerstand und Aktion liest.

Wimpernschlag bis zum Wehklagen

Beides scheint die Regisseurin Pınar Karabulut, der das Stück gewidmet ist und die wohl auch die Anregung dazu gab, weniger zu interessieren. Dort, wo Roos die Frauen in elegisch poetischer Manier Signalwörter aus den Lorca-Werken sprechen lässt "La casa, el silencio, la solidad...", werden auf der Bühne aufgekratzt spanische Wortketten gemurmelt. Beiläufigkeiten begraben manche Schauspieler*innen dann unter angestrengter Großgestik. Pussyterror meets Lorca. Heraus sticht da zu Beginn Laina Schwarz als Rosita, deren Strahlen sich mit einem Wimpernschlag in ein Heulen weitet. Wie furios das Ensemble eigentlich wäre, zeigt die Inszenierung leider erst nach der Pause, im vergleichsweise kurzen zweiten Teil.

in den strassen 02 560 pola jane omara laina schwarz nina steils louise deborah daberkow carolin hartmann c gabriela neeb uWie im Gefängnis: Pola Jane Omara, Laina Schwarz, Nina Steils, Louise Deborah Daberkow, Carolin Hartmann in "In den Straßen keine Blumen" © Gabriela Neeb

Die Bühne von Johanna Stenzel, die zu Anfang von weißen Leinentüchern umrandet war, die direkt aus den Aussteuertruhen der Lorca-Bräute stammen könnten, ist jetzt das Gefängnis, das Bernarda Albas Haus schon immer war. In der Mitte prangt wie den ganzen Abend schon ein leeres Bassin und rundherum liegt Dreck. Die Töchter sitzen im Lotussitz in einer Reihe, renken ihre Leiber nach rechts und links, dehnen sich nach vorne, mal Yoga, mal Gogo. Wagemutig werfen sie sich später in den Schmutz und führen sich auf wie eine wild gewordene Horde Zuchthäuslerinnen, beschimpfen sich und sprachspielen aufs Tollste.

Körper-Ertüchtigungen

Claudia Irro, die den Abend mit stilsicher zwischen Ländern, Zeiten und Moden changierenden Kostümen versorgt, steckt die Töchter in Hängekleidchen, die untenrum Trauer tragen und oben jungfräulich weiß aufscheinen. Bloß die Jüngste, die am Ende ihr Leben lassen wird, erscheint ganz in Weiß. Nina Steils, die im ersten Teil schon als Mutter der drei Jungfern brillierte, spielt sie als greinendes Baby und jammerndes Mädchen in einer Person. Zu ihrem Wehklagen flutet fantastischer Sound (Daniel Murena) den Raum, der Kirchengebimmel mit Störgeräuschen aller Art anreichert. Adelas "Ich mach mit meinem Körper, was ich will", klingt dazu wie das Manifest von übermorgen. Und endlich bekommt der Abend eine Dringlichkeit und Dichte und ist erfrischend nah an der Archaik Lorcas, wenn Margot Gödrös als Bernarda mit tonloser Stimme "Silencio" kräht.

 in den strassen 17 560 Gabriela NeebUnterschiedlichste Frauenbilder in "In den Straßen keine Blumen" © Gabriela Neeb

Dass die Töchter dann in Gebetshaltung Khia zitieren ("Lick this pussy“) ist bei Charlotte Roos zwar so nicht vorgesehen, fügt sich aber ein in einen Abend, der Frauenbilder von vorgestern bis heute auf den Laufsteg schickt: Babydolls, russische Spielerfrauen, Desperate Housewives, Männer als Frauen, Frauen als Blumen, Huren und Heilige.

Im recht formlosen ersten Teil überzeugt das begrenzt, auch weil Karabulut den Text sehr ironisieren, veralbern und verlabern lässt, bis gar nicht mehr einsichtig ist, warum das einen beschäftigen sollte. Die von Leben und Liebe erschöpften und vom weiblichen Dreigestirn "Warten-Hoffen-Wollen" umwölkten Frauengestalten von Lorca scheinen fern. Am Ende aber, ganz egal wie freizügig sie sich geben, stehen sie wieder auf: unnachahmlich effektsicher leidende Frauen, die sich leichter ins Heute fügen, als man es sich wünschen würde.

 

In den Straßen keine Blumen
von Charlotte Roos nach Texten von Federico García Lorca
Regie: Pınar Karabulut, Bühne: Johanna Stenzel, Kostüme: Claudia Irro, Musik: Daniel Murena, Video: Leon Landsberg, Licht: Björn Gerum, Dramaturgie: Rose Reiter.
Mit: Luise Deborah Daberkow, Margot Gödrös, Carolin Hartmann, Pola Jane O´Mara, Laina Schwarz, Nina Steils, Jonathan Hutter, Oleg Tikhomirov, Timocin Ziegler.
Dauer: 2 Stunden 30 Minuten, eine Pause

www.muenchner-volkstheater.de

 

Kritikenrundschau

Vieles bleibe in Charlotte Roos' Lorca-Überschreibung Behauptung, was in den Stücken Entwicklung ist, schreibt Michael Schleicher im Merkur (24.6.2018). "Doch die Stärke dieses neuen Textes liegt in seiner Unmittelbarkeit und Dringlichkeit, die sich wie unter einem Brennglas potenzieren." Inszeniert sei "In den Straßen keine Blumen" "mit leichter Hand und keiner Furcht vor großen Gesten. Karabulut schwebte eine cineastische Erzählweise vor", so Schleicher. "Doch der Abend lebt vom wunderbaren Ensemble, aus dem natürlich die Frauen herausstechen." Roos' Stück sei "bestes Futter für die Schauspielerinnen – und Luise Deborah Daberkow, Margot Gödrös, Carolin Hartmann, Pola Jane O’Mara, Laina Schwarz sowie Nina Steils gelingt es, trotz rascher Stück- und Figurenwechsel punktgenau zu agieren."

Einen "spritzigen García-Lorca-Verschnitt" hat ein*e nicht namentlich genannte*r Rezensent*in gesehen und schreibt im Donaukurier (23.6.2018) "eine Aufführung vollgepackt mit spanischem Temperament, weiblicher Leidenschaft und feiner Poesie. Ein ungemein quirlig über die Bühne rauschender Schauspielabend."

 

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