Ehrenrettung

von Thomas Rothschild

29. Juni 2018. Der Begriff des "Theaterskandals" ist geläufig. Was aber genau bedeutet er? Wo liegt der Skandal? Beim Theater, dem aufgeführten oder verhinderten Stück oder bei der Reaktion darauf? War Arthur Schnitzlers "Reigen" der Skandal, oder war es der Prozess? War Thomas Bernhards "Heldenplatz" der Skandal, oder war es die Kampagne der Presse, der Politik und aufgewiegelter "Patrioten", die das Stück nicht kannten, gegen die Aufführung? Oder ist es erst das Zusammenspiel von Anlass und Reaktion, was den Skandal ausmacht?

Für Gerechtigkeit ist es nie zu spät

Einer der drastischsten Theaterskandale in der Bundesrepublik Deutschland wurde durch Rainer Werner Fassbinders Stück "Der Müll, die Stadt und der Tod" von 1976 ausgelöst. Der Vorwurf, den ihm seine Gegner machten, gehört vor dem Hintergrund der besonderen deutschen Geschichte bis heute zu den empfindlichsten, die man einem Autor oder einem Werk machen kann: er bzw. es sei antisemitisch. 1997 hat Peter Menne dem Fall eine Magisterarbeit gewidmet, die erst jetzt als großformatiges broschiertes Buch zugänglich ist. Die Erregung hat sich längst gelegt, der "Skandal" ist nahezu vergessen, die Protagonisten – Fassbinder selbst, Gerhard Zwerenz, Ignatz Bubis, den man als Vorbild für Fassbinders "Reichen Juden" ins Spiel brachte – sind tot, aber die Problematik bleibt bestehen. Einmal, weil der Nachweis von Antisemitismus, wo er sich tatsächlich äußert, zumindest so geboten ist wie vor drei Jahrzehnten. Und dann, weil Fassbinder, wenn sich der Vorwurf entkräften lässt, Gerechtigkeit widerfahren muss. Dafür ist es nie zu spät.

Buchcover PeterMenne 280Peter Mennes Arbeit hat den Vorzug, Fassbinders Theaterstück nicht isoliert zu betrachten, sondern im Vergleich mit Gerhard Zwerenz’ Roman "Die Erde ist unbewohnbar wie der Mond", der drei Jahre vor Fassbinders Stück erschienen ist und stoffliche Gemeinsamkeiten aufweist. Menne selbst zieht diese Gemeinsamkeiten in Zweifel und schränkt ein, der Stoff überschneide sich "nur in der Figur des jüdischen Developpers (sic!)". Wie genau das Verhältnis der beiden Werke zu einander zu beurteilen ist, gehört schon zur Geschichte des "Skandals".

Die Judenfigur und möglicher Antisemitismus bei Zwerenz und Fassbinder sind nur ein, wenngleich mehr als ein Viertel der Arbeit füllender Aspekt von Mennes Untersuchung. Ehe er darauf eingeht, vergleicht er Funktion und Darstellung von ökonomischen Bedingungen, insbesondere der Bodenspekulation, und von Sexualität bei den beiden Autoren. Im Zusammenhang mit Sexualität und Ökonomie hätte ein Hinweis auf Wilhelm Reich nahe gelegen, der in der Folge von 1968, also zur Zeit der Entstehung von Zwerenz‘ Roman und Fassbinders Theaterstück, eine Renaissance erlebt hat.

Sex und Vorurteil

Im Zusammenhang mit der Darstellung von Sexualität ist Mennes Verdikt streng: "Der Autor Zwerenz reklamiert für sich links-emanzipatorische Ziele. Mit seinem Werk 'Die Erde...' befördert er sie nicht. Denn darin geht es nur um die Freiheit des Mannes, Frauen benutzen zu dürfen." Und er kommt zu dem Schluss: "Während 'Der Müll...' die Vergesellschaftung von Sexualverhältnissen kritisch reflektiert, bietet 'Die Erde...' nicht mehr als reflexhafte Perpetuierung kleinbürgerlicher Vorurteile." Hier hätte ein Exkurs über Günter Amendts "Sexfront", der drei Jahre vor dem Roman von Zwerenz im März Verlag erschienen ist, die Einordnung in die zeitgenössischen Debatten erleichtert. Die Position, die Zwerenz vertritt, wurde nicht erst von Andrea Dworkin (1988) gebrandmarkt, die Menne zitiert, sondern schon zuvor etwa in Bernd Nitzschkes "Männerängste, Männerwünsche" (1980).

Menne hält fest, dass Fassbinders "Reicher Jude" – eine Typisierung, die ihm seine Kritiker besonders übel genommen haben –, anders als Abraham, die entsprechende Figur bei Zwerenz, "zwischen seinem persönlichen Mitgefühl und den (systemischen) Anforderungen des Jobs" unterscheidet: "das System 'kapitalistische Ökonomie' erlaubt keine Rücksichtnahme". Im letzten Teil seiner Arbeit bemüht sich Menne um den Nachweis, dass "Der Müll, die Stadt und der Tod" nicht ein antisemitisches Stück sei, sondern ein Stück über Antisemitismus. Dafür kann er schlüssige Textstellen anführen.

Namenlose Typen gibt's nicht nur bei Fassbinder

An Beispielen von Schiller bis Max Frisch belegt Menne, "daß das Auftreten namenloser Typen keine 'perfide' Erfindung Fassbinders ist". Er hätte hinzufügen können, dass Lessings geradezu aufdringlich sympathischer Nathan zwar einen Eigennamen trägt, im Personenverzeichnis aber als "reicher Jude" eingeführt wird, wie Éléazar in Halévys Oper "La Juive" als "reicher jüdischer Juwelier" figuriert, dass sich Charles Dickens andererseits für die Kennzeichnung Fagins in seinem Roman "Oliver Twist" als "jüdischem Hehler" fast genau so verteidigt hat wie Zwerenz für die Wahl eines jüdischen Baulöwen. Zwerenz: "Wenn von zehn wichtigen Maklern in Frankfurt acht jüdischer Herkunft sind, kann ich nicht nur über einen Perser schreiben, den es auch gibt." Dickens: "Leider ist es auch wahr, dass diese Art Verbrecher fast ausschließlich Juden sind". Es ist bemerkenswert, dass Dickens in späteren Auflagen mehr als 180 Stellen entfernt hat, in denen Fagin als Jude gekennzeichnet ist.

Schon wahr, Hugo von Hofmannsthals "Jedermann" firmiert als "Das Spiel vom Sterben des reichen Mannes", nicht des "reichen Christen", und auch die Religion des "reichen Gutsbesitzers" von Rappelkopf, der in Ferdinand Raimunds "Der Alpenkönig und der Menschenfeind", darin ein Vorläufer der Immobilienhändler bei Zwerenz und Fassbinder, die Kohlenbrennerfamilie kaltherzig delogiert, ist keine Erwähnung wert. Die Frage, ob und inwiefern eine literarische Figur als typisch für ein Kollektiv zu verstehen ist, ob sie somit Vorurteile bestärkt oder gar erst produziert, geht also, jenseits der Entscheidung für einen individuellen Namen oder einen namenlosen Typus, weit über Fassbinder hinaus und betrifft nicht nur jüdische Figuren, sondern gleichermaßen etwa den "Neger" Berdoa in Grabbes "Herzog Theodor von Gothland" oder den "Mohren" Monostatos in der "Zauberflöte".

Stilistisch ist das Buch ungewohnt luzid

Einzelne, eher beiläufige Bemerkungen zeugen von einem engen und dogmatischen Sprach- und Literaturverständnis Mennes, etwa die Beanstandung einer eigenwilligen Zeichensetzung, die in einem literarischen Text durchaus zulässig ist, oder die pauschale Behauptung: "Damit die Figuren authentisch wirken können, muß ihre Sprache ihren Lebensumständen angepaßt sein." Für den Hauptargumentationsstrang spielt das keine große Rolle.

Dass es sich hier um eine Magisterarbeit handelt, verraten lediglich die zahlreichen Fußnoten. Stilistisch ist sie ungewohnt luzid, frei von Wissenschaftsjargon, Imponiergehabe und rhetorischem Brimborium. Sie kann allen empfohlen werden, die an Fassbinder, an Zeitgeschichte oder an Theaterpolitik interessiert sind.

Die eigentliche Analyse wird ergänzt durch einen Materialien-Band, der jene an Umfang sogar übertrifft. Er liefert statistische Angaben zu den einzelnen Figuren, listet Bezüge von Begebenheiten zu historischen Ereignissen sowie Kurzbiographien auftretender historischer Personen – Fritz Bauer, Hans-Jürgen Krahl, Peter Palitzsch – auf sowie die Inszenierungen von "Der Müll, die Stadt und der Tod" und, auf 117 Seiten, die zum Thema erschienenen Artikel.

 

Die Dramatisierung eines Romans. Eine vergleichende Untersuchung zu Gerhard Zwerenz: "Die Erde ist unbewohnbar wie der Mond" und Rainer Werner Fassbinder: "Der Müll, die Stadt und der Tod".
von Peter Menne mit einem Vorwort von Michael Töteberg
Alibri, Aschaffenburg 2018, 2 Bände, 208 S. + 230 S., 36 Euro

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